Nicht die Verantwortung der Opfer: Kampagne gegen sexualisierte Gewalt

Sexualisierte Übergriffe und Vergewaltigungen sind eine Begleiterscheinung des gerade stattfindenden Oktoberfestes. Um solche Vorfälle zu verhindern, gibt es zahlreiche Verhaltenstipps an mögliche Opfer. Dabei ist Präventionsbewusstsein für potenzielle Täter viel wirksamer. Dafür gibt es jetzt die Aktion „I frog di“.

Von Nicole Selmer

Die „Wiesn“ nahmen Kathy/@totalreflexion und Lotte/@lotterleben zum Anlass, im Netz Text- und Bildmaterial für eine Kampagne gegen sexualisierte Übergriffe und Vergewaltigungen zur Verfügung zu stellen. Und zwar nicht eine Auflistung von Verhaltenstipps für Frauen, um sich vor solchen Angriffen zu schützen, sondern Hinweise, die sich an die Täter richten. Eine wichtige Verkehrung der üblichen Perspektive, durch die die tatsächliche Verantwortung für sexuelle Übergriffe in den Blick genommen wird statt sie den möglichen Opfern zuzuschieben:

Während Begleitung durch Freundinnen und Freunde und Taxis sicherlich (leider) sinnvoll sind, tragen diese wichtigen Ratschläge immer auch eine gefährliche Botschaft in sich: Wenn dir etwas zustößt, ist nicht nur der Täter schuld, sondern auch du, weil du nicht vorsichtig genug warst oder nicht gut genug aufgepasst hast.

Mit thematisch passenden Lebkuchenherzen samt Zuckergussaufschrift in bayrischer Mundart richtet sich „I frog di“ eben nicht an potenzielle Opfer, sondern an potenzielle Täter. Eine wichtige Ergänzung zu bereits vorhandenen Aktion wie der Initiative „Sichere Wiesn für Frauen und Mädchen“, deren Fokus auf dem Selbstschutz der Frauen liegt. Im Flyertext von Kathy und Lotte hingegen heißt es: „[…] die Verantwortung für einen Übergriff liegt allein bei den Übergriffigen: Niemand hat das Recht, Andere ungefragt anzufassen, ihnen zu nahe zu kommen oder irgendetwas zu tun, was die andere Person nicht ausdrücklich möchte. Dies gilt auch für Bekannte oder Partner_innen und erst recht für Betrunkene.“

Auf den Lebkuchenherzen wird daraus kurz und griffig „I glang di ned o“ oder „I mog di, derf i?“ Die Materialien stellen die beiden kostenlos zum Ausdrucken, Verteilen und Anpassen für andere Gelegenheiten, Formate und Dialekte zur Verfügung. Die bisherigen Reaktionen sind fast ausschließlich positiv, Adaptionen etwa für den Karneval bereits angedacht. Eine Reaktion von der „Sichere Wiesn“-Initiative ist bisher ausgeblieben.

Was bietet Schutz vor Vergewaltigung?
Wie sehr die Perspektive des Opferselbstschutzes im Denken und Handeln verankert ist, lässt sich anhand eines schon vor mehr als zwei Jahren im Blog Kontextschmiede angestellten kleinen Gedankenexperiments erkennen [lesen – nachdenken – dann weiterlesen …]:

Wie sehr die eigene Per­spek­tive von einem patri­ar­cha­li­schen Sys­tem und den darin begrün­de­ten Erwar­tun­gen geprägt ist? Der geneigte Leser und auch die geneigte Lese­rin möge sich fra­gen: Was sind vier erfolg­ver­spre­chende Ver­hal­tens­re­geln, die Frauen Schutz vor Ver­ge­wal­ti­gung bieten?

