Akte Heß: Das ZDF, Höffkes und das Völkerringen

Der „Führer“, Rommel, Heß – Nahaufnahmen von Nazi-Größen versprechen weiterhin gute Einschaltquoten. Und so läuft heute eine Dokumentation über den verurteilten NS-Kriegsverbrecher Rudolf Heß im ZDF. Doch die Vorankündigung zu dem Film lässt aus Erwartungen eher Befürchtungen werden. Zudem sorgt die Nutzung von Filmmaterial aus einem „bräunlichen Archiv“ für Kritik.

Von Patrick Gensing

Das ZDF beschäftigt sich heute ab 20.15 Uhr mit der „Akte Heß“ – produziert von der History Media GmbH. Der Sender greift dabei nach eigenen Worten „auf eine Fülle nie gezeigter Filmmaterialien“ zurück. „Exklusiv zeigt der Film Farbaufnahmen von Rudolf Heß und anderen Mächtigen der NS-Diktatur auf dem Reichsparteitag 1937“, heißt es.  Es sei der Auftakt zur neuen Reihe „Geheimnisse des Zweiten Weltkriegs“.

Geheimnisse aus dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung mit der „Akte Heß“ – Ähnlichkeiten zum Machwerk „Geheimakte Heß“ sollten dennoch nicht zu erwarten sein. Immerhin handelte es sich bei der „Geheimakte Heß“ um ein revisionistisches Machwerk und beim ZDF dürften seriöse Historiker Einschätzungen abgeben. Auch der Journalist Thomas Kuban wird auftreten und erklären, wie die Neonazi-Szene heute noch Heß verehrt.

„Bräunliches Filmarchiv“

Da erscheint es zumindest ein Geschmäckle zu haben, wenn das ZDF nun in dem Film „Akte Heß“, der Geheimnisse lüften soll, auf Material zurückgreift, dass aus einem „bräunlichen Filmarchiv“ stammt, dessen Betreiber laut Hagalil nicht nur eine langjährige einschlägige Karriere in der extremen Rechten aufweist, sondern auch dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad herzlich zugetan ist, dem er im April bei einer “Privataudienz” die Hand schütteln durfte. Karl Höffkes betonte auf Publikative.org, es habe sich um ein nicht geplantes Treffen mit Ahmadinedschad getroffen, das einen informativen Charakter gehabt haben soll.

Höffkes im April 2012 bei Irans Präsident Ahmadinedschad (Foto: Seite des iranischen Präsidenten)
Höffkes im April 2012 bei Irans Präsident Ahmadinedschad (Foto: Seite des iranischen Präsidenten)

Der Filmarchivar Karl Höffkes habe zudem mit dem Thema Rudolf Heß bereits Erfahrung: Er sei nämlich maßgeblich an der „Geheimakte Heß“ beteiligt gewesen, schreibt Hagalil weiter.

Nun liegt die Sache mit Höffkes aber noch etwas komplizierter, denn der Archivar hat sich mehrfach von seiner rechtsextremen Vergangenheit distanziert und arbeitet schon lange mit angesehenen TV-Produktionsgesellschaften zusammen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie glaubwürdig solche Distanzierungen sind, wenn Höffkes erst im Dezember 2011 den revisionistischen Film „Geheimakte Heß“ bei YouTube einstellte?

Youtube-Kanal von Karl Höffkes: Geheimakte Hess - hochgeladen im Dezember 2011
Youtube-Kanal von Karl Höffkes: Geheimakte Hess – hochgeladen im Dezember 2011

Auch der Ankündigungstext auf der Seite des ZDF lässt die Erwartungen in Richtung „Akte Heß“ sinken. Begriffe wie Holocaust, deutsche Kriegsverbrechen oder Vernichtungskrieg sucht man hier vergebens, leicht verdaulich heißt es:

Es war ein Krieg, der deutlich machte, wozu Menschen fähig sind und was sie ihresgleichen antun können. Alles, was das 20. Jahrhundert ausmacht, spiegelt sich in diesem Weltenbrand. Der Zweite Weltkrieg ist das einschneidendste Kapitel in der jüngsten deutschen Geschichte. Die kollektive Erinnerung der Deutschen wird er auch in Zukunft entscheidend prägen.

