Stimmenfang am Stadion

„Was tun gegen rechts?“ – Eine Frage, die Politiker lieber zur Diskussion stellen, als sie mit Taten zu beantworten. Das ist auf jeden Fall der Eindruck, den ein Blick auf die Bremer Lokalpolitik liefert, wo Innensenator Ulrich Mäurer einen Brandanschlag auf eine Einwandererfamilie nicht als politisch motivierte Tat erkennen möchte. Dafür veranstaltet die Bürgerschaftsfraktion eine Diskussionsrunde um über die Unterwanderung der Bremer Fanszene durch Neonazis zu diskutieren.

Ein Gastbeitrag von verbrochenes.net 

Die Redaktion des Blogs verbrochenes.net – zu Hause in Bremen und im Weserstadion – erklärt in einem Brief an Bettina Scharrelmann von der Bremer Bürgerschaftsfraktion der SPD, warum sie die Veranstaltung lieber absagen und sich zunächst mit den tatsächlichen Zuständen im Weserstadion und drumherum beschäftigen sollte.

Sehr geehrte Frau Scharrelmann,
vielen Dank für Ihre Einladung zu der von Ihnen „Veranstaltung gegen Rechts“ genannten Podiumsdiskussion am 10. Oktober im Lagerhaus. Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass wir diese Veranstaltung nicht besuchen werden, im Gegenteil: Wir möchten Sie dazu auffordern, diese Veranstaltung abzusagen.

Wir fragen uns, wie ausgerechnet die SPD etwas gegen „Rechts“ tun will. Der Bremer Innensenator, ein Sozialdemokrat der alten Schule, hat kürzlich erklärt, es sei „keine politische Tat, wenn jemand alkoholisiert ,Sieg Heil’ ruft.“ Der rassistisch motivierte Brandanschlag in Woltmershausen ist laut Kamerad Mäurer „kein klassisches Delikt rechtsradikaler Täter“ gewesen. Die Frage ist nun, Frau Scharrelmann, über welches „Rechts“ Sie denn sprechen wollen, wenn Leute, die „Sieg heil!“ und „Ausländer raus!“ rufen und dann versuchen, mitten in Bremen ein Haus voller Menschen anzuzünden, offensichtlich nicht als rechts, nicht einmal als politisch gelten. Gibt es dann überhaupt noch Rechte in Deutschland? Nun sind Sie nicht Herr Mäurer, Frau Scharrelmann, aber das tut hier wenig zur Sache: Schließlich sind es die Fraktionen der SPD und der Grünen, die diesen Mann im Amt halten.

Und dabei ist die Verharmlosung rechter Möchtegern-Mörder auch in diesem Fall noch nicht alles. Bremer Polizei und Innensenator setzen die spätestens seit den NSU-Morden bekannte deutsche Tradition fort, Opfer rechter Gewalt nicht nur nicht zu schützen, sondern im Anschluss auch noch zu beleidigen. So wurde der Familie aus Woltmershausen empfohlen, doch einen Eimer Wasser als Schutz gegen einen weiteren Brandanschlag bereitzustellen – mehr wollte die Bremer Polizei für diese Menschen nicht tun. Herr Mäurer bezichtigt die Opfer in dieser Sache nun der Lüge – nachdem er den Brandanschlag zuvor auf die „schwierigen“ Verhältnisse in der Nachbarschaft zurückgeführt und die rassistische Tat damit als irgendwie begründet verharmlost hatte.

Nicht zum ersten Mal verteidigte Herr Mäurer das Vorgehen der Polizei, dass man ebenfalls nur als rassistisch bezeichnen kann: Statt die Täterinnen und Täter erst mal in der Zelle schmoren zu lassen, wie es bei einem versuchten Totschlag üblich ist, durften sie nach einer Blutprobe wieder gehen. Solange die grüne und die sozialdemokratische Fraktion diesen Mann und seine Polizei damit beauftragen, für die Sicherheit der Menschen in Bremen zu sorgen, sollten Sie zumindest den Anstand besitzen, auf die Ausrichtung von „Veranstaltungen gegen Rechts“ zu verzichten, Frau Scharrelmann.

