Als Nazi-Skin bei „Noie Werte“ und „Race War“

„Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“ – Thomas Kuban hat ein geradezu mitreißendes Buch vorgelegt, in dem er seine jahrelange Recherche im Rechtsrock-Milieu ausbreitet. Kuban gewährt nicht nur Einblicke in seine Recherchetechnik, sondern ordnet seine Ergebnisse auch ein und spart nicht mit Kritk an Sicherheitsbehörden und Medien, die das braune Musiknetzwerk lange Jahre offenbar nicht interessierte. Publikative.org veröffentlicht exklusiv eine Leseprobe aus dem Buch.

Von Thomas Kuban, mit freundlicher Genehmigung des Campus-Verlags

Beim Techniktest am Tag der Deutschen Einheit musste ich allerdings feststellen, dass mir zu einer kompletten Videoausrüstung noch ein Kabel fehlte. Trotzdem reiste ich abends, wie eiligst geplant, nach Südwestdeutschland. Am nächsten Morgen fuhr ich vom Elektronikmarkt direkt zum Haareschneiden. Der altgediente Friseurmeister, der sich meiner annahm, konnte es nicht glauben, dass ich meine lockige Mähne komplett heruntermähen lassen wollte. In einem ersten Durchgang ließ er wenigstens acht Millimeter stehen. Das war mir jedoch zu haarig, im doppelten Sinne. Ich wollte wie ein Neonazi-Skinhead aussehen – vom wegrasierten Scheitel bis zur Springerstiefelsohle.

Neonazistinnen werden bei der Anreise zum Rechtsrock-Konzert in Eschede kontrolliert. (Foto: monitorex)
Neonazistinnen werden bei der Anreise zum Rechtsrock-Konzert in Eschede kontrolliert. (Foto: monitorex)

Am Nachmittag war ich fertig verkabelt. Das winzige Objektiv linste zu einem Knopfloch meines schwarzen Lonsdale-Polohemdes – ein bei Neonazis sehr beliebtes Fabrikat – heraus, das mit seinen roten und weißen Streifen am Kragen die Farben der altdeutschen Flagge aufwies. Den untersten Knopf hatte ich abgeschnitten. Mangels Funkmodul hing das viel zu große Aufnahmegerät am Gürtel. Es war 15 Zentimeter lang, 9 Zentimeter breit und 3,5 Zentimeter hoch – die Bomberjacke bedeckte es. Aufgrund sperriger Adapterlösungen, die ich in der kurzen Vorbereitungszeit wählen musste, wurde ich zur wandelnden Kabeltrommel. Der klotzartige Batteriepack mit acht Mignonzellen war ebenfalls alles andere als optimal.

Falls im Eingangsbereich auf Waffen gefilzt worden wäre, hätte ich umdrehen müssen. So weit, so schlecht – doch das Schlimmste war, dass die Kamera plötzlich kein Signal mehr abgab. Nach vergeblicher Ursachensuche brach ich verspätet und frustriert ins Elsass auf. Gerade noch rechtzeitig kam ich am Nazi-Treffpunkt, einem Supermarktparkplatz an, wo ein Pärchen Handzettel mit Wegbeschreibungen verteilte.

Anschließend traf ich mich mit einem Kamerateam von Spiegel TV, das von außen drehen wollte. Die Kollegen überprüften meine Technik und entdeckten eine defekte Lötstelle in der Stromversorgung. Was dann folgte, war legendär: Gegen 21 Uhr suchten wir eine französische Gaststätte auf, um an eine Steckdose für den Lötkolben zu kommen, den das Team dabeihatte. In einem Nebenraum lieferten die Videofreaks hochprofessionelle Arbeit – die Reparatur gelang. Im Schein einer Taschenlampe verkabelten mich die Kollegen anschließend auf dem dunklen Wirtshausparkplatz. Dann konnte die Fahrt weitergehen.

Gegen 22.30 Uhr kam ich endlich am Konzertort an. Und ich hatte Glück: Eine Nazi-Nachhut traf ebenfalls verspätet ein. Ich mischte mich unter die Kameraden, die der Szene-Security im Eingangsbereich sogar bekannt zu sein schienen. Auf diese Weise kam ich reibungslos rein. Eine verrückte Sache. Was ich drinnen aus den Boxen dröhnen hörte, ließ mich erschaudern:

»Ich kenne deinen Namen, ich kenne dein Gesicht. Du bist die Faust nicht wert, die deine Nase bricht.«

Diese Liedzeilen der Neonazi-Band »Noie Werte« richteten sich gegen Journalisten. Erstmals stand ich im tobenden Mob vor der Bühne, als vermeintlicher Nazi unter Nazis. Es war eine irre und letztendlich unbeschreibliche Situation: Ich feierte unerkannt mit Leuten, denen ich im Alltag aus dem Weg gehe – mit gewaltbereiten Rassisten.

