„Wir hatten verbrannte und eitrige Finger…“

Am 18. Oktober 1944 ermordeten die Nationalsozialisten im KZ Wandsbek-Drägerwerke, einem Frauenaußenlager des KZ Neuengamme, eine Ukrainerin, von welcher nur der Vorname überliefert ist: Maria. Sie wurde laut der Aussagen anderer Gefangener erschossen, weil sie sich strikt weigerte, für den Feind – die Deutschen – zu arbeiten. Am Jahrestag dieses als „verhinderter Fluchtversuch“ kaschierten Mordes möchte Publikative an eines der wenig beachteten Lager erinnern.

Von Marco Kühnert*

Im letzten Kriegsjahr befand sich die Mehrzahl der KZ-Häftlinge in den zu den großen Hauptlagern gehörenden „Satelliten“, den so genannten Außenlagern. In diesen von der SS oftmals euphemistisch als „Arbeitslager“ bezeichneten kleineren und mittleren Konzentrationslagern herrschten manchmal etwas erträglichere, oftmals aber auch genauso schlechte oder gar schlimmere Bedingungen als in den Stammlagern. Insgesamt wurden im Reich und in den von den Deutschen besetzten Gebieten etwa 1.300 dieser Außenlager errichtet – davon ca. 300 Frauenlager. Hintergrund war oft der Arbeitseinsatz der Gefangenen auf von der SS oder der Wehrmacht geführten Baustellen; häufiger jedoch die Überlassung der Häftlinge als billige Arbeitskräfte an private Wirtschaftsunternehmen – zumeist an die in der Rüstungsindustrie tätigen Firmen.

Gedenkstätte Wandsbek
Gedenkstätte Wandsbek

Zum Hamburger Konzentrationslager Neuengamme gehörten mindestens 85 solcher Außenlager, die oftmals direkt auf dem Betriebsgelände der Privatunternehmen errichtet wurden. Häftlinge, die dort 1944/45 Sklavenarbeit zu leisten hatten und dabei ihre Arbeits- und Lebensfähigkeit verloren, wurden schließlich ins Hauptlager zurücktransportiert – zum Sterben.

24 von diesen 85 Außenlagern waren Frauenlager. Viele der dort inhaftierten ca. 13.500 Frauen mussten Behelfswohnheime für ausgebombte Zivilbevölkerung errichten, oder wurden in der Produktion von Munition, Flugzeug- und Schiffsteilen, Gasmasken und Fallschirmen eingesetzt.

Das KZ Wandsbek war eines dieser Lager. Im Juni 1944 zunächst als Außenlager des KZ Ravensbrück gegründet, wurde es am 1. September 1944 dem KZ Neuengamme unterstellt. Es befand sich auf dem Werksgelände der Hamburger Außenstelle der Lübecker Drägerwerke AG. In der Ahrensburger Str. 162 waren ca. 550 Frauen in drei Baracken untergebrachten. Sie kamen zum größten Teil aus Polen und der Sowjetunion, aber auch aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Slowenien, der Tschechoslowakei sowie aus Deutschland.

Die inhaftierten Frauen leisteten dort im Rahmen des Brandt-Geräte-Programms der Drägerwerke Zwangsarbeit. Diese Programm diente der Herstellung von 45 Millionen Gasmasken für die deutsche Zivilbevölkerung („Volksgasmaske 44“).

Die Arbeitsbedingungen in den Produktionshallen waren unerträglich: Es wurde keine Schutzkleidung ausgehändigt, bei der Gummiverarbeitung traten giftigen Dämpfe auf, an den Warmpressen kam es zu Verbrennungen, und die Frauen mussten schwere Gusseisenformen heben und transportieren.