Antifaschistische Fanszene

Proteste der Werder-Ultras gegen Neonazis (Foto: Racaille Verte)
Proteste der Werder-Ultras gegen Neonazis (Foto: Racaille Verte)

Nun haben Sie sich, und das ist politisch sicher ganz clever, ein anderes Thema als den rassistischen Anschlag in Pusdorf für Ihre Veranstaltung ausgesucht. Sie fragen jetzt: „Wie verhindern, dass Neonazis die Bremer Fanszene unterwandern?“ Wir würden gerne unterstellen, dass das gut gemeint ist, in erster Linie ist es allerdings blanker Unsinn: Die Bremer Fanszene besteht entgegen Ihrer offenkundigen Annahme nicht aus naiven Idioten, die von einer klandestinen „Unterwanderung“ durch perfide Nazi-Kader bedroht sind. Im Gegenteil, die Fanszene und insbesondere die Ultraszene tun seit Jahren, worüber Sie jetzt reden wollen.

Von einer Fanszene, die selbst Subjekt antifaschistischer Arbeit ist, ist im Einladungstext aber nichts zu lesen. Stattdessen wollen Sie diskutieren, „wie die Politik die Vereine bei ihrer Arbeit gegen Rassismus und Diskriminierung unterstützen kann“. Sehen wir mal ab davon, dass der maßgebliche Verein in dieser Stadt eine millionenschwere Firma ist und kein kleines, selbstorganisiertes Projekt mit dem Ziel, Sport zu treiben – auch sonst hat die Fragestellung mit der Realität nichts zu tun. Schon bevor der SV Werder nach dem Angriff auf antifaschistische Fans im Ostkurvensaal aufgewacht ist, haben zwei Ultragruppen mit dem angefangen, worüber Sie jetzt diskutieren lassen wollen – genau deswegen sind sie angegriffen worden. Und Ihr bescheuerter Justizapparat hat es auch nach Jahren nicht hingekriegt, die Neonazis für ihr Treiben angemessen zu belangen. Stattdessen liefen die stadtbekannten Neonazis wie die Könige durch das Bremer Amtsgericht und konnten ungehindert weitere Drohungen aussprechen. Sie wissen, dass ihnen vom sozialdemokratischen Establishment in Bremen keine Gefahr droht.

Das haben sich die Fans selbst aufgebaut

Das Gute ist: Im Stadion von Werder Bremen können Nazis sich schon lange nicht mehr erlauben, was sie sich im Amtsgericht von Mäurer, Picard und Co erlauben. Denn im Stadion ist couragierten Leuten genau das gelungen, worüber Sozialdemokraten jetzt großspurig diskutieren wollen: Während vor zehn Jahren rassistische und homophobe Gesänge bei jedem Spiel im Weserstadion zu hören waren, muss heute mit Gegenwind rechnen, wer sowas anstimmt. Das haben die Fans selbst gemacht, und dafür brauchten sie keine Podiumsdiskussionen im Lagerhaus bei Bier für 2,80 €.

Ihre Veranstaltung ist nichts anderes als blassrosa Stimmenfang. Es ist die blanke Heuchelei, sich jetzt, pünktlich nach Ende der Ostkurvensaal-Prozesse, an dieses Thema zu hängen. Und Sie entlarven sich und ihre Ignoranz dabei selbst: Es wurde „ein linkes Fanprojekt von Neonazis angegriffen und bedroht“? Nein, es wurde kein linkes Fanprojekt angegriffen, die antifaschistische Ultragruppe Racaille Verte wurde angegriffen und bedroht, in den Räumen des Fan-Projekt Bremen e.V.. Und dieser Überfall liegt bald sechs Jahre zurück, was Sie beredt verschweigen. Während wir ein gewisses Verständnis für Ihr politisches Geltungsbedürfnis haben, empfinden wir Ihr offensichtlich umfassendes Desinteresse an den tatsächlichen Umständen als Beleidigung für alle, die sich in den letzten Jahren im Zusammenhang mit Fußball gegen Nazis engagiert haben.

