Blackface: Pulitzer-Preisträger ruft zum Boykott deutscher Theater auf

Kritik an der Kostümierung weißer Schauspieler als Schwarze sei albern und übertrieben, kommentierten viele Deutsche die Debatte um Blackface an Berliner Bühnen. Anderswo ist man deutlich weiter: Pulitzer-Preisträger Bruce Norris hatte die Aufführung seines Stücks Clybourne Park am Deutschen Theater in Berlin untersagt. Nun  ruft er  sogar zum Boykott der deutschen Blackface-Praxis auf.

Von Patrick Gensing

In deutschen Medien dürfte diese Nachricht auf viel Unverständnis stoßen, immerhin spielen hierzulande auch ein Jahr nach dem Bekanntwerden der NSU-Terrorserie und 20 Jahren nach Rostock-Lichtenhagen Themen wie Racial-profiling, Alltagsrassismus oder die Blackface-Praxis eine absolute Nebenrolle; lieber beschäftigt man sich mit rassistischen Thesen von Sozialdemokraten, die als mutige Tabubrüche inszeniert werden, oder einer angeblichen „Asylschwemme“ aus Serbien und Mazedonien.

Anderswo ist man weiter – und so durfte es keine Inszenierung des weltbekannten und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Theaterstücks Clybourne Park in der deutschen Provinz geben. Denn am Deutschen Theater in Berlin sollte ausgerechnet in einem Stück, das die Vorurteile des weißen Mittelstands gegenüber Schwarzen thematisiert, offenbar eine Weiße eine Schwarze spielen – angeblich sollte mit Makeup experimentiert werden.

Szene aus Clybourne Park (Quelle: http://clybournepark.com)
Szene aus Clybourne Park (Quelle: http://clybournepark.com)

Blackface schien an deutschen Bühnen ein beliebtes Stilmittel zu sein, so protestierte die Initiative Bühnenwatch bereits im Februar 2012 gegen eine Inszenierung der Aufführung „Unschuld“. Publikative.org hatte bereits mehrfach über Blackface an deutschen Theatern berichtet, was eine kontroverse Diskussion nach sich zog, da viele Kommentatoren die Kritik als überzogen bewerten. Weil es nicht rassistisch gemeint sei, könne es nicht rassistisch sein, so eine gängige Rechtfertigung.

Insbesondere Dieter Hallervordern fühlte sich missverstanden. Ausgerechnet er, der sich so oft über Rechte und Rechtsradikale und ihre Ansichten lustig gemacht hatte, sollte eine rassistische Inszenierung an seinem Theater haben. Hier zeigt sich das Unverständnis, dass Rassismus eben nicht damit begrenzt wird, indem man sich von der NPD abgrenzt – im Gegenteil, damit wird das Problem exotisiert.

Plakat zu "Ich bin nicht Rappaport" des Berliner Schlosspark-Theaters (Pressefoto: DERDEHMEL)
Plakat zu „Ich bin nicht Rappaport“ des Berliner Schlosspark-Theaters (Pressefoto: DERDEHMEL)

Vielschichtiges Theaterstück

In dem Theaterstück Clybourne Park geschieht genau dies nicht, es ist eine scharfsichtige Analyse von latentem Alltagsrassismus – nicht bei Stiefelnazis, sondern in einem Vorort von Chigago, der Ende der 1950er Jahre von der weißen Mittelschicht bewohnt wird. Ein Ehepaar in Clybourne Park verkauft sein Haus, was bei Nachbarn auf wenig Begeisterung stößt, da die Käufer Schwarze sind. Das Viertel wird in den folgenden Jahrzehnten tatsächlich zu einem mehrheitlich von Schwarzen bewohnten Quartier – und soll im Jahr 2009 wieder gentrifiziert werden – durch den Zuzug weißer Familien.

In dem Stück werden Vorurteile, Stadtentwicklung und weitere Themen aufgegriffen, eine komplexe Angelegenheit also, die auch eine sensible Inszenierung voraussetzt, da es eben auch um rassistische Vorurteile geht.

Clybourne Park ist ein Theaterstück von Bruce Norris. Er schrieb es als Reaktion auf das Theaterstück A Raisin in the Sun von Lorraine Hansberry. Clybourne Park zeigt Ereignisse, die vor und nach dem Stück von Hansberry spielen und lose auf historischen Ereignissen beruhen. Die Premiere des Stücks fand im Februar 2010 im Playwrights Horizons in New York statt. Die deutsche Erstaufführung war am 8. April 2011 im Staatstheater Mainz. Das Stück wurde 2011 mit dem Pulitzer-Theater-Preis und 2012 mit dem Tony Award für das beste Theaterstück ausgezeichnet. (Wikipedia)


Diese Sensibilität vermisste Pulitzer-Preisträger Bruce Norris am Deutschen Theater. In Mainz hatte die Schauspielerin Lara-Sophie Milagro eine Doppelrolle in dem Stück übernommen – bei der Berliner Inszenierung sollte die Rolle durch eine Weiße besetzt werden. Norris legte Widerspruch ein. Der Guardian kommentiert, dies sei wenig überraschend und berichtet weiter, Norris selbst habe Kontakt zum Deutschen Theater hergestellt – doch eine Einigung gab es nicht. Und so veröffentlichte er nun einen offenen Brief in der Sache. Darin heißt es, Sonia Anders vom Deutschen Theater habe ihm geantwortet, man sehe keinen logischen Grund, einen Afrodeutschen als Schauspieler zu engagieren.

