Menschen, keine Döner

Süleyman Taşköprü war kein »Döner«. Er war ein Mensch, ein Mann von 31 Jahren, ein hilfsbereiter Sohn, Ehemann, Bruder und freundlicher Nachbar. Doch nach dem Mord folgte der Rufmord durch die Öffentlichkeit: organisierte Kriminalität und Drogenmafia – was liegt näher bei einem Migranten?

Von Patrick Gensing aus dem Buch „Terror von rechts

Die Medien berichteten von angeblichen Spuren, die bis in die Niederlande führten. Haschisch aus Amsterdam? Drogenkrieg zwischen Ausländern? Für die deutsche Öffentlichkeit war der Fall damit erledigt.

Die Familie von Süleyman Taşköprü sowie die Angehörigen der anderen NSU-Opfer mussten erfahren, was alltäglicher Rassismus bedeutet. Polizisten, die Hinweise auf Neonazis nicht ernst nahmen, sondern die Betroffenen durch Verdächtigungen kriminalisierten und ihnen so eine Mitschuld gaben. Medien, die dies unreflektiert zur Nachricht aufbliesen, die Toten zu angeblichen Drogenhändlern und »Döner« erklärten. Familien wurden zerstört, Menschen verloren den Glauben an eine Zukunft hierzulande, verließen Deutschland.

»Eine Schande für das Land ist das«, schimpft Franz Schindler von der SPD, Vorsitzender des Untersuchungsausschusses Rechtsterrorismus in Bayern, wie die Hinterbliebenen behandelt worden seien. »Die Polizei geht offenbar anders mit Ausländern um als mit Deutschen«, sagt er im Gespräch mit dem Autor. Eine Schande für das Land, sicher, aber noch viel mehr eine traumatische Erfahrung für die Angehörigen. Das Werk der Neonazis war somit vollbracht, mit freundlicher Unterstützung der deutschen Gesellschaft, die die Angehörigen des Opfers alleingelassen hat.

So berichtete die BILD am 12. April 2006 über den "Döner-Killer"
So berichtete die BILD am 12. April 2006 über den „Döner-Killer“, in dem Artikel ist sogar von einer „Dönerbande“ die Rede.

Süleyman Taşköprü war nicht die Ausnahme, Ermittler und Medien steckten alle Mordopfer in Schubladen, die wahlweise mit Drogenmafia, organisierter Kriminalität, Schutzgeld oder Geldwäsche versehen wurden; Rassismus als mögliches Motiv tauchte hingegen nicht auf.

Die Bild zitierte in einem Artikel kurz nach dem neunten Mord der Neonazis den Leiter der SOKO Bosporus, Wolfgang Geier, der behauptete, mehrere Opfer hätten zu denselben Menschen Kontakt gehabt.

Es sei nicht ausgeschlossen, »dass sie in der Drogenszene aktiv waren. Die Opfer sind kleine Lichter am Ende einer Kette. Wo sie Fehler gemacht haben, wissen wir noch nicht.« Fakt war demnach aber, dass die Opfer »Fehler« begangen hatten – und deswegen sterben mussten. Selbst schuld also. Der Kriminologe Christian Pfeiffer, der in anderen Fällen gern vor Vorverurteilungen warnt, breitete in der Bild noch eine weitere Theorie aus: »Schutzgeld als Motiv liegt auf der Hand. Es kann sein, dass die Getöteten gar nicht zu den Erpressten gehörten. Die Organisation hat sie vielleicht zur Abschreckung benutzt. Ihre Opfer wählt sie völlig willkürlich aus. Deshalb kann die Polizei auch keine Verbindung finden – es gibt keine.«

Damit lieferte der oft zitierte Christian Pfeiffer auch gleich eine Entschuldigung für die ergebnislosen Ermittlungen – die Polizisten hätten gar keine Gemeinsamkeiten finden können, so seine Theorie, mit der jeder Serienmord erklärt werden könnte. Aber es gab eine Gemeinsamkeit: Sämtliche Opfer außer die Polizistin Michèle Kiesewetter waren Migranten – und damit Feinde der Rechtsextremen, die Exekutionen als Heimatschutz definieren. Gefragt wurde nicht danach, was die Ermordeten als Opfergruppe gemeinsam haben, sondern was sie als potentielle Täter verbinden könnte.

Die Bild wählte für ihren Artikel die fürchterliche Überschrift: »Döner-Killer holten Opfer Nr. 9«. Die Täter mordeten oder töteten nicht, sie holten: das klingt nach einem Drachen, der die Jungfrau holt – oder eben nach einem Döner, den man sich an der Ecke holt. Der Begriff »Döner-Morde« wurde folgerichtig zum Unwort des Jahres 2011 gekürt, alle waren plötzlich hell empört über den rassistischen Begriff – dabei hatten fast alle Medien diesen zuvor benutzt.

Die angeblich schweigende Mehrheit

Kein Wunder also, dass die Ausgrenzungsmechanismen weiterhin greifen, auch nachdem die rassistische Mordserie bekannt wurde. Anlässlich der Trauerfeier für die Opfer der rechtsextremen Gewalt am 23. Februar 2012 wurde in den Medien über Parallelgesellschaften gefachsimpelt – über türkische, nicht über Neonazi-Erlebniswelten, versteht sich. Der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky betonte nach der Trauerfeier, es gebe ja auch viele Probleme bei der Integration, so könnten mehr als 70 Prozent der Erstklässler mit Migrationshintergrund in Neukölln kein Deutsch.

