„Unser Spiel – Unser Stadion – Unsere Stadt“

„Unser Spiel – Unser Stadion – Unsere Stadt“: Rechte Ultras geben in der Fanszene von Lokomotive Leipzig den Ton an. Den Verein scheint das kaum zu stören. Im Derby gegen RB Leipzig (1:3) gab es erneut Ärger.

Von Martin Schöler

Sie stehen für gute Stimmung im Stadion, Action und Abenteuer neben dem Platz. „Scenario Lok“ gibt im Bruno-Plache-Stadion den Ton an. Dass die Gruppe von Neonazis dominiert wird, stört Verantwortliche und Fans offenbar kaum.

Am 18. August zeigten Scenario-Anhänger ihr wahres Gesicht: Lok-Fans feierten im Leipziger NPD-Zentrum in der Odermannstraße. Alkoholisiert attackierten sie Gäste eines benachbarten Kunstvereins. Als die Polizei anrückte, flogen Steine. Ein Kamerad skandierte „Heil Hitler!“ Vier Beamte wurden verletzt. Die Odermannstraße 8 gilt seit Jahren als ein Treffpunkt der Gruppe. Ein Foto, das aus dem Innern stammen soll, zeigt ein großes Graffiti mit dem Gruppenlogo an der Wand.

Dass sich im Bruno-Plache-Stadion Neonazis tummeln, ist seit Jahren bekannt. Dass die Verantwortlichen nicht konsequent gegen die Rechtsradikalen vorgehen, ebenso. Als große Medien verstärkt über die Vereinnahmung der Fanszene durch NPD-Anhänger berichteten, schloss der damalige Präsident Steffen Kubald die „Blue Caps“ aus. Die Hooligans hatten einen rechten Aufmarsch im Internet beworben. Ein Anhänger erhielt Hausverbot. Die Übrigen durften weiterhin kommen, mussten aber ihre Gruppenklamotten zu Hause lassen.

Der Fall unterstreicht, wie unbeholfen die Vereinsspitze mit dem Problem umgeht. Daran hat sich auch unter dem neuen Vorsitzenden Michael Notzon nichts geändert. Schlimmer noch: Die Neonazis konnten auf dem Dammsitz unbehelligt eine rechtslastige Alltagskultur etablieren.

Agitation gegen „linkes“ Fanprojekt

„Scenario Lok“ gibt in der Fanszene den Ton an. Die etwa 25 bis 30 Anhänger verstehen sich gleichermaßen als Ultras und Hooligans. Im Stadion äußern sie sich selten politisch. Wenn doch, dann äußerst diskret. Bei einem Heimspiel im vergangenen März präsentierten sie ein Spruchband: „Outlaw boykottieren – Zusammenhalt demonstrieren.“ Gemeint ist der neue Träger des Fanprojekts. „Das nutzt kaum einer, weil es links ist“, berichtet ein Ultra, der ungenannt bleiben möchte. „Ein Vorurteil“, meint Leiterin Sarah Köhler.

Vereinsintern finden derlei absurde Zuschreibungen offenbar Gehör. Ex-Präsident Steffen Kubald gründete schon im April 2011 den Verein „Fußball-Fanprojekt Leipzig“. „Wir hätten nach dem langen Hickhack die Fanarbeit aufgefangen, wenn es Outlaw nicht gemacht hätte“, teilte er vergangenen Januar mit. Dass „Scenario“ alle Hebel in Bewegung zu setzen scheint, um Outlaw die Arbeit zu verunmöglichen, sollte stutzig machen. Denn die Gruppe verlässt spätestens hier den Boden des Unpolitischen, indem sie sich gegen den vermeintlich linken „Eindringling“ positioniert.

„Ratten aus Markranstädt“

Zum Derby gegen RB Leipzig bedienen sich die Scenario-Anhänger einer unter Neonazis beliebten Chiffre. Im Internet sprechen sie von den „Ratten aus Markranstädt“.  Eine Anspielung auf den NS-Propagandafilm „Der ewige Jude“, in dem Juden mit diesen Tieren gleichgesetzt werden. Der antisemitische Code wird in einem Fanforum von zahlreichen Usern reproduziert.

"Scenario" beim Spiel Lok Leipzig gegen Dynamo Dresden II im Mai 2012
„Scenario“ beim Spiel Lok Leipzig gegen Dynamo Dresden II im Mai 2012

Die Verquickungen der Gruppe ins rechte Gestrüpp sind schwer übersehbar. Vorsänger auf dem Lok-Zaun ist niemand Geringeres als Marcus W. Der 23-Jährige hält sich seit Jahren im Umfeld von „Jungen Nationaldemokraten“ und „Freies Netz“ (FN) auf. In einer Webcommunity bekennt der Capo, er würde Hitler vermissen. Auch Istvan R. ist regelmäßig bei Lok-Spielen zu Gast. Die Leipziger Neonazis sind offenbar mit dem jüngst verbotenen „Nationalen Widerstand Dortmund“ vernetzt. Als die Ruhrpott-Neonazis vergangene Woche ihren Twitter-Dienst einstellen mussten, stellten ihnen die Leipziger Kameraden ihren Gruppen-Account zur Verfügung. Das Derbymotto „Unser Spiel – Unser Stadion – Unsere Stadt“ erinnert Szene-Kenner obendrein an T-Shirts, die die Dortmunder Kameradschaft vor Jahren aufgelegt hatte.

Eine feste Größe in der Fanszene ist auch Benjamin B. Wenn der Freefighter in den Ring steigt, feuern ihn seine Fans mit „L-O-K“-Chören an. Im März wurde der 23-Jährige, der bereits von einer internationalen Karriere träumte, kurzzeitig ausgebremst. Der Organisator eines Essener MMA-Events sagte B.’s Kampf ab. Grund: Dessen Verbindungen zur „Aryan Brotherhood Germany“. Eine rechte Bruderschaft im Raum Wurzen, die sich nach einer berüchtigten amerikanischen Knastgang benannt hat.

