Der Pseudo-Anti-Antisemitismus religionskritischer Think-Tanks

Richtigstellung der Redaktion:
In einer früheren Fassung dieses Artikels wurde behauptet, auf der ersten „Kritischen Islamkonferenz“ 2008 hätte „Thomas Maul gemeinsam mit dem damaligen Vorsitzenden der islamfeindlichen „Bürgerbewegung Pax Europa“ (BPE), Udo Ulfkotte“ diskutiert. Diese Behauptung entspricht nicht den Tatsachen, da Udo Ulfkotte zu besagter Konferenz nicht als Referent geladen war – und zwar weder zu Herrn Mauls noch zu einem anderen Podium.  Thomas Maul stellt in diesem Zusammenhang unmissverständlich klar, dass er „weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinne mit Herrn Ulfkotte irgendwie ‚gemeinsam‘ diskutiert“ hat. Wir bedauern diesen Fehler in unserer Berichterstattung.

Beobachter der antimuslimischen Hetzseite „Politically Incorrect“ (PI) sind während der Beschneidungsdebatte mehrfach mit der „Giordano-Bruno-Stiftung“ (GBS) konfrontiert worden, einem Think-Tank für „evolutionären Humanismus“. Alles nur Zufall – oder gibt es ideologische Verbindungen?

Von Adah Gleich und Roland Sieber

Mit ca. 4.000 Fördermitgliedern ist die GBS die größte atheistisch-religionskritische Organisation des deutschsprachigen Raums. „Gotteswahn“-Autor Dr. Richard Dawkins ist Preisträger der Stiftung. Bereits 2008 startete die GBS die erste „Kritische Islamkonferenz“. Hier wurde offenkundig ein Nährboden geschaffen, um eine populärwissenschaftliche Islamfeindlichkeit kombiniert mit Überlegenheitsdünkel in Worte zu fassen. Auffällig war die Teilnahme von Islamkritikern bis Islamhassern aller Couleur.

Auf dieser Konferenz sollte laut Ankündigung der damalige Vorsitzende der islamfeindlichen „Bürgerbewegung Pax Europa“ (BPE), Udo Ulfkotte, auftreten. Weitere Teilnehmer waren die GBS-Stipendiatin und Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime, Mina Ahadi, sowie Ralph Giordano, die wie „Pro Köln“ gegen einen Moschee-Bau protestierten. Der Co-Initiator der Konferenz, Hartmut Krauss, veröffentlichte 2010 das Buch „Feindbild Islamkritik“. Dies enthält sowohl Beiträge von Antideutschen wie etwa Matthias Küntzel als auch von Neurechten wie Felix Strüning, der Chefredakteur des Politik-Magazins „Citizen Times“ der Gustav Streseman Stiftung und Conny Axel Meyer, Bundesgeschäftsführer von Pax Europa.

Distanzierungen

Obwohl Ulfkotte die BPE mitgründete, trat er 2008 wegen deren zunehmenden extremistischen und womöglichen rassistischen Kurses aus. Nach dem Terroranschlag des Norwegers Breivik und aufgrund der Berichterstattung in der Frankfurter Rundschau über PI-News ging Ralph Giordano auf Abstand. Der Zentralrat der Ex-Muslime distanzierte sich in diesem Jahr wegen dessen Rassismus von dem Islamhassblog.

Die Beschneidungsdebatte

Inspiriert durch Nekla Kelek, Freiheitspreisträgerin der FDP-nahen Friedrich Naumann Stiftung, entdeckte der freiheitlich-liberale Rechtswissenschaftler Holm Putzke eine „Gesetzeslücke“ zur religiösen Beschneidung von minderjährigen Jungen. Sein Doktorvater, der Strafrechtsdogmatiker Rolf Herzberg bestärkte Putzke, sich nicht um evtl. antisemitische oder antimuslimische Verdächtigungen zu kümmern. Putzke nutzte offenbar Beziehungen, um das „Kölner Urteil“ via Financial Times Deutschland und der Frankfurter Allgemeine Zeitung an die breite Öffentlichkeit zu bringen. Daraufhin wurde der Jurist zum polizeiwissenschaftlichen Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung ernannt. Auch Herzberg ist gern gesehener Gast der GBS und des Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA). Der Strafrechtler wird die SPD-Bundestagsfraktion am 17. Oktober „aufklären“.

Anlässlich des Kölner Urteils veröffentlichte die atheistisch-religionskritische Stiftung gleich zu Beginn der Debatte eine verschwörungstheoretische Karikatur des GBS-Beirats Jaques Tilly: Abgeordnete aller Fraktionen werfen sich vor der „Macht der 3 abrahamitischen Religionen“ nieder. Ein Kardinal wird flankiert von je einem mit blutigen spitzen Messern bewaffneten Rabbiner und einem Imam.

