Hillsborough: Be sad and angry

23 Jahre nach dem Unglück von Hillsborough hat sich Premierminister David Cameron gestern bei den Angehörigen der 96 Toten entschuldigt. Für eine „doppelte Ungerechtigkeit“: Das Versagen der Sicherheitskräfte und die Beschuldigung der Opfer, selbst schuld gewesen zu sein. Erstmals veröffentlichte Unterlagen zeigen: Behörden haben zielgerichtet gelogen und manipuliert.

Von Nicole Selmer

Denkmal zur Erinnerung an die Opfer am Hillsborough Stadion von Sheffield Wednesday. (Foto: nicksarebi / flickr.com / CC BY 2.0)
Denkmal zur Erinnerung an die Opfer am Hillsborough Stadion von Sheffield Wednesday. (Foto: nicksarebi / flickr.com / CC BY 2.0)

Es war eine der schwerwiegendsten Katastrophen in der Geschichte des Fußballs. Im April 1989 kamen im Hillsborough-Stadion in Sheffield beim Pokalspiel zwischen dem Liverpool FC und Nottingham Forest 96 Menschen ums Leben. Sie wurden in dem überfüllten Stehplatzblock der Liverpool-Fans an den Zäunen zum Spielfeld zu Tode gequetscht, erstickt oder niedergetrampelt. Das Boulevardblatt The Sun gab unter der Schlagzeile „The Truth“ den Liverpool-Fans die (Mit-)Schuld an dem Unglück, unter anderem hieß es, sie seien betrunken gewesen, hätten die Arbeit der Rettungskräfte behindert, Opfer bestohlen und auf sie uriniert. Eine Version der Wahrheit, die schon damals bezweifelt wurde, vor allem in Liverpool. „Don’t buy The Sun“, der Boykott des Blattes also, ist noch immer Teil der lokalen Identität. Die Auflage der Sun hat sich trotz einer Entschuldigung 15 Jahre später nie von dieser Schlagzeile erholt. Im englischen Fußball wurden in der Folge auf Regierungsbeschluss sämtliche Stehplätze (und Zäune) in den Stadien abgeschafft, der Alkoholausschank verboten, weitere Modernisierungs- und Sicherheitsmaßnahmen und damit auch höhere Ticketpreise und Kontrollen eingeführt. Die offizielle Untersuchung des Unglücks, der sogenannte Taylor-Report, kam zu dem Schluss, ein Versagen der Sicherheitsmaßnahmen sei die Ursache gewesen. Stehplätze, so die Hillsborough Justice Campaign, seien erst in der endgültigen Version des Berichtes Thema geworden.

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Allerdings lagen der Untersuchungskommission, wie jetzt klar wurde, nicht alle Dokumente vor bzw. waren die vorhandenen Unterlagen zuvor von der Polizei teilweise bearbeitet und gefälscht worden. Das ist eines der Ergebnisse aus den nun veröffentlichten vollständigen Dokumenten aus verschiedenen Archiven zum Hillsborough-Unglück, die gestern Vormittag zunächst den Angehörigen der Opfer und am Nachmittag dann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Dass die Dokumente nun einsehbar sind – Regierungsunterlagen bleiben für gewöhnlich 30 Jahre unter Verschluss – ist einer Onlinepetition und dem unermüdlichen Einsatz von Angehörigen und engagierten Gruppen zu verdanken. Premierminister David Cameron entschuldigte sich in einer Rede vor dem Unterhaus „im Namen der Regierung und unseres Landes“ bei den Familien für die erlittene Ungerechtigkeit und fasste wesentliche Punkte aus den nun veröffentlichten Unterlagen zusammen.

"Die Titelseite, mit der die SUN heute hätte erscheinen sollen", meint das englische Online-Magazin "Sabotage Times" (Foto: Sabotage Times)
„Die Titelseite, mit der die SUN heute hätte erscheinen sollen“, meint das englische Online-Magazin „Sabotage Times“ (Foto: Sabotage Times)