 Brandanschlag auf den „Fischladen“ des Roten Stern

Thomas K. , ehemals Fan des FC Sachsen, scheint neuerdings ein Vertrauter B’s zu sein. Der kräftige Zwei-Meter-Hüne durfte den Sportler sogar zu einem Länderkampf nach Rumänien begleiten. Auf einem Erinnerungsfoto trägt er ein Shirt der militanten „Autonomen Nationalisten“. An K’s Vorstrafen scheint sich B., der in der Fankurve leicht Gehör findet, nicht zu stören. Der blau-gelbe Konvertit wurde wegen des politisch motivierten Überfalls auf Fahrgäste eines Nachtbusses am 1. Mai 2008 zu einer Haftstrafe verurteilt. Außerdem verdächtigte ihn die Staatsanwaltschaft, für einen Anschlag auf den „Fischladen“ des Roten Stern mitverantwortlich zu sein. Das Verfahren wurde im Hinblick auf die zu erwartende Strafe im Nightliner-Prozess eingestellt.

Stramm rechts offenbar auch die Gesinnung von Peter K.. Der 25-jährige sollte für die NPD in den Bornaer Stadtrat einziehen, verzichtete aber offenbar auf das Mandat. Andreas S. trat bei der Leipziger Stadtratswahl 2009 für die NPD an.

Die Leipziger Philipp W. und Christian P., beide aus dem Umfeld des „Freien Netz“, gehen in ihrer Freizeit nicht nur ins Stadion, sondern besuchten bereits zahllose Neonazi-Demos. Besonders pikant: Mit Benjamin S. darf  sich „Scenario“ über einen Sympathisanten aus den Reihen der „Blue Caps“ freuen. Die Hooligans haben seit Monaten kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben. Ihre Homepage ist abgeschaltet. Womöglich suchen ihre Mitglieder nun anderswo Unterschlupf.

 „Wir sind unpolitisch“

Wie positioniert sich der Verein zu den Neonazis? Michael Notzon möchte sich auf Anfrage nicht zu dem Problem äußern. Am Telefon hält er sich kurz: „Wir sind ein unpolitischer Verein.“ Anscheinend stört sich die Vereinsführung nicht wirklich an den Rechtsradikalen. Dabei besorgen sie dem Club dem Club seit Jahren ein anrüchiges Image, das wichtige Sponsorengelder gefährden könnte. Die Kameraden dürfen bei Heimspielen sogar an einem Stand ihre Fan-Devotionalien unter das Volk bringen. Am Sonntag planen sie einen Fanmarsch. Ab 11.30 Uhr möchten sie vom Hauptbahnhof zum Zentralstadion ziehen.

Siehe auch:Nur Maulwürfe können den Fußball unterwandern,Kostenlose Broschüre: Leipziger Zustände,Neonazis als Security-Personal bei LVB-Familientag, Leipzig: Rechter Hooligan vor Gericht, Leipziger Neonazis verurteilt, Brandis: Drei Jahre Haft für NPD-Kandidaten,Leipzig: Neonazis verletzen linken Fußball-Fan schwer,Sachsen: Lok-Fanclub unterstützt Neonazi-Demonstration

14 thoughts on “„Unser Spiel – Unser Stadion – Unsere Stadt“

  1. Sehr guter Artikel. Hier werden verschiedene Fakten zusammengefasst, die auch zusammengehören. Die Verbindungen von LOK Fans zu Freien Kräften, Autonomen Nationalisten, die Odermannstr., Thor Steinar Fans, zu Free Fightern. Das ist ein stimmiges Bild was der Verein LOK seit Mitte der 90er Jahre immer wieder bestätigt. Ich erinnere mich da an ein Spiel von Pauli gegen VfB im Zentralstadion, da haben die VfB Fans versucht die Pauli Fans anzugreifen. 119 Jahre Tradition? @Alle LOK Fans, mal wieder selber denken! Ciao

  2. In jeden deutschen Fußballverein_von Bayern München – Bor.Dortmund_und auch Lok Leipzig finden sich Leute, die den Verein als Plattform ihrer Gesinnung missbrauchen.
    Nur mit dem Unterschied, dass die Bayerischen und Dortmunder Medien diesen Gruppierungen keinerlei Zeilen, Aufmerksamkeiten oder gar ganze Kolumnen widmet. Denn wer nicht genannt und gehört wird, dem vergeht die Lust am schnellsten.
    Wenn sie als Verfasser des o.g. Artikels in jeden Fan mit brauner Lederjacke eine braune Gesinnung sehen, den Verein Lok Leipzig als Unterschlupf der leipziger Naziszene sehen, dann sollten sie den Kugelschreiber nur noch für Notizen ihres persönlichen Einkaufszettel nutzen. Dankeschön!
    Wieso stand auf meiner Eintrittskarte 1.FC Lokomotive Leipzig – Die Roten Bullen?? Heißt der Verein nicht Rasenballsport Leipzig? Die Macher von Rasenballsport umgehen mit allen Tricks den Statuten! Welchen Aufschrei würde es geben, wenn eines Tages die Kölner Eintrittskarte so bedruckt wäre. FC Bayern München – Die Geißböcke.
    Solche Themen sollte man aufgreifen! Aber bitte nicht Sie!!

  3. Wegen genau solcher Medienhetze kommen überhaupt erst keiner der oben genannten Personen ist noch Politisch aktiv! Und wegen drei vier mann ist nicht eine ganze Gruppierung so!!

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