Kritik ist kein Reparaturbetrieb

Theodor W. Adorno wäre heute 109 Jahre alt geworden. Dies nimmt Publikative zum Anlass, Adorno kurz und unvollständig zu würdigen.

Von Andreas Strippel

Kurz vor seinem Tod gab Theodor W. Adorno dem Spiegel ein Interview. Ein paar Tage zuvor war der studentische Protest der 60er Jahre auch in seinem Hörsaal angekommen.

„SPIEGEL: Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung …
ADORNO: Mir nicht.“

Das schlichte „Mir nicht“ fasst die intellektuelle Kraft des Nein-Sagens, des sich wehren wollen gegen das schlechte Ganze, bündig zusammen. Adornos Kritik an der Gesellschaft war fundamental und die offensichtlich als pfiffig gedachte Einstiegsfrage des Spiegel, fällt in ihrer Borniertheit auf die Frager zurück.

Politische Enthaltsamkeit

Kritik ist für Adorno immer auch Gesellschaftskritik. Und Kritik scheint ihm nur möglich mit der theoretischen Durchdringung der Gesellschaft, um eine vernunftgemäße Einrichtung der Welt zu ermöglichen. Ein Primat der Praxis gegenüber der Theorie hat er stets

Theodor W. Adorno (1964)
Theodor W. Adorno (1964)

abgelehnt, genauso wie ein allzu optimistisches Werkeln im Kleinen. Die Welt war für Adorno ein widersprüchlicher Ort, der am Abgrund zur Barbarei lag. Dies unterschied ihn vom liberalen oder marxistischen Fortschrittsoptimismus, aber auch von konservativen Kulturkritikern, die überall nur Verfall wittern, war Adorno weit entfernt. Konsequenterweise hat sich Adorno selbst oft bedeckt gehalten, und sich selten Konkret geäußert, bzw. Handlungsanweisungen erteilt. Er ist dafür auch häufig kritisiert worden: Ralf Dahrendorf nannte diese Zurückhaltung „Liturgie der Kritik“. Aber als Theoretiker verließ er sich auf die Kraft der Kritik und wollte nicht politischer Vortänzer sein. „Diejenige Theorie dürfte noch die meiste Hoffnung auf Verwirklichung haben, welche nicht als Anweisung auf ihre Verwirklichung gedacht ist“, schrieb er 1969 in der Zeit.

Das hieß nicht, dass Adorno sich jeder gesellschaftlichen Praxis enthielt, aber er vermied es, zu aktuellen politischen Debatten seiner Zeit Stellung zu beziehen. Auffällig ist dies vor allem im Bezug auf Israel. Obwohl die Kritische Theorie in ihrem Entstehen schon sehr früh erkannte, welche zentrale Stellung der Antisemitismus als Gegenströmung zur Aufklärung einnimmt, äußerte sich Adorno nur in privaten Korrespondenzen über Israel.

Adorno legte trotz dieser Einschränkungen ein erhebliches gesellschaftliches Engagement zu Tage. Er schrieb in Zeitschriften und hielt Radio- und Volkshochschul-Vorträge. Adorno als öffentlicher Redner fällt in der Wahrnehmung oft hinter dem Professor zurück, der Jazz nicht mochte.

Wirkung? Welche Wirkung?

Adorno wird im heutigen geschichtspolitischen Diskurs gern auf den Schild gehoben, wenn es um die Demokratisierung der Nachkriegsbundesrepublik geht. Als geistiger Vater der 68er muss er genauso herhalten wie als philosophischer Geburtshelfer einer liberaleren Gesellschaft oder gar Hausphilosoph der Bundesrepublik. Rein akademisch scheint sein intellektuelles Erbe eher gegen Null zu tendieren, wie Magnus Klaue schon vor fast 10 Jahren feststellte. Im öffentlichen Bewusstsein sind vor allem eine Handvoll isolierter Phrasen geblieben, mit denen man sich schmückt, wenn man über Adorno schreibt. Ihre Entstehung, ihr Kontext scheinen vergessen.

Adornos Überlegungen, wie nach Auschwitz Ethik überhaupt formuliert werden kann, spielen weder für die akademische Philosophie noch für die politische Praxis der Erinnerungspolitik in Deutschland eine Rolle. In gesellschaftlichen Nischen existiert noch eine Auseinandersetzung mit Adornos Werk. Die Musealisierung eines Denkers und seine Degradierung zum geschichtspolitischen Zierrat erkennt man oft daran, dass ein Preis nach ihm benannt wurde. Es wird wieder Zeit weniger über Adorno zu reden und mehr Adorno zu lesen.

