Die „RAF-Fahne“ von Mainz: Ein Witz, der keiner ist

Bei Mainz 05 war beim letzten Heimspiel ein roter Doppelhalter mit weißem Stern und einer Maschinenpistole zu sehen, auf dem in roten Lettern „USM“ prangte – das Kürzel für Ultra Szene Mainz. Das Symbol ist abgekupfert – von der RAF. Obwohl der Halter keineswegs neu ist, sorgt er nun für künstliche Empörung, vor allem bei der „BILD“ und dann beim DFB – bei dessen „Ermittlungen“ man nicht erst seit gestern den Eindruck haben muss, sie seien vor allem von medialen Stichwortgebern abhängig. 

Von Andrej Reisin

Irgendwo hier ist angeblich ein RAF-Logo versteckt (Foto: Rheinhessen on Tour)
Irgendwo hier ist angeblich ein RAF-Logo versteckt (Foto: Rheinhessen on Tour)

Nach dem BILD-Artikel, in dem von einem „Skandal“ und einer „RAF-Fahne“ die Rede war, ermittelt nun der DFB und hat Mainz 05 zu einer Stellungnahme aufgefordert. Fast schon zerknirscht musste das große Meinungsbilderblättchen später feststellen, dass die Fahne „kein strafrechtliches Nachspiel“ hat. Grund ist allerdings nur bedingt, dass „die RAF sich aufgelöst hat und nicht mehr existiert„, wie BILD mit atemberaubendem Nachrichtenwert eine Staatsanwältin zitiert, sondern dass das Symbol in Deutschland zu keinem Zeitpunkt verboten war  – geschweige denn ist. Zur Aufdeckung dieses „Skandals“ brauchte BILD aber immerhin mindestens drei namentlich genannte Journalisten.

Im Schlepptau der BILD bekleckerte sich auch die Deutsche Presseagentur dpa nicht gerade mit Ruhm: Sie bezeichnete in einer von vielen Medien wie immer ungeprüft übernommenen Meldung „das rote Tuch mit dem weißen Stern und der Maschinenpistole“ als „das untrügliche Zeichen der ehemaligen Rote Armee Fraktion„. Der Mainzer Pressechef Tobias Sparwasser durfte dazu von einem „geschmacklosen Transparent“ sprechen und versichern, der Club „werde in aller Form dagegen vorgehen„. Außerdem empfahl er „den Fahnenschwenkern Nachhilfeunterricht“: „Die Jugendlichen, die ich hinter dem Objekt sehe, waren zu Zeiten der RAF noch gar nicht geboren. Sie scheinen gar nicht zu wissen, was für ein Symbol sie da verwenden„, erklärte Sparwasser.

Selbsternannte mediale Nachhilfelehrer

Das Logo der RAF
Das Logo der RAF.

Geschenkt sei den ahnungslosen Aushilfspädagogen ihre mangelnde Sachkenntnis im Hinblick auf „das untrügliche Zeichen der ehemaligen Rote Armee Fraktion„, nämlich einen ROTEN Stern auf WEIßEM Grund – denn welch historischen Bezug hätte wohl ein weißer Stern gehabt? Geschenkt sei Herrn Sparwasser sein paternalistischer Gestus im Hinblick auf „Jugendliche“, die nicht wissen, was sie tun. Er lese dazu den FAZ-Autor Daniel Meuren, der völlig zu Recht darauf hinweist, dass der Doppelhalter „als satirischer Konter gedacht“ war, „gegen die Generalverurteilung der Ultras als Gewalttäter, um mit Satire auf Populismus zu reagieren„. Auch kann man wissen, dass Ultrà-Gruppen sich Zeit ihrer Existenz immer wieder extremer politischer Symbolik bedienten, und zwar in den seltensten Fällen, um sich selbst politisch zu positionieren, sondern vor allem um mit der eigenen „Gefährlichkeit“ zu kokettieren. Man sehe sich in dieser Hinsicht nur einmal das Ultrà-Mutterland Italien an und frage sich, wieso es wohl Brigate Rossonere oder Collettivo Autonomo Viola hieß? Doch wie gesagt: geschenkt!

Meuren macht auf mindestens zwei weitere Punkte aufmerksam, die das Vorgehen der medialen Meinungsbildner und ihrer als DFB-„Ermittler“ getarnten Schoßhündchen erst so richtig ärgerlich machen: Denn erstens muss eine „offene Gesellschaft, die sich Satire gestattet und als Kunstform versteht, auch mit bissigen Stellungnahmen aus Fankurven zurechtkommen, solange nicht Menschen direkt verunglimpft werden.“ Und zweitens sind „demagogische Parolen wie auf den kürzlich gezeigten Transparenten Rechtsradikaler im Dortmunder [Stadion]“ eben etwas völlig anderes – und nicht einfach dieselbe Kategorie von „Fußball-Skandal“, wie BILD mit dem Dachzeilen-Dreiklang „RAF-FAHNE – NAZI-PLAKATE – DFB-BELEIDIGUNG“ suggeriert.

DFB-Justiz: Willkürlich, „unpolitisch“, BILD-hörig

Beim Dortmunder Gastspiel in Hamburg am vergangenen Samstag hing in der Heimkurve erneut das Banner der „Löwen“ – das Symbol einer Gruppierung mit mehr als dubioser Vergangenheit, deren damalige Mitglieder für den Tod des 16-jährigen Bremer Fans Adrian Maleika 1982 maßgeblich mitverantwortlich waren – und die zudem starke rechtsradikale Tendenzen hatte. Passenderweise hatten die alten Hauer auf der Dortmunder Gegenseite auch noch die Fahne der „Borussenfront“ gehisst – offenbar das erste Mal seit langer Zeit. Die von Siegfried „SS-Siggi“ Borchardt gegründete Nazi-Hool-Truppe ist in der Szene eine Legende.

Und? „Ermittelt“ der DFB wegen dieser Banner, die einen eindeutigen Bezug zur dunklen rechtsradikal dominierten Gewaltvergangenheit des deutschen Fußballs herstellen? „Ermittelt“ er gegen Alemannia Aachen wegen der teilweise mit Nazi-Schlägern bestückten „Karlsbande“ und deren gewalttätigen Übergriffen auf andere Aachener Ultras? Jede Woche kommt es in deutschen Stadien zum Beispiel zu homophoben oder sexistischen Äußerungen, die sogar in derber Wortwahl auf Bannern stehen können, ohne dass es den Verband groß interessiert. Auch für Gruppenfahnen, auf denen beispielsweise „NS-Boys“ steht, zeigten die „Ermittler“ bislang wenig Interesse.

Nicht, dass irgendetwas an solchen „Ermittlungen“ besonders nützlich wäre, weswegen man sie hier auch nicht zu fordern braucht. Aber wieso rückt nun ausgerechnet der uralte Mainzer Doppelhalter in den DFB-Fokus? Die Antwort ist so einfach wie ernüchternd: Weil es in der BILD stand.

Siehe auch: GEH mir WEG damitFußballfans und Medien: Ein schwieriges VerhältnisMainzer Fantage: Ein Stückchen Hoffnung“Sicherheit” nur für Nazi-Hools?“Einer muss aufhören”Die Entdeckung der NazisQuo vadis DFB?Unsportliches SportgerichtUltras: Wer mit dem Feuer spieltFußball, Schwachsinn, DFB

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