Es geht also vor allem mal wieder um die Deutschen, um ihre Erfahrungen und Erinnerungen – sowie um die Wissenschaft. Die habe, lobt das ZDF in dem Text, „in den mehr als 60 Jahren seit dem Ende des Völkerringens“ viele grundlegende Fragen klären können – und benutzt mit dem Begriff „Völkerringen“ einen Terminus, der nach dem 1. Weltkrieg durchaus gebräuchlich war und in der NS-Zeit ebenfalls noch benutzt wurde. Wenn es aber um wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem 21. Jahrhundert geht, erscheint ein Begriff, der das Bild eines sportlichen Wettkampfs zwischen Völkern transportiert, relativ unpassend.

Vernichtungskrieg als Völkerringen - ein heute eher ungewöhnlicher Begriff, vor allem im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Vernichtungskrieg als Völkerringen – ein heute eher ungewöhnlicher Begriff, vor allem im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Hier ein Werk aus dem Jahr 1942, in em es um das „Völkerringen“ ging.

Wenn es um Heß geht, darf ein Thema nicht fehlen. Das ZDF leitet bemerkenswert ungeschickt ein: „Noch immer beschäftigen die Umstände seines Todes im Spandauer Gefängnis Verschwörungstheoretiker weltweit“  – um diese Frage dann selbst aufzugreifen: „War es Mord, Selbstmord oder vielleicht sogar ein Akt aktiver Sterbehilfe?“ Der Münchner Rechtsmediziner Professor Wolfgang Eisenmenger hatte die Leiche obduziert und will sich im ZDF nicht auf die Todesursache festlegen. Auch andere Rechtsmediziner hatten keine Beweise für einen Mord gefunden, Heß` Beichtvater betonte zuletzt, er sei überzeugt, dass Heß sich umgebracht habe. „Eine eindeutige Antwort wird es wohl nicht mehr geben können“, meint das ZDF, „die Alliierten lassen das Gefängnis im Oktober 1987 abreißen“. Verdächtig? Wollte das ZDF noch einmal nach 25 Jahren in der Zelle nach Hinweisen suchen?

Antworten auf Fragen von Verschwörungsjüngern, die nicht ihrer eigenen Legende entsprechen, existieren ohnehin nicht. Und was nun so furchtbar neu und exklusiv sein soll an der „Akte Heß“, außer das Nazi-Filmpropaganda erstmals in Farbe gezeigt wird, bleibt ziemlich nebulös.

Neonazi-Mobilisierungsplakat für den Heß-Gedenkmarsch am 21. August
Neonazi-Mobilisierungsplakat für den Heß-Gedenkmarsch am 21. August 2010

Das ZDF schließt mit der neuen Serie offenkundig nahtlos an die bisherigen History-Filme an. Wulf Kansteiner von der State University of New York at Binghampton sprach bei einer wissenschaftlichen Tagung im Zusammenhang mit den ZDF-History-Filmen von einer „Geschichtspornografie“, bei der der Zuschauer ein bisschen Nazi spielen könne. Und Andreas Strippel meinte zu dem Stil von dem in den Ruhestand gehenden ZDF-Chefhistoriker Guido Knopp:

Knopps Geschichte ist immer deutsche Nationalgeschichte, eine Geschichte, die sowohl die Nation konstruiert als auch die Gegenwart mit der Vergangenheit aussöhnen will. Und das immer gern im Gewand des personalisierten Geschichtskrimis.

Heute Abend also die „Akte Heß“ – gute Unterhaltung und fröhliches Gruseln!

Siehe auch: Fleischgewordene geistig-moralische Wende“Geschichtspornografie” im ZDF: “Ein bisschen Nazi spielen”Kult um Hitler-Stellvertreter: NPD marschiert in Wunsiedel

18 thoughts on “Akte Heß: Das ZDF, Höffkes und das Völkerringen

  1. Sehr geehrter Herr Höffkes,

    Sie haben hier ein Interview angeboten und ich danke Ihnen für Ihre Antworten, allerdings weichen Sie einigen Fragen aus: Niemand hat behauptet, Sie hätten diese Reisegruppe zusammengestellt, sondern die Frage war lediglich, wer sowas organisiert und warum Ahmadinedschad Sie wohl empfangen hat. Wenn man sich die verschwörungsideologischen Autoren bei Polar Film anschaut, könnte man zumindest eine Idee bekommen, wie sowas zustande kommt.