„The Truth. We lied“
Zum einen finden sich neue Belege für das Versagen der Sicherheitskräfte vor Ort. So waren etwa die Erkenntnisse aus einem ähnlichen Vorfall ein Jahr zuvor nicht umgesetzt worden und die Drehkreuze unzureichend. Die Rettungskräfte hätten durch mangelnde Koordination zu spät reagiert. Der zweite Punkt betrifft die von Angehörigen und anderen Fans unterstellte Manipulation der Unterlagen. Cameron sagte: „Die Familien haben lange geglaubt, dass die Behörden versucht haben, eine gänzlich unzutreffende Version der Ereignisse zu erstellen, um den Fans die Schuld an dem Unglück zu geben. Sie hatten recht damit.“ Aus den Dokumenten gehe hervor, dass 164 der Aussagen von der Polizei manipuliert und unter anderem Kritik an den Polizeikräften gestrichen wurde, bevor sie der Untersuchungskommission zugänglich gemacht wurden. Der neue Hillsborough-Bericht kommt zu dem Schluss, dass es das Ziel gewesen sei „eine Version des Geschehens zu verbreiten, dessen Schwerpunkt betrunkene und gewalttätige Fans ohne Tickets sind“. Zudem seien die Opfer in Polizeicomputern überprüft worden, mit dem Ziel, ihren Ruf zu schädigen. Schließlich berichtet Cameron von der für die Angehörigen vielleicht schmerzvollsten Manipulation der Dokumente, die die Obduktionsberichte und den genauen Todeszeitpunkt bzw. die -ursache mancher Opfer betrifft. Die Schlussfolgerung: Durch einen zügigeren und besser organisierten Rettungseinsatz wären einige der Opfer noch zu retten gewesen.

In seiner Rede weist Cameron explizit auf die „doppelte Ungerechtigkeit“ hin, die die Angehörigen erlitten hätten: Nicht nur die schrecklichen Ereignisse selbst, das Versagen der Behörden bei der Katastrophe und das jahrelange Warten auf die Wahrheit. Sondern auch „die Erniedrigung der Verstorbenen – die Beschuldigung, dass sie auf irgendeine Weise selbst für ihren Tod verantwortlich seien“. Rechtliche Konsequenzen aufgrund der Hillsborough-Katastrophe hat es bisher weder für Einzelpersonen noch Organisationen gegeben. Ob diese nach den nun veröffentlichten Unterlagen zu erwarten sind, ist noch unklar.

Protest zur Erinnerung an die 96 Toten auf dem Londoner Trafalger Square 2009. (Foto: Feggy Art / flickr.com / CC BY-NC-ND 2.0)
Protest zur Erinnerung an die 96 Toten auf dem Londoner Trafalger Square 2009. (Foto: Feggy Art / flickr.com / CC BY-NC-ND 2.0)

Nur Fußballfans
Auf anderen Ebenen hat Hillsborough – jenseits der persönlichen Tragödie der Betroffenen – sehr viele Konsequenzen gehabt: für den englischen Fußball und die englischen Stadien, für die Sicht vieler Fans auf das Massenmedium The Sun und für die Sicht vieler Menschen auf Fußballfans. Der Umbau der Stadien im Sinne von mehr Sicherheit, die Verbesserung der Fluchtwege und Abschaffung der Zäune oder auch die später erfolgten Kampagnen gegen Rassismus sind dabei sicher positiv zu sehen. Die fragwürdige Gleichsetzung von Stehplätzen mit Gefahr jedoch, die eine direkte Folge der Hillsborough-Untersuchung war, erscheint spätestens im Licht der neuen Erkenntnisse gänzlich fragwürdig. Auch, die Unterstellung, es sei das Fehlverhalten der Fans gewesen – zu viel Alkohol, Ausschreitungen oder Fans ohne Tickets – das mit zu der Katastrophe geführt habe, hat den Fußball geprägt. Nicht nur in England.

Weil es, wie David Cameron gestern richtig sagte, auch 23 Jahren danach noch eine Rolle spielt: Die 96 Toten von Hillsborough sind nicht gestorben, weil sie standen. Sie sind nicht gestorben, weil sie betrunken oder gewalttätig waren. Sie haben nicht falsch auf das Unglück reagiert, nicht versucht, nur sich selbst in Sicherheit oder andere noch in Gefahr zu bringen. Sie haben nichts falsch gemacht. Sie sind nicht deswegen gestorben, weil sie Fußballfans waren, sondern weil Verantwortliche bei Polizei, Behörden und Vereinen sich rücksichtslos und nachlässig verhalten haben. Es ging schließlich nur um Fans.

Siehe auch: Mainzer Fantage: Ein Stückchen Hoffnung, “Sicherheit” nur für Nazi-Hools?, “Einer muss aufhören”, Gummigeschosse: Tote nur eine Frage der Zeit, Schweinske-Cup: Experte wirft Polizei Versagen vor, Alles Chaoten!, Moralische Diskussionslatte, Hurra, wir leben noch!

