GEH mir WEG damit

Plakative Aktionen und Kampagnen bleiben symbolisch und alibihaft, wenn sie nicht durch weitere Maßnahmen vorangetrieben werden. Das ist die eine bekannte und berechtigte Kritik. Aber bei manchen Aktionen steckt der Fehler schon im Symbolischen selbst. So etwa bei dem, was sich Deutschlandstiftung und Deutsche Fußball-Liga ausgedacht hatten.

Von Nicole Selmer

Vergangenes Wochenende war Aktionstag in der Fußball-Bundesliga: Alle Erstligisten verzichteten auf ihren Trikotsponsor  und trugen stattdessen das Motto einer von der Deutschlandstiftung Integration ins Leben gerufenen Kampagne zu Markt bzw. aufs Feld. Genau genommen, verzichteten also die normalen Trikotsponsoren auf Werbung, zumindest alle bis auf Bayern-Sponsor Telekom, die Partner der Deutschlandstiftung ist, nach Kritik laut Bericht des Handelsblatts jedoch ihr Logo unter einer geplanten Dankesanzeige entfernen ließ. Ein Nebenschauplatz.

„Geh deinen Weg“ stand also nun auf den Trikots aller Spieler, wobei „Geh“ und „Weg“ etwas größer gedruckt waren, sodass sich das Ganze aus einiger Entfernung eher als „GEH WEG“ las. Aktionstag Integration, wie gesagt. Auch ohne diese grafische und möglicherweise auch Freudsche Unbeholfenheit allerdings bleibt das Motto „Geh deinen Weg“ einer bestimmten Haltung verhaftet. „Integration“, Zusammenleben verschiedener Menschen, Kulturen, Ethnien wird zuerst und zuletzt als zu erbringende Leistung der zu integrierenden Minderheiten gedacht, der bei entsprechender Anstrengung dann freie Entfaltung zugestanden wird. In der taz schrieb Daniel Bax, die Losung habe „etwas arg Forderndes“ und zwar sehr einseitig: „Aber was, wenn sich jemand dir in den Weg stellt? Dazu sagt die Kampagne nichts.“

„Wir und Die“
Allerdings schließt die aktuelle Aktion der Bundesliga in diesem Gestus gut an die letzte, 20 Jahre zurückliegende Kampagne an, die auch eine Reaktion auf die Anschläge von Rostock-Lichtenhagen war. Deren Motto hieß „Mein Freund ist Ausländer“ und konstruierte in einer möglicherweise gut gemeinten, aber dennoch ignoranten Haltung eine ganz ähnliche unabänderliche Gegenüberstellung von „Wir“ und „Die“: Wir Deutschen und die Ausländer konnten 1992 auch Freunde sein, wenn „wir“ es sagen. Zwanzig Jahre später nun rufen „wir“ „euch“ zu: „Geh deinen Weg (oder eben „Geh weg“), das wird schon irgendwie“. Dass die NPD in Dortmund, wo Bundeskanzlerin Angela Merkel den Aktionstag begleitete, die Gelegenheit nutzte, um Flyer mit der Aufschrift „Geh deinen HEIMWEG“ zu verteilen, sei dabei nur eine Randnotiz.

Dass es auch im Rahmen von symbolischen Aktionen, die wirkliche Handlungen und Veränderungen immer schuldig bleiben müssen, anders geht, zeigte vor einigen Wochen der Zweitligist Dynamo Dresden. Im Pokalspiel gegen den Chemnitzer FC war der Dynamo-Spieler Mickael Poté von Chemnitzer Fans rassistisch beschimpft worden, Dynamo Dresden nahm das zum Anlass, auf der eigenen Vereinswebsite etwas klar zu machen: „Wir sind ein bunter Haufen“.  Nicht nur weil hier klar benannt wird, worum es geht, nämlich um Rassismus – und das ist auch 2012 keine Selbstverständlichkeit. Sondern auch weil sich der Verein in seinem Statement als „Wir“ definiert und damit auch die Vorstellung einer Gemeinschaft und Gesellschaft benennt, in der Freundschaft (trotz unterschiedlicher Herkunft) nicht von der einen Seite gewährt wird und in der nicht eine Seite die andere ermuntert oder auffordert, doch ihren Weg zu gehen, wohin auch immer. Der Dynamo-Weg ist lang, aber es müssen ihn alle gehen: „Es geht um Mut, ums Thematisieren, um Reaktionen. Es geht darum, nicht müde zu werden. Nicht aufzuhören. Und immer wieder klar zu stellen: Wir sind ein bunter Haufen! Merkt euch das!“

