Die Unsterblichen werden zu den Odödliga

Schwedisch ist eine hübsche Sprache – und selbst martialische Neonazi-Aktionsformen klingen auf schwedisch gleich viel freundlicher. „Die Unsterblichen“ sind nun auch in dem skandinavischen Land aufgetaucht – unter dem Namen „De Odödliga“. Ein Blick auf die Personen hinter den schwedischen Unsterblichen zeigt, wie eng die Beziehungen zwischen deutschen und skandinavischen Neonazis sind – und stützt die These, der NSU habe sich möglicherweise aus Schweden „inspirieren“ lassen.

Von Patrick Gensing 

Die schwedischen Neonazis orientieren sich mit De Odödliga strikt an dem deutschen Vorbild: Name, weiße Masken, fett produzierte Videos, pathetische Parolen – alles wie bekannt. Auch versuchen die skandinavischen Rechtsextremen, ihre Propaganda besonders über das Internet zu verbreiten. Auf Facebook mögen bislang gut 500 Leute die schwedische Ausgabe der Unsterblichen.

Zudem wollen die Initiatoren über Szene-Medien neue Aktivisten oder Nachahmer rekrutieren. So berichtet beispielsweise das rechtsextreme Online-Magazin „Realisten“ (Der Realist) über die Odödliga. In dem Artikel wird zunächst die Bedeutung der deutschen Unsterblichen maßlos überzeichnet. So behauptet „der Realist“ reichlich unrealistisch, es sei keine Übertreibung, dass die Unsterblichen das „deutsche Regime“ beunruhigt hätten. Daher seien die Spreelichter, die mit den Unsterblichen verbunden gewesen seien, verboten worden. Doch nun verbreite sich die Aktionsform über Europa, übertreibt der Autor hemmungslos weiter, denn der schwedische Ableger der Unsterblichen ist alles andere als eine Massenbewegung, sondern scheint vor allem mit einem Namen verbunden: Daniel Höglund.

Das schwedische rechtsextreme Magazin "Der Realist" übertreibt die Bedeutung der Unsterblichen in Deutschland hemmungslos.
Das schwedische rechtsextreme Magazin „Der Realist“ übertreibt die Bedeutung der Unsterblichen in Deutschland hemmungslos.

Höglund ist seit vielen Jahren in der schwedischen Neonazi-Szene aktiv, der 34-Jährige ist Inhaber der Domains des Realisten sowie der Odödliga. Auch die IP-Adressen der Seiten stimmen überein, hier versucht also offenbar jemand, seine eigene Aktionsform zu bewerben. So weit, so gewöhnlich.

Schwesterpartei der NPD

Bemerkenswert sind allerdings die Kontakte von Schweden nach Deutschland, konkret nach Sachsen. So berichtete die Seite der Svenskarnas Parti (nicht zu verwechseln mit den Schwedendemokraten) im September 2011 über eine Reise von skandinavischen Neonazis nach Sachsen. Auch dabei: Daniel Höglund (Vorsitzender der Svenskarnas Parti) sowie der bekannte Neonazi Stephan Günter vom „Nordischen Hilfswerk“. Günter wurde in den vergangenen Jahren von Beobachtern immer wieder zu Blood & Honour in Skandinavien gerechnet.

In Sachsen habe man die NPD-Fraktion in Dresden und die NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“ besucht, heißt es in dem Bericht. Danach hätte die Reisegruppe auf einer Burg, die von deutschen Nationalisten renoviert werde, ein Kulturfest mit Volkstanz gefeiert.

Svenskarnas Parti berichtet über die Reise nach Sachsen.
Svenskarnas Parti berichtet über die Reise nach Sachsen.

Schwedische Neonazis besuchten im Frühjahr 2012 die NPD-Fraktion in Dresden, um dort in Sachen parlamentarischer Arbeit zu lernen. Auch in Sachen Parolen gleichen sich die Parteien stark: Warnung vor dem „Volkstod“, autoritäre Hetze auf Kosten von Opfern von sexualisierter Gewalt („Todesstrafe für Kinderschänder“), offene Hetze gegen ethnische Minderheiten.


Im Mai 2012 reisten Neonazis der Partei erneut nach Deutschland, um in Königs-Wusterhausen an einer revisionistischen Veranstaltung von NPD und anderen Neonazis anlässlich der Befreiung vom Nationalsozialismus teilzunehmen, als Redner trat nach Angaben aus Schweden auch der „internationale Sekretär“ der Svenskarnas Parti auf. Ebenfalls dabei: der Berliner NPD-Chef und langjährige Kameradschaftler Sebastian Schmidtke. Schmidtke gilt als eine der Figuren hinter der Seite „Nationaler Widerstand Berlin“, die wiederum im November 2011 über einen weiteren Besuch aus Schweden berichtete:

