Komplett im Visier des Verfassungsschutzes

FSF, Quelle: Audiolith
FSF, Quelle: Audiolith

Die Band „Feine Sahne Fischfilet“ (FSF) aus Mecklenburg-Vorpommern hat in dieser Woche auf dem Hamburger Label Audiolith die Single „Komplett im Arsch“ veröffentlicht. Ein Song, der von der Öde in der vorpommerischen Provinz erzählt, von Langeweile, der FSF das eigene Engagement entgegensetzt. Das mutige Engagement der Punkband gegen Neonazis brachte den Fischfilets nun einen langen Eintrag im jüngsten Verfassungsschutzbericht ein.

Von Patrick Gensing

Immer wieder spielen Feine Sahne Fischfilet in der Provinz, wo sich sonst kaum Bands hin verirren. Die Bandmitglieder kennen die Gegend, wissen offenkundig, was Perspektivlosigkeit bedeutet und verstehen so das Lebensgefühl. Im Gegensatz zum onkelesken Selbstmitleid versucht die Band der Öde etwas entgegenzusetzen. Musik, Freundschaft, eine eigene alternative Subkultur – auch als Angebot an Jugendliche, die „komplett im Arsch“ sind, wie die erste Single heißt.

Auch im jüngsten Verfassungsschutzbericht hat die Band einen Gastauftritt, ihr wird sogar eine größere Bühne geboten als beispielsweise dem NSU, der in MVP mutmaßlich einen Menschen ermordete und möglicherweise Überfälle beging. Zudem führen diverse Spuren vom NSU nach Nordosten, unter anderem soll der verstorbene Ex-NPD-Landeschef laut Medienberichten Beate Zschäpe vorübergehend als Anwalt vertreten haben, zudem wurde der NSU in einem Fanzine aus dem Land bereits im Jahr 2002 gegrüßt, auch hier ist eine Spur zur NPD nicht weit – „Der Weiße Wolf“ wurde später von dem Landtagsabgeordneten David Petereit herausgegeben – und schon zuvor hatte der Neonazi offenbar mit dem Fanzine zu tun gehabt.

Der Weisse Wolf dankt im Jahr 2002 dem NSU. (Reporduktion: apabiz)
Der Weisse Wolf dankt im Jahr 2002 dem NSU. (Reporduktion: apabiz)

Alles kein Thema im Bericht des Geheimdienstes für 2011. In seinem Vorwort geht Innenminister Caffier kurz auf den NSU ein und stellt fest, dass das zwar eine schlimme Sache sei, man deswegen die anderen Extremisten aber nicht vergessen dürfe – beispielsweise die Jungs von FSF… In der Lageübersicht zum Rechtsextremismus taucht der NSU dann noch einmal auf:

Ob es Kontakte des „NSU“ zur hiesigen rechtsextremistischen Szene gegeben hat, wird im Zuge des durch den Generalbundesanwalt geführten Ermittlungsverfahrens intensiv geprüft. Die im März 2012 durch die Medien bekannt gemachte Nennung der Abkürzung „NSU“ in der zeitweilig vom jetzigen NPD-Landtagsabgeordneten David PETEREIT verantworteten Neonazipostille „Der Weisse Wolf“ Anfang 2002 bedarf in diesem Zusammenhang sicherlich besonderer Aufmerksamkeit.

Der Geheimdienst hat selbst offenbar nichts beizutragen zu dieser Aufklärung, auch zu Petereits Medienprojekt MUPinfo weiß der Geheimdienst wenig Erhellendes zu berichten:

Der vom NPD-Landtagsabgeordneten David PETEREIT verantwortete Internetauftritt „MUPINFO – Nachrichten für Mecklenburg und Pommern“ mit Sitz im „Thing-Haus“ in Grevesmühlen hat sich zwischenzeitlich zu einem wichtigen Nachrichtenportal für die rechtsextremistische Szene entwickelt und über Mecklenburg-Vorpommern hinaus an Bedeutung gewonnen. „MUPINFO“ bietet sowohl ideologische Hintergrundinformationen als auch eine aktuelle Berichterstattung zu Themen an, die die Szene interessieren. Häufig finden sich z. T. textgleiche Einträge wie auf der Internetseite der Landes-NPD. Berücksichtigt werden auch Diskussionen innerhalb der Neonaziszene. Breiten Raum nimmt die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner ein. Straftaten gegen Personen und Einrichtungen, die sich gegen rechtsextremistische Bestrebungen wenden, werden häufig ironisch kommentiert. Darüber hinaus finden sich auf der Seite Veranstaltungstermine und Angaben zum Fußballgeschehen.

Übrigens ist MUPinfo offenkundig nicht nur für die Szene wichtig, sondern auch für den VS – denn der zitiert in seinem Bericht rund 20 mal von der Seite. Allerdings braucht es keinen Verfassungsschutzbericht, um zu wissen, was auf MUPinfo steht, da reicht ein Blick auf die Seite selbst. Hintergrundinformationen? Woher denn!