Karikatur der GBS © Screenshot
Karikatur der GBS leicht verändert auf PI © Screenshot

 

 

 

 

 

 

 

 

 

PI hatte diese Karikatur im Blog übernommen. Die Giordano-Bruno-Stiftung distanzierte sich daraufhin ausdrücklich von der Vereinnahmung durch den antimuslimisch-rassistischen Blog und entschärfte nach Kritik ihre Zeichnung. Allerdings bleibt auch nach der nachträglichen Korrektur von blutigen Messern zu Scheren eine Ähnlichkeit zu antisemitischen Karikaturen, die seit 1912 veröffentlicht werden. Dazu sagte der bekannte Münchner Aktionskünstler und GBS-Beirat Wolfram Kastner:

„Besonders erschrocken bin ich durch die Veröffentlichung einer Karikatur auf der Website der GBS mit blutigen Messern in den Händen eines Juden und eines Moslems und mit sich niederwerfenden deutschen Parlamentariern. Dieses Hetzbild ist nun im Netz weit verbreitet, hat eine unübersehbare Nähe zu Hassbildern im „Stürmer“ und erfreut sich offenbar besonderer Beliebtheit bei Nazis, Antisemiten und Anti-Islamisten.

Auch wenn man davon ausgeht, dass das unbeabsichtigt war, muss man doch angesichts der deutschen Geschichte selbstverständlich eine andere Sensibilität und ästhetische Bedachtsamkeit einfordern. Wie kam das zustande und wie kann so etwas in Zukunft verhindert werden?“

Die darauffolgende Kampagne „Pro-Kinderrechte“ versucht der Vorstandssprecher der GBS, Michael Schmidt-Salomon, so zu entschärfen:

„Eine kleine Anmerkung für diejenigen, die befürchten, eine Kinderrechtskampagne GEGEN Beschneidung könnte der falschen Seite (Antisemiten, Antimuslime etc.) nutzen: Eine Wahrheit wird nicht zur Lüge, nur weil Lügner sie gebrauchen. Ohnehin sollte man Ideologen stets in den wenigen Punkten Recht geben, in denen sie tatsächlich Recht haben. Denn ansonsten erzielen sie mit halben Wahrheiten ganze Erfolge. (Wenn ich mich nicht sehr irre, ist dies eine der fundamentalen Lehren, die man aus der Geschichte – vor allem auch der deutschen – ziehen sollte.)“

(Quelle: https://www.facebook.com/michael.schmidtsalomon/posts/500431309982995)

Bezüglich des Mohammed-Schmähvideos wurde vom GBS-Vorstand unkritisch auf die Kunstfreiheit gepocht, was in der antimuslimisch-rassistischen Szene um PI und der Splitterpartei „Pro Deutschland“ bejubelt wurde. In einer internen Mail kritisierte Kastner als Mitglied im Beirat der Stiftung:

„Selbstverständlich setze ich mich auch als Künstler mit besonderem Engagement für die Freiheit der Kunst ein, aber ich verstehe nicht, warum das niveaulose Machwerk eines Mohammed-Videos durch einen Link auf unserer Seite weiterverbreitet werden muss. Ebenso falsch wie ein Verbot so eines Blödsinns ist es, dafür weitere Publizität zu schaffen und den Quark breitzutreten.“

PI-Autoren schreiben auf „Wissen Bloggt“ ©Screenshot

Es verwundert kaum, dass ehemalige PI-Autoren sich seit April 2011 im religionskritischen Umfeld der Stiftung eingefunden haben. In dem Internetportal „Wissen Bloggt“ schreiben Gastautoren von PI-News und tummeln sich dessen Kommentatoren im eifrigen Meinungsaustausch mit evolutionären Humanisten aus dem Förderkreis der Giordano-Bruno-Stiftung.

Auch wenn sich die GBS wiederholt ausdrücklich von ideologischen Parallelen zu PI distanzierte, so sind doch einige inhaltliche Überschneidungen beim genauen Hinschauen nicht zu übersehen.

Die Giordano-Bruno-Stiftung vertritt eine naturalistische Position und leistet Aufklärungsarbeit gegen unwissenschaftliche religiöse Einflüsse auf Politik und Gesellschaft. Dabei wendet sich die GBS auch gegen religiöse Diskriminierungen von Frauen und Homosexuellen. So engagiert sich die Stiftung einerseits für ein Asylrecht für Ex-Muslime und gegen religiöse Diskriminierung in kirchlichen Betrieben wie in der Caritas und bei der Diakonie, duldet aber andererseits einen Sprachgebrauch (z.B. „Religioten“) der Religion pauschal abwertet und veröffentlicht Rückschlüsse, die wissenschaftlich umstritten sind.

