Generation Lichtenhagen – Generation NSU?

Oft werde ich gefragt, warum das Thema Neonazis so wichtig für mich sei. Das hat tatsächlich einen Grund: Wer auch nur einmal erlebt hat, wie es sich anfühlt, einem Mob von Nazi-Schlägern ausgeliefert zu sein, der versteht, wie Menschen ticken, die sich nicht auf den Staat verlassen können.

Von Patrick Gensing

Rechtsextreme Randalierer im Gespräch mit der Polizei in Rostock-Lichtenhagen.
Rechtsextreme Randalierer im Gespräch mit der Polizei in Rostock-Lichtenhagen.

Die 1990er Jahre waren das Schlüsseljahrzehnt der rechtsextremen Bewegung in Deutschland. Hoyerswerda, Rostock, Mölln, Solingen, Mannheim, Magdeburg, Dresden, usw.  usf.  – bundesweit waren die Nazis in der Offensive, jagten Migranten, Obdachlose und Linke, ermordeten Dutzende Menschen. Es war ein Albtraum: Militante Neonazis, aggressive Medien, johlende Bürger, verbrannte Kinder – und Politiker forderten zeitgleich die faktische Abschaffung des Asylrechts – surreal.

Das ist 20 Jahre her – ebenfalls zu dieser Zeit machte ich eine prägende Erfahrung, als St. Pauli-Fans in Rostock von geschätzt 500 Nazi-Hools angegriffen wurden – die Polizei hielt sich dezent im Hintergrund. Umso auffälliger waren die „normalen“ Zuschauer, die Leuchtraketen und Steinwürfe feierten. Nach den Krawallen verkündeten Offizielle aus Rostock, Nazi-Symbole hätten sie ausschließlich im St. Pauli-Block gesehen – wo tatsächlich Hakenkreuze gezeigt wurden, allerdings zerschlagene. Hitler-Grüße von Dutzenden Nazis übersahen die Diestels und Kupfers und wie sie alle hießen. Kein Einzelfall, sondern die Regel – nicht nur im Osten:  Bereits 1988 griffen Hunderte Hools und Neonazis nach dem EM-Halbfinale Deutschland gegen Niederlande die besetzten Häuser in der Hamburger Hafenstraße an – die Polizei schaute stundenlang zu.

Hätten sich die Leute gegen die Nazi-Horden in Hamburg, in Rostock und anderswo nicht selbst verteidigt, wahrscheinlich wären noch viel mehr Menschen totgeschlagen worden.  Wer sich mit Antifaschisten unterhält, die 1992 nach Rostock-Lichtenhagen gereist waren, um sich dem rassistischen Pogrom mit dem Charakter eines Volksfests entgegenzustellen, und die von der plötzlich höchst aktiven Polizei festgenommen wurden, der weiß, wie tief das Misstrauen sitzt. Und Misstrauen ist höchst diplomatisch formuliert.

Nun bin ich also selbst etabliert – aber ich und viele andere der „Generation Lichtenhagen“, die mittlerweile selbst „angekommen“ sind,  wissen noch sehr genau, wie es sich anfühlte, einem Mob von Nazi-Schlägern ausgeliefert, auf sich allein gestellt zu sein. Und „wir“ wissen, dass es viele Menschen in diesem Land gibt, die nicht einfach Kleider und Aussehen ablegen oder ändern können, so dass sie ungefährdet alle Regionen bereisen können. Wir waren Mittelstandskinder, die sich selbst ausgrenzen wollten, um die lärmende Ruhe in der Provinz zu stören: Part-time-Ausländer sozusagen. Das kann man verlogen nennen und als Eskapismus von Wohlstandsjünglingen kritisieren, aber es war lehrreich.

