Schluss mit Samba

Die Entstehung der Fankonflikte in Braunschweig. Ergänzungen zum Hauptartikel „Braunschweigen“. 

Von Andrej Reisin und Nicole Selmer

Bereits 2006 geriet die Gruppe „Ultras Braunschweig“ (UB) in einen zunehmenden Konflikt mit dem Rest der Braunschweiger Kurve, die eine andere Vorstellung von der richtigen Art des Supports und anderer fanspezifischer Dinge hatte. Auch UB war zum damaligen Zeitpunkt daran beteiligt, diese Konflikte gewalttätig zu führen und eskalieren zu lassen.

Als UB bei Heimspielen aufgrund der Konflikte in einen anderen Block des Stadions wechseln wollte, lehnte der Verein dies ab, worauf es bei der Partie gegen Rot-Weiß Erfurt im August 2008 zum Versuch kam, den Umzug gegen den Widerstand von Polizei und Verein mit einem Sturm der Haupttribüne zu erzwingen. Eintracht Braunschweig sprach daraufhin Stadionverbote für über 120 Gruppenmitglieder aus, womit die Gruppe faktisch komplett aus dem Stadion verdrängt wurde. Viele Fans und Fangruppen begrüßten dies: „An dem Tag sagten viele Fans: ‚Endlich sind wir die los!‘ Wir hatten einfach keine Lust mehr auf diese ganzen Plakate und Sprüche“, so Kurven-Vorsänger Thilo Götz im Interview.

Mit UB verschwanden Sambasound und Ultralieder aus dem fernen Süden aus dem Old-School-Standort Braunschweig und tatsächlich kehrte mehr Ruhe in die Fanszene ein. Bei den verbliebenen Mitgliedern von UB kam es im Laufe der Zeit es zu einer linken Politisierung und zu Zusammenarbeit und personellen Überschneidungen mit antifaschistischen Gruppen. Daraus entstand die „Initiative gegen rechte (Hooligan-)Strukturen“, die sich gegen das Postulat der unpolitischen Kurve ausspricht: „Dieser Versuch den gesellschaftlichen Raum des Stadions als unpolitisch zu verkaufen, führt in der Realität vor allem dazu, dass sich Nazis an diesem Ort relativ ungestört bewegen und dort agieren können.“

Während UB als Gruppe seit Längerem nicht mehr im Stadion präsent war, gehört die ebenfalls Ultra-orientierte Gruppe „Cattiva Brunsviga“ zur Braunschweiger Fanszene. In der Broschüre der Initiative spielt Cattiva keine Rolle. Auf Nachfrage von publikative.org erklärt „Cattiva Brunsviga“, dass man weder Parteipolitik noch Extremismus dulde, sich im Übrigen aber nicht weiter äußern wolle und auf das Statement des Vereins verweise. Auch der FanRat wird als Ansprechpartner genannt, Sprecher Robin Koppelmann antwortete auf unsere Anfrage leider nicht (siehe Haupttext).

„Cattiva Brunsviga“ veranstaltet selbst auch anti-rassistische Fußballspiele mit afrikanischen Migranten und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Gesänge gegen Sinti und Roma nicht mehr von der ganzen Kurve angestimmt werden. Das eigene „unpolitische“ Verständnis führt aber leider offenbar auch dazu, dass man die punktuelle Zusammenarbeit mit Gruppen nicht scheut, von denen man weiß, dass sie rechtsradikale Tendenzen haben. Wir bedauern, dass „Cattiva Brunsviga“ sich dazu nicht äußern wollte oder konnte.

Siehe auch:  Hauptartikel: „Braunschweigen“Das unpolitische „Wir“ der Fanszene“