Das Buch "Terror von rechts" von Patrick Gensing ist im Rotbuch-Verlag erschienen.
Das Buch „Terror von rechts“ von Patrick Gensing ist im Rotbuch-Verlag erschienen.

In Neukölln ermordeten die NSU-Terroristen übrigens keinen Migranten, Berlin war offenkundig gar nicht betroffen von der Terrorserie. Was also hat das Ganze mit der rassistischen Mordserie und dem Gedenken an die Opfer zu tun? Ist es den Migranten vielleicht anzulasten, dass sie zum Ziel rassistischer nfeindungen von Deutschen werden, weil diese über die mangelhaften Deutschkenntnisse der »Kopftuchkinder « in Neukölln verärgert sind? Und was sollte Heinz Buschkowsky eigentlich zum Thema Rechtsterrorismus beitragen? Warum stand im Fernsehen kein Fachmann für Rechtsterrorismus, der über die rechtsextreme Bedrohung referierte, sondern ein Star der Integrationsdebatte, zwar kein Thilo Sarrazin, aber immerhin sein Berliner Parteifreund,ein Medienstar, wenn es um das Thema Integration geht, der gern polarisiert, aber der wirklich noch nie wegen seiner Fachkompetenz zum Thema Rechtsterrorismus aufgefallen war? Und wurde bei Trauerfeiern für RAF-Opfer eigentlich mit einem marxistischen Ökonomen über die Nachteile des Kapitalismus debattiert? Glücklicherweise nicht.

Den meisten Zuschauern dürfte kaum aufgefallen sein, was da gerade abgelaufen ist, als sich Heinz Buschkowsky anlässlich einer Trauerrede von rassistischen Mordopfern über die angebliche mangelhafte Integration ausließ. Genau so funktioniert aber der Rassismus der »schweigenden Mehrheit«, die leider fast nie schweigt.

Wie wirkungsmächtig die angeblich schweigende Mehrheit ist, wurde in Deutschland in den vergangenen Jahren mehrmals deutlich, als die Menschen in diesem Land immer wieder in »wir« und »die« eingeteilt wurden, beispielsweise in der sogenannten Integrationsdebatte, die in Wirklichkeit eine Ausgrenzungsdebatte war; millionenmal wurde »mal was gesagt«, weil »man das ja wohl mal sagen dürfte«. Die Rassismus-Experten bei NPD und Konsorten waren begeistert, auch wenn sie als die echten Fachleute für biologistische Thesen bei Sarrazin-Veranstaltungen nur im Publikum saßen – und nicht auf dem Podium. Denn mit Nazis will man nichts zu tun haben. Eine Rebellion des verrohenden Bürgertums gegen die, die unter ihnen stehen und keine Lobby haben, Feigheit und dumpfe Vorurteile wurden als Mut und kritisches Denken verkauft. Und selbst im direkten Umfeld der Trauerfeier, mit dem der Opfer der deutschen Rassisten gedacht wurde, konnten die »mal-Sager« nicht wenigstens einmal schweigen.

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7 thoughts on “Menschen, keine Döner

  1. Süleyman Taşköprü war kein »Döner«. Er war ein Mensch, [..]“
    Da muss eigentlich kein Komma sondern ein Ausrufezeichen hin.

  2. Sowohl Institutionen, die sich im positiven Sinne auf die Zusammenarbeit mit MigrantInnen beziehen schreiben noch folgenden Titel
    „Stuttgart: Döner und mehr!“
    http://www.buergschaftsbank.de/aktuelles.php/Presse-Informationen/?PHPSESSID=12aeu28mebm2i18t90e43t6le1&/#92

    „Laut Gründungsmonitor der KfW wagen Migranten vor allem deshalb den Schritt in die Selbstständigkeit, weil sie häufig keinen in Deutschland anerkannten Schulabschluss oder keine Ausbildung haben. Beim Thema Finanzierung treffen sie doppelt so häufig auf Schwierigkeiten als Deutsche, so der KfW-Gründungsmonitor.“

    Weshalb schreibe ich das jetzt hier?

    „Aber es gab eine Gemeinsamkeit: Sämtliche Opfer außer die Polizistin Michèle Kiesewetter waren Migranten – und damit Feinde der Rechtsextremen, die Exekutionen als Heimatschutz definieren. Gefragt wurde nicht danach, was die Ermordeten als Opfergruppe gemeinsam haben, sondern was sie als potentielle Täter verbinden könnte.“

    Das ist auch ein Punkt. Die Opfer waren nicht nur alle Migranten (bis auf Nicole Kiesewetter) sie waren auch alle migrantische Kleinunternehmer. (Blumenhändler, Dönerverkäufer etc.)

    Es wurden keine Menschen umgebracht, die ihre Lohnarbeit zur Verfügung stellen.
    Es wurden Menschen umgebracht, die trotz aller Hindernisse wie oben beschrieben, sich erfolgreich eine eigene Existenz aufgebaut hatten.

  3. „als sich Heinz Buschkowsky anlässlich einer Trauerrede von rassistischen Mordopfern über die angebliche mangelhafte Integration ausließ.“

    Was soll das Wort „angeblich2?

    “ Genau so funktioniert aber der Rassismus der »schweigenden Mehrheit«, die leider fast nie schweigt.“

    Diese These vom angeblichen Rassismus der schweigenden Mehrheit (hier passt das Wort „angeblich“) nimmt dem Artikel die Glaubwürdigkeit.
    Auch wenn es momentan „in“ ist, diese These zu formulieren- wahr wird sie dadurch nicht.

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