Die Hundertschaft des NSU

Gerne wird in den Medien vom „Zwickauer Terrortrio“ gesprochen, wenn es um den Nationalsozialistischen Untergrund geht. Eine Umschreibung, die das Netzwerk hinter den Rechtsterroristen ausblendet. Zu diesem zählen Sicherheitsbehörden laut taz genau 100 Personen.

Auf einer entsprechenden Liste stehen nach taz-Informationen neben Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe die 12 in dem Verfahren von der Karlsruher Bundesanwaltschaft beschuldigten mutmaßlichen Helfer sowie 85 weitere angebliche Kontaktpersonen des Neonazitrios oder von dessen engsten Unterstützern. Bisher war die Zahl der „relevanten Personen“ im NSU-Umfeld auf rund 40 beziffert worden.

Der Ex-NPD-Funktionär Ralf Wohlleben sitzt als mutmaßlicher NSU-Unterstützer in Haft, Foto Wikipedia, unter der Creative Commons-Lizenz
Der Ex-NPD-Funktionär Ralf Wohlleben sitzt als mutmaßlicher NSU-Unterstützer in Haft, Foto Wikipedia, unter der Creative Commons-Lizenz

Auf der geheim gehaltenen 100er-Liste tauchen demnach ehemalige Weggefährten des Neonazitrios aus dem Kameradschaftszusammenschluss „Thüringer Heimatschutz“ (THS) und dem militanten Blood-and-Honour-Netzwerk auf, zudem mehrere ehemalige und aktuelle Funktionäre der NPD.

Darunter sind neben dem in Untersuchungshaft sitzenden ehemaligen Thüringer NPD-Landesvize Ralf Wohlleben auch Frank Schwerdt und Patrick Wieschke. Beide bestritten in ihren Zeugenvernehmungen allerdings, nach dem Abtauchen der drei 1998 noch Kontakt zu diesen gehabt zu haben. Allerdings gilt Schwerdt als politischer Ziehvater Wohllebens.

Im Gespräch mit Publikative.org betonte das ehemalige Vorstandsmitglied der NPD-Jena, Uwe Luthardt, Schwerdt sei der “politische Ziehvater” von Wohlleben gewesen. Die beiden seien angeblich unzertrennlich gewesen, so Luthardt. Auch dass der NSU aus dem Thüringer Heimatschutz hervorging, spricht eher dafür, dass weitere NPDler von den drei Untergetauchten gewusst haben könnten. “Das Verhältnis der NPD zu den Kameradschaften insbesondere zum THS kann ich als sehr innig bezeichnen”, sagt Ex-NPDler Luthardt.

Wenig überraschend: Aufgeführt auf der Liste sind laut taz auch der mecklenburg-vorpommersche NPD-Landtagsabgeordnete David Petereit, bei dem im Mai bei einer Durchsuchung ein Brief des NSU an potenzielle Unterstützer gefunden wurde, und der ehemalige Bundesvize Hans Günter Eisenecker, der schon seit 2003 tot ist.

Brisant ist, dass auf der Liste der relevanten Personen im NSU-Umfeld fünf langjährige V-Leute von Polizei und Verfassungsschutz aufgeführt sind, darunter neben dem ehemaligen Chef des Thüringer Heimatschutzes, Tino Brandt, und dem Ex-Blood-and-Honour-Aktivisten Thomas S. auch der einflussreiche Neonaziaktivist Thomas R. aus Sachsen-Anhalt. Allerdings erscheint eine Quote von 5 Prozent relativ gering, beim THS sollen ein Drittel der Kader Informationen an den Geheimdienst verkauft haben. Es erscheint also durchaus wahrscheinlich, dass hier noch einige Verbindungen zwischen staatlichen Stellen und NSU-Umfeld auffliegen werden.

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