    Und was die Ausschnitte auf Ihrem You-Tube-Kanal angeht, dort wurde im Jahr 2011 zu der Geheimakte Heß geschrieben:

    „Die Hintergründe des Englandfluges und der mysteriösen Todesumstände von Rudolf Hess im Spandauer Gefängnis haben wir bereits vor Jahren in einer umfassenden Filmdokumentation aufgearbeitet.

    Seinerzeit wurden uns von bestimmter Seite „propagandistische Absichten“ unterstellt; jetzt verifizieren sich unsere damaligen Darstellungen Schritt für Schritt. Wir stellen nachfolgend einen Ausschnitt aus unserer Dokumentation ein.

    http://www.karlhoeffkes.de

    Sie haben Ihre Anteile an Polarfilm also 2010 verkauft, das heißt in Ihrer Zeit als Mitinhaber wurde die Geheimakte Heß produziert. Eine Distanzierung von dem Werk kann ich nicht finden, stattdessen veröffentlichen Sie Teile davon erneut und schreiben offenkundig dazu, nun würden die Aussagen des Films verifiziert. Wie passt das zusammen?

    Danke und freundliche Grüße
    Patrick Gensing

  2. Sehr geehrter Herr Höffkes,

    ich möchte noch Jürgen Elsässers Bericht Ihren Angaben über den „überraschenden“ Empfang bei Ahmadinedschad hinzufügen. Querfrontler Elsässer berichtete über die Iran-Reise:

    „Dank der guten Organisation und Reiseleitung durch Dr. Yavuz Oezoguz (muslim-markt.de) erhielten wir einen Eindruck aus erster Hand […] Politischer Höhepunkt war natürlich die Privataudienz bei Präsident Mahmud Achmadinedschad, über die das iranische Fernsehen und die großen Tageszeitungen berichteten. […] Wozu ZDF-Frontmann Claus Kleber angeblich zwei Jahre brauchte, erreichten wir nach 7 Tagen: Ahmadinedschad persönlich zu treffen. Die 14köpfige Delegation – unter anderem mit Bestsellerautor Gerhard Wisnewski, den “Arbeiterfotografen” Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann sowie dem 9/11-Forscher Elias Davidson – war das Treffen wichtig, damit wir uns endlich einmal ein Bild aus erster Hand machen können. Es ging uns allen nicht um Parteinahme, sondern um die erste Aufgabe jedes seriösen Journalisten: Auch die andere Seite zu hören – et altera pars auditur. Natürlich wird uns das jetzt anders ausgelegt werden – von Journalisten und Neidern aller Art, die längst ihre Seele an die Kriegstreiber verkauft haben. Der Präsident sprach über eine Stunde mit uns […]“

    Zusammengefasst: Eine Gruppenreise organisiert vom extrem israelfeindlichen Muslim-Markt, mit bekannten Verschwörungstheoretikern und einem Archivar, der Ende 2011 noch einmal Ausschnitte aus dem revisionistischen Film Geheimakte Heß veröffentlichte, deren Höhepunkt eine einstündige Privataudienz bei Irans Präsident Ahmadinedschad war. Ich hoffe, ich habe das alles korrekt dargestellt.

    Gruß
    Patrick Gensing

  3. „Das Treffen mit Herrn Achmedineschad war – entgegen manchen Darstellungen – nicht geplant. Die Gelegenheit, den Präsidenten Irans persönlich kennenzulernen, kam überraschend.“
    Interessant: Da macht jemand eine Reise in ein Land – und wird ganz überraschend, scheinbar gegen seinen eigenen Willen, vom dortigen Präsidenten empfangen… Sachen gibt’s…
    Und solch ein Journalist möchte auch noch ernst genommen werden.

    Zwei Links hierzu:

    http://www.hagalil.com/archiv/2012/11/06/hoeffkes/

    http://www.hagalil.com/archiv/2012/04/30/solidarische-reise/

  4. Sehr geehrter Herr Gensing,

    Sie sehen ja selber, wie dümmlich manche Kommentatoren sich inzwischen entfalten: aus meiner Aussage, dass der Besuch überraschend kam, wird konstruiert, dass das Treffen doch wohl kaum „gegen meinen Willen“ stattgefunden hat. Das ist mir, mit Respekt, dann doch zu blöde.