Am vergangenen Wochenende fand in Berlin eine Informationsveranstaltung des nordischen Hilfswerks statt. Unterstützt wurde das ganze durch Kameraden aus Schweden. […] Die Veranstaltung begann mit den Ausführungen eines Kameraden vom Nordischen Hilfswerk. Er referierte zunächst über die Arbeit des NHW. Weiterhin sprach er zur Entwicklung nationaler Parteien und Strömungen in Schweden. Auch die etwa 300 freiwilligen Schweden in der Waffen SS fanden dabei Erwähnung und die schwedische Rolle im 2. Weltkrieg. Auch nach dem großen Völkerringen gab es in Schweden nationale zusammenhänge, die sich hauptsächlich in Parteien organisierten. Die Organisationsform der Freien Kräfte hingegen entwickelte sich in Schweden erst sehr spät. Im letzten Abschnitt wurde über die direkte Arbeit des NHW berichtet, sie umfasst Ausstellungen bei Festen, Hilfe bei Demonstrationen, kulturelle Aufgaben und Schulungen.

Als zweiter Referent redete ein schwedischer Kamerad aus dem Parteivorstand der nationalen Partei „Svenskarnas parti“. Er beschrieb die aktuelle Lage in Schweden und zeigte den Anwesenden auf, dass nicht nur deutsche Großstädte das Problem der Durchrassung haben. […] In der anschließenden Fragerunde ging es hauptsächlich um das Attentat eines christlichen Freimaurers in Oslo. Trotz des Wunschdenkens der linksgerichteten Medien ist Anders Behring kein Nationalist sondern ein christlicher Fundamentalist, der keinerlei Unterstützung in nationalen Kreisen findet.

Der Neonazi-Kader Thorsten Heise (Foto: Kai Budler)
Der Neonazi-Kader Thorsten Heise (Foto: Kai Budler)

Interessant werden die Kontakte zwischen Skandinavien und Dänemark insbesondere, wenn man an den NSU und dessen mögliche Unterstützer denkt. Die Bedeutung des Blood & Honour-Netzwerks für dieses Netzwerk wurde immer wieder betont. Da erscheint es bemerkenswert, dass im August 2008 eine internationale Razzia vom BKA initiiert wurde. Dabei gingen internationale Ermittler in Dänemark und Finnland gegen die rechtsextremistische Musikvertriebsszene vor.

Anlass der Aktion war laut BKA die Vollstreckung von Haftbefehlen in Dänemark gegen einen deutschen sowie einen dänischen Staatsangehörigen, die das Amtsgericht Frankfurt am Main wegen Verdachts der Volksverhetzung, der Gewaltdarstellung und der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung erlassen hat.

Publikative.org berichtete damals:

Den Beschuldigten Flemming C. und Stephan G. wird vorgeworfen, über einen Zeitraum von mehreren Jahren als Verantwortliche des rechten Musikversands “Celtic Moon” illegale Tonträger wie “Kommando Freisler – Geheime Reichssache” finanziert, deren Produktion in Auftrag gegeben und sie anschließend vertrieben zu haben. […] Zudem haben die Beschuldigten Verbindungen zu deutschen Musikgruppen, zu Musikmanagern und bekannten Anhängern der rechten Szene, wie z.B. dem NPD-Bundesvorstandsmitglied Thorsten Heise, gegen den das BKA im Rahmen von Ermittlungen bereits im Oktober 2007 Durchsuchungsmaßnahmen durchgeführt hatte.

Günter, B&H, Heise, Wohlleben, NSU – angesichts dieser seit vielen Jahren gewachsenen Strukturen und Verbindungen erscheint der Gedanke, dass sich der NSU aus Schweden „inspirieren“ ließ, durchaus plausibel. Die taz berichtete am 5. September 2012, das Bundesamt für Verfassungsschutz glaube, dass der schwedische „Lasermann“ das Vorbild der deutschen Neonazis gewesen sein könnte.

Ausonius wurde als Wolfgang Alexander John Zaugg als Sohn eines Schweizer Einwanderers und einer Deutschen geboren und änderte seinen Namen zuerst in John W.A. Stannerman und dann in John W.A. Ausonius. Von August 1991 bis Januar 1992 schoss er als zunächst unbekannter Täter zuerst mit einem Gewehr mit Laser-Zielvorrichtung (daher auch sein Spitzname Lasermannen in der schwedischen Presse), später mit einem Revolver auf insgesamt elf Personen bei zehn verschiedenen Taten in Stockholm und Uppsala. Eine Person kam dabei ums Leben, die anderen überlebten schwerverletzt. Alle Opfer hatten dunkles Haar oder eine dunkle Hautfarbe. (Quelle: Wikipedia)

„Hinweis auf mögliche Blaupause für den NSU“ sei ein Schreiben der Behörde an das BKA und den Generalbundesanwalt überschrieben, das der taz vorliegt. Darin schreibt die Leiterin der Rechtsextremismus-Abteilung des Inlandsgeheimdiensts von „deutlichen Parallelen“ bei den beiden rassistischen Tatserien – und die erschöpfen sich längst nicht darin, dass die Opfer zufällig ausgewählte Einwanderer waren. Der „Lasermann“ finanzierte sich das Leben mit eineinhalb Dutzend Banküberfällen und flüchtete, nachdem er die Geldinstitute ausgeraubt hatte, immer auf dem Fahrrad – so wie es auch die NSU-Terroristen später taten. Bekennerschreiben gab es keine, es ging darum, Angst und Schrecken zu verbreiten – Terror eben.