Das sprichwörtliche Bad in der Menge geriet zum Wechselbad der Gefühle. Die anfängliche Erleichterung, ohne Körperfilze durch den Eingang gekommen zu sein, wuchs teilweise zu einem Triumphgefühl an. Doch die Angst, entdeckt zu werden, meldete sich immer wieder zurück. Nach jedem Blickkontakt mit einem Skinhead stellte ich mir die Frage: »Schöpft er Verdacht?«

Zu allem Übel baggerte mich auch noch ein betrunkenes Renee an, indem es mich mit einem Hüftschwung anrempelte und mich zum Tanzen aufforderte. Ich wandte mich daraufhin unwirsch ab, denn ich wollte auf keinen Fall Ärger mit einem möglichen Lebensgefährten des Skingirls riskieren. Abgesehen davon wäre es Wahnsinn gewesen, mich samt Videoequipment in die aggressiv tanzende beziehungsweise tobende Menge zu stürzen. Selbst am Rande dieses Moshpit genannten Kampfgebiets vor der Bühne war mein Gerät einigen Erschütterungen ausgesetzt, weil Skinheads aus dem Pogokreis geschleudert wurden und ich nicht immer ausweichen konnte. Allgegenwärtig war die Sorge, ob die Technik funktionieren und die Kamera richtig ausgerichtet sein würde – zu Recht, wie sich später herausstellen sollte…

Angesichts der technischen Schwierigkeiten im Vorfeld und der nervlichen Anspannung lief der Dreh gut. »Noie Werte« mit Rechtsanwalt Hammer konnte ich aus nächster Nähe filmen, wie sie unter anderem dem Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß musikalisch huldigten. Ein Großteil der 800 Besucher hob die Arme zum Hitlergruß in Richtung Bühne – auch das hatte ich im Bild. Allerdings war mein Mikrofon zu empfindlich für ein Rockkonzert. Es übersteuerte ob der Lautstärke. Sogar meine Hosenbeine flatterten vor den Boxen, wenn die E-Gitarren Druck machten.

Und was noch ärgerlicher war: Als die Überraschungsband »Race War« loslegte und ich mich erneut durch die Menge gearbeitet hatte, versagte das Aufnahmegerät teilweise – wegen eines Festplattenfehlers.

"Rock für Deutschland 2012": Bühnen-Deko mit klarer Botschaft (Foto: M.S.)
„Rock für Deutschland 2012“: Bühnen-Deko mit klarer Botschaft (Foto: M.S.)

Ein Forenmitglied namens »Terror« schrieb nach der Sendung im Internet: »Was die ›Überraschungsband‹ betrifft, ich will mal hoffen, dass die Aufnahmen denen hoffentlich nicht noch zum Verhängnis werden.« Die nationale Frauenaktivistin Isabell P. alias »Celticfrica« behauptete gar: »Es wird noch einiges kommen. Es wurde nicht alles gezeigt, was aufgenommen wurde. Das weiß ich seit heute aus sicheren Quellen. Der Staatsschutz hat einiges, und einer gewissen Band wird es übel an den Kragen gehen.«

Lesetipp: “Wunderbare Jahre”: Nazi sein als Lebensgefühl

Noch während die berüchtigte Band auf der Bühne stand, erreichte mich eine SMS der Kollegen von Spiegel TV, die zum Aufbruch drängten. Schließlich galt es noch in der Nacht den Stuttgarter Flughafen zu erreichen, um in den frühen Morgenstunden nach Hamburg zu fliegen. Das schaffte ich gerade noch rechtzeitig. Beim Einchecken erwartete mich die Leibesvisitation, die mir am Vorabend Gott sei Dank erspart geblieben war. Und diese Durchsuchung geriet zu einer zeitraubenden Angelegenheit, da ich noch keine Gelegenheit gehabt hatte, mich umzuziehen. Ich sah folglich immer noch wie ein Nazi aus, weshalb ich das geballte Misstrauen der Flughafen-Security auf mich zog.

So bin ich wenige Stunden später auch in der Redaktion von Spiegel TV hereinmarschiert, wo ich von einem der Redaktionsleiter sofort den Kollegen vorgestellt wurde: »Das ist der Verrückte, der …«

Thomas Kuban ist das Pseudonym eines freien Journalisten, der sich auf Undercover-Recherchen spezialisiert hat. Seit einem Jahrzehnt arbeitet er dabei mit versteckter Kamera. Er hat mit Fernsehmagazinen in Deutschland, Belgien, Österreich und der Schweiz zusammengearbeitet, darunter Spiegel TV, Stern TV und Panorama. Seine Reportagen erscheinen in der Süddeutschen Zeitung, im Spiegel und in anderen Medien. Der auf Thomas Kubans Recherchen basierende Film »›Blut muss fließen‹ – Undercover unter Nazis« (Regie: Peter Ohlendorf) wurde 2012 auf der Berlinale gezeigt.

Siehe auch: Frei.Wild zwischen Deichkind und Beatsteaks, “Döner-Killer” von der NPD im Oktober vor Gericht, Die Internationale der Rechtsterroristen, Nazi-Rock vom Schulchor: Und alle singen mit, Rechter Lifestyle blüht im Osten,

7 thoughts on “Als Nazi-Skin bei „Noie Werte“ und „Race War“

  1. Der Film „Blut muss fließen- Undercover unter Nazis“ wird morgen Abend in Gifhorn in der Stadthalle aufgeführt. Der Eintritt ist frei, der Film startet um 19:30 Uhr. Der Regisseur steht hinterher für Fragen zur Verfügung. Teilnehmer an rechtsextremen Demonstrationen oder Veranstltungen, Mitglieder rechtsextremer Vereinigungen und/oder Besucher mit „rechter“ Kleidung (Thor Steinar, Eric and Sons etc.) werden von der Veranstaltung ausgeschlossen.

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