Die Überlebende Tanja Jaklic-Florjancic beschrieb 1985 in einem Gespräch die Arbeit an den Gummipressen:

„Ich legte ein Stück Gummi in die Öffnung der Presse; darauf legte ich die Eisenform und presste alles zusammen durch Betätigung des Hebels an der Presse. Bei hohen Temperaturen und nach Verlauf bestimmter Zeit erfolgte die Vulkanisation. Danach öffnete ich mit der Hand die Presse und nahm die heiße Form aus der Presse und senkte sie in kaltes Wasser. […] Das Gummi hatte die Form des Gesichts und diente als Grundlage zur Herstellung von Gasmasken. Ich musste jede Gasmaske überprüfen und mit der Kreide entsprechend ankreuzen […]. Wir wurden durch schreckliche Hitze, Gummigestank und Unterernährung geplagt. Die ewige Furcht vor Grobheiten der Aufseherinnen trieb uns zur Verzweiflung. Wir hatten verbrannte und eitrige Finger, weil die Handschuhe alt und abgenutzt waren.“

Im März 1945 wurden auch Wandsbeker Häftlinge zu Versuchen eingesetzt. Die Dräger AG wollte testen, wie lange Menschen in einem gasdichten Luftschutzraum ohne Belüftungsanlage überleben können. Diese Versuche fanden in Luftschutzbunkern in verschiedenen

Volksgasmaske Dräger-Plakat 1937
Plakat der Drägerwerke für die „Volksgasmaske“ (1937)

Hamburger Stadtteilen statt. Die Betroffenen erlitten Atemnot, Schwindelanfälle, Klaustrophobie und schwerste psychische Traumatisierungen. In manchen Fällen führten die Versuche zum Tod der Gefangenen.

Nach Jahrzehnten gewerblicher Nutzung wurde 2004/05 auf dem historischen Lagergelände der Wohnkomplex „An der Rahlau“ angesiedelt. Nach einer Auflage des Bezirksamts Wandsbek errichtete der Bauträger unter Einbezug eines erhaltenen Waschtrogs eine kleine Gedenkanlage. Diese Anlage – unmotiviert und lieblos gestaltet, versteckt liegend, schlecht beschildert und schwer zugänglich – wurde 2010 erneuert und erweitert. Die Neugestaltung wurde gegen den erheblichen Widerstand der Bewohnerinnen und Bewohner des Komplexes  durchgesetzt – wenngleich nur abseits des eigentlichen ehemaligen KZ-Standortes. Da die Idylle der Wohnanlage nicht weiter gestört werden sollte, musste die Gedenkstätte Wandsbek trotz der erheblichen Bemühungen der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme e.V., der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und auch des Bezirksamtes und aller Fraktionen der Bezirksversammlung letztlich auf öffentlichen Grund ausweichen. Die Hintergründe für die Standortwahl werden an der Anlage selbst und auch auf der Website der KZ-Gedenkstätte Neuengamme leider nicht deutlich benannt.

Mit ihrer Grundform eines gleichschenkligen Dreiecks bezieht sich die Anlage auf die Winkel aus Stoff, mit denen die SS die Gefangenen an ihrer Kleidung nach den vermeintlichen Einlieferungsgründen kennzeichnete. Die Namen der inhaftierten Frauen sind, soweit bekannt, auf sechs Granitsteindreiecken zu lesen. Das Mahnmal, das zwei ineinander verwobene und in Ketten gelegte steinerne Winkel zeigt, wurde von zwei Schülerinnen des Charlotte-Paulsen-Gymnasium entworfen.

Wegbeschreibung zur Gedenkstätte

Schwarze Tafel und Zugang zur Gedenkstätte am Rande der Wohnanlage:
Ahrensburger Straße 162, 22045 Hamburg.

Zugang zur städtischen Gedenkstätte über den Wandse-Wanderweg oder über die Nordmarkstraße gegenüber der Hausnummer 30.

Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Ab S-Bhf. Rahlstedt oder U-Bhf. Wandsbek-Markt mit Bus 9 bis zur Haltestelle „Tonndorf“ (Nordmarkstraße).

* Marco Kühnert, Historiker, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme e.V.,

Freier Mitarbeiter in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, www.stadtteilfuehrungen-hamburg.de

Die Arbeitsgemeinschaft Neuengamme e. V. gedenkt jährlich vor Ort am 29. August den Opfern des KZ Wandsbek. Am 29. August 1944 wurde das russische Mädchen Raja Ilinauk in Wandsbek ermordet.