9 thoughts on “Kritik ist kein Reparaturbetrieb

  1. Sehr schöner Artikel an diesem unrunden Geburtstag! Ich würde den Mann dennoch eher auf den Schild heben als auf das Schild. Auf einem Verkehrsschild o. ä. steht es sich so so wackelig. 😉

  2. Natürlich wird er heute intellektuell kaum noch genutzt. Seine Kritik ist zu radikal, gerade seine Vernunft- und Aufklärungskritik. Daher fand ich auch diesen Satz aus dem Artikel witzig: „Und Kritik scheint ihm nur möglich mit der theoretischen Durchdringung der Gesellschaft, um eine vernunftgemäße Einrichtung der Welt zu ermöglichen.“
    Wenn man eines über Adorno sagen kann, dann das er genau das Gegenteil wollte.

  3. „Obwohl die Kritische Theorie in ihrem Entstehen schon sehr früh erkannte, welche zentrale Stellung der Antisemitismus als Gegenströmung zur Aufklärung einnimmt,…“

    1. Ist zumindest „die“ Aufklärung der Neuzeit (ca. 1600 bis ca. 1820) in wesentlichen Protagonisten antisemitisch aufgestellt.

    2. Hat die KT das so nicht wahrgenommen, sondern versucht , Aufklärung und AS als Gegenströmungen zu zeichnen, was sachlogisch und ethisch (hermeneutisch) sicher eine richtige Konstruktion ist, aber für die realhistorische Geistes- u. Ideengeschichte sowie für die politisch-gesellschaftlich-materiale Realhistorik falsch.

    “ …“Und Kritik scheint ihm nur möglich mit der theoretischen Durchdringung der Gesellschaft, um eine vernunftgemäße Einrichtung der Welt zu ermöglichen.”
    Wenn man eines über Adorno sagen kann, dann das er genau das Gegenteil wollte.“

    Nun, das Gegenteil sicher nicht, aber der zitierte Satz aus dem Artikel verfehlt Adorno ganz gewiß.

    Eher stellt sich A. schützend vor den Eigensinn der Kreaturen und vor allem den der „je eigenen“ Menschen gegenüber einer autoritären Verallgemeinerung dessen, was angeblich „vernünftig“ sei. (Um dabei der äußerlichen Distinktionslust, z. B. „a la mode“, skeptisch auf die Finger zu sehen.)

  4. > Ist zumindest “die” Aufklärung der Neuzeit (ca. 1600 bis ca. 1820) in
    > wesentlichen Protagonisten antisemitisch aufgestellt.

    ja, wichtiger und leider von vielen derzeitigen Adorniten oft unterschlagener Hinweis. Dieses Unterschlagen scheint mir aber auch nötig, weil Adorno ja, vor allem in den unsäglichen Integrations- oder Islamdebatten, als Vertreter »unseres« freien, aufgeklärten Westens gegen den ganzen voraufklärerischen Rest — Religiöse, Relativisten, Barbaren, Antisemiten halt — in Stellung gebracht werden soll.

    Dass es unter den Protagonisten »der« Aufklärung auch Antisemiten gab, diskreditiert natürlich nicht gleich das ganze Projekt, straft aber die arg unterkomplexe Weltsicht unserer heutigen, wie sie sich nennen, Ideologiekritiker Lügen.

  5. „Dass es unter den Protagonisten »der« Aufklärung auch Antisemiten gab, diskreditiert natürlich nicht gleich das ganze Projekt, …“

    Doch, doch durchaus, wie ich meine: aber weniger das hermeneutische Sujet/das Verständnis der Sache, als eben mehr ihre Praktik(en) …

    Wobei nochmal zu untersuchen wäre, ob bzw. welche Kritiken der KT an der Realgeschichte des „Fortschritts“, zu der Aufklärung ja notwendig gehört, eben doch weniger auf die inhärenten Probleme der Dialektik von Aufklärung und Fortschritt zurückzuführen wären, oder nicht doch auf „schwarze Flecken“ in den Startparametern des neuzeitlichen Projektes der A.
    Für Lit.-Hinweise DAFÜR wäre ich sehr dankbar!

    “ … straft aber die arg unterkomplexe Weltsicht unserer heutigen, wie sie sich nennen, Ideologiekritiker Lügen. “

    Oh ja! So sehr die „Decouvrierung der Interessen“, – was die Ideologiekritik ja für sich reklamiert, dabei aber zu oft in Unterstellungen und Ressentiment endet -, von der KT gefordert und gefördert wurde, so sehr kann man hier den von Adorno besten präparierten Anti-Positivismus-Knüppel herausholen und darauf verweisen, daß es ohne Wertsetzungen auch keine Erkenntnis gibt, – mithin jede Erkenntnis auch einen „ideologischen“ Schoß hat, aus dem sie geboren wurde.

