Der Zeitgeist und Helmut Kohls geistig-moralische Wende

Vor 30 Jahren wurde Helmut Kohl zum Kanzler gewählt und löste Helmut Schmidt im Amt ab. Mit dem Wechsel wurde auch eine „geistig-moralische Wende“ ausgerufen. Doch ein Rückblick zeigt: Große Veränderungen folgten dem Aufruf nicht. Eine Betrachtung zu Deutschland im Herbst.

 von Oliver D´Antonio*

Ein letztes Mal durfte Helmut Schmidt den großen Staatsmann inszenieren. Ohne eine Miene zu verziehen, schritt der Altkanzler, der er nun seit wenigen Sekunden war, auf seinen Amtsnachfolger Helmut Kohl zu, gratulierte ihm und verschwand – trocken, hanseatisch. Schmidt war soeben, am 1. Oktober 1982, durch ein konstruktives Misstrauensvotum von Helmut Kohl abgelöst worden. Das Bild des Händedrucks, des drahtigen Hamburger Sozialdemokraten und des massigen Pfälzers, ging um die Welt. Es wurde zum Symbol: Wendeherbst in Bonn, Machtwechsel in Westdeutschland. Bereits im Vorfeld hatte Helmut Kohl versprochen, nach 13 Jahren sozialliberalem Aufbruch endlich Schluss zu machen mit diesem Kapitel der jüngeren Geschichte des Landes. Eine „geistig-moralische Wende“ kündigte er an. Vor allem geschichtspolitisch wollte der promovierte Historiker Kohl aufräumen mit der Fixierung bundesdeutscher Erinnerungskultur auf die Epoche 1933 bis 1945, schließlich hätte die deutsche Geschichte weitaus mehr zu bieten. Grund genug, den 1. Oktober 1982 zu einer Zäsur zu stilisieren?

Helmut Kohl, 7. August 2012

Tatsächlich befürchteten viele linksliberale Deuter Schlimmes von der neuen Bundesregierung: eine sozialpolitische Demontage, einen kulturpolitischen Rollback nach den emanzipativen Aufbrüchen, einen geschichtspolitischen Revisionismus und eine neuerliche deutschlandpolitische Eiszeit. Konservative und marktliberale Kräfte hingegen blickten erwartungsfroh auf den Machtwechsel. Doch was ist wirklich dran am Wendebegriff von 1982? Dazu bedarf es eines Blicks zurück in die Zeit, in der der Aufbruch begann, gegen den sich Kohl nun wenden wollte.

Ende der Nachkriegsgesellschaft
In den 1960ern begann sich die westdeutsche Gesellschaft zu verändern: Ostermärsche, Bürgerproteste und Studentenrevolte hatten die bräsige Nachkriegsgesellschaft allmählich in Bewegung versetzt. Ein sozialstruktureller Wandel, der bereits damals seinen Anfang nahm, setzte in den 1970er Jahren voll ein: die Erosion traditioneller Milieus, Säkularisierung, Bildungsrevolution. Auf dieser Welle segelte auch Willy Brandts SPD. Im Oktober 1969 war in Bonn schon einmal Wendeherbst: Nach 20 Jahren an der Macht löste eine sozialliberale Koalition die CDU als Regierungspartei ab. Brandt versprach, mehr Demokratie wagen zu wollen, setzte grundlegend neue Akzente in der Deutschland- und Ostpolitik, forcierte Bildungs- und Hochschulreforme, deren Leitideen gesellschaftliche Mitbestimmung und wissenschaftliche Planung waren. Diese Politik passte gut in den Mainstream des Zeitgeistes der „langen 60er Jahre“ (Axel Schildt).

Dann wurde es wieder Herbst in Deutschland: Im Oktober 1973 überfielen Ägypten und Syrien Israel und wurden zwei Wochen später vernichtend geschlagen. Die gedemütigte arabische Welt reagierte scharf, die OPEC reduzierte die Ölförderung, die Preise für Rohöl kletterten binnen weniger Tage astronomisch und trafen die westlichen Nationen mitten im industriellen Strukturwandel mit voller Härte. Die leeren Autobahnen im November 1973 und die rapide ansteigende Arbeitslosigkeit in den folgenden Monaten führten den Zeitgenossen drastisch vor Augen, dass das Ende des „Goldenen Zeitalters“ (Eric Hobsbawm) der Nachkriegsära gekommen war. In der Bundesrepublik folgte dem Charismatiker Brandt der Pragmatiker Schmidt. Statt Zukunftsgestaltung bestimmte Krisenmanagement fortan die Tagespolitik – ein durchgängiges Muster bis ins 21. Jahrhundert. Fortan setzte eine verschärfte gesellschaftliche Polarisierung ein, bereits 1974 diagnostizierten wissenschaftliche Beobachter eine „Tendenzwende“. Das Erkennen eines wieder wachsenden Konservatismus führte jedoch nicht zurück in die Adenauer-Ära, er rehabilitierte sich vielmehr in äußerst komplexer und vielschichtiger Form. Von der pragmatischen und karriereorientierten Abwendung junger Akademiker vom linksliberalen Mainstream der Vorjahre bis hin zu einer diffusen links-ökologisch-konservativen Bewegung, die die Auswüchse eines menschen- und naturfressenden Kapitalismus und einer expansiven Rüstungspolitik kritisierte.

