Deutschlands Redaktionen – reine Monokulturen

Wenn am Mittwoch Staatsministerin Maria Böhmer im Bundeskanzleramt acht Integrationsmedaillen verleiht, klopfen sich wieder einmal viele stolz auf die Brust; frei nach dem Motto: „Guck‘ jetzt gibt es auch schon schöne Preise für die Ausländer. Es geht voran!“ Von wegen – Deutschlands Redaktionsräume sind allen Integrationsmedaillen,  -preisen und -gipfeln zum Trotz nach wie vor reine Monokulturen. Das heißt, eine Mehrheit von biodeutschen Kollegen ist hier unter sich und reibt sich jedes Mal verwundert die Augen, wenn es wieder einmal um so ein „Ausländerthema“ gehen soll.

Von Marjan Parvand, Mitglied bei den „Neuen Deutschen Medienmachern“, Redakteurin bei ard-aktuell

Der Begriff „mainstreaming“ beschreibt nur bedingt die Problematik und die Lösungsansätze, die es im Zusammenhang mit dem Themenfeld Integration/Migration und Medien gibt. Wohl wollend verstanden, will man mit diesem poppig klingenden Anglizismus den Prozess beschreiben, ob und wie man mehr Einwanderer in die sogenannten Mainstream-Medien integrieren kann. Ein Prozess, dessen Ziel es ist, die gesellschaftliche Realität der Bundesrepublik Deutschland auch in seinen Redaktionsräumen adäquat abzubilden. Zur Klarstellung: in Deutschland hat jeder fünfte Bürger mittlerweile einen sogenannten Migrationshintergrund, aber nur jeder 50. Journalist. Ein Blick in die etablierten Redaktionsräume macht dieses Missverhältnis deutlich. Ob nun bei Online-Medien, Zeitungen, Fernseh- und Radiosendern – in den Redaktionsräumen herrscht eine Monokultur.[1] Biodeutsche unter Biodeutschen mit wenig Kontakt zu Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund. Dass man diesen Zustand verändern will, ist ein hehres Ziel und auch ein richtiger Ansatz, aber der Begriff Mainstreaming trifft zum einen nicht den Kern der Problematik und weist zum anderen eine Konnotation wie auch eine Dynamik auf, die bisher zumindest der Integrationskultur in den Redaktionen eher geschadet als genützt hat. Ein poppiger Begriff, der allzu leicht missbraucht werden kann.

Zunächst zur Konnotation des Begriffs: Mainstream ist das, wohin die Masse strebt, also Durchschnitt und kleinster gemeinsamer Nenner. Ein Journalist will nicht Mainstream sein oder gar Mainstream produzieren, schon weil Nachrichten sich dadurch auszeichnen, dass sie etwas Neues bieten. Auch jede Redaktion meint von sich eher exzeptionell zu sein als allgemeinverbindlich oder gar durchschnittlich. Auf die Spitze getrieben könnte man sagen, dass zumindest in den westlich geprägten Gesellschaften kein Mensch geschweige denn ein Journalist dem Mainstream angehören möchte, sondern eher danach strebt, als Individuum, wenn nicht sogar als Individualist wahrgenommen zu werden.


Außer dieser konnotativen Randnotiz ist es ebenso wichtig zu fragen, welche politischen Intentionen und Handlungen hinter dem Begriff stecken, wofür er bereits verwendet worden ist und welches Gefahrenpotential in ihm steckt. Ist es denkbar, dass man sich unter dem Deckmantel einer poppig klingenden Begrifflichkeit, die Herausforderung der medialen Integration von Menschen mit einem bikulturellen Hintergrund allzu leicht macht? Ich würde hier noch einen Schritt weitergehen und behaupten, dass dieser Begriff inzwischen auch einen neoliberalen Ansatz beschreibt, um Stellen zu streichen und zwar in der Gruppe von Journalisten, die bisher kaum eine Lobby hatten: den Journalisten mit Migrationshintergrund. Auch wenn mit dem Begriff ursprünglich etwas ganz anderes gemeint gewesen ist, wurde er in den vergangen Jahren zunehmend von Sendeverantwortlichen instrumentalisiert, um Personal abzubauen und Stellen zu streichen!