Wieder einmal: Keine Fanvertreter auf dem Podium

Ein weiteres Beispiel für Ihre Ignoranz ist, dass niemand aus der Fanszene aufs Podium geladen ist. Und nein, Thomas Hafke ist zwar vom Fan-Projekt, hat auch mit Fans zu tun, ist aber ein von Ihnen bezahlter Sozialarbeiter. Ronny Blaschke hat sicher einiges zum Thema zu berichten. Allein, wenn die Damen und Herren aus den Regierungsfraktionen auch nur das geringste Interesse daran hätten, hätten sie das schon vor einem knappen Jahr hören können, als Racaille Verte den guten Mann zu einer Lesung eingeladen hatte. Auch damals gab es eine Diskussion im Anschluss, wenn auch ohne als solche erkennbare SPD-Mitglieder und die Polizei. Das haben die Fans selbst gemacht, egalitär und bei Bier für nen Euro.

Wenn Sie und Ihre Partei, Frau Scharrelmann, nun tatsächlich Interesse daran haben sollten, „welche Hilfen die Opfer von rechter Gewalt und Diskriminierung brauchen“, haben wir einen Vorschlag: Sprechen Sie doch einfach mit ihnen statt über sie. Und wenn Sie etwas „gegen Rassismus und Diskriminierung“ tun wollen, dann suchen Sie sich doch einen neuen Innensenator oder eine neue Innensenatorin. Der oder die kann sich dann vielleicht auch ernsthaft mit den Problemen auseinandersetzen, die Vereine wie der KSV Vatan haben.

Siehe auch: Zu viel Presse, zu wenig Nazis: kein neuer Prozess in BremenBananenrepublik BremenUltras: Wer mit dem Feuer spieltNur Maulwürfe können den Fußball unterwandernWerder schließt NPDler Pühse endgültig ausKurzer Prozess in Bremen: Proteste gegen zu mildes Hooligan-UrteilKommentar: Werder hat alles richtig gemacht, die Medien nicht!“Tatort Stadion”: Werderfans gegen Diskriminierung

4 thoughts on “Stimmenfang am Stadion

  1. Hehe, schönes Ding.

    Aber das ist typisch SPD – gerade, dass die Innensenatoren/Minister den Kollegen von der CDU nicht nur in nichts nachstehen, sondern sie teilweise gar überflügeln. Egal ob Erhart Körting in Berlin, Otto Schily damals im Bund oder eben Mäurer in Bremen. Es sind immer die Hardliner, die bei der SPD Innenminister werden – liegt wohl auch daran, dass es immer Juristen sind und davon diejenigen, die sich auf Polizei- und Ordnungsrecht spezialisiert haben… dass diese kleine Gruppe beim Konflikt zwischen Bürger und Staat stets auf der Seite des Staates steht verwundert nicht wirklich.

    Die Innenpolitik betreffend ist selbst die FDP noch näher am Bürger als die SPD – und das ist ein echtes Armutszeugnis.

    Und diese Arroganz, nicht mit den Betroffenen selbst zu sprechen, sondern über sie, ist auch recht typisch für eine Partei, die nur sehr begrenzt für direkte Demokratie ist. Die SPD will – wie es leider von der Verfassung vorgesehen ist – an Stelle der Bürger im Auftrag der Bürger regieren. Aber wie soll das funktionieren, wenn man sich nicht auf mal mit seinem Auftraggeber unterhält?!?

    Die Parteien (anstelle des Volkes) haben in unserer Demokratie einfach zu viel Macht. Das führt dann auch dazu, dass Leute wie der Mäurer, um den es hier ja schwerpunktmäßig geht, natürlich strikt dafür sind, dass die höheren Richterposten weiter durch die Parteien gewählt werden, statt die Richter, um eine wirklich unabhängige Judikative zu gewährleisten, vom Volk direkt wählen zu lassen (oder zumindest von ihren Kollegen der unteren Ebenen, die (meist) nicht nach Parteibuch eingestellt werden…)

  2. Hui, Treffer. Beschreibt sehr schön, warum bei Veranstaltungen zu dem Thema mittlerweile ein Parteilogo bereits eine Hürde darstellt, warum viele Engagierte dankend abwinken, wenn Parteien ins Spiel kommen.

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