Fußballfans und Medien: Ein schwieriges Verhältnis

Warum Fußballfans und Journalisten sich nur selten auf eine gemeinsame Version der Wahrheit einigen können – und warum die Folgen dieser oftmals konträren Blickwinkel unter Umständen fatal sein können.

Von Andrej Reisin, dieser Artikel erschien in anderer Form zuerst im Transparent Magazin

Pressetribüne
Auch mal woanders hinschauen: Pressetribüne im Fußballstadion (Foto: jhalstein, CC BY-NC-SA 2.0)

„Deutsche Presse – halt die Fresse!“ ist ein in den Stadien der Republik nicht gerade selten gehörter Schlachtruf, der in den letzten Jahren zudem eher an Popularität gewonnen zu haben scheint. Auch wenn sich mancher Kollege dadurch zu Recht verunglimpft oder gar bedroht fühlen mag, so liegen die Gründe für das Gepöbel im Prinzip auf der Hand:  Zu lang ist die Liste der Orte und Vereine, deren Fans sich in den Medien gleichermaßen verunglimpft und zu Unrecht zu mehr oder weniger gefährlichen Gewalttätern abgestempelt fühlen. Waren insbesondere die Ultras noch vor wenigen Jahren die tollen Stimmungsmacher mit den bunten Choreographien, die nicht unerheblich zur Renaissance der Bundesliga beigetragen hatten, so gelten sie heute landauf, landab als prügelnde und zündelnde Chaoten.

Ein Bildwechsel, der im Wesentlichen auf medialer Darstellung beruht, die sich – entgegen der eigentlichen Regeln des Handwerks – selten bis nie die Mühe macht, neben Polizei und offiziellen Funktionären auch „die andere Seite“ – also Fans und Ultras – zu ihrer Sicht der Dinge zu befragen. Letztere sind nach zahlreichen negativen Erfahrungen mit Pressevertretern allerdings auch ihrerseits kaum noch zu einem Dialog bereit. Vor allem das Fernsehen scheint in seiner „Berichterstattung“ eher immer hysterischer zu werden und schaffte es am Ende der letzten Saison sogar, einen friedlichen und freudvollen Aufstiegsfeier-Platzsturm in Düsseldorf zu einem hochgradig gewalttätigen Akt umzudeuten.

Dem DFB und der DFL droht ihr „Produkt“ medial zu entgleiten, weshalb die ausgesprochenen Strafen und Verbote immer drakonischer werden. Die Fronten sind also verhärtet und für die Zukunft muss man befürchten, dass Stehplätze in Deutschland nach englischem Vorbild abgeschafft werden könnten – so zumindest die nicht minder hysterische Forderung einiger Polizeivertreter und Politiker, welche die „Innere Sicherheit“ offenbar von kaum etwas stärker bedroht sehen als von gewaltbereiten Fußballfans.

Journalismus vs. „Realität“

Journalismus soll eine Beschreibung der Realität sein. Diese ist allerdings nicht wahrhaftig, sondern eine Erzählung eines Geschehens, die immer umstritten ist. Deswegen sollten Journalisten erst so viele „harte“ Fakten wie möglich sammeln, bevor sie ihre Interpretation der Realität präsentieren („be first – but first be right“). Leider aber machen sich die meisten Kollegen wenig Gedanken darüber, dass sie Realität nicht naiv 1:1 abbilden können, sondern dass ihre sogenannte Abbildung immer schon eine Interpretation derselben darstellt. Ein Gemälde, das eine Straßenszene zeigt, ist eben auch keine Straßenszene, sondern ein Bild davon.

Denn das, was wir alle so nebenbei als „Wirklichkeit“ bezeichnen, ist leider ein hochgradig komplexes Feld voller Widersprüche, unterschiedlicher und gegensätzlicher Handlungen, Haltungen und Wahrnehmungen. Wer es sich damit besonders einfach machen will, praktiziert Journalismus à la „BILD“ oder „FOX News“ und verkauft einfach die eigenen Vorurteile und Meinungen als „Realität“. Nichts allerdings ist davon weiter entfernt als die Slogans ebenjener Medien („Bild Dir Deine Meinung“ bzw. „We report – you decide“), die schon fast in verräterischer Manier das eigene journalistische Prinzip umdrehen. Leider sind die Folgen medialer Darstellung aber weitaus gravierender als sie die Zunft der Journalisten selbst wahrhaben möchte.

Journalismus vs. Fußballfans

Bei kaum einem anderen Thema aber scheint es ein derart erstaunliches Missverhältnis zu geben wie bei der Berichterstattung über Fußballfans. Warum aber unterscheiden sich das Erleben vieler Fans und die mediale Repräsentation der Ereignisse derart eklatant? Um es kurz zu sagen: Weil häufig noch nicht einmal der Versuch von ernsthaftem Journalismus unternommen wird. Woche für Woche bilden eine ganze Hundertschaft von Sportreportern die Pressekonferenzen vor und nach den Spielen sowie natürlich auch die 90 Minuten selbst ab. Sie müssen Kontakte knüpfen und pflegen und sind lange vor und auch noch lange nach den Fans im Stadion.

