Rieger plante angeblich bereits 2008 NPD-Konkurrenz

Der Riss zwischen NPD und Freien Kameradschaften ist offenbar noch weit tiefer als bislang bekannt. Publikative.org liegen Berichte eines Neonazis vor, der unter anderem an einem Treffen von führenden Kameradschaftskadern 2008 teilgenommen hatte. Dabei wurde auch über Pläne gesprochen, eine NPD-Konkurrenz zu gründen. Zudem berieten die Neonazis über Strategien gegen den heutigen NPD-Chef Apfel.

Von Patrick Gensing

2010 einig auf dem NPD-Podium: Thorsten Heise, Thomas Wulff und Holger Apfel (Foto: Kai Budler)
2010 einig auf dem NPD-Podium: Thorsten Heise, Thomas Wulff und Holger Apfel (Foto: Kai Budler)

Am 27. Dezember 2008 versammelten sich Kameradschaftsführer aus ganz Deutschland in Borna. Anwesend waren einem internen Bericht zufolge, der Publikative.org vorliegt, unter anderem führende Neonazis aus dem mutmaßlichen NSU-Unterstützerumfeld wie Andre K. oder Thomas G. aus Thüringen. Auch Neonazis aus NRW waren dabei, zudem der NPD-Funktionär Thomas „Steiner“ Wulff sowie der ehemalige Rechtsterrorist Peter Naumann. Das Treffen fand brisanterweise angeblich in den Räumen der „Gedächtnisstätte e.V.“ statt.

Nach den vorliegenden Angaben leitete Wullf das Treffen, auf dem die Vernetzung der Szene vorangetrieben werden sollte. Dabei zog der NPDler eine desaströse Bilanz, was die Zusammenarbeit zwischen Partei und Kameradschaften angeht. Besonders um den mittlerweile verstorbenen Rassisten Jürgen Rieger habe es intern massive Streitigkeiten gegeben. Wulff kritisierte den Angaben zufolge, dass gegen Rieger geschossen werde, obgleich er die Partei mit seinem Geld „über Wasser“ halte.

Strategien gegen Apfel

Der ultraradikale NS-Flügel in der NPD dachte offenbar sogar daran, Rieger als Parteivorsitzenden aufzustellen, um eine Machtübernahme von Holger Apfel zu verhindern. Wulff warf Apfel und Peter Marx angeblich eine „Verschwörung“ gegen den damaligen Parteichef Udo Voigt vor. Für die Wahlen zum EU-Parlament 2009 hätte Rieger den Angaben zufolge sogar überlegt, eine neue Partei zu gründen. Es gebe aber auch einen „Plan B“, führte Wulff bei dem Treffen in Borna angeblich weiter aus: Sollte Apfel Parteichef werden, wolle man die Teilnahme der Partei an der Bundestagswahl verhindern.

Apfel war nicht der einzige NPDler, der bei dem Treffen der Kameradschaftsszene hart kritisiert wurde. Auch Manfred Börm bekam offenbar sein Fett weg. Die Neonazis kritisierten, der NPD-Ordnerdienst sei schlecht organisiert und schlecht ausgebildet, obwohl Börm eine in dem Bericht genannte Summe für seine Leistungsfunktion kassiere. Die Kader diskutierten, ob man einen eigenen Ordnerdienst aufstellen sollte – das Vorhaben scheiterte aber an der Frage, wer angesichts der Vorstrafen, mit denen die meisten Aktivisten belegt sind, hierfür überhaupt in Frage käme.

Die Rechte doch mehr als eine Phantompartei?

Christian Worch organisierte den Abmarsch der Neonazis mit. (F: Kai Budler)
Christian Worch bei einer Demo der Kameradschaftsszene Anfang Juni in Hamburg (F: Kai Budler)

Die Informationen aus dem Bericht lassen die neugegründete Partei Die Rechte von Christian Worch möglicherweise in einem anderen Licht erscheinen. So erscheint es denkbar, dass Worch die Pläne für eine Neugründung nun umgesetzt hat, da Apfel mittlerweile Parteichef ist und das Verhältnis zwischen NPD und Kameradschaften in vielen Regionen zerstört ist.

Es passt ins Bild, dass Die Rechte in NRW, wo jüngst Kameradschaften verboten wurden, gerade einen Kreis- sowie einen Landesverband gegründet hat. Das relativ weichgespülte Programm der Rechten könnte ein Schutzschild gegen ein Verbot sein, damit die Kameradschaftsszene über eine feste Organisation mit Privilegien einer Partei verfügt, die die Szene für bestimmte Anlässe (Anmeldungen von Demonstrationen beispielsweise) dringend braucht.

SSS – Sächsische Schlammschlacht

Der NPD brechen derweil offenbar weiter Strukturen weg. Nach Informationen von Beobachtern in Sachsen hat die Partei beispielsweise im Raum Chemnitz massive Probleme. Der Verfassungsschutz Sachsen kommentierte, seit der Wahl von Holger Apfel zum NPD-Bundesvorsitzenden und Mario Löffler zum Vorsitzenden des sächsischen NPD-Landesverbandes träten zunehmend innerparteiliche Differenzen öffentlich zu Tage.

Nach Einschätzung des LfV Sachsen ist beispielsweise der Schritt der ehemaligen Funktionäre des Kreisverbandes Landkreis Leipzig, die ihr NPD-Parteibuch zurückgaben, ein Zeichen für ihre Unzufriedenheit mit der Führungsspitze der Partei. Bis heute wird der Kreisverband offenbar weiter kommissarisch von Maik Scheffler geleitet, dabei hatte die NPD im Februar angekündigt, es werde „zeitnah“ ein neuer Vorsitzender gewählt.

Apfel hat die Widerstände gegen seine Person offenbar unterschätzt, sowohl in der Partei als auch im Kameradschaftsspektrum. Denkbar ungünstige Voraussetzungen auch für den Neonazi-Aufmarsch 2013 in Dresden.

Siehe auch: NPD-Versand “Deutsche Stimme” vor dem Aus?Sächsische Schlammschlacht

6 thoughts on “Rieger plante angeblich bereits 2008 NPD-Konkurrenz

  1. Das einzig Gute an der Sache, dass es immer mehr rechte Parteien gibt ist, dass auch die Wählerschaft ein breiteres Spektrum an Alternativen bekommt und somit keine rechte Partei wirklich Erfolg haben wird. Nur weiter so!

  2. Was ist denn daran brisant, dass die Nazis sich in Räumen von „Gedächtnisstätte e.V.“ treffen? Im Programm des Vereins werden „Kriegsverbrechen“ der Alliierten verdammt und deutsche OPfer betrauert, wobei die ermordten deutschen Kommunisten, Juden Roma und Sinti natürlich aus der „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen und unbetrauert bleiben. Ihre TRauer reserviert dieser Verein lieber für die Soldaten der Wehrmacht und die Vertriebenen (auch wieder nur die Deutschen im Sinne der REassegesetze von 1935). Der Verein ist doch geschichtsrevisionistisch und zumindest teilweise von Holcaustleugnern gegründet worden. Durch seine Zusammenarbeit mit Funktionären der Vertriebenenverbände ist er ein gutes Beispiel für die enge Verbindung von Teilen dieses Spektrums mit offenen Nazis. Dass sich in einem solchen Kontext auch Kameradschaften wohlfühken, erscheint mir eher logisch als brisant.

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