Die argumentative Religionskritik wie sie nötig ist, wird dabei nicht immer konsequent genug gegen antisemitische und antimuslimische Klischeebilder abgegrenzt.

Siehe auch: Beschneidung der Vernunft, Filmabend für KulturkriegerNeue Rechte formatiert sich neuWas bleibt vom Medienhype um (pro) Köln?

23 thoughts on “Der Pseudo-Anti-Antisemitismus religionskritischer Think-Tanks

  1. Sehr geehrter Herr Sieber,

    danke für die Fairness, bis auf einen alle Kommentare freizuschalten. Ich gebe zu, dass die erste Antwort auf die Beträge von MD und Julia Eulenpost zu emotional war – diese Beiträge enthielten allerdings auch einen persönlichen Angriff auf mich: Ich sei ein Rassist – ein beliebter Vorwurf von Frau Gleich, in alle Richtungen. Sie kennt mich persönlich, daher kränkt mich dieser Vorwurf auch persönlich. Wenn man die entsprechenden Kommentare liest, ist der Vorwurf schlicht haltlos. Ihre Klagen, ich würde sie oder gar alle Juden für dumm erklären, weil ich Interessen anspreche, ist so offenkundig unfair, dass ich das hoffentlich nicht in aller Breite erklären muss. Interessen ungleich Intelligenz, das ist banal. – Es ist vermutlich nicht Frau Gleichs Interesse, Vorhäute zu sammeln, sondern sie ist hypersensibel, weil sie das als ersten Angriff auf Juden sieht („Ist es wieder so weit?“) – der dieses Kölner Urteil schlicht nicht ist. Das ist dem letzten von mir vorgeschlagenen Link zu entnehmen, wenn man nur einmal bereit ist, ihn unhysterisch und sachlich zur Kenntnis zu nehmen. Ich bin Herrn Özkaraca für diese besonnene und umfassende Einschätzung dankbar, die offenbar von einem (1) juristisch geschulten Mann und (2) von einem Muslimen, der (3) gerade die Neuköllner Verhältnisse kennt, verfasst wurde. Die Hysterie, die derzeit unter Juden herrscht, mag verständlich sein, ist aber jedenfalls fehlgeleitet in der Meinung, es handle sich um einen Angriff auf Juden – das ist bestenfalls ein unangenehmer NEBENeffekt, der es für alle Beteiligten nicht einfacher macht, moderne moralisch-rechtliche Standards durchzusetzen.

    Darüberhinaus finde ich es schon durchaus wichtig, auch den Mitlesenden klar zu machen, dass MD und Julia Eulenpost mit der Ko-Autorin Adah Gleich identisch sind. Das ist für mich eindeutig aus Inhalt und Randbedingungen feststellbar.

    Dieser letzte Umstand ist schon durchaus wichtig für eine Einschätzung des Gesamtbildes und der Ko-Autorin, oder nicht?

    Noch einmal herzlichen Dank für Ihre Fairness, Herr Sieber.

    MfG R.P.

  2. Herr Roland Pardon, ich versichere Ihnen und den Mitlesern, ich bin nicht mit Frau Eulenpost und MD identisch. Ich bedaure, dass Sie sich persönlich angegriffen fühlen.

    Im Artikel geht es um antijüdische und antimuslimische Ressentiments. Ich bevorzuge den neu-deutschen Begriff Kulturrassimus. In diesem AJC Briefing wird der pseudo-wissenschaftliche Anspruch der „Pro-Kinderrechte“ Kampagne der GBS verdeutlicht: http://gruene-berlin.de/sites/gruene-berlin.de/files/ajc_faktenmythenbeschneidungsdebatte.pdf.

  3. Na, wollen Sie, Frau Gleich, uns nicht noch Ihr Ehrenwort geben, dass Sie nicht MD und/oder Julia Eulenpost sind? 😉

    Auf das Dokument vom AJC einzugehen, das braucht mehr als einen kurzen Post. Das ist jedenfalls nicht das, was es auf den ersten Blick zu sein scheint, eine ausgewogene wissenschaftliche Analyse. Es ist ein Pamphlet, Agitation.

    Deshalb gehe ich erstmal nur ein auf den „Kulturrassimus“, eine interessante Wortfügung.

