Teil einer ideologischen Subkultur

Der Rechtsterrorist Anders Breivik ist zu 21 Jahren Haft verurteilt worden – und wird auch danach wahrscheinlich nicht mehr frei kommen. Die Richter am Amtsgericht in Oslo urteilten, Breivik sei zurechnungsfähig, er habe aus ideologischen Motiven gemordet. Die „islamkritische“ Internet-Sekte hatte versucht, Breivik als Wahnsinnigen darzustellen, was von Experten und Richtern nun widerlegt wurde. Eine Zusammenfassung von Breiviks Ideologie, die zum Terror führte.

Von Patrick Gensing

In einem „Manifest“ hat Breivik seine Ideologie ausführlich dargelegt. Das Kompendium besteht aus drei Teilen, das erste Buch gibt einen subjektiven Überblick über die europäische Geschichte, der Schwerpunkt liegt hier in einer Beschreibung des Islams als gewalttätige Religion; die Texte kopierte Breivik überwiegend aus dem Internet.  Buch 2 bezeichnete Breivik als den ideologischen Teil, aber auch hier schrieb der Rechtsterrorist nur Auszüge selbst, bediente sich ebenfalls umfangreich im Netz. Buch 3, von Breivik selbst verfasst, beschreibt einen Bürgerkrieg um Europa und die Vorbereitungen auf die Terroranschläge vom 22. Juli 2011.

Rechtsextreme Ideologie

Breiviks Ideologie lässt sich eindeutig als rechtsextrem bezeichnen, eine Mischung aus Rassismus, Militarismus und Verschwörungslegenden. So meint der Rechtsterrorist, die Norweger wären seit den 1960er Jahren einer „ethnischen Dekonstruktion“ ausgesetzt – schuld sei die Arbeiterpartei, die das Land für Einwanderung geöffnet habe. Die norwegischen Ureinwohner würden aussterben, das skandinavische Land von muslimischen Migranten übernommen. Diesen Prozess fasst Breivik als Multikulturalismus zusammen, ein Projekt, das von europäischen Eliten, Politikern und Medien im Verborgenen betrieben werde. Eine wirkliche Meinungsfreiheit existiere nicht, meint Breivik.

Auch von einer Demokratie könne keine Rede sein, Breivik schrieb viel mehr von einer „kulturmarxistischen Diktatur“. Dagegen helfe nur ein bewaffneter Aufstand. Sein Doppelanschlag sollte eine „Hetzjagd“ auf Konservative und Nationalisten provozieren, die dadurch radikalisiert würden. Breivik betonte als Gegenbewegung zum Islam die christliche Religion und vermutete hier Verbündete. Er  bezeichnet sich selbst als Ultranationalist und Werkzeug der Revolution. Die Anschläge vom 22. Juli seien ein präventiver Angriff gewesen – zur Verteidigung des norwegischen Volks und der Kultur. Der Massenmörder bezog sich dabei auf die Menschenrechte – diese legitimierten angeblich die Verteidigung der eigenen Ethnie und Kultur.

Angebliche Konfrontation mit Migranten

Breivik hatte sich als Jugendlicher nach eigenen Angaben durch Konfrontationen mit Migranten in Oslo radikalisiert. Keiner seiner ehemaligen Freunde konnte diese Darstellung bestätigen, stellte das Gericht fest. Die Richter gingen daher davon aus, dass Breiviks rechtsextreme Einstellungen vor allem durch Kontakte im Netz verstärkt wurden. Das Gericht betonte, dass Breiviks Ausländerfeindlichkeit auch von anderen Menschen in Norwegen geteilt wird. Besonders die Anschläge am 11. September 2001 sowie der Karikaturenstreit in Dänemark hätten antimuslimische Strömungen verstärkt. Auch die Verschwörungslegenden über den Islam seien verbreitet – doch die wenigsten „Islamkritiker“ seien dafür, mit Terroranschlägen gegen die angebliche Islamisierung zu kämpfen, betonte die Richterin mit Bezug auf Fachleute.

Das Gericht behandelte in seiner Urteilsbegründung auch das Spielen von World of Warcraft. Breivik habe dieses Spiel über Monate täglich bis zu 16 Stunden gespielt. Dort habe er verschiedene Charaktere gesteuert, einer hieß „Conservatism“. Breivik war als Offizier in dem Spiel tätig und wurde von einem Mitspieler als sozial kompetent und ausgesprochen fähig beschrieben.

Der Attentäter inszeniert sich als "Marxist Hunter" - alles unpolitisch?
Der Attentäter inszeniert sich als „Marxist Hunter“ – alles unpolitisch?

Breivik legte bei seiner Tat und dem Prozess eine zynische Sachlichkeit an den Tag: Sein Handeln sei stets zielorientiert gewesen, berichteten Bekannte als Zeugen. Breivik zeigte bei seinen Taten eine totale emotionale Distanz und benutzte eine operationalisierte Sprache. Nur bei der Vorführung des Propagandavideos weinte er, Gefühle hat er also. Die Richter betonten, Breivik sei zurechnungsfähig. Es gebe eine Subkultur, die Breiviks Auffassungen teilten. Daher gebe es keine Basis für eine rein individuelle Wahnvorstellungen.

Breivik konnte nach der Urteilsbegründung noch ein Statement abgeben. Dabei entschuldigte er sich bei anderen militanten Faschisten, nicht noch mehr Menschen getötet zu haben. Er lege keine Berufung gegen das Urteil ein, da er das Gericht nicht anerkenne. Dass Breivik sich im Krieg wähnt, zeigt auch ein Blick auf die Todesursache viele seiner Opfer. Breivk schoss vielen sozialdemokratischen Jugendlichen auf Utöya erst in den Oberkörper – und anschließend in den Kopf. Breivik bezeichnete dies als „Sicherheitsschuss“.

FrP hetzt weiter

Derweil hetzt die Fortschritsspartei (FrP) in Norwegen weiter offen gegen Muslime. Frank Willy Djuvik, FrP-Politiker aus dem Teilstaat Sogn und Fjordane, schrieb laut NRK in seinem Blog, er hasse Muslime und den Islam. Andere FrP-Politiker forderten Ministerpräsident Stoltenberg zum Rücktritt auf, da er das Land geschwächt habe – und stellten den Sozialdemokraten mit Breivik auf eine Stufe. Stoltenberg habe zudem zu wenig gegen den Terror unternomen, kritisiert ein anderer Politiker der FrP – das ist übrigens die  Partei, in der Breivik einst Mitglied war.

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