    Um nicht ständig aneinander vorbeizureden, biete ich Ihnen gerne an, zu einer von Ihnen organisierten Podiumsdiskussion zu kommen, um öffentlich mit Ihnen zu diskutieren. Dann können wir alle Fragen – von Hess bis Achmedinedschad – miteinander zu klären versuchen.

    Ich sehe, dass das Thema Hess Sie offensichtlich bewegt. Die gestrige ZDF-Dokumentation hat ja auch wieder deutlich gemacht, dass es im Umkreis von Hess offene Fragen gibt, die auf Antworten warten.

    Gerne höre ich von Ihnen
    Mit besten Grüßen
    Karl Höffkes

  5. Lieber Herr Gensing,

    ich lese gerade noch Ihren letzten Beitrag. Das meine ich mit unsauberer Berichterstattung: Sie zitieren Dritte (in diesem Fall Herrn Elsässer, dem Sie selbst vorher eine offebnsichtliche Zuneigung zum iranischen Regime attestieren) um damit einen „passenden“ Rahmen zu schaffen, in den Sie mich dann mit einem ganz anderen Thema einpassen. Irgendwie muss es doch gelingen, mich mit Dreck zu bewerfen, oder?

    Gruß
    Karl Höffkes

  6. Sehr geehrter Herr Höffkes,

    mich bewegt die Geschichte des verurteilten NS-Kriegsverbrechers Rudolf Heß ziemlich wenig. Mich bewegt eher, warum andere Menschen noch heute die angeblich „ungelösten Geheimnisse“ und eine vermeintliche Verschwörung so bewegt, und warum auf der Seite des ZDF ein Begriff wie „Völkerringen“ auftaucht.

    Ich habe zudem überhaupt kein Interesse daran, an einer Veranstaltung teilzunehmen, auf der es um Ihre Positionen von Heß bis Ahmadinedschad geht. Da möchte ich Ihnen dann doch lieber Herrn Elsässer als Veranstalter empfehlen.

    Es geht mir weiterhin nicht darum, Sie zwanghaft mit „Dreck zu bewerfen“, sondern ich habe Fragen gestellt, nachdem Sie ein Interview angeboten haben. Zu der Geheimakte Heß positionieren Sie sich nicht, zur Reisegruppe wollten Sie offenbar auch nichts sagen. So habe ich Jürgen Elsässers Bericht als Ergänzung hier gepostet. Sind Elsässers Darstellungen denn falsch? Und wie halten Sie es nun mit der „Geheimakte Heß“?

    Gruß
    Patrick Gensing

  7. Die Darstellung von Herrn Elsässer entsprechen seiner Sicht der Dinge. Wenn ich es genau so sehen würde, hätten Sie das doch sicher gelesen. Zum Film Hess, dem Polar Film verlegt hat. Auch hierüber kann man in verschiedenen Fragen unterschiedlicher Meinung sein. Polar Film hat es sich zum Ziel gesetzt, möglichst die gesamte Bandbreite an historischen Positionen und Meinungen im Programm zu haben: von Spiegeltv bis zu nonkonformen Themen. Alle Filme wurden der FSK vorgelegt, geprüft und freigegeben. Was ist daran so verwerflich? Jeder Verlag hat Titel im Programm, die der Verleger selbst anders angegangen wäre. Aber so funktioniert Meinungsbildung: es gibt ein breites Angebot, aus dem man auswählen kann. Man stellt Fragen, beschäftigt sich mit dem Thema und findet am langen Ende vielleicht auch Antworten. Man kann das auch Freiheit des Denkens nennen. Dieses Gut sollten wir uns erhalten. Wie gesagt: ich stehe gerne für eine Podiumsdiskussion zur Verfügung. Ihr Verweis auf Herrn Elsässer ist da nicht wirklich hilfreich. Ich fände eine solche Veranstaltung ausgesprochen reizvoll. Mit besten Grüßen Karl Höffkes

    PS. Um Ihre Frage nach dem Grund, warum Menschen sich mit historischen Themen zu beschäftigen, zu beantworten: wer sich nicht mit der eigenen Geschichte auskennt, muss alles glauben, was man ihm sagt. Wissen beginnt immer mit Fragen. Ich frage jedenfalls gerne nach und das tun offensichtlich auch viele andere Menschen.

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