Biedere Fassade

Kurz vor dem Einzug der NPD in den Sächsischen Landtag 2004 proklamierte die Partei mit Vertretern der „Freien Kameradschaften“ die sogenannte Volksfront von rechts. Nur vier Jahre später kündigten Neonazis aus der Kameradschaftsszene auf einem Treffen der NPD mit harschen Worten die Zusammenarbeit auf. Wie aus einem internen Papier hervorgeht, fand zu dieser Zeit auch ein bundesweites Treffen von Neonaziführern unter Leitung von Thomas Wulff statt – wohl im Gebäude des rechtsextremen Vereins „Gedächtnisstätte e.V.“ im sächsischen Borna.

Von Kai Budler und Benjamin Mayer

Seitdem im September 2011 bekannt geworden war, dass der rechtsextreme Verein „Gedächtnisstätte e.V.“ das ehemalige Rittergut im thüringischen Guthmannshausen gekauft hatte, hat sich das rund 1000 qm große Herrenhaus in dem Ort mit 800 Einwohnern zu einem bundesweit bedeutenden Veranstaltungsort entwickelt. Bereits vor dem Umzug nach Thüringen besaß der Verein im sächsischen Borna eine mehrere tausend Quadratmeter große Immobilie, die als zentraler Treffpunkt der bundesdeutschen Neonaziszene genutzt wurde.

Wie aus dem Bericht eines teilnehmenden Neonazis nun hervorgeht, trafen sich im Dezember 2008 die bundesweiten Führungsfiguren der militanten Neonaziszene, um in Borna über die Weiterentwicklung ihrer Strukturen zu sprechen. Angeblich unter Führung von Thomas Wulff kamen Neonazis aus sechs Bundesländern nach Sachsen, um das Strategietreffen abzuhalten.

Ungestört scheint man in der Immobilie die Zukunft der bundesdeutschen Neonaziszene besprochen zu haben. Während der seit 2003 amtierende Vereinsvorsitzende Klaus Wolfram Schiedewitz bis heute den Versuch beklagt, „uns über Einzelpersonen in die rechtsradikale Ecke zu drängen“, zeigt sich deutlich: Der sich nach außen bieder gebende Verein unterstützt offenbar den Aufbau militanter Neonazistrukturen in Deutschland, indem er die Vereinsimmobilie angeblich als Tagungsort zur Verfügung stellte.

Die neue Immobilie in Gutmannshausen, Foto: Martina Renner.

Unter den Teilnehmenden waren auch bekannte Thüringer Neonazis. Unter anderem Thomas G., der zu der Zeit als Hausmeister der Einrichtung beschäftigt gewesen sein soll. G. zählt zu den bekanntesten und aktivsten Neonazis in Thüringen und ist in mehreren extrem rechten Gruppen und Netzwerken aktiv. Bereits in den 1990er Jahren war G. im „Thüringer Heimatschutz“ (THS) organisiert, spätestens seitdem verfügt er über enge Kontakte zu einem weiteren Kopf des THS, André K.. Auch er nahm 2008 an dem Treffen in Borna teil.

Beide gerieten nach dem Auffliegen des „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) wegen mutmaßlicher Kontakten zu dem NSU-Netzwerk ins Visier der Sicherheitsbehörden. Gemeinsam mit dem inhaftierten Ralf Wohlleben organisierten sie in Thüringen lange Jahre das „Fest der Völker“ mit bis zu 1500 Neonazis aus ganz Europa.

Weiterer Ausbau der Thüringer Strukturen

Wie wichtig der Erwerb von Immobilien für die Szene ist, wurde in den letzten Jahren immer wieder deutlich. Vor allem auch in Thüringen blieb es nicht bei Versuchen. Rechtsextreme kauften mehrere Immobilien, um sie „Kameraden“ als Veranstaltungs-, Tagungs- und Feierräume zur Verfügung zu stellen. Dies ist für die rechtsextreme Szene zentral, da durch den Kauf eigener Immobilien dauerhaft Rückzugsräume entstehen.

Ende 2008 scheint auch der weitere Ausbau eben jener Neonazistrukturen in Nordthüringen geplant gewesen zu sein. Wie Publikative.org vorliegende Informationen zeigen, wurde offenbar geplant im „Raum Nordhausen“ in einem alten Mühlwerk Wohnungen für „national denkende Mieter“ zu errichten. Der Eigentümer scheint hierbei eingeweiht gewesen zu sein. Er wollte anscheinend nicht nur den Wohnraum stellen sondern auch beruflich der Szene den Rücken stärken. Wie auf dem Treffen weiter ausgeführt wurde, wolle der Eigentümer auch mehrere Lehrstellen zur Verfügung stellen. Bisher ist in der Öffentlichkeit ein derartiges Projekt in Nordthüringen jedoch nicht bekannt geworden.

Siehe auch: Rieger plante angeblich bereits 2008 NPD-Konkurrenz, Aus für rechte Weihestätte in Borna, Ausweichorganisation für Holocaustleugner in Sachsen?

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