Das Thema Fans ist dabei eine Randerscheinung, ein Begleitphänomen dessen, worum es eigentlich geht, nämlich den Sport selbst. Wenn Fans dagegen in den Mittelpunkt der Berichterstattung rücken, dann in aller Regel im negativen Kontext – wenn man sie wegen irgendeines Vorfalls eben nicht mehr ignorieren kann oder will. Es bringt Sportjournalisten aber beruflich keinen Vorteil, tiefer in die Fan(Sub-)kultur einzutauchen oder in teilnehmender Beobachtung eine Auswärtsfahrt zu einem Risikospiel mitzumachen und damit die andere Seite der VIP-Logen, Haupttribünen, Presseparkplätze und Polizeiketten kennen zu lernen.

Zwar wäre dies die eigentliche berufliche Aufgabe, wenn man denn schon seine Berichterstattung vom Spiel auf die Ränge verlagert, doch letzten Endes handelt es  sich bei vielen Sportjournalisten um „Fans, die es auf die andere Seite der Absperrung geschafft haben“ (Thomas Kistner). Warum sollten sie zurückkehren? Und, ganz nüchtern betrachtet: Es bezahlt sie auch kaum jemand dafür. Weil die in den meisten Redaktion aber nun einmal zuständige Zunft häufig kaum eine Ahnung von den Vorgängen in den Fankurven hat (oder haben will), resultiert aus dieser Unkenntnis heraus in aller Regel Ablehnung.

Journalismus vs. Ideologie

Dass Fans, die durch „abweichendes Verhalten“ auffallen, vor allem „Störer“ sind, ist eine Auffassung, die viele Journalisten mit Funktionären und Polizei teilen. Daraus ergibt sich dann auch das oftmals geschlossene Bild der Berichterstattung: Der Sportjournalist, der sich (zu seinem Unwillen) gezwungen sieht, über Fans statt über Fußballspieler zu berichten, teilt seinen Unmut mit den Vereinsfunktionären, die wollen, dass der „unpolitische“ Sport im Mittelpunkt stehen soll. Nun schließt sich ein Kreis: Sportjournalisten, die vom geordneten Spielbetrieb und dem Goodwill der Vereine ebenso abhängig sind wie die Funktionäre umgekehrt von einer positiven medialen Darstellung, hacken sich gegenseitig meist kein Auge aus. Umso dankbarer trifft es sich da, dass man die Beschreibung der Realität 1:1 aus einem Polizeibericht abschreiben kann, der erstens die eigene Haltung bestätigt und zweitens in aller Regel sowieso die einzige Version der Wahrheit ist, die zum Zeitpunkt der Berichterstattung vorliegt.

Interessant ist dabei allerdings eine Verschiebung, die zusammen mit dem Bundesliga-Boom der letzten 10-15 Jahre stattgefunden hat: War der Fußball in der landläufigen Wahrnehmung in den 1980er Jahren noch ganz selbstverständlich eine Veranstaltung für saufenden, rechtsradikalen Pöbel, der sich Wochenende für Wochenende ohne Sinn und Verstand prügelte, so wird heute so getan, als sei die Bundesliga schon immer eine Bühne der bürgerlichen Mittel- und Oberschicht gewesen. Erst aus dieser Geschichtsvergessenheit heraus wird begreifbar, woher die unangenehme und unprofessionelle moralische Empörung stammt, welche die Berichterstattung zum Beispiel über Pyrotechnik bestimmt: Man will sich „seinen“ Sport nicht von den „Chaoten“ „kaputtmachen“ lassen.

Hinzu kommt die zu Recht bemerkte fehlende Lobby: Fußballfans scheinen der politischen Linken des Rassismus, des Nationalismus und der Gewalt verdächtig – und für konservative Kräfte sind sie lediglich ein ordnungspolitischer Störfaktor im Spaßbetrieb. Ihre potentielle Gewalttätigkeit ist mindestens im gleichen Maße geächtet wie öffentliches Rauchen, Alkoholkonsum im ÖPNV und der Konsum fettigen Essens: Das ungehörige Gebaren dieser zumeist jungen Männer trifft auf eine Phalanx bürgerlichen Unverständnisses, auf Abscheu und den Willen zur Repression.

