Der Kreuzzug als Dschihad

Die selbsterklärten Verteidiger der europäischen Kultur erweisen sich einmal mehr als deren größten Feinde. Sie wollen die gesellschaftliche Auseinandersetzung zu einem Freund-Feind-Schema erstarren lassen, um den großen Schlag vorzubereiten. Der Rechtsterrorist Breivik verstand sich als Vollstrecker dieser Weltsicht.

Von Volker Weiß*

Mit dem Osloer Urteil ist es amtlich: Die Tat des Anders Behring Breivik ist dem politischen Terrorismus entsprungen, nicht dem pathologischen Wahn. In der Urteilsfindung spielte die psychische Zurechnungsfähigkeit des Norwegers eine zentrale Rolle.

Das ist zu begrüßen, wenn es auch schwerfällt, den „Tempelritter“, der mit Autobombe und Massenerschießungen in den Heiligen Krieg zur Rettung des Abendlandes zog, nicht für wahnsinnig zu halten. Dessen zusammengestoppelten Ausführungen zu einer „konservativen Revolution“ boten reichlich wirres Zeug. Doch wäre es zu einfach, die Vorstellungen des Täters zu einem medizinischen Problem zu reduzieren. Aus heutiger Perspektive zeugen auch die Kriegsschriften manch aufrechter Patrioten des 19. und 20. Jahrhunderts von ausgesprochen pathologischen Gemütern. Vor allem, wenn die Religion ins Spiel kam, waren anständige Bürger großzügig darin, das Blut der Feinde zu vergießen. Der politische Wahn hat eben seine eigene Rationalität.

Breiviks Wahl der Mittel entsprach seiner politischen Botschaft: Der Kreuzzug als Dschihad. Wie so oft gab die Tat Auskunft über den Täter und sein Ressentiment. Während Breivik diejenigen, die vor den Umständen in Bagdad, Beirut oder Damaskus nach Europa geflohen sind, der Zerstörung der autochthonen Kultur bezichtigte, verwandelte er selbst die Innenstadt von Oslo und die Ferieninsel Utøya in ein Krisengebiet.

Richterin Wenche Elizabeth Arntzen wies in der Urteilsbegründung darauf hin, dass die Einschätzung der Tat als eine politische zugleich die Gesellschaft mit ihren eigenen faschistischen Potentialen konfrontiere. Da Breivik nicht einfach verrückt ist, steht er also für eine Ideologie. Diese ist nicht sonderlich komplex, aber eingängig. Inzwischen geistert die Erklärung einer „zweiten Zelle“ durch das Netz, die ihrem „Kommandeur“ nacheifern möchte. Ihre Authentizität ist äußerst fragwürdig, aber der Text beweist, wie leicht sich Breiviks Inhalte und Diktion kopieren lassen.

Auch der norwegische Blogger Peder Jensen, alias Fjordman, fand vor Gericht Erwähnung. Seine Schriften hielten maßgeblich Einzug in Breiviks Manifest. Fjordman hat auch Bewunderer in Deutschland. Bereits im letzten Jahr erschien in der Edition Antaios, einem an das Institut für Staatspolitik angegliederten Kleinverlag, eine kommentierte deutsche Übersetzung seiner Texte mit dem Titel „Europa verteidigen“. Die Herausgeber Martin Lichtmesz und Manfred Kleine-Hartlage, als Verfechter der „konservativen Revolution“ in Deutschland in einschlägigen Zirkeln zwischen den Zeitschriften „Junge Freiheit“, „Sezession“ und der Pro-Bewegung präsent, teilen seine politische Agenda. In ihrem Kommentar bemühen sie sich um eine Rettung des norwegischen Bloggers vor Breivik, seinem größten Fan.

Der Attentäter inszeniert sich als "Marxist Hunter".
Der Attentäter inszeniert sich als „Marxist Hunter“.

Dabei ist ihr Weltbild in den wesentlichen Punkten identisch: Die Reiter der Apokalypse Dekadenz – Einwanderung, Sozialstaat, Europäische Union und Geschlechtergleichstellung – galoppierten demnach allesamt im Schatten des „Kulturmarxismus“. Der liberale Wandel der westlichen Nachkriegsgesellschaften wird damit als Produkt einer Verschwörung gesehen, als deren Agenten die 68er und ihre theoretischen Stichwortgeber aus der Kritischen Theorie denunziert werden. Zur Abwehr dieser Verschwörung müsse die globale Nachkriegsordnung revidiert werden. Spätestens in dieser paranoiden Konstruktion schwinden die Grenzen zu einer Zeitdiagnostik, wie sie etwa auch in den Reihen der NPD verbreitet ist.

Fjordman zieht die Grenzen zwischen Freund und Feind unmissverständlich. Für ihn sind gerade „moderate Moslems“ keine verlässlichen Dialogpartner, sondern allenfalls Wölfe im Schafspelz. In dieser Sicht wird der Islam zur reinen Bedrohung Andersgläubiger, völlig abgekoppelt von den historischen und gesellschaftlichen Umständen. Dass andere Religionen ähnliches formulierten und sich im Laufe der Geschichte dennoch zu mäßigen wussten, wird in dieser Betrachtung getrost unterschlagen. So erscheint der Islam insgesamt als eine Art „ewiger Fundamentalismus“, der seinen Anhängern unabänderlich anhaftet. Folgerichtig unterläuft dem Blogger in der Darstellung des nahöstlichen Terrorismus ein  Schnitzer: PFLP-Gründer Georg Habasch war kein Moslem, sondern christlicher Palästinenser. Doch solche Differenzierungen stören nur die Agitation.

Fjordmans Ziel, und das seiner deutschen Unterstützer, ist es, die gesellschaftliche Auseinandersetzung zu einem Freund-Feind-Schema erstarren zu lassen, um den großen Schlag vorzubereiten. Breivik verstand sich als Vollstrecker dieser Weltsicht. Damit erweisen sich die selbsterklärten Verteidiger der europäischen Kultur einmal mehr als deren größten Feinde. Es ist zu befürchten, dass sie nicht allein bleiben. Die ökonomische und politische Krise hat schon die islamischen Gesellschaften in eine tiefe kulturelle Regression geführt, die Verfechter der „europäischen Unabhängigkeit“ eifern ihnen längst nach.

Siehe auch: Teil einer ideologischen SubkulturDie Internationale der Rechtsterroristen

*Volker Weiß ist Autor des Buchs Angriff der Eliten: Von Spengler bis Sarrazin

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