Der Skandal um den Verfassungsschutz weitet sich weiter aus. (Grafik: Kai Budler)
Der Skandal um den Verfassungsschutz weitet sich weiter aus. (Grafik: Kai Budler)

Heute wird eine Generation NSU herangezogen: Junge Leute, die sich gegen Neonazis engagieren – und vom Geheimdienst kriminalisiert, die mit Misstrauen überzogen werden und Extremismusklauseln unterzeichnen sollen, während die umfangreichen Verflechtungen zwischen Verfassungsschutz und Neonazi-Subkultur immer deutlicher werden. Was in den 1990er Jahren das Misstrauen gegen die Polizei war, die das staatliche Gewaltmonopol gegen Neonazis und rassistische Angreifer oft nicht durchsetzte, ist heute der Geheimdienst, der Vertrauen in staatliche Stellen nachhaltig zerstört. Ganz zu schweigen von vielen Menschen mit Mitgrationshintergrund, die sich weder von Polizei, noch Geheimdienst, noch der großen Öffentlichkeit ernst genommen fühlen.

Was wird in 20 Jahren sein? Werden wir im Jahr 2032 zurückdenken an 40 Jahre Lichtenhagen und 20 Jahre NSU – und dann diskutieren, warum wir immer noch nichts gelernt haben, wenn erneut Menschen wegen ihrer Hautfarbe oder Religion ermordet wurden? Wenn man sich die Reaktionen der Bundesregierung nach dem Bekanntwerden des NSU-Terrors anschaut, stehen die Chancen schlecht, dies zu verhindern. Die Bereitschaft, sich inhaltlich mit dem Phänomen Rechtsextremismus auseinanderzusetzen, und nicht nur auf der Ebene Sicherheitsproblematik, tendiert gen Null. Rassistische Vorurteile bei der deutschen Polizei? Absurd für Innenminister Friedrich.

Friedrich saß am Sonntag bei der Talk-Sendung Jauch übrigens neben einem Journalisten, der sich verkleiden muss, um nicht von Neonazis angegriffen zu werden. Dem Innenminister ist dieser permanente Skandal offenbar noch nicht einmal weiter aufgefallen. Und es ist in der Sendung auch niemanden aufgefallen, dass Friedrichs groß angepriesene Neonazi-Verbunddatei erst zum Einsatz kommt, wenn Neonazis gewalttätig werden. Warum Leute aber zu gewalttätigen Neonazis werden, diese Frage bleibt weiter außen vor – auch 20 Jahren nach Lichtenhagen und einem Jahr nach dem NSU-Bekanntwerden.

Siehe auch: Nichtaufklärung ist systemimmanent, Waren wir alle blind?

5 thoughts on “Generation Lichtenhagen – Generation NSU?

  1. Hallo,

    zu den Ereignissen 1988 an der Hafenstraße ist noch anzumerken: Die Polizeiführung schickte damals viel zu wenig Kräfte um die Menschen vor und in den Häusern zu schützen. Ob die wenigen anwesenden Kräfte die Anweisung hatten nicht einzugreifen, entzieht sich meiner Kenntnis. Sie hätten aber wenig Chancen gegen den aufgeputschten Mob gehabt.
    Die Selbstverteidigung war u.a. möglich, weil mehrere hundert Menschen mit damals noch legaler Schutzkleidung, wie Helmen ausgerüstet waren. Und ich war ehrlich froh, dass nach langer Straßenschlacht mit Steinen und Flaschen irgendwann Molotow-Cocktails gegen die Nazis flogen. Sonst hätte es wahrscheinlich tatsächlich Tote gegeben.

  2. nicht zu vergessen die beiden antifaschistischen demonstrationsversuche gegen den „thüringer heimatschutz“ – ja, jenen, in dem auch mundlos, böhnhardt und zschäpe politisch „großwurden“ – bei denen die polizei schon auf der anreise hunderte antifaschist_innen abfing, vorsorglich in gewahrsam nahm, über nacht in einem ehemaligen stasi-knast internierte und anschließend wieder zurück nach berlin transportierte…

    und wahrscheinlich gibt es noch dutzende solcher und ähnlicher fälle.

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