Freude über den Hass

Nach dem antisemitischen Angriff auf einen Rabbiner in Berlin herrscht in der „islamkritischen“ Sekte im Netz Begeisterung vor. Man habe doch schon immer vor judenfeindlichen Migranten gewarnt, tönt es nun. Viele Linke tun sich derweil mit der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in Migranten-Communities schwer – und große islamische Verbände schwiegen zunächst.

Von Patrick Gensing

Viele Linke interessieren sich kaum für den Antisemitismus in Migranten-Communies. Jüngst berichteten wir über den Al-Kuds-Marsch in Berlin, in dem Beitrag bezeichnete der Autor die „junge Welt“ als nationalbolschewistisch, worüber sich die meisten Kommentatoren mokierten. Die antisemitischen Inhalte der Demonstration spielen hingegen kaum eine Rolle. So lange deutsche Linke gemeinsam gegen Nazis auftreten, zeigt man sich entschlossen, bei Rassismus oder Antisemitismus in Migranten-Communities tut man sich bedeutend schwerer.

Dies dürfte mehrere Gründe haben, hier einige stichwortartig angerissen: Zum Einen die eigene Ideologie, die ein idealisiertes Bild von Migranten zeichnet, denen man nicht unterstellen möchte, ebenfalls menschenfeindliche Einstellungen mit sich rumzuschleppen, da sie doch selbst davon betroffen seien. Zum Zweiten sind antisemitische Organisationen im antiimperialistischen Kampf zu Bündnispartnern geworden und zum Dritten ist da noch die aggressive islamfeindliche Internet-Sekte, die über jeden dokumentierten Angriff auf Juden von „arabisch aussehenden Jugendlichen“ geradezu jubelt, um den eigenen Rassismus zu legitimieren.

Antisemitische Schmiererei an einer Litfaßsäule direkt am Boxhagener Platz (Foto: René Andreas Erler)
Antisemitische Schmiererei an einer Litfaßsäule direkt am Boxhagener Platz, auf der Litfaßsäule an der Grünberger Str. Ecke Gabriel Max Str. war mit roter Farbe das Wort „Ober Rabbiner“ mit einem Davidstern in dem sich eine 88 befand, geschmiert worden.(Foto: René Andreas Erler)

Bei PI-News beispielsweise strömten innerhalb von 24 Stunden weit mehr als 100 Kommentare zu dem Überfall ein, einer schreibt: „so leid es mir für die Tochter und den Rabbiner tut, es könnte uns ungemein helfen, wenn die Öffentlichkeit mal was davon erfährt.“ oder so: „Die Araber kennen doch das Gastrecht? Was machen die mit einem Gast, der sich permanent schlecht benimmt und dann auch noch Mitbewohner angreift dort wo er zu Gast ist? Richtig: sofort rausschmeißen! Und bitte kein Genuschel von wegen: Aber er ist doch hier geboren … Das genau ist ja das Problem.“

„Leider sind es meist junge Migranten“

Kurzum: Es geht mal wieder um Ideologie. Glücklicherweise gibt es beispielsweise die Amadeu-Antonio-Stiftung, deren Arbeit sich nicht auf die Auseinandersetzung mit einer Hass-Ideologie beschränkt. So warnt AAS-Vorsitzende Anetta Kahane eindringlich vor dem Antisemitismus – und betont dabei eine wichtige Beobachtung: „Es gibt in letzter Zeit mehr körperliche Attacken gegen Juden als in den vergangenen Jahren – vor allem in Ballungsgebieten und Großstädten“, sagte Kahane der dpa. „Und leider sind es meist junge Migranten.“ Antisemitische Schmierereien und Beschimpfungen sowie Sachbeschädigungen kämen dagegen eher von Rechtsextremen oder aus der Mitte der Gesellschaft. Diese machten die Mehrzahl der antisemitischen Fälle aus.

Im Jahr 2009 veröffentlichte die Stiftung die lesenswerte Broschüre „Die Juden sind schuld“- Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft am Beispiel muslimisch sozialisierter Milieus, die hier heruntergeladen werden kann.

Fast jede Woche ein Friedhof geschändet

Grass-und Beschneidungsdebatte sowie israelfeindliche Propaganda (beispielsweise Al Kuds-Tag) dürften den Antisemitismus derweil weiter gestärkt haben, so dass wir nun die Früchte ernten in Form von anwachsender Gewalt gegen Juden. Anschläge und Schändungen von jüdischen Einrichtungen oder Friedhöfen sind in Deutschland ohnehin Alltag.

Zur einer Anfrage nach der Zahl der Schändungen jüdischer Friedhöfe in Deutschland seit dem Jahr 2000 verwies die Bundesregierung im Oktober 2009 darauf, dass dies im Strafgesetzbuch kein eigenständiges Delikt darstellt. Daher seien zur Beantwortung bei den im Rahmen kriminalpolizeilicher Meldedienste erfassten Daten die antisemitischen Straftaten herausgefiltert worden, ”bei denen Friedhöfe als Angriffsziel genannt worden waren“. Soweit für den Zeitraum der Jahre 2000 bis 2008 noch Datenbestände verfügbar gewesen seien, habe die so vorgenommene Recherche ergeben, dass von den Polizeibehörden insgesamt 471 antisemitische Straftaten ”mit dem Angriffsziel Friedhof“ registriert und insoweit 170 Täter beziehungsweise Tatverdächtige festgestellt wurden – also fast jede Woche ein Angriff.

Linktipp: Chronik antisemitischer Vorfälle im Jahr 2012

„Starke Selbstentlastungstendenz“

Große islamische Organisationen, über deren brechetigte Kritik an einer Plakataktion des BMI wir vor wenigen Tagen berichteten, schwiegen zunächst zu dem Angriff auf den Rabbiner in Berlin. Dabei sollten sie daran interessiert sein, mögliche menschenfeindliche Einstellungen „in den eigenen Reihen“ zu thematisieren. Dabei geht es auch um Glaubwürdigkeit.

Update: Der Zentralrat der Muslime hat am 30. August 2012 seine „tiefste Abscheu“ über den Angriff ausgedrückt. DITIB-Mitteilung am 31. August: „Es muss uns alle an unsere Verantwortung gemahnen, wenn Menschen aufgrund von Religion, Ethnie oder Nationalität angegriffen werden. Sichtbare religiöse oder ethnische Zugehörigkeiten dürfen Menschen nicht zu Zielen von Gewalttaten oder Übergriffen machen. Dafür müssen wir gemeinsam einstehen.“

Komplexe Zusammenhänge werden personalisiert, um einen Schuldigen - oft "den Juden" - präsentieren zu können.
Komplexe Zusammenhänge werden personalisiert, um einen Schuldigen – oft „den Juden“ – präsentieren zu können.

Aber der Angriff ist auch kein Problem von islamischen Verbänden, er geht uns alle an. „Die deutsche Gesellschaft darf sich nun aber nicht zurücklehnen und sagen: Das waren wieder einmal die Migranten, nicht wir“, betonte Kahane. Es gebe derzeit eine starke Selbstentlastungstendenz – etwa in Anbetracht der Morde der Neonazi-Terrorzelle NSU.

Kahane warnt davor, nun so zu tun, als sei der Vorfall ein Problem der Anderen. „Schuldzuweisungen bringen nichts. Wir müssen uns mit dem Problem Antisemitismus als Gesellschaft auseinandersetzen – und dazu gehören auch Migranten.“

Alle Meldungen aus der Rubrik Antisemitismus.