Das sind eben nicht die möglichst wenig provozierende Kleidung, die immer griffbereite Trillerpfeife oder das selbstbewusste Auftreten, um den Anschein eines leichten Opfers zu vermeiden, sondern kurze Röcke nicht als Einladung zu sehen, ein Nein als Nein zu akzeptieren oder die Hilflosigkeit einer möglicherweise betrunkenen Frau nicht zu einem sexuellen Übergriff auszunutzen. Simpel, aber dennoch nicht die übliche Betrachtungsweise.

Bei „I frog di“ finden sich einige weitere Beispiele für Kampagnen gegen Vergewaltigung, die auf ähnliche Weise wie die bayrischen Lebkuchenherzen (potenzielle) Täter adressieren. Die dort aufgeführten Kampagnen wie „Men can stop rape“ oder „This is not an invitation to rape me“ stammen aus dem angelsächsischen Raum, genauer aus den USA und Schottland.

Aus Ottawa, Kanada kommt zudem die Posteraktion „Don’t be that guy“. Vorbilder für weitere Kampagnen gegen Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe, die sich an Täter richten, gäbe es also für den deutschen Sprachraum auch über die gelungenen Lebkuchenherzen von „I frog di“ hinaus.

10 thoughts on “Nicht die Verantwortung der Opfer: Kampagne gegen sexualisierte Gewalt

  1. Guter Text, gute Aktion,
    nur den Taschenspielertrick erst patriachale Strukturen und Denkformen salient zu machen, dann eine offene Frage zustellen und mit den Antworten die vermutlich durch eben jene Strukturen geprägt sind (zu mal bei einer Gedächtnisaufgabe auch ohne Vorzüge dieser Gedankenstrukturen zunächst die salienten und auch gesellschaftlich salienten Antworten gegeben werden) beweisen zu wollen, wie fürchterlich patriachal auch die Leser hier sind (keine Frage das sind wir vermutlich weitgehend) hätten Sie sich sparen können. Das patriachale Strukturen derzeit vorherrschen und auch uns beeinflussen kann auch argumentativ und wissenschaftlich gezeigt werden. Diese Taschenspielertricks können wir getrost denen überlassen, denen es an Argumenten fehlt.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Johannes

    Anm.d.Red:
    Salient ist aber auch ein zu hübsches Wort, oder? Welche „Taschenspielertricks“ wir benutzen, um uns und unsere Leser/innen dafür zu sensibilisieren, wie sehr das Präventionsdenken davon geprägt ist, Opfer für ihre Situation und ihren Schutz selbst verantwortlich zu machen, entscheiden wir auch künftig alleine. Es ist unser Blog, falls das bislang nicht salient genug war.

  2. Ich finde die Aktion sehr gut und wichtig.
    Ich finde auch wichtig aufzuzeigen, wie sehr unsere Denken von üblichen Betrachtungsweisen über Vergewaltigungen geprägt ist, wenngleich ich es sehr gut finde, dass ihr im Gegensatz zu anderen Seiten damit nicht abwertet, dass es Präventionskampagnen gibt, die sich an Frauen richten.
    Wie mein Vorkommentator finde ich das Beispiel, das aufzeigen soll wie sehr wir von patriachalen Strukturen geprägt sind, nicht sehr schlüßig (und eure Antwort darauf auch nicht sehr sympathisch – ich hoffe mal, das lag daran, dass ihr euch an seinem Tonfall gestört habt und nicht daran, dass es auf diesem blog nicht den Hauch von Kritik geben kann, denn ein blog dient ja auch dem Austausch von Meinungen unter ähnlich denkenden):
    „Was sind vier erfolg­ver­spre­chende Ver­hal­tens­re­geln, die Frauen Schutz vor Ver­ge­wal­ti­gung bieten?“ Dieser Satz impliziert meines Erachtens, dass es etwas oder jemanden gibt, vor dem Frauen geschützt werden müssen. Deshalb werden Menschen nach Dingen suchen, die Frauen vor Vergewaltigern schützen. Da kommen erstmal die üblichen (wohl auch patriachalen) Vorschläge, dass Frauen sich schützen sollten. Man könnte dann übergehen zu Vorschlägen, die die ganze Gesellschaft oder den Staat betreffen (Erziehung, Zivilcourage, Frauenparkplätze, Videoüberwachung – um mal ein paar mehr oder weniger sinnvolle Vorschläge zu nennen). – allerdings sind das keine Verhaltensregeln „Ein Nein zu akzeptieren“ ist aber ein wenig wie „nicht vergewaltigen“. Und das ist richtig, aber es leitet sich nicht unbedingt aus der Logik der Frage ab. Ich finde es wirkt verkürzt und es würde keiner logisch-analytischen Betrachtung standhalten, das so zu schreiben. Dass man auf die Frage mit Vorschlägen an Frauen antwortet leitet sich aus der Art der Frage ab.
    Ich finde es unglaublich wichtig, zu zeigen, dass die Verantwortung alleine beim Täter liegt und die gegebenen Antworten zeigen ein differenziertes Bild von Vergewaltigungen – es sind nämlich eben nicht immer böse vermummte Männer, die Frauen überfallen, sondern „normale“ Männer, die kein Nein akzeptieren und sich möglicherweise nicht mal bewusst sind, dass sie Vergewaltiger sind, weil sie für sich irgendwelche Ausreden erfinden.
    Der Ansatz und die Beantwortung der Frage sind also extrem sinnvoll. Aber der Rückschluß von den gängigen Antworten auf eine patriachale Prägung hinkt einfach.