  6. Nach dem 2. Absatz hab ich schon keine Lust mehr am Lesen. Schade, denn eigentlich ein interessantes Thema. Wieso denn Borniertheit der Frager? Kann doch auch ne Provokation sein, der Einstieg ist doch nicht verkehrt, ferner steht da „schien“. Meine Vermutung: Der Schreiber hat Probleme mit dem Medium. Verständlich. Aber so einfach muss man es sich doch dann auch nicht machen.

  7. @dos
    „Eher stellt sich A. schützend vor den Eigensinn der Kreaturen und vor allem den der “je eigenen” Menschen gegenüber einer autoritären Verallgemeinerung dessen, was angeblich “vernünftig” sei.“

    Klingt für mich wie das Gegenteil des zitierten Satzes.

    Den „Eigensinn der Kreatur“ zu schützen, klingt für mich eher wie das radikale Individualsubjekt in den Grenzen der Vernunft zu schützen. Die Auflösung des Verhältnisses von Individuum und Kollektiv insgesamt war wohl eher das Anliegen.

  8. @Armyn

    “ “Eher stellt sich A. schützend vor den Eigensinn der Kreaturen und vor allem den der “je eigenen” Menschen gegenüber einer autoritären Verallgemeinerung dessen, was angeblich “vernünftig” sei.”

    Klingt für mich wie das Gegenteil des zitierten Satzes. “

    Ja, ich hatte das ja auch versucht, scheint gelungen, danke! Wobei sich die problematische Gegenteiligkeit vor allem gegen den 2. Teil des Satzes richtet: “ …um eine vernunftgemäße Einrichtung der Welt zu ermöglichen.“:

    1.
    Schon der zweckmäßigen Ein(N)ordung der Kritik („um … zu“) wäre Adorno allenfalls mit äußerstem Mißtrauen, und je nach Provenienz bzw. Kontext, auch glatter Ablehnung begegnet. Denn im laxen Denken und seinen autoritär geprägten Kontexten hat er die Schmerzerfahrung der unzulässigen Umkehrschlüsse machen müssen: Da DARF Kritik nicht nur Zwecke verfolgen, sondern MUSS es dann
    auch.

    2. Erst recht sperrt sich Adorno gegen derart LAPIDAR gedachte Größtansprüche „einer vernunftgemäßen Einrichtung der Welt.“
    Mit solchen Pauschalitäten wird für Adorno jene Werbe-Tüte aufgeblasen, in die alsbald die autoritären, aber legitimatorisch verbrämten Interessen von Wenigen schlüpfen, – um darin nach Hause getragen zu werden und als falsche Zivilisierung/Disziplinierung ihren Platz auf dem ideologischen Hausaltar der Alltagskultur zu finden. (Dialektik von Aufklärung und Fortschritt in Zeiten der Massengesellschaft)

    “ Den “Eigensinn der Kreatur” zu schützen, klingt für mich eher wie das radikale Individualsubjekt in den Grenzen der Vernunft zu schützen. “

    Ja, so könnte man das auch formulieren, wenn, ja wenn, „die Vernunft“ für Adorno ein derart umstandslos verwendbarer Begriff u./o. belastbare Realidee gewesen wäre:
    Erst Eigensinn ermöglicht ja das Aufscheinen von Vernunft, also handelt es sich keinesfalls um ein einfaches Gegensatz – oder Begrenzungsverhältnis, hier die Vernunft, dort Sinn, Eigensinn, Subjekt(ivität) usw.
    Und: Es ging A. zwar ganz vorwiegend, aber eben nicht nur, um die menschl. Subjekte, sondern um Natur und Kreatur ebenso, um jenen Respekt vor den Eigensinnigkeiten in der Welt, der auch ihre noch so „vernünftige“ Zurichtung in Frage stellen darf.

    “ Die Auflösung des Verhältnisses von Individuum und Kollektiv insgesamt war wohl eher das Anliegen. “

    Ja, das würde sich mit einem Teil der Rezeptionsgeschichte A.’s decken. Ich habe das aus dem Gesamtwerk aber so nicht entnehmen können.(Hinweise gern!) Vielleicht ein blinder Fleck von mir. Und gleich die ganze „Auflösung“ ? – das scheint für mir A. zu undifferenziert.

Comments are closed.