(K)Eine hohle Phrase

Dafür hat der VS zu den linksextremen Strukturen in dem Bundesland einige bemerkenswerte Beobachtungen zusammengetragen. Fast zwei Seiten umfasst der Eintrag zu Feine Sahne Fischfilet – so viel schaffen Petereits MUPinfo und NSU nicht zusammen. Der Geheimdienst hat herausgefunden, dass die Band aus fünf bis sechs Mitgliedern besteht (siehe Bild oben) und sich als politischer Zusammenschluss verstehe. Als vermeintlicher Beweis wird ein Zitat der Band angeführt:

„Antifaschismus ist für uns keine hohle Phrase. Es ist uns bewusst, dass die Neonazis, egal wie modern und bürgernah sie sich geben, barbarisch und menschenverachtend bleiben. Dem gilt es entgegenzuwirken!“

 Weil Antifaschismus für die Band mehr ist als eine hohle Phrase, handelt es sich laut Verfassungsschutz also um einen politischen Zusammenschluss. Und es wird noch abenteuerlicher, die Band vertrete eine „explizit anti-staatliche Haltung“. Als Beweis wieder ein Zitat: „Stolz auf Deutschland? Stolz auf eine Nation? Stolz auf irgendein beschissenes Konstrukt? Wir kotzen gleich!“

Nun sollte ein Geheimdienst, der zahlreiche Menschen beschäftigt, um politische Einschätzungen abzugeben, den Unterschied zwischen einem Staat und einer Nation kennen, als Service hat Publikative.org die jeweiligen Wikipedia-Einträge als kleine Einführung ins Thema verlinkt – extra für die nationalen, äh, staatlichen Stellen in MVP.

FSF bei FB

Der Verfassungsschutz fährt derweil weitere Geschütze auf, die Fischfilets verbünden nämlich ihr musikalisches Engagement mit politischen Themen – was ja nun wirklich nicht geht. Zudem würde die Band bei „linksextremen“ (gemeint sind antifaschistischen) Aktionen auftreten oder diese bewerben. Und, nun kommt es, auf der Seite der Fischfilets sei eine Anleitung zum Bau eines Molotow Cocktails  veröffentlicht worden.

Journalistische Gefahrensucher

Publikative.org nahm all den vorhandenen Mut und den verbliebenen Rest des jugendlichen Leichtsinns zusammen, setzte zum Schutz einen Mofahelm auf und fragte den Sänger der Band, was es mit dieser Bauanleitung auf sich habe. Der Vorwurf mit dem Molotov-Cocktail sei, wie der gesamte Eintrag, ein Witz, antwortete der offenbar mit reichlich Humor gesegnete Monchi. Und weiter:

„Wir haben ein Foto von einem Plakat veröffentlicht, welches damals auf allen möglichen lokalen Blogs zu sehen war. Es zeigte ein satirisch verfremdetes Club-Mate Plakat auf dem dann „Club-Molli“ stand. Die Firma die Club Mate abfüllte hatte damals einen kleinen Skandal verursacht, als sie gerichtlich gegen die Veröffentlichung von Fotos vorgehen wollte, die Bilder von diesen Plakaten zeigten. Die Dinger wurden eine Zeit lang zum Beispiel in Rostock verklebt. Als bekannt wurde dass die Firma vor Gericht ziehen wollte, gab es einen Sturm der Entrüstung im Netz und dann haben sie davon auch wieder Abstand genommen. Die Plakate waren mit einem Schlag bekannt, aber das wars dann auch.“

Übrigens so bekannt, dass das Bild auch in der taz abgedruckt wurde – Verfassungsschutz, übernehmen Sie!

Lernen aus dem NSU-Desaster: Das linksextreme Terrornetzwerk reicht von Vorpommern bis zur taz…

Der reichlich gebeutelte Geheimdienst wird mit solchen Berichten die Zweifel an seiner Kompetenz kaum ausräumen können. Der Sänger von FSF kommentierte, „den kompletten Verfassungsschutzbericht empfinden wir eigentlich nur als erbärmlich. Man merkt ganz einfach dass dort Personen nur vorm Internet hocken, verschiedenste Blogbeiträge abtippen und dies dann als glanzvolle ,,Rechercheleistungen“ verkaufen wollen.“

Kommentar: Teil des Problems

Der Abschnitt über die Band sei „sehr bewusst gewählt, denn dies soll uns selbstverständlich in die böse ,,Extremistenecke“ stellen“. Es sei den staatlichen Behörden in MVP offenbar ein Anliegen, „uns ans Bein zu pissen“, meinen FSF.  „Schon des Öfteren versuchte man uns einzuschüchtern. Erst im Mai diesen Jahres mussten wir wegen unserem ersten Album nach Bonn zur ,,Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“,da das LKA MV nach über 3 Jahren scheinbar merkte, dass unser Album laut ihrer Sicht gewaltverherrlichend sein sollte. Schlussendlich wurde unser Album nicht indiziert!“

Blood & Honour, NSU – da war doch was?

„Wir leben hier in einem Bundesland in dem 40.000 Menschen die NPD gewählt haben“, betonen die Fischfilets im Gespräch, es gebe immer wieder neonazistische Übergriffe auf alternative Jugendliche und Migranten, zudem eine sehr aktive neonazistische Musikszene. „Da gibt es unseres Erachtens nach sicherlich eine Menge zu berichten. Aber laut VS sind wir scheinbar interessanter und gefährlicher als eine der seit vielen Jahren agierenden Neonazi-Bands – welche sich größtenteils in MV auch alle im verbotenen Blood &  Honour Spektrum bewegten.“

Blood & Honour, NSU – da war doch was? Aber laut Verfassungsschutz nicht in Mecklenburg-Vorpommern, zwischen Ueckermünde und Grevesmühlen treiben die wilden Punkerhorden ihr Unwesen. Und wer jetzt mal richtig wild und gefährlich sein wild, der kauft die neue Single der Feine Sahne Fischfilets oder wartet noch etwas auf die ganze CD.