    1. Nun ja, fast alles lässt sich immer noch besser formulieren. Trotzdem finden wir es ein gutes Beispiel um zu verdeutlichen, dass Kampagnen wie „Sichere Wiesen“ zwar nicht unbedingt nur den „falschen“ Ansatz wählen, aber halt doch einen sehr verkürzten und außerdem auch wenig erfolgversprechenden. Ein weiterer wichtiger Punkt an Kampagnen wie „Dont’t be that guy“ ist ja, dass sie ersten Studien zufolge auch wesentlich mehr Wirkung zeigen, eben weil sie sich an die Täter wenden.

      Nehmen wir ein anderes Beispiel: Verkehrstote. Auch da beschäftigt sich Prävention zwar auch damit, nach rechts und links zu gucken, Fahrradhelm zu tragen und im Dunkeln keine schwarzen Sachen anzuziehen, gleichzeitig aber gibt es mit Tempolimits, Verkehrskontrollen, Alkoholtests und Straf- und Bußgeldern, sowie dutzenden Anti-Raser-Kampagnen natürlich ein ganz erhebliche breiteres Spektrum an „Täter“-zentrierter Prävention. Letzteres fehl im Bereich sexuelle Gewalt zwar vielleicht nicht vollkommen, aber doch weitgehend. Darum ging es uns.

      Warum nun unsere Aufforderung, Opfer-zentriertes Präventionsdenken an sich selbst zu überprüfen nun der Knackpunkt der Kritik an diesem Artikel sein sollte, erschließt sich uns daher nicht, und der Vorwurf des „Taschenspielertricks“ schon gar nicht. Es geht wie gesagt nicht primär um den Nachweis einer „patriarchalen Prägung“ bei dem/der einzelnen, sondern lediglich um eine Sensibilisierung.

  3. Kleines Update: Die Initiative „Sichere Wiesn“ hat sich inzwischen von „I frog di“ begeistert gezeigt. In der morgigen Süddeutschen erscheint ein Text zu beiden Aktionen.

  4. @ Anonymous (Johannes):

    Wenn man es schon darauf anlegt, tief verschachtelte Sätze zu formulieren, sollte man doch zumindest die elementaren Werkzeuge zur grammtischen Strukturierung der Schriftsprache beherrschen. Das Fehlen von Kommata macht solche Sätze unerträglich zu lesen.

