Feeling blue: Fuck U!

Letztes Wochenende fanden in Hamburg zum dritten Mal die „Hamburg Cruise Days“ statt. Über eine halbe Million Zuschauer lockte das Spektakel in den Hamburger Hafen, den eine Lichtinstallation des Künstlers Michael Batz in blaues Licht hüllte. Ein reichhaltiges Musik- und Showprogramm sorgte für Unterhaltung. Aus Sicht der Veranstalter ein voller Erfolg, doch gerade auf St. Pauli sorgen die zahlreichen Megaevents längst nicht mehr für ungeteilte Begeisterung.

Von Jonas Füllner

Lichtinstallation "Fuck U" Hamburg Blue Port (Foto: Nils Waldow)
Lichtinstallation „Fuck U“ Hamburg Blue Port (Foto: Nils Waldow, strassenfotografie.org)

Dass Städte immer schon in Konkurrenz zueinander stehen, um Unternehmen buhlen und zahlungskräftiges Klientel anlocken wollen, ist keine neue Erkenntnis. Doch in den letzten Jahrzehnten hat der Wettbewerb zwischen den Städten zugenommen. Städtische Event-Agenturen sprießen wie Pilze aus dem Boden und mithilfe von Imagekampagnen wird versucht den eigenen Außenauftritt zu verbessern. Die Hansestadt Hamburg erkannte früh die Zeichen der Zeit. 1983 rief Bürgermeister Klaus von Dohnanyi das „Unternehmen Hamburg“ aus und gab damit den Startschuss für eine unternehmerische Stadtpolitik.

Lautstarke Feiertage gehören auf dem Kiez inzwischen zur Regel. Fast jedes Wochenende finden auf dem Spielbudenplatz, der Reeperbahn, dem Heiligengeistfeld und rund um den Hafen Megaevents wie der Schlagermove, die Harley Days oder der Hafengeburtstag statt. Seit 2008 gesellen sich alle zwei Jahre die Hamburg Cruise Days hinzu. Nach Informationen des Hamburger Abendblatts wird Hamburg noch in diesem Jahr „in die Top Ten der größten europäischen Tourismusziele aufgenommen“ werden. Die Interessen der Bewohner bleiben dabei schnell auf der Strecke. Die Eventisierung sorgt daher längst für Unmut: „Alles, was dumm und scheiße ist, findet mittlerweile hier statt, direkt hier“, brachte der Betreiber des Golden-Pudel-Clubs, Rocko Schamoni, die Stimmung bereits vor einiger Zeit auf den Punkt.

Zudem sehen sich die Anwohner einem doppelten Wandel unterworfen: Denn die Gentrifizierungen in den Straßen rund um die Reeperbahn wird seit Jahren massiv vorangetrieben: Mietwohnungen wurden in Eigentum umgewandelt und große Neubauprojekte verdrängten alte Hafenarbeiterhäuser. Allein von 2003 bis 2008 stiegen die Mieten um über 20%. St. Pauli gehört inzwischen zu den teuersten Wohnvierteln der Hansestadt. Initiativen aus dem stadtpolitischen Netzwerk „Recht auf Stadt“ sprechen daher von einem „Mietenwahnsinn“. Dagegen regt sich zunehmen Widerstand: Passend zu den Hamburg Cruise Days lud das „Schwabinggrad Ballett“, ein im Netzwerk „Recht auf Stadt“ aktives Künstlerkollektiv, zur politischen Versammlung und Diskussion in einen von Anwohnern Ende der 1990er Jahre geschaffenen kleinen Park oberhalb der Hafenstraße.

Ein leuchtend blaues „Fuck U!“

Wenige Meter vom „Blue Port“ entfernt, leuchte dann Donnerstagabend auf einmal von einer Brücke über die Hafenstraße eine leuchten blaue Lichtinstallation auf. Ihre Boitschaft: „Fuck U!“ Via Facebook verbreiteten sich Fotos der kritischen Intervention zum „Blue Port“ wie ein Lauffeuer. Verstärkt wurde die Dynamik durch einen Foto-Wettbewerb, zu dem die hamburg.de GmbH auf der Internet-Präsenz der Stadt Hamburg aufgerufen hatte. Nutzer konnten eigene Bilder hochladen und dem Gewinner wurde der „Abzug des Gewinnerbildes mit einer persönlichen Widmung des Lichtkünstlers“ versprochen. Außerdem sollte das Foto „für eine Woche das neue Titelbild“ der hamburg.de-Facebook-Präsenz werden.

Eine Mitmachaktion, die für die Initiatoren gewaltig nach hinten los ging. Ausgehend von der Facebook-Seite „Leerstand zu Wohnraum“ breitete sich der Wettbewerb in Windeseile aus. Auch die Hamburger Medien griffen die Aktion auf und berichteten von der „Anarcho-Aktion“ (Mopo). Kurz vor Ende des Wettbewerbs rangierten schließlich am 21. August gleich fünf Abbildungen der „Fuck U!“-Installation in den Top 5. Die hamburg.de GmbH reagierte schnell, bereits am Dienstag ließ Sprecher Torralf Köhler über die Medien verlauten, dass es einen technischen Sieger und einen „Sieger der Herzen“ geben werde. Zum „Sieger der Herzen“ wurde im Rahmen eines Pressetermins am 22. August die bestplatzierte Abbildung der Lichtinstallation des Lichtkünstler Batz prämiert – weit abgeschlagen hinter den vielen „Fuck U!“-Einsendungen.

Künstler Batz begrüßt Kritik

Überraschend einhellig reichten sich Fotograf Nils Waldow und der anwesende Lichtkünstler Batz bei der folgenden Preisverleihung die Hand: „Ich muss sagen, ich kann verstehen, wenn die Leute auf St. Pauli die Faxen dicke haben. Mir ist das auch einfach zu viel mit den ganzen Events“, sagte Waldow, der mit seinem Foto die meisten Stimmen einheimste.  Lichtkünstler Batz fand nicht nur lobende Worte für die Installation, sondern ließ selber leise Kritik an der Eventisierung durchleuchten. „Kunst ist inhaltslos, wenn sie sich keiner Kritik stellt“, führte Balz aus. Er habe sich durch die kritische Intervention nicht angegriffen gefühlt. „Blue-Port ist kein Lichtspektakel“, betonte der Künstler. Vielmehr sei seine Lichtinstallation als leise Kunst zu verstehen und nicht als Werbefläche der Stadt. Recht dürftig begründet hingegen Geschäftsführer Axel Konjack auf hamburg.de, warum künftig nicht das „Fuck U!“-Bild das Facebook-Profil der Stadt Hamburg schmücken soll: „Uns ist es wichtig, ein Profilbild zu nutzen, mit dem alle Fans etwas anfangen können, nicht nur diejenigen, die die aktuelle Diskussion im Netz verfolgt haben.“

Siehe auch: Alles Chaoten!Die Erziehungsdiktatur,

One thought on “Feeling blue: Fuck U!

Comments are closed.