Fußballfans vs. Journalismus

Natürlich wäre eine kritische journalistische Betrachtung mit einer differenzierten Sichtweise möglich, wenn man sich ein wenig Kontext und Hintergründe aneignen würde. So ist zum Beispiel der massive Einsatz von Pyrotechnik in der letzten Saison nicht einfach blindes Wüten einiger verrückter Chaoten und „sogenannter Fans“, sondern sie ist ein strategisch eingesetztes Mittel, um den Preis für Verbände und Vereine in die Höhe zu treiben, nachdem diese die Gespräche mit der vereinsübergreifenden Kampagne „Pyrotechnik legalisieren. Emotionen respektieren“ abgebrochen haben – und zwar einseitig, voreilig, planlos und ohne die Folgen auch nur ansatzweise zu bedenken.

Natürlich kann man aus guten Gründen gegen Feuerwerk in Fußballstadien sein, aber natürlich ist es kein Qualitätsjournalismus, wenn man eine vorgefertigte Meinung unter Zuhilfenahme bestimmter Bilder in die Wohnzimmer des Landes sendet, ohne auch nur den Hauch einer Hintergrundberichterstattung zu liefern. So wird aus Journalismus nämlich nichts weniger als die Verbreitung von Vorurteilen. Und Meldungen über Ausschreitungen beim Fußball, die lediglich Polizeiberichten entlehnt worden sind, spiegeln in etwa einen solchen „objektiven“ Journalismus wider, wie er auch praktiziert würde, sollten lediglich Zitate aus einem Fanforum zu denselben Vorfällen herangezogen werden.

Wer ausschließlich Vereinspräsidenten, Sportfunktionäre, Polizeisprecher und Sicherheitspolitiker zu Wort kommen lässt, hat die andere Seite schlichtweg nicht gehört. Wer darüber hinaus die ohnehin schon dominanten Stimmen der genannten Autoritäten in einem medialen Diskurs auch noch verstärkt, leiht seine Stimme eben nicht denjenigen, die keine haben, sondern denjenigen, die ohnehin schon in gesellschaftlichen Machtpositionen mit entsprechenden Befugnissen ausgestattet sind. Dann kann man anstelle der „Tagesschau“ aber auch gleich Regierungserklärungen und Polizeiberichte im Fernsehen verlesen lassen. Und zwar jeden Abend zu jedem Thema.

Licht am Ende des Tunnels?

Zuletzt gab es jedoch auch – und das soll nicht verschwiegen werden – einige positive Ansätze und Ausnahmen: Bereits auf dem Berliner Fankongress zu Beginn des Jahres öffneten sich Teile der Ultrà-Szene für den Dialog mit Medienvertretern. Auf den kürzlich abgehaltenen „Mainzer Fantagen“ wurde dieser Versuch mit zahlreichen Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen konsequent weitergeführt. Diese Woche nun hat das NDR-Medienmagazin ZAPP das Thema in einem mehr als sehenswerten Beitrag aufgegriffen – und dankenswerterweise auch die Langversionen der geführten Interviews online gestellt. Nicht umsonst erklärt der Leiter der Koordinationsstelle der Fanprojekte, Michael Gabriel, gegenüber ZAPP, dass die Berichterstattung über Fans häufig dann differenzierter und besser wird, wenn sie von Journalisten betrieben wird, die sich hauptberuflich eher mit Politik und Gesellschaft beschäftigen.

Dennoch bleibt das Verhältnis schwierig, was auch in der Natur der Sache liegt: Fans und Ultras können nicht mit professionellen Medienapparaten wie der Pressestelle von Polizeibehörden oder Großunternehmen wie Bundesliga-Clubs konkurrieren. Und: Das ist auch nicht ihr „Job“ – schließlich gehen sie einer Freizeitbeschäftigung nach, wenngleich diese bisweilen sehr organisiert ist, was aber eben auch ein ohnehin schon hohes Maß an Engagement für die „eigentliche“ Sache voraussetzt. Hinzu kommt die tatsächlich nicht zu unterschätzende persönliche Gefährdung von zumeist sehr jungen Menschen: Wer möchte schon am Arbeitsplatz oder während der (schulischen, universitären oder beruflichen) Ausbildung damit konfrontiert sein, das mediale „Gesicht“ einer Jugend- und/oder Subkultur zu sein, die für breite Bevölkerungsschichten mittlerweile nur noch mit Gewalt assoziiert ist? Dennoch: Gegen die Medien wird der Kampf um den Erhalt der Fan- und Stehplatzkultur in Deutschland nicht zu gewinnen sein. Dieser Herausforderung müssen sich die organisierten Fans  stellen – ob nun Kutten, Ultras oder stinknormale Fanclubs.

Siehe auch: Mainzer Fantage: Ein Stückchen Hoffnung“Einer muss aufhören”“Sicherheit” nur für Nazi-Hools?Die Entdeckung der NazisStadien des Hasses?Gummigeschosse: Tote nur eine Frage der ZeitSchweinske-Cup: Experte wirft Polizei Versagen vorAlles Chaoten!Publikative-Spezial: Wie sicher sind unsere Festzelte?Moralische DiskussionslatteHurra, wir leben noch!

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