Zudem teilte das Theater Norris angeblich mit, es solle „Experimente mit Makeup“ geben, woraufhin der Autor die Aufführung seines Stücks untersagte. Sonja Anders wies dies allerdings zurück, dem Guardian sagte sie, dies habe nicht zur Debatte gestanden, Blackface sollte an dem Theater angeblich nicht mehr stattfinden.

Boykottaufruf

Norris überzeugte das alles wenig, er ruft andere Autoren nun dazu auf, Inszenierungen an deutschen Theatern, an denen Blackface praktiziert wird, zu boykottieren. In dieser Angelegenheit gelte es eine Null-Toleranz-Position einzunehmen. Norris schreibt:

As it turns out, blackface has been and continues to be a widespread practice on the German stage. German actors of African descent are routinely passed over for roles explicitly designated for them in some of the largest theatres in the country. This is weakly defended as either a director’s prerogative or a matter of “artistic choice” – and yet, when questioned, no one could offer me an equivalent example of a white German actor having lost a role to a black actor in whiteface.

Now, normally I don’t meddle in the cultural politics of other countries, but when my work and the work of my colleagues – other playwrights – is misrepresented, I do. When we write plays, among other things, we are creating employment for working actors, and often we intend to employ a specific diverse body. Whatever rationale the German theatre establishment might offer for their brazenly discriminatory practice is of no interest to me. For, as little power as we playwrights have, we always retain one small power and that is the power to say no. To say, no thank you, I’d rather not have my work performed in Germany, today, under those conditions.

Lara-Sophie Milagro and her colleague Gyavira Lasana have created an online petition (included below) condemning the ongoing practice of blackface in German theatres and have asked me to ask you, fellow playwrights, to add your name to their petition. I urge you to do so.

But I would go one step further – I would advise you to boycott productions of your own work by German theatres that continue this asinine tradition (The Deutsches Theatre and the Schlosspark are only two examples). A zero-tolerance position is the only position to take, in my opinion, and if we are united then perhaps a few German theatres may take notice and, hopefully, in time, a better course of action.

Die Petition kann hier unterzeichnet werden.

Bemerkenswert ist indes, wie deutsche, weiße Kulturtreibende die Blackface-Methode weiter verteidigen. Der Direktor des Schlosspark-Theaters in Berlin sagte laut Guardian, dass das Anmalen von weißen Schauspielern eine Tradition auf deutschen Bühnen habe. Haben wir schon immer so gemacht in Deutschland, muss also richtig sein…

17 thoughts on “Blackface: Pulitzer-Preisträger ruft zum Boykott deutscher Theater auf

  1. Es ist halt die Frage, ob man einen Diskurs aus Amerika einfach übernehmen sollte und wer eigentlich die Spielregeln bestimmt.
    Bei der Geschichte mit dem Blackfacing ist es zumindest eine deutlich erweiterte Tabu-Zone. Weil es die überzeichnete und karrikaturhafte rassistische Darstellung Schwarzer durch Weiße im Theater in Amerika gegeben hat, soll nun überhaupt kein Weißer mehr einen Schwarzen spielen, egal wie. Das ist jedenfalls nicht unmittelbar schlüssig.
    Wenn man sich dann noch ansieht, welche idiotischen Blüten solche Vorwürfe treiben können (nackte Frauen, die sich beim Slutwalk als Burka-Simulation schwarz anmalten, wurden des „Blackfacing“ und folglich des Rassismus bezichtigt http://jungle-world.com/artikel/2012/42/46413.html), sollte man schon etwas vorsichtig damit sein.

  2. Jetzt wurde mein Beitrag ganz gelöscht, statt frei geschaltet. Das ist mal Streitkultur vom Feinsten. Wird man mir noch mitteilen, warum man meinen Beitrag löscht? Ich kann mich wirklich nicht erinnern, irgendetwas Anstößiges geschrieben zu haben.

  3. Schön, schön. Aber wahrscheinlich führt das Ganze eher dazu, dass Stücke, die eine Rollenbesetzung mit Schwarzen erfordern, weniger oder gar nicht aufgeführt werden, als das mehr schwarze Schauspieler engagiert werden.
    Othello ist dann zukünftig wahrscheinlich weiß oder „künstlerisch“ grün bemalt.

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