Demografie als Mittel der sozialpolitischen Demagogie

„Die Demografie fungiert als Mittel der sozialpolitischen Demagogie“, betont der Wissenschaftler Christoph Butterwegge, weil eine Entwicklung als zwangsläufig dargestellt werde, die politisch gestaltbar sei.

Butterwegge bringt im Interview mit tagesschau.de die Substanz der aktuellen Rentendebatte auf den Punkt:

Die Entwicklung der Rente hat wenig mit der demografischen Entwicklung zu tun. Allerdings wird immer so getan, als handle es sich hier um ein Naturereignis: Wenn die Gesellschaft kollektiv altert, müssten die Renten sinken oder die Beiträge drastisch steigen. Das ist aber eine politische Milchmädchenrechnung. Denn die Höhe der Rente ist keine Frage der Biologie: Wie alt ist die Gesellschaft? Sondern erstens eine Frage der Ökonomie: Wie groß ist der gesellschaftliche Reichtum zu dem Zeitpunkt, zu dem die Rente bezahlt werden muss? Und zweitens eine Frage der Politik: Wie wird der ja weiter wachsende gesellschaftliche Reichtum auf die einzelnen Schichten und Altersgruppen verteilt?

Die Demografie fungiert als Mittel der sozialpolitischen Demagogie, weil eine Entwicklung als zwangsläufig dargestellt wird, die politisch gestaltbar ist. Wenn das Bruttoinlandsprodukt steigt – alle vorliegenden Prognosen besagen das – und wenn die Bevölkerungszahl gleichzeitig abnimmt, dann ist ein größerer Kuchen auf weniger Menschen zu verteilen. Für alle müsste genug Geld da sein. Es ist aber ungerecht verteilt, und zwar nicht zwischen den Generationen, sondern innerhalb jeder Generation.

Hinzu komme, so Butterwegge, dass viele Prognosen von Bevölkerungswissenschaftlern an Kaffeesatzleserei erinnerten. „Denn manche Demografen schreiben gegenwärtige Trends einfach fort und wundern sich später, dass ihre Voraussagen nie eingetroffen sind. Wenn ein Demograf im Jahr 1950 Aussagen über die Bevölkerungszahl und Altersstruktur der Bundesrepublik im Jahr 2000 gemacht hätte, hätte er vollkommen daneben gelegen. Er hätte den Pillenknick, die Entwicklung zur Single-Gesellschaft und die Wiedervereinigung nicht berücksichtigen können.“

Für Butterwegge verbirgt sich hinter solchen Prognosen vielmehr „der Versuch, den Menschen Angst zu machen, um sie für bestimmte Reformmaßnahmen zu gewinnen, die nicht ihren Interessen entsprechen“. Dafür profitierten die private Versicherungswirtschaft, Banken und Finanzdienstleister. Es werde „der Eindruck erweckt, aufgrund der Alterung der Gesellschaft könne die gesetzliche Rente keine Sicherheit mehr bieten und jeder müsse privat vorsorgen. Wer kapitalgedeckte Renten verkauft, profitiert von demografischen Horrorszenarien, die auch die Rentenpolitik der vergangenen Jahre sehr stark beeinflusst haben.“

Hier das ganze Interview.

Butterwegge auf Publikative.org:  Halbzeitbilanz: Schwarz-Gelb spaltet die Gesellschaft, Die Sarrazin-Debatte und Rassismus in der Leistungsgesellschaft, Analyse: Marktradikalismus und moderner Rechtsextremismus

 

4 thoughts on “Demografie als Mittel der sozialpolitischen Demagogie

  1. Leider nichts neues.
    Aber das Beispiel mit 1950 trifft es eigentlich sehr gut, wenn ich mir nun die 2060-Prognosen anschaue. Kein Mensch weiß auch nur annähernd, was sich die nächsten 50 Jahre tun wird.

    Zudem der Punkt bleibt:
    Es ist völlig egal, ob die Deutschen sich nun zur Genüge vermehren oder nicht. Entstehende Lücken muss man eben mit Zuwanderern ausfüllen, wenn sonst die Gesellschaft überaltert – wo ist das Problem für Nicht-Rassisten und Nicht-Volkstümler?!? Also ich habe damit kein Problem… Insgesamt gibt es auf der Welt bei weitem genug Menschen – und es werden immer mehr. Das Problem mangelnder Fortpflanzung der Deutschen – selbst wenn es existiert – kann ich daher wirklich nicht nachvollziehen.

  2. Zitat Butterwegge „Wenn das Bruttoinlandsprodukt steigt – alle vorliegenden Prognosen besagen das…“

    a) stimmt das nicht; und
    b) ist das genauso Kaffeesatzleserei, wie er es den Bevölkerungsforschern vorwirft.

    Deshalb ist der ganze Vortrag (wie so oft bei Butterwegge) was für
    Ablage P

    Anm.d.Red.:
    zu a)
    Sie gehen also davon aus, dass es langfristig überhaupt KEIN Wirtschaftswachstum mehr geben wird …? Na gut, aber dann ist die Wirtschaftsordnung, wie wir sie kennen, ja eh am Ende, denn Kapitalismus ohne Wachstum dürfte wohl kaum funktionieren. Daher erscheinen Ihre Ausführungen wohl eher (wie so oft bei fünfzeiligen, pseudo-schlauen Kommentaren) was für Ablage Q (wie Quatsch).
    Herzliche Grüße

  3. In der Tat nichts neues. Es war noch nie gut, wenn Wissenschaft auf Idiologie trifft. Ich hoffe, dass alle diejenigen die die Ratschläge von Herrn Butterwege annehemen bei Ihm vor der Tür stehen wenn die Altersarmut sie gepackt hat…ach nee…geht ja gar nicht. Bis dahin ist Herr Butterwege selbst Teil der Demographie und muss sich für den Mist den er erzählt nicht mehr rechtfertigen.

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