„Keine Enklaven“

Als der rbb den Sender „Multikulti“ geschlossen hat, haben eine große Anzahl von Journalisten mit Einwanderungsgeschichte eine wichtige Einkommensquelle verloren. Die Schließung begründete der Sender Radio Berlin Brandenburg unter anderem damit, dass es nicht sinnvoll sei Enklaven von multiethnischen Journalisten zu bilden, die unter sich blieben und arbeiteten. Lieber sollten diese in die Mainstream Medien des Senders integriert werden; ihre interkulturellen Kompetenzen würden dort gebraucht. Heute sieht man, dass diese Aussagen nichts als Lippenbekenntnisse waren, denn die meisten dieser Journalisten waren freie Mitarbeiter, die der rbb von einem Tag auf den anderen auf die Straße gesetzt hat, ohne dass sie in die so genannten Mainstream-Redaktionen des Senders aufgenommen wurden. Aus der Integration der Kollegen in die deutsch-deutschen Redaktionen ist nichts geworden.

Die Radiofrequenz von Multi-Kulti nutzt nun das Funkhaus Europa des WDR – doch auch hier werden immer wieder die Budgets der muttersprachlichen Redaktionen gekürzt und die Sendezeiten für ihre Sendungen systematisch reduziert. Was diese beiden Beispiele vor Augen führen, ist eine Tendenz, die es in fast allen öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehstationen zur Zeit gibt. Die Budgets der fremdsprachigen Sendungen und Redaktionen werden massiv gekürzt, und deren Redaktionen verkleinert – ohne, dass die Kollegen in den Mainstream-Redaktionen aufgenommen werden – alles unter dem Deckmantel des Mainstreamings. Die traurige Kehrseite eines poppig klingenden Anglizismus ist also, dass der sogenannte Mainstreamingprozess letztlich als Feigenblatt beim Erfüllen von Sparvorgaben und Budgetkürzungen dient.

Kollegen italienischer, griechischer, türkischer, iranischer, arabischer, russischer etc. Abstammung verlieren ihre Auftragsbasis und werden gleichzeitig bei der Rekrutierungen von neuem Personal in den sogenannten Mainstreamprogrammen außer Acht gelassen.

Permeabilität oder die Biologie einer Redaktion

Ich erinnere mich noch an eine Klassenarbeit im Fach Biologie, in der ich als einzige eine Aufgabe richtig gelöst habe. In der Aufgabenstellung ging es darum, warum die Kirschen eines Baumes bei starkem Regenfall platzen. Während alle meine Mitschüler geschrieben hatten, dass das Wasser über die Wurzeln des Baumes die Kirschen zum Platzen bringt, argumentierte ich, dass der Auslöser die Luftfeuchtigkeit war. Die Haut der Kirschen hält dem hohen Wassergehalt in der Luft nicht stand, die Früchte platzen!

Die Geschichte dieser Klassenarbeit erwähne ich hier, weil sie die Erkenntnis beinhaltet, dass die Veränderung von einem Ist-Zustand (saftige Kirschen mit einer heilen Haut an einem Baum) nicht immer den langen Weg über die Wurzeln nimmt. Druck aus der nahen unmittelbaren Umgebung reicht gegebenenfalls aus. Momentan sind die Redaktionen der meisten Medien in Deutschland fest im Boden verankert und beziehen ihre Nahrung, ihre Geschichten und Gesichter aus diesem, ihnen bekannten Terrain. Dabei merken sie kaum, dass ihre Umgebung sich immer schneller verändert – bunter und vielfältiger wird. Um im Bild der Aufgabe zu bleiben: da draußen regnet es Menschen mit einer anderen Herkunft, sie kommen aber weder im Programm noch in den Redaktionen vor.[2] Geplatzte Kirschen verkaufen sich bekanntlich nicht gut. Genauso wenig Inhalte von Redaktionen, die die Veränderungen ihrer Umgebung beziehungsweise den Druck von Außen nicht spüren, weil sie aus einer Truppe von Gleichen unter Gleichen bestehen. Nun funktionieren zum Glück Redaktionen nicht exakt wie Kirschbäume. Menschliche Systeme weisen aufgrund ihrer Reflexionsfähigkeit gegenüber den natürlichen Systemen einen hohen Anpassungsgrad auf. Sie können also ihre Permeabilität dem Druck von Außen viel besser anpassen. Redaktionen müssen also weder gleich platzen noch ungenießbar werden. Sie können sich den äußeren Gegebenheiten anpassen.