  5. Liebe Kolleginnen,

    kleine Ergänzung und Korrektur von der „Sicheren Wiesn“:
    http://www.sicherewiesn.de/index.php/de/ziele:

    Zielgruppen
    Die Aktion richtet sich an Besucher und Besucherinnen des Oktoberfestes und an alle, die beruflich mit dem Oktoberfest zu tun haben: Schausteller, Wiesnwirte, Beschäftigte in der Gastronomie und im Tourismus sowie öffentliche und private Sicherheits- und Transportfachkräfte. Männer sollen zur Verantwortung und Solidarität aufgerufen und potenzielle Täter abgeschreckt werden. Für betroffene Frauen und Mädchen wird die Aktion angemessene unterstützende Angebote bereitstellen. Darüber hinaus geht es auch um die Ansprache der breiten Öffentlichkeit, die für das Tabu-Thema „sexuelle Gewalt“ sensibilisiert werden soll.

    Wir als Organisatorinnen der Aktion sehen selbstverständlich die Täter als Alleinverantwortliche. Das kommunizieren wir aber auch laufend gegenüber der Presse („Eine Frau könnte nackt übers Oktoberfest laufen, das gäbe niemandem das Recht sie zu belästigen“ – „Keine Frau ist für sexuelle Gewalt verantwortlich, die ihr angetan wird“ – „Kein Rock ist „zu kurz““…). Unsere Plakat- und Flyer-Kampagne heißt dieses Jahr eben „Pfotn weg – i mog ned“ – nächstes Jahr steht auf unseren Herzerln ein anderer Spruch :-) – und im Jahr drauf wieder ein anderer usw.
    Getreu unserem Motto – Spaß auf der Wiesn, aber sicher!

    Und im übrigen ist das Pressegeschäft eins, bei dem leider auch mal falsch zitiert wird – z.B. SZ von heute „…hochgerutschtes Dirndl. Klar, dass das manche Männer als Einladung sehen“. Hätte ich das tatsächlich gesagt, würde ich als Sprecherin der Aktion meinen Hut nehmen :-) – nix für unguad – macht weiter sooo!!!

    Gemeinsam sind wir stark!
    Eure Kolleginnen von der Sicheren Wiesn für Mädchen und Frauen

  6. Liebe Christine Rudolf-Jilg, danke für die Anmerkungen und viel Erfolg für die Arbeit!

  7. Mit Verlaub: mir ging es in meinem vorhergegangenem Kommentar nicht darum Ihnen irgendetwas vorzuschreiben. Dennoch finde ich gerade bei einem blog der sich Reflexion auf die Fahnen schreibt merkwürdig, wenn solche Methoden benutzt werden. Dass ich den auch keine inhaltliche Antwort bekomme, die vielleicht Ihre Methoden gerechtfertigt oder erklärt hätte, scheint dann auch nur logisch stringent.
    Übrigens ist mir klar, dass ich das Wort salient häufig benutzt habe. Das habe ich aber nicht getan, weil es so schön ist (ist es aber dennoch wie ich persönlich finde) sondern weil ich bemüht ware Ihnen möglichst genau zu erklären warum ich Ihre Methode problematisch fand, um eine inhaltliche Antwort zuermöglichen und nicht auf dem leider üblichen Beissreflex- und Blogkommentar-niveau zu bleiben, das Sie dann aber doch erfolgreich bedient haben.
    Mir eine Übergriffigkeit auf die Autonomie ihres blogs zu unterstellen ist gelinde gesagt lächerlich.

    @Chewie: mir ist auch klar, dass meine Kommasetzung nicht immer der deutschen Grammatik entspricht, ich halte meine Sätze, wenn auch manchmal etwas lang und durch Halbsätze verzerrt, dennoch für verständlich, ich setze dabei natürlich eine bestimmte Zielgruppe vorraus, namentlich die Autorin. Das Sie meinen Kommentar dadurch als „unerträglich“ kennzeichnen, fand ich in der Folge auf ausgebliebene inhaltliche Reflexion doch bezeichnend und belustigend.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Johannes

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