6 thoughts on “Hillsborough: Be sad and angry

  1. Also ich find pervers, dass die Sun mit ihrer Entschuldigung genau das macht, was die damals auch gemacht: Auflage.

    Hier würde ich Nicole Selmer noch ergänzen.
    Die lokale Idenität bedeutet, dass die Auflage von 400.000
    auf 12.000 in gesunken ist.
    Bereits 2004 gab es eine Entschuldigung, die allerdings nur zu Stande kam, weil Wayne Rooney seine Biografie an die Sun verkaufte aber die Sun für die Berichterstattung zu Hillsborough kritisierte. Die damalige Entschuldigung wurde bereits als eigennützig aufgefasst. Nichts anderes ist auch die gestrige Entschuldigung.

    Konsequent wäre es gewesen nach Jahren des Boykotts der Sun in Liverpool mit dieser Nachricht kostenlos zu verteilen.

  2. Danke für die Zahlen und den Hinweis mit Rooney. Letzteres war mir neu. Noch mal zur Erläuterung (bin jetzt nicht sicher, ob das klar geworden ist): DAs Sun-Cover, das im Artikel abgebildet ist, ist kein echtes, sondern eine Montage von SabotageTimes („This should have been the Sun today“ oder ähnlich). Die echte Sun von gestern machte mich „The Real Truth“ auf und schrieb „We are profundly sorry for false reports“.

  3. Jetzt habe ich es gesehen. Danke für die Erläuterung
    Besten Dank auch für den sehr guten Artikel.

    Ich finde es sehr wichtig dieses Thema zu beleuchten.
    Es betrifft nicht nur Hillsborough und Liverpool. Es geht um alle Fußballfans. Auch einen Aspekt der in den anderen Medien Spiegel etc., die auch darüber berirchten, natürlich untergeht „Nur Fußballfans“

    Das war gestern ein Feiertag für ALLE FANS!
    Eine öffentliche Pressekonferenz war schon weit über den Erwartungen.
    Eigentlich wäre ein Gang an die Anfield Road das richtige Zeichen gewesen. Als nächstes ist nun der Fußballverband dran, der anfänglich ja auch sehr zögerlich reagiert hat.

    Weshalb sollten wir uns auch hier ordentlich über das öffentliche „mia culpa“ auf der Insel freuen:
    a) Medien
    Bei uns in D ging es um Gewalt bei Relegationsspielen und Pyro.
    Die Kerners dieser Welt würden, so unterstelle ich jetzt mal, auch bei einer Stadionkatastrophe mit 96 Toten populäre Hetze unter Mißachtung sämtlicher journalistischer und humanistischer Standards betreiben. Das würde dann auch 23 Jahre und erheblichen öffentlichen Druck brauchen um sich zu entschuldigen.

    b) Behörden
    „Zudem seien die Opfer in Polizeicomputern überprüft worden, mit dem Ziel, ihren Ruf zu schädigen.“ In Hillsborough wurde das trotz 96 Toten gemacht. In Deutschland gibt es einen vergleichbaren Fall:
    http://www.rot-schwarze-hilfe.de/index.php/zusammen-fuer-andre/280-kripo-koeln-ermittelt-gegen-sich-selbst-und-findet-keine-taeter
    „Blaming the victim“ ist übrigens auch eine der Merkmale des Faschismus. Aber das würde hier zu weit gehen das hier auszuführen, lassen wir das.

    Das waren nur mal so zwei kurze Gedanken weshalb dieses „mia culpa“ auf der Insel uns und alle Fans wirklich riesig freuen und gleichzeitig ein Ansporn sein sollte.

    Doch aus der Freude sollten auch die Konsequenzen gezogen werden und ich hoffe, dass viele den Hillsborough Fall zum Anlass nehmen auch mal die Situation hier zu beleuchten.

    Eine Erkenntnis ist auf jeden Fall: Nach 23 Jahren öffentlichem Druck kam das zu stande.
    a) Geduld ist wichtig – Nicht aufgeben
    b) Öffentlicher Druck !!!!

    Da bin ich natürlich Ihnen und den anderen AutorInnen hier sehr dankbar dafür und bitte sie auch was Punkt a) anbeglangt geduldig zu bleiben.

    Weiter so!

  4. Jack Straw von der Labour Party nutzt die Chance, um nachzugrätschen gegen „Maggy“ Thatcher:

    Eine sehr späte Erkenntnis:

    “The Thatcher government, because they needed the police to be a partisan force, particularly for the miners strike and other industrial troubles, created a culture of impunity in the police service. They really were immune from outside influences and they thought they could rule the roost and that is what we absolutely saw in south Yorkshire.”

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