Bundesarchiv, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Erneuerer Kohl?
In diesem Epochenwechsel übernahm der als – dies mag aus heutiger Perspektive verwundern – Modernisierer geltende Helmut Kohl den Vorsitz der Christdemokratie. Wie schon Brandt nahm Kohl gesellschaftliche Grundstimmungen auf, verband eine moderne christlich-konservative Präsentation mit einer engagierten organisatorischen Renovierung seiner Partei. 1976 erreichte diese gesellschaftliche Polarisierung auch wahlpolitisch ihren Höhepunkt, das sozialliberale Lager gewann bei der Bundestagswahl nur hauchdünn vor Kohls Christdemokraten. Fortan, insbesondere nach der zweiten Ölkrise 1979, bröckelte auch die Bonner Koalition. 1982 kam es unter dem Einfluss des marktliberalen Wirtschaftsministers Lambsdorff zum Koalitionsbruch, Kohl wurde Kanzler. Die „geistig-moralische Wende“, die sich Kohl Anfang der 1980er-Jahre auf die Fahnen schrieb, hatte also eine lange Vorgeschichte.

Was jedoch in der Folge geschah, hatte nur wenig von einem Neuanfang, eine radikale Umkehr war es schon gar nicht. Kohl setzte, mit einigen Akzentverschiebungen, die Krisenpolitik seines Vorgängers fort. Die schwarz-gelbe Koalition verfolgte weiterhin einen Sparkurs, verteilte die Gelder nur etwas anders als zuvor Rot-Gelb. Eine veritablen Anschlag auf Sozialpartnerschaft und Korporatismus, wie dies Margret Thatcher in Großbritannien vollzog, eine Demontage des Sozialstaats, eine Aussetzung der betrieblichen Mitbestimmung, eine konservative Wende in der Gesellschafts- und Familienpolitik – nichts, aber auch gar nichts davon setzte der neue Kanzler um. Ist die Zäsur der „geistig-moralischen Wende“ also nicht mehr als eine Chimäre?

Hans Modrow, Vorsitzender des DDR-Ministerrates, Bundeskanzler Helmut Kohl und der Regierende Bürgermeister Walter Momper (West-Berlin) während der Öffnung des Brandenburger Tores am 22. Dezember 1989.

Geschichtspolitik
Es bleibt das eingangs genannte Feld der Geschichtspolitik, auf dem Kohl eigene Akzente zu setzen versprach. Auf diesem Feld bewegte sich seit den 1980er Jahren tatsächlich vieles in der Bonner Republik. Noch während der 1960er- und 1970er-Jahre war der das Schlüsseljahr 1945 zentraler historischer Referenzpunkt der Bundesrepublik. Dies ging so weit, dass der Bielefelder Historiker Wehler die gesamte deutsche Geschichte nur noch als ein Vorspiel zu den zwölf Jahren Nationalsozialismus interpretierte.  In den 1980er-Jahren wurden die Diskurse um die Deutung der deutschen Geschichte vielschichtiger. Zwar intensivierte sich der Diskurs um 1945, wofür beispielhaft die Debatten um den US-Fernsehfilm „Holocaust“ (1979), den Bitburger Soldatenfriedhof (1985) und die Rede Richard von Weizsäckers zum 40. Jahrestag des Kriegsendes (1985) stehen, aber er wurde nun auch hoch kontrovers geführt, wie der Historikerstreit (1986) demonstrierte. Daneben erfuhr jedoch auch die ältere deutsche Geschichte eine gewisse Blüte, wie die Preußenausstellung (1981) und zahlreiche historische Fernsehproduktionen belegen. Die konsolidierte Bonner Republik begab sich nach ihren Jugendjahren nun in eine intensive Debatte mit sich selbst, um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der „Normalität“ von Heimat, Patriotismus und Identität nach und trotz 1945 auszuloten. Die Geschichtspolitik Helmut Kohls blieb dabei jedoch ähnlich ambivalent wie der Diskurs selbst. Sein Berater, der konservative Historiker Michael Stürmer, übte dabei gewiss Einflüsse auf den Kanzler aus. Kohls Großprojekte Deutsches Historisches Museum (1987) sowie das Bonner Haus der Geschichte (1994) gehörten zu seinen geschichtspolitischen Akzentsetzungen, auch die Ausstellung „Topographie des Terrors“ (1987) und die Debatte um die Errichtung eines Holocaustmahnmals (seit 1988) fielen in Kohls Amtszeit. Kohl griff auch geschichtspolitisch zeitgeistige Debatten auf, hob symbolträchtige Kulturprojekte aus der Taufe, erreichte jedoch keineswegs eine nachhaltige Prägung oder gar Umdeutung der geschichtspolitischen Diskurse der Republik.