Gewachsene Strukturen

Die schwedischen Neonazis kopieren derzeit also eine deutsche Aktionsform, möglicherweise übernahmen die NSU-Terroristen um die Jahrtausendwende ein rechtsterroristisches Konzept aus Schweden.

Die Netzwerke für diesen internationalen Austausch waren bereits seit Jahren vorhanden: Es war der fanatische Rassist, braune Strippenzieher und spätere NPD-Funktionär Jürgen Rieger, der 1995 in dem skandinavischen Land ein Gut erwarb – und der bereits 1993 gegenüber einem NDR-Journalisten offen über terroristische Anschläge spekuliert hatte.

Siehe auch: Die Internationale der RechtsterroristenTerror-Zentrale Braunes Haus?Neonazis feierten schon 2002 den NSUSchwedische Neonazis in neuem GewandSchweden: Zahl der militanten Neonazi-Gruppen steigtSchweden: Razzia gegen bewaffnete NeonazisSind die Unsterblichen schon tot?Überflüssig, nicht unsterblich

 

5 thoughts on “Die Unsterblichen werden zu den Odödliga

  1. zitat: „… Reisegruppe auf einer Burg, die von deutschen Nationalisten renoviert werde …“

    dürfte mensch erfahren um welche burg es sich dabei handelt?
    thx!

    Da kann ich nur spekulieren, daher habe ich das offen gelassen. Die Burg wird nicht namentlich genannt in den schwedischen Quellen. Es gibt natürlich Hinweise, aber das muss ich nochmal prüfen. Gruß PG

  2. …also wenn Sie „Banküberfalle“, „per Rad flüchten“, „Unternehmer umbringen“ als Kennzeichen für Vorbild nehmen, dann drängt sich wohl den meisten Menschen
    (siehe hier, und etliche andere Quellen:
    http://www.cicero.de/berliner-republik/terrorzellen-in-deutschland-was-raf-und-nsu-verbindet/47939?seite=3

    zuerst auf –> Die hatten die RAF als Vorbild

    Seltsam (oder vllt) auch nicht, das davon in diesem Blog nie die Rede war

    Nur, dass die RAF ellenlange Bekennerschreiben verschickte und nicht wahllos auf Migranten schoss, sondern gezielt Staat und Wirtschaft angriff, könnte ein klitzekleiner Unterschied sein, oder?

  3. „autoritäre Hetze auf Kosten von Opfern von sexualisierter Gewalt (“Todesstrafe für Kinderschänder”)“

    Wo genau sind da die Kosten für die Opfer?

    Fachleute aus Beratungsstellen sprechen sich gegen härtere Strafen aus, besonders gegen die Todesstrafe. Warum? Darum:

    Durch die Forderung nach drakonischen Sprachen werde es den Opfern erschwert, über das erlebte Leid zu sprechen, sagt Enders. Zurzeit wird oft gefordert, es müsse bei einem Verdachtsfall sofort Strafanzeigen geben. „Wenn wir in Fällen von sexuellen Missbrauch sofort Anzeige erstatten müssen, werden sich viele Opfer uns nicht mehr anvertrauen, weil sie Angst haben, selbst angezeigt zu werden.“ Denn beispielsweise in der Odenwaldschule haben Täter mehrere Kinder in sexuellen Missbrauch verstrickt, daher fürchteten Kinder, sie würden auch bestraft. „Die Täter sagen dann, du hast es ja auch getan“, betont Enders diese besondere Täterstrategie, die zumeist auch erst später aufgedeckt wird – so auch im Fall der Odenwaldschule.

    Zudem sind drakonische Strafen kontraproduktiv, da Opfer diese nicht verantworten wollen. Die meisten Täter kommen aus dem sozialen Nahbereich der Kinder – also Freunde der Familie, Verwandte, Mitarbeiter von Institutionen. Wenn diesen Personen die Todesstrafe drohe, würden viele Opfer schweigen.

    http://www.publikative.org/2011/10/18/missbrauch-102/

  4. @Random:

    Außer den schon genannten Argumenten
    geht es auch um das Wort „Kinderschänder“ an sich,
    denn es impliziert, das das Opfer nun „geschändet“
    ist, also „Schande auf sich hat“.
    Dabei liegt alle Schande beim Täter.

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