4 thoughts on “GEH mir WEG damit

  1. Eine oft missverstandende Sache ist die folgende:

    Man wird nicht integriert, man hat sich gefälligst zu integrieren, sonst wird es immer bei dem „Wir und Die“ bleiben.

  2. Spieler und Funktionäre die sich gegen Rassismus aussprechen, weil es auf ihrem Zettel steht werden von Fans nicht ernst genommen und verändern leider gar nichts.
    Fans haben ein feines Gespür ob es ernst gemeint ist oder Pflicht oder als Bestandteil des Events abgehandelt wird.
    An den ersten drei Spieltagen haben alle Fans jeweils eine Ansprache zu dem Thema bekommen. Die DFB Ansprache war überalle von Pfiffen begleitet. Die „Geh deinen Weg Ansprache“ wurde emotionslos zur Kenntnis genommen.

    Wen wundert das? Es waren die selben Spieler, die sich am ersten 1. und 2. Spieltag noch gegen Rassismus und Bengalos in einen Satz verpackt aussprachen und damit beides auf eine Stufe stellten:
    „Wir stellen uns klar gegen Rassismus, gegen Diskriminierung, gegen Gewalt und auch gegen Böller, Rauchbomben oder das Abbrennen von Bengalos.“

    Wenn wundert es, wenn ein Buffon, der noch vor ein paar Jahren T-Shirt mit der faschistischen Aufschrift „Boia chi molla“ trug und unbedingt ein T-Shirt mit der Rückennummer 88 haben wollte und dafür die abenteuerlichsten Ausreden erfand, dann bei der EM mehrmals Erklärungen gegen Rassismus vorließt.

    Wenn wundert es, wenn ein Verein wie Ferencvaros Budapest sich an der FARE-Kampagne beteiligt und gleichzeitig die Mehrheit der Fans bei rassistischen Sprüche mitschreit.

    Wenn wundert es, wenn ein Verein wie Lok Leipzig sich an der Kampagene „Zeig dem Rassismus die Rote Karte“ beteiligt und in der Kurve die Fans bei einem A-Jugend Spiel zu einem Hakenkreuz formieren.

    Wen wundert es wenn der DFB Initiator dieser Kampagne ist, der bisher noch immer nicht in der Lage war seine eigene NS-Vergangenheit aufzuarbeiten und wenn er dies tut apolegetische Schriften in Auftrag gibt.

    Für mich stellt sich daher die Frage ob solche Aktionen nicht kontraproduktiv sind.

    Es muss innerhalb der Fanszene gelebt werden. Diese Diskussionen wie sie viele antirassitische Fans kennen „Ich bin ja kein Rassist, aber ..“, die schön anfangen aber katastrophal enden müssen mit Langmut geführt werden. Diejenigen die ihr großes Aber zum Ausdruck bringen identifizieren sich mit solchen Alibi-Aktionen und ihnen zu widersprechen braucht Mensch gute Argumente und Ausdauer und dazu gehört leider auch weshalb solche Aktionen sinnlos sind. Das macht die Sache leider nicht leichter.

    Das Dresdner Beispiel sehe ich auch sehr positiv und ich hoffe, dass den Worten auch Taten folgen und dass sich auch andere Vereine an dem Beispiel von Dynamo Dresden orientieren. Schöne wäre es gewesen diesen Aufruf mit den Worten der Fans (Video-Ansprache UD-Capo Lehmann) zu formulieren: „Wir sind ein bunter Haufen – Nur so als Tip!“

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