Wenn beispielsweise bei Straßenbefragungen außer Anja und Robert auch Elmaz und Shayan befragt werden, dann ist das eine kleine Stellschraube, die als Ventil den Druck von Außen ausgleichen kann. Es gibt mehr solcher Stellschrauben, damit sie allerdings gefunden und in Bewegung gesetzt werden, bedarf es einer nicht nur eines Lippenbekenntnisses, die Potentiale der Menschen zu erkennen, die einen weiteren kulturellen Hintergrund mitbringen, sondern einer tiefgreifenden Veränderung des Verhaltens. Die mediale Integration ist im jetzigen Stadium in Deutschland nicht nur ein bottom-up Prozess sondern auch eine top-down Entscheidung. Die Frage ist allerdings nur, ob die Chefetagen der Redaktionen bereit sind, die Potentiale von bikulturellen Menschen zu erkennen und proaktiv zu fördern.

Potentiale oder der blinde Fleck

Wer gut ist, setzt sich durch! Dieser unter Chefs und in Personalabteilungen beliebte Satz ist richtig, und wer das Gegenteil behauptet, blind! Blind gegenüber einem der Grundprinzipien der westlichen Gesellschaften: Leistung. Diese Sätze könnten der Laptop-Tastatur eines McKinsey-Mitarbeiters entsprungen sein, sind sie aber nicht. Eine deutsch-iranische Journalistin hat in die Tasten gehauen, wohl wissend, dass sie mit solchen Sätzen nur eine Seite der Geschichte erzählt. Das Leistungsprinzip ist in unserer Gesellschaft nicht zu verleugnen und es gilt im Journalismus genauso wie in anderen Berufen. Bestimmte Standards wie die perfekte Beherrschung der Sprache, eine überdurchschnittliche Allgemeinbildung, politisches Wissen und Gespür und die Fähigkeit, komplexe Fragestellungen in verständliche Worte verpacken, sind nur einige Leistungsmerkmale, die beispielsweise ein Nachrichtenjournalist braucht. Wenn dann noch eine oder mehrere Fremdsprachen hinzukommen, katapultiert sich der Bewerber in die Kategorie derer, die eher die Chance auf ein Volontariat oder eine Einstellung haben – soweit die Theorie. Meine Beobachtungen als Nachrichtenredakteurin und die Gespräche als ehemalige Vorsitzende der Neuen Deutschen Medienmacher zeigen allerdings, dass das Erfüllen dieser Kategorien nicht ausreicht, um als nicht „biodeutsche“ Journalistin in den Medienbetrieb aufgenommen zu werden.

Nun wäre es einfach, hinter dieser Situation einen systematischen und absichtsvollen Ausschluss der Neudeutschen seitens der Mehrheitsgesellschaft zu vermuten. Viel interessanter erscheint mir die These des blinden Flecks. Doch bevor ich darauf eingehe, muss an dieser Stelle auch gesagt werden, dass die Debatte um die Integration von Kollegen mit Migrationshintergrund in die Redaktionen auch eine Neiddebatte ist. Plötzlich konkurrieren die deutsch-deutschen Kollegen mit Menschen, die nicht nur alle notwendigen Bedingungen für eine Festanstellung erfüllen, sondern zusätzlich noch eine exotische Fremdsprache wie Koreanisch oder Farsi sprechen. Viele empfinden das als Bedrohung und stellen sich Fragen, wie: wer kommt in der Redaktion weiter, wenn solche Mitarbeiter eingestellt werden? Wie werden Aufgaben verteilt? Kurz gesagt, es geht in dieser Debatte, wie in der gesamten Integrationsdebatte auch um das Thema Angst und um das Teilen der Macht mit Menschen, die man bisher in sicherer Ferne an ihrem Gemüsestand vermutet hat. Doch auch wenn der Angst- und Neidaspekt mitgedacht werden sollte, will ich hier die Debatte erweitern und sie aus der theoretischen Perspektive des blinden Flecks betrachten. Die entscheidende Frage dabei ist: Ruht der Ausschluss dieser Menschen nicht auch daher, dass sie mit ihren zusätzlichen Qualitäten aber auch ihrem Temperament ins Leere laufen oder nicht erkannt werden können, weil nicht nur in den Redaktionsräumen sondern auch und vor allem in den Chefetagen man unter sich ist? Werden sie also nicht wahrgenommen, weil sie noch so systemfremd sind, dass sie als blinder Fleck nicht vom System erkannt werden?