    Was ist Rassismus? Ich denke, ich beschreibe den üblichen Wortgebrauch recht gut und knapp, wenn ich sage: Rassismus ist die (meist negative) Bewertung von Menschen einzig aufgrund der (vermeintlichen oder wirklichen) Zugehörigkeit zu einer Ethnie. Rassismus ist allein deshalb schon verwerflich, weil niemand für diese Zugehörigkeit kann. Niemand kann sie ändern. Sie weder Verdienst noch Schuld, sondern eine simple Tatsache. Egal, wie tief nun Unterschiede zwischen Ethnien gehen, „skin-deep“, also nur aufs Aussehen, oder auch tiefer, jedenfalls hat jeder Mensch den legitimen Anspruch, als Person und Individuum wahrgenommen zu werden – keine zwei Menschen sind gleich. Da ist die Ethnie von eher beiläufiger Bedeutung.

    Im Unterschied zur Rasse ist Kultur ein Geflecht von Traditionen, die im gesellschaftlichen Leben erlernt werden, z.B., dass Frauen den Männern untergeordnet sind, Traditionen, die auch wieder verlernt werden können, wenn man zu besserer Einsicht gekommen ist: Männer und Frauen sind nicht so wesentlich verschieden, dass in kaum einer Hinsicht eine Ungleichbehandlung gerechtfertigt ist. Insbesondere ist Selbständigkeit und Verantwortung nicht männlich oder weiblich.

    Die Rasse kann man also nicht vorwerfen, weil unwandelbar – deshalb ist Rassismus ganz zurecht geächtet. Bestimmte kulturelle Praktiken KANN man ändern oder „verlernen“ – deshalb trägt jede/r die Verantwortung für das Ausmaß, in dem er/sie sich einer Kultur anschließt, und inwieweit er/sie damit die Menschenrechte stützt oder torpediert.

    Hier zeigt sich, dass der Begriff „Kulturrassismus“ ein Widerspruch in sich ist, und eine verbale Propaganda-Keule, mit der Kulturrelativisten oder blindwütige Apologeten einer Kultur Kritikern das Maul stopfen wollen. Hier wird das angemessen schlechte Image des Rassismus instrumentalisiert für Agitation, damit man sich nicht mehr mit Gründen auseinandersetzen muss, die vielleicht dazu führen, dass Teile von Traditionen nicht mehr dem modernen Standard der Menschenrechte entsprechen. Sachlich sind solche Angriffe nicht, und auch nicht fair. Propaganda eben.

    Die pädagogische Ohrfeige ist ganz zurecht geächtet und gesetzeswidrig. Warum sollten wir, bloß weil es eine Tradition gibt, die noch in die Zeit vor dem Judentum zurückgeht, unsere heutigen Standards dieser Bronzezeit-Sitte anpassen? Das ist eine ernst gemeinte Frage! Aber es gibt keine belastbare Antwort außer: Das ist gar nicht so schlimm und das nützt dem Mann später mal. Aber man muss ja solche Gründe suchen, weil die eigentlichen religiösen ja nur für die Gläubigen Bedeutung haben. Die vernünftigen unter den Gläubigen werden auch den Glauben (an der Stelle) in Zweifel ziehen – wie auch bei der Beschneidung der Fall. Sie werden auch Wege finden. Theologen finden immer einen Weg rechts rum, wenn sie eben gar nicht mehr links rum gehen können. Das ist in der Geschichte immer so gewesen. DAS ist der Job von Theologen, der eine staatliche Bezahlung lohnte.
    Natürlich behaupten Priester (in dem Fall Rabbis und Imame) zuerst, dass genau der gerade in Frage stehende Ritus unverzichtbar ist. Das ist in allen Religionen so. Täten sie es nicht, würde die Glaubwürdigkeit von „Gottes Wort“ ja noch schneller erodieren, als sie es jetzt schon mit ansehen müssen. Aber ein moderner Staat muss hier jedem Rückschritt entgegenstehen.

    Alles kein Grund, das Anliegen, die Beschneidung rechtssystematisch konsistent und im Sinne des Kindes als Straftat zu beurteilen, prinzipiell für antisemitisch zu halten.
    Wenn da, wie ich zugebe, einige Stinker mit rechter Gesinnung mit Freuden Trittbrett fahren, muss man Widerstand leisten, wo diese Diskussion für deren Agenda instrumentalisiert werden soll. Das tut z.B. auch die GBS! Da gibt es auch kein Mäh und Leithammel. Das Bild von Schafen und Wölfen stimmt nicht. Ich sehe mich nicht im mindesten von Wölfen gefährdet, ich kann also kein Schaf sein – Sympathie für Wölfe ist nicht vorhanden, also bin ich kein Wolf.

    Selber denken macht schlau.

Comments are closed.