„Wir geben die Farben zusammen“

Im Baltikum, in Ungarn, Polen oder Russland können Schwule und Lesben ihre Gay-Pride-Paraden nur unter massivem Polizeischutz durchführen. Beim zweiten „Prague Pride“ am vergangenen Samstag hielten sich die homophoben Anfeindungen in Grenzen. Dennoch gab es Gegenveranstaltungen von christlichen, monarchistischen und ultrakonservativen Gruppierungen. Auch 30 Neonazis beteiligten sich an den Protesten.

von Lara Schultz

„Prague Pride“, Foto: Lara Schultz.

10.000 Menschen warben in Prag für mehr Toleranz gegenüber Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen. Auch wenn die tschechische Gesellschaft in Bezug auf sexuelle Orientierung toleranter sein mag als in anderen mittel- und osteuropäischen Ländern, so wollen noch 23 Prozent der Bevölkerung keine Menschen mit homosexueller Orientierung als Nachbarn, so das Ergebnis einer Umfrage des tschechischen „Zentrums zur Erforschung der öffentlichen Meinung“ vom März. Der US-amerikanische Botschafter in der Tschechischen Republik, Norman Eisen, nahm am Umzug unter dem Motto „Wir geben die Farben zusammen“ teil. Der Prager Bürgermeister Bohuslav Svoboda unterstützte die Veranstaltung.
Auf dem Wenzelsplatz, wo der „Prague Pride“ startet, hatte jedoch auch die ultrakonservative Initiative „D.O.S.T.“ eine Kundgebung angemeldet. „D.O.S.T.“ steht als Akronym für „Vertrauen, Objektivität, Freiheit, Tradition“, bedeutet aber auch „genug“. Die Aktion war unter dem Motto „Schutz des Stolzes der normalen Menschen“ angemeldet. „Es gab genug Homosexualismus“ stand auf einem Transparent der Vereinigung. Handgemalte Pappschilder sollten der Kundgebung einen internationalen Touch geben: „Got loves all peoples but hates homosexuals“. Der D.O.S.T.-Vorsitzende Michal Semín gab der tschechischen Agentur Mediafax ein Interview und sagte: „Der homosexuelle Lebensstil ist schon aus anatomischer Sicht überhaupt nicht auf die Möglichkeit der Fortpflanzung gerichtet und verdient aus diesem Grund auch keinen gesellschaftlichen Schutz.“
Petr Bahník hat D.O.S.T. mitgegründet und ist Politiker der am polnischen Vorbild orientierten tschechischen Kleinstpartei „Recht und Gerechtigkeit“. Auf dem Wenzelsplatz führte er anschaulich vor, was passiere, wenn man das Motto des Pride ernst nähme und Rot, Gelb und Blau zusammengebe: „Dann kommt so etwas heraus, was Euch sicher auch nicht gefällt,“ sagte er und zeigte auf ein Plakat, auf dem er eben diese Farben zusammengemischt hatte.

David Hibsch, Vorsitzender der „Monarchistischen Bürgervereinigung MONOS“ bezeichnete in seiner Rede „Homosexualismus“ als „Weg in die Sklaverei“. Wer so etwas unterstütze oder propagiere, sei „Menschenhasser“. Mit Bannern und Luftballons machte auch die Initiative „Střídavka – Kinder brauchen beide Eltern“ auf ihr Anliegen aufmerksam.

Petr Hájek, Vizekanzler unter Vaclav Klaus, überbrachte der homophoben Kundgebung Grüße des tschechischen Staatspräsidenten. Im letzten Jahr hatte Hájek an gleicher Stelle Homosexuelle als „deviante Mitbürger“ bezeichnet.

Zu den Teilnehmer_innen auf der zweistündigen Kundgebung zählten auch 30 Neonazis. Sie kamen aus den Reihen der „Autonomen Nationalisten“ und des

Neonazis demonstrieren gegen die „Prague Pride“, Foto: Lara Schultz.

„Nationalen Widerstands“. Mit Pavel Szudar war auch der Vorsitzende der Prager „Arbeiterjugend“, des Jugendverbandes der extrem rechten „Arbeiterpartei der sozialen Gerechtigkeit“ DSSS vor Ort. Die Unterstützung der Kundgebung durch Neonazis, die später noch das Banner „Stoppt den analen Terror“ präsentierten, schien nicht unerwünscht zu sein. Ihre Einstellung trugen die Neonazis auf T-Shirts und Tattoos deutlich zur Schau. „Good night left side“ war beispielsweise zu lesen und „Europa erwache“. Ein Nazi glorifizierte auf seinem T-Shirt die „Schlacht um Janov“. Im November 2008 hatte ein Mob aus Neonazis und Bürger_innen versucht, das dortige Romaviertel anzugreifen und sich stundenlange Straßenkämpfe mit der Polizei geliefert.

50 Meter entfernt gab es noch eine weitere Aktion gegen den „Prague Pride“: Die „Jungen Christdemokraten“ hatten den Auftritt einer traditionalistischen Kappelle organisiert, zusammen mit Unterstützer_innen der Christdemokraten KDU-ČSL lauschten sie den Klängen von Hackbrett, Geige und Kontrabass.
Der schwul-lesbische Zug setzte sich derweil pünktlich vom Wenzelsplatz in Bewegung. In einer Seitenstraße hielt die Polizei zunächst acht Neonazis fest, die die Parade stören wollten. Als die Teilnehmer_innen vorbeizogen, waren die Neonazis schon wieder auf freiem Fuß. „Schande, Schande!“ rief einer der Nazis, die anderen streunten entlang der Route herum. Zu weiteren Zwischenfällen kam es glücklicherweise nicht.

Der „Prague Pride“ endete schließlich mit einem Jahrmarkt, mit Party und Konzert auf der Moldauinsel „Střelecký ostrov“. Nur Wenige dürften die Störungsversuche durch Neonazis mitbekommen haben. Tschechische Medien berichteten lediglich von „sieben Störern“, die von der Polizei in Gewahrsam genommen worden seien.

Siehe auch: Alles Einzelfälle ohne Bedeutung?!, Rechtsextremer Mob greift Roma-Viertel an

4 thoughts on “„Wir geben die Farben zusammen“

  1. „Stoppt den analen Terror“?

    Ernsthaft?
    „Stoppt den analen Terror“?!

    Wie kommt man auf sowas?
    Abgesehen davon, dass es unfreiwillig komisch ist, wenn man sich schwule Mobs vorstellt, die alkoholisiert gröhlend und arschfickend durch die Gassen von Prag ziehen, interessiert es mich tatsächlich, wie man auf so einen Scheiss überhaupt kommen kann. Ist ja schließlich nicht so, als würde sich die Rechte sonst durch besondere Phantasie auszeichnen, die jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung ist da meist schon das höchste der Gefühle…

  2. Zumindest in Warschau werden Gay Prides inzwischen nicht mehr physisch attackiert. Die jährliche grosse feministische Demo in Warschau zum 8. März, Manifa, die noch vor ein paar Jahren unter Polizeischutz stattfinden musste, wurde dieses Jahr nur noch von ein paar Wägen begleitet, die die Strassen absperrten; es gab nicht einmal Gegendemonstrationen.

    Die polnische Antifa hat eine prima Methode, die Neonazis bei ihrer paranoiden Homophobie zu packen. Zur Vorbereitung viele Kondome auspacken, etwas Leim rein, damit sie benutzt aussehen. Dann auf die Nazidemo schmeissen und sich die panischen Reaktionen der Nazis anschauen…

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