Weiße Männer, verheiratet, christlich geprägt, mit ein oder zwei Kindern

BILD-Redaktionskonferenz in Berlin (Quelle: Axel Springer)
BILD-Redaktionskonferenz in Berlin (Quelle: Axel Springer)

Um diese Frage beantworten zu können, muss man sich darüber im Klaren sein, wer momentan in Deutschland die Chefetagen von Redaktionen bevölkert. Es sind weiße Männer, verheiratet, christlich geprägt, mit ein oder zwei Kindern. Die Problematik der Durchdringung von Redaktionen hat also auch etwas mit den vorherrschenden Machtstrukturen zutun. Jeder fördert nur sich selbst – wer fördert also die palästinensisch-stämmige, kinderlose Mittvierzigerin ohne feste Beziehung, die außerdem Muslima ist? Als Vertreterin der Neuen Deutschen Medienmacher und auch als Nachrichtenredakteurin bei ARD-Aktuell, fällt mir zu dieser Frage lediglich eine Antwort ein: Der Druck von Außen muss wachsen. Die Politik, Vereine, Journalisten und vor allem die Einwanderer selbst müssen das Wort ergreifen und hier auf Veränderungen drängen!

In diesem Essay habe ich das Wortmonster Menschen mit Migrationshintergrund, das aus den Lehrbüchern der Soziologie entsprungen ist, zu vermeiden versucht und Begriffe wie bikulturell, multiethnisch, Einwanderer und Neudeutsche als Synonyme verwendet. Genauso habe ich mir erlaubt, nicht nur von Deutschen sondern auch von Biodeutschen, Herkunftsdeutschen oder Deutsch-Deutschen zu sprechen. Diese essayistische Freiheit war mir wichtig, denn der Begriff Menschen mit Migrationshintergrund ist zum einen unhandlich, zum anderen kann die gesamte Integrationsdebatte etwas mehr Humor vertragen. Aller integrativen Herausforderungen zum Trotz: „Don’t forget to laugh Germany!“

Siehe auch: Waren wir alle blind?Menschen, keine Döner“Döner-Morde” ist Unwort des JahresWeniger gipfeln – mehr handelnKeine Angst: wir sprechen Deutsch!


[1] Wie sehr diese Monokultur von Unwissenheit geprägt ist, wird bei Gesprächen  mit herkunftsdeutschen Kollegen deutlich. Eine Kollegin berichtete stolz, dass sie noch niemals in einem türkischen Gemüseladen eingekauft habe. Eine andere wusste nicht, dass man für Menschen, deren Wurzeln außerhalb Deutschlands liegen, die aber seit Jahren hier leben und einen deutschen Pass haben, nicht mehr den Begriff „Ausländer“ verwendet. Ein Dritter beschrieb ein Fußballspiel zwischen jüdisch-deutschen und arabisch-deutschen Jugendlichen folgendermaßen: „Wir könnten Euch einen Beitrag machen über ausländische Kids, die gegeneinander Fußball spielen sollen, damit sie sich nicht gegenseitig abstechen!“

[2] Weitgehend unberührt lässt die Redaktionen der öffentlich-rechtlichen Anstalten auch die Tatsache, dass diese Menschen GEZ-Gebühren zahlen und von daher auch ein Recht auf Repräsentanz haben. Ein Grund für die mangelnde Berücksichtigung liegt auch in der Art und Weise, wie Quoten in Deutschland gemessen werden. Von rund 1200 Geräten, die in Deutschland verteilt sind, steht kein einziges in einem Haushalt von nicht-EU-Ausländern. Deren Sehverhalten findet keinen Niederschlag in der Quote.