Als es 1989/90 wieder Herbst in Deutschland wurde, als nach dem revolutionären Umbruch in der DDR eine kurze patriotische Welle über das Land schwappte, da streifte sich der Kanzler dann doch den Mantel der Geschichte über, den er wehen sah, und betrieb engagiert die Vereinigung beider deutscher Staaten. Doch auch dieses neue Deutschland wurde nicht zum identitären Schmelztiegel, eine geistig-moralische Erneuerung folgte auch jetzt nicht. Die Deutschen, hüben wie drüben, blieben sich – teilweise bis heute – fremd. Und der Kanzler der Erneuerung, auf die viele immer noch warteten, hatte nach dem Kraftakt der Einheit keine Kraft mehr. Eine offensive Außen- und Verteidigungspolitik, eine grundlegende Sozialstaatsreform, eine neue Verfassung, all dies vollbrachte er nicht mehr. Danach stand auch nicht die Stimmung in den 1990er Jahren zwischen Krisenrhetorik und Globalisierungseuphorie. Als im Herbst 1998 Schröder und Fischer an die Macht gelangten, nahmen sie Kohl die grundlegende Wende, zu der er nie in der Lage war, ab. Sie schickten deutsche Soldaten in den Krieg, sie demontierten den rheinischen Kapitalismus und sie kümmerten sich dabei vor allem um eines nicht, die Stimmung im Lande.

Oliver D´Antonio ist Politikwissenschaftler und Mitarbeiter des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.

Siehe auch: “Dem Konservatismus fehlt es an klugen Denkern”Fleischgewordene geistig-moralische WendeHistorikerstreit 2.0: Wiederaufführung ohne neue ArgumenteKonservatismus – ein ideologischer PhantomschmerzMoin, moin, Konservatismus!Utopien des PrivatenKonservative in der Union: Auf zum letzen Gefecht!

4 thoughts on “Der Zeitgeist und Helmut Kohls geistig-moralische Wende

  1. Kohls größtes, gleichzeitig aber auch negativstes politisches Talent bestand darin, den Deutschen absolut nichts zuzumuten. Das ist auch der Grund, weshalb er 16 Jahre lang Kanzler war. Seine Geschichts- und Außenpolitik spiegelte den deutschen Konsens der damaligen Zeit wieder: Neue historische Deutungen blieb er tatsählich schuldig. Dafür die Intensive Zusammenarbeit mit Frankreich, (West-)Europäische Integration, Zusammenarbeit mit den USA, Richtung Osteuropa im weitesten Sinne Brandtsche Ostpolitik. Honeckers Staatsbesuch. Davor hat Honecker vermutlich schon ein Viertel der Welt abgegrast. Somit war Kohl etwas spät dran. Dass Kohl auf die Vertriebenen reinfiel – geschenkt.

    Kohl „Kanzler der Einheit“? Hätte Schmidt genauso, wenn nicht sogar besser gemeistert. Kohl war nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort da. Er hat nichts weiter gemacht, als den Wagen zu benutzen, zu dem man ihm die Schlüssel gegeben hat.

    Nach 1990 hat Kohl mit reichlich Knete Dtl. aus dem Golfkrieg herausgehalten. In den Balkankriegen bis 1995 flogen deutsche Tornados ausschließlich Aufklärungsflüge. Ein Kampfeinsatz der Bundeswehr lag, so kurz nach der Wiedervereinigung, außerhalb der Vorstellungskraft, und Kohl hat das sehr genau gewusst.

    Kohls Sozialpolitik? – Tja, die treibt vermutlich dem linkesten Linken (trotz F.D.P.) die Tränen in die Augen. Dagegen sind Schröder und Fischer (und Steinbrück) wahre Neoliberale.

    Die wirklichen Wenden kamen dann auch erst mit Rot-Grün: Zum einen der Umbau der Sozialstaats. Hätte Kohl in den 1990er (der demografische Wandel war seit Schmidt bekannt) Jahren damit schrittweise angefangen, wäre die „Agenda 2010“ gar nicht nötig gewesen. Zum anderen die Bundeswehrkampfeinsätze im Kosovo und in Afghanistan und der verdeckte Einsatz deutscher Geheimdienste im Irak, als man Angriffspunkte für die Nachtangriffe der Amis und Briten in Bagdad mit Lasern markiert hatte, obwohl sich Schröder offiziell gegen den Krieg aussprach. Im Prinzip haben Schröder und Fischer Dtl. zu einem „normalen“ Land im westlichen Bündnis NATO gebombt.

    Kohls 16 Jahre bedeuteten wirtschafts- und sozialpolitischen Stillstand. Von einem Kanzler, der Schwarze Kassen betrieb und seine Familie für Homestorys vor die Line zog, obwohl die Wahrheit völlig anders aussah, eine geistig-moralische Wende zu erwarten, wäre zu viel des Guten.

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