„How to change the world“ – Zum Tod von Eric Hobsbawm

Eric Hobsbawm, einer der wichtigsten zeitgenössischen Historiker, ist tot. Er verstarb in der Nacht zum 1. Oktober 2012 in London. Hobsbawm brachte der Geschichtswissenschaft die Rekonstruktion des Lebens und Erlebens der einfachen Bevölkerung bei – statt Geschichte als Abfolge der Taten großer Männer zu begreifen und zu erzählen. Zeitlebens blieb er bekennender Marxist und mischte sich ins tagespolitische Geschehen ein. Sein Tod ist der Verlust eines bedeutenden kritischen Intellektuellen.

Von Andreas Strippel & Andrej Reisin

Eric Hobsbawm
Eric Hobsbawm (2009)

Hobsbawm wurde als Sohn jüdischer Eltern 1917 im ägyptischen Alexandria geboren. Sein Vater war britischer Kolonialbeamter, seine Mutter stammte aus Wien, wohin die Familie nach dem Ende des Ersten Weltkriegs umzog. Seine Eltern starben 1929 bzw. 1931 kurz nacheinander, Hobsbawm und seine Schwester zogen zu einem Onkel nach Berlin, wo er bis kurz nach der Machtübernahme der Nazis lebte. Während seiner Berliner Zeit, die er als „den entscheidenden Abschnitt in meinem Leben“ ansah, erlebte er den Aufstieg der NSDAP hautnah und wurde Kommunist.

„I came to Berlin in the late summer of 1931, as the world economy collapsed … [It was] the historic moment that decided the shape both of the twentieth century and of my life.“

1934 emigrierte Eric Hobsbawm mit 17 Jahren nach England und begann nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine mehr als sechs Jahrzehnte andauernde Tätigkeit als Historiker. Sein unerschütterlicher Antikapitalismus war für ihn eine logische Schlussfolgerung aus seinem persönlichen Erleben und seiner marxistischen Lektüre: Das Umschlagen der Weltwirtschaftskrise in Nationalsozialismus, Krieg und Völkermord und die damit einhergehende Zerstörung von Demokratie, Kultur und Zivilisation in Deutschland hatten für Hobsbawm den Beweis erbracht, dass der bürgerlich-liberale Kapitalismus jederzeit am Abgrund der Barbarei entlang balancierte – eine Einschätzung, die er mit Theoder W. Adorno und der Kritischen Theorie teilte. Er blieb seinem Standpunkt zeitlebens treu und nutzte ihn bis zuletzt, um beispielsweise die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise zu kommentieren und den arabischen Frühling zu begrüßen.

Publikative empfiehlt: Hobsbawm lesen!

Dank seinem Anspruch, Geschichte von und auch für „normale“ Leute zu schrieben, sind Hobsbawms Werke für wissenschaftliche Bücher ungewöhnlich gut und spannend zu lesen. Sein historisches Werk konzentriert sich dabei maßgeblich auf die Zeit zwischen der Französischen Revolution und dem Ersten Weltkrieg, für die er den Begriff „das lange 19. Jahrhundert“ prägte. Seine drei Bücher „The Age of Revolution: Europe 1789-1848 (Europäische Revolutionen: 1789–1848), The Age of Capital: 1848-1875 (Die Blütezeit des Kapitals. Eine Kulturgeschichte der Jahre 1848–1875) und The Age of Empire: 1875-1914 (Das imperiale Zeitalter 1875–1914) sind Standardwerke über diese Zeit. 

Hobsbawm beschäftigte sich auch intensiv mit der Geschichte der Arbeiterbewegung in Europa. Seine politische Parteinahme für die Unterdrückten zeigt sich zum Beispiel auch in „Bandits“ (Die Banditen. Räuber als soziale Rebellen), einem Buch zur Sozialgeschichte von Räubern, die ihre Beute mit der verarmten Bevölkerung teilten. Auch wenn die These vom Räuber als sozialem Rebellen von der neueren Geschichtsschreibung nicht mehr aufrechterhalten wird, ist dieses Buch – auch für seine Kritiker – ein Klassiker. Darüber hinaus interessierte sich Hobsbawm für die Entstehung des Nationalismus in Europa und die „Erfindung von Traditionen“, mit denen moderne Gesellschaften Institutionen, Struktur und soziale Ordnung festigen und rechtfertigen. Diese erfundenen Traditionen bilden dann im Laufe der Zeit das „nationale Gedächtnis“. Ein berühmtes Beispiel für solch eine erfundene Traditionen ist der schottische Kilt, den sich ein englischer Fabrikant  im 18. Jahrhundert ausdachte.

„The world will not get better on its own“

In “The Age of Extremes. The short twentieth century, 1914–1991“ (Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts) beschäftigte sich Hobsbawm dann konsequenterweise mit dem „kurzen“ 20. Jahrhundert vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zum Ende der Sowjetunion, wobei er eingestand, als Zeitzeuge befangen zu sein. So kritisierten Kollegen wie der britische Historiker Tony Judt denn auch, das Hobsbawm sich bei seinen Analysen zu sehr von seiner politischen Einstellung habe leiten lassen und in Wahrheit ein „Romantiker“ sei, der lebenslang einer  bestimmten historischen Situation – dem Ende der Weimarer Republik – nachgehangen habe.

Hobsbawm selbst bestätigte dies indirekt in zahlreichen Interviews, wenn er zum Beispiel zugab: „I didn’t want to break with the tradition that was my life and with what I thought when I first got into it„,  wobei er dies eben nicht als negativen Starrsinn begriff, sondern als positive Standfestigkeit. So gab er noch 2011 den Sammelband „How to change the world – Tales of Marx and Marxism“ (Wie man die Welt verändert: Über Marx und den Marxismus) heraus. Seine Autobiografie „Interesting Times. A twentieth-century life“  (Gefährliche Zeiten. Ein Leben im 20. Jahrhundert) endet mit den Worten: „Social injustice still needs to be denounced and fought. The world will not get better on its own.” Daran hat sich nichts geändert.


7 thoughts on “„How to change the world“ – Zum Tod von Eric Hobsbawm

  1. Hobsbawn, Marxist und (zumindest lange Zeit) Kommunist hat seine wahre Gesinnung und seine wahre Intelligenz in seinem Buch über die (europäischen) Hunnen offenbart. Diese Stämme beschrieb er in völliger Übereinstimmung mit der Lehre von Engels und Marx als primitive Untermenschen, die plündern mussten, weil die ‚unzulängliche‘ Produktionsweise der Steppe es so verlangte, womit der Marxist Hobsbawn alle billigst-rassistischen Vorurteile der Gosse gegenüber den Steppennomaden replizierte. Ganz anders sein Zeitgenosse, der nicht-Marxist und Sozialdemokrat Maenchen-Helfen, der auf Basis weitaus seriöserer Studien das glatte Gegenteil bewies. Der Marxist Hobsbawn kannte die Werke des Sozialdemokraten noch nicht einmal und zeitlebens weigerte er sich, seine primitiven rassistischen Ansichten über die Hunnen zu revidieren. Und so jemanden ehrt ihr?!

  2. Hobsbawm – nach eigener Wortwahl ein „un-jewish Jew“ – war übrigens ein überzeugter Antizionist. Zionismus war für ihn eine bloße Variante des „bürgerlichen“ Nationalismus.
    In dieser Hinsicht war er ein Vorläufer von Felicia Langer oder Theo Pirker. Ob Ihr wirklich glaubt, man könnte diesen Aspekt durch Weglassen zum Verschwinden bringen?

  3. @Rainer Lang / Anonymous:

    Hobsbawm hat sogar die Opfer des Stalinismus einst als „notwendig“ im Sinne des Fortschritts der Menschheitsgeschichte bezeichnet. Und nun? Entwertet das alle seine Bücher? Befinden sich nicht nur wir, sondern auch alle anderen publizistischen und wissenschaftlichen Nachrufe im Irrtum? Mitnichten.

    Wir halten seine Bücher teilweise für brillant, seine politischen Interventionen (wie sie bspw. im verlinkten BBC-Interview vorgetragen werden) für bedenkenswert und notwendig. Hat er deswegen mit allem und jedem Recht? Müssen wir deswegen alle seine Positionen teilen? Mitnichten.

    „Zweifel ist kein angenehmer Zustand, Gewissheit aber ist ein lächerlicher.“
    (Voltaire)

    Gute Nacht & Herzliche Grüße
    A.R.

  4. Nun ja, ein „bedeutender kritischer Intellektueller“ hat ja auch nicht für alles Zeit, er kann z.B. nicht solche Lappalien wie den Hitler-Stalin-Pakt oder die Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes kritisieren. Schließlich hat er genug damit zu tun, trotz aller Widrigkeiten des Lebens im englischen College-Betrieb genügend Rechtfertigungen zu finden, um in der Partei bleiben zu können.

    Der jetzt 100 Jahre alte Erwin Jöris ist ganz sicher nicht so berühmt wie Hobsbawm und ihm werden auch keine solchen Kränze als „bedeutenden kritischen Intellektuellen“ geflochten. Er hat ja auch nur einiges erlebt unter den kontinentalen Dikaturen des 20. Jahrhunderts, was jedenfalls für solche Hymnen aber nicht reicht.

    Die einen bleiben halt in der Partei, die anderen machen Erfahrungen. Und dann gibt es noch „wir“, die brillante Positionen entdecken.

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