Good night, white pride!

Drei Kameradschaften hat der Landesinnenminister in NRW verboten – der organisatorische Genickbruch für die berüchtigten Autonomen Nationalisten in Dortmund. 900 Polizisten durchsuchten heute ab 6 Uhr fast 150 Wohnungen und Geschäfte in 32 Städten – von Aktivisten der „Kameradschaft Aachener Land“, des „Nationalen Widerstands Dortmund“ und der „Kameradschaft Hamm“. Dabei wurden zahlreiche Waffen und NPD-Plakate sichergestellt.

Von Roland Sieber

Als erstes traf es das von den Neonazis als „Nationales Zentrum“ genannte R135 in Dortmund. Nach der Durchsuchung mit Sprengstoffspürhunden wurde die Nazizentrale komplett leer geräumt und das gesamte Inventar mit Möbeltransportern abgeholt. Auf der Homepage des „Nationalen Widerstands Dortmund“ ist noch der Kampagnen-Slogan „R135 bleibt!“ zu lesen. Diesen hatten die Autonomen Nationalisten von der linken Hamburger Flora-Soli „Flora bleibt“ abgekupfert.

Neben der Werkstatt und den Lagerräumen für Szenenwaren glich das braune Veranstaltungshaus einem mit Aufklebern und Plakaten propagandistisch ausgestalteten Jugendzentrum. Neben Sturmhauben, Schlagstöcken und Szenenmusik stellte die Polizei dort auch etwa 1.000 NPD-Plakate sicher. Am Sonntag finden die Wiederholungswahlen zum Stadtrat statt. Auch ein von damaligen NPD-Vorsitzenden Udo Vogt handsigniertes „Gas geben“-Plakat fand sich an einer Wand. Die Funde belegen eine systematische Zusammenarbeit der rassistischen Partei mit der gewaltbereiten Szene. NRW-Innenminister Ralf Jäger bezeichnete diese als Bausteine für ein mögliches NPD-Verbotsverfahren.

Homepage des „Nationalen Widerstand Dortmund“

Bei dem umfangreichsten Schlag gegen Rechtsextremisten der Dortmunder Polizei durchsuchten die 600 Einsatzkräfte insgesamt 93 Objekte des „Nationalen Widerstands Dortmund“ und der „Kameradschaft Hamm“ in Bochum, Lünen, Essen, Unna, Schwerte, Herdecke, Gelsenkirchen, Münster, Bielefeld, Dortmund sowie Hamm. Besonders gründlich sollen die Ermittler in der „Villa Kunterbraun“, eine von Neonazis angemietete Gaststätte in Hamm, vorgegangen sein. Zudem bekamen zahlreiche einsitzende Neonazis in ihren Haftzellen, ja sogar in ihren Krankenhauszimmern Polizeibesuch. Auch dort wurden die Verbotsverfügung persönlich übergeben.

Weitere 300 Beamte durchsuchten 53 Wohnungen und Geschäfte unter anderen in Aachen, Ahlen, Bielefeld, Bochum, Castrop-Rauxel, Düren, Essen, Gelsenkirchen, Heinsberg, Herdecke, Iserlohn, Köln, Mettmann, Münster, dem Rhein-Sieg-Kreis, Schwerte, Welver und Wuppertal. Dabei wurde Pfefferspray, Schlagringe, Springmesser, Baseballschläger, ein Morgenstern, eine Zwille und eine selbst gebastelte Handgranate gefunden. Die (Vereins)-Vermögen und das Webematerial wurden eingezogen sowie einige Mobiltelefone und Computer beschlagnahmt. Das Tragen der Vereins- und Kameradschaftssymbole ist ab sofort verboten. Festnahmen gab es bisher keine. In der Verbotsverfügung gegen die drei Kameradschaften werden hunderte Straftaten aufgeführt, darunter auch zahlreiche Propagandadelikte und Gewalttaten.

Der Twitter-Account des neonazistischen AB Leipzig informiert zeitnah über die Vorgänge in Dortmund.

Die Autonomen Nationalisten wurden von der Polizeiaktion während ihren Vorbereitungen zum jährlichen „nationalen Antikriegstag“ am 1. September gestört. Um ca. 10 Uhr verabschiede sich der Twitteraccount des „Nationalen Widerstand Dortmund“  mit den Verweis auf das Aktionsbündnis Leipzig vorübergehend. Dieser Naziticker verbreitete bereits zuvor Fotos der Dortmunder Hausdurchsuchungen und rief gegen zehn Uhr zu einer spontanen „Kundgebung gegen staatliche Willkür auf dem Wilhelmplatz“ in Dortmund Dorstfeld auf.

 

 

 

Daran nahmen ca. 19 Personen mit Transparenten und schwarz-weiß-roten Reichsflaggen schwingend teil. Als die Polizei drohte die spontane Kundgebung aufzulösen, versuchten die Nazis diese noch anzumelden. Dies half jedoch nicht: Die Einsatzkräfte lösten die Zusammenkunft nach zwei Stunden wegen des Verdachts auf Wiederbetätigung auf und beschlagnahmten die mitgeführten Fahnen und Transparente noch vor Ort.

„Für die Situation in Dortmund und den Antikriegstag gibt es ab sofort eine neue Infonummer […]“, verlautbart das „AB Leipzig“ über Twitter und reagiert damit auf unerwartete organisatorische Schwierigkeiten. Der neue Dortmunder Polizeipräsident Norbert Wesseler hatte bereits zuvor angekündigt die Neonazidemo in diesem Jahr zu verbieten, wenn er einen gerichtsfesten Anlass findet. Die Chancen darauf haben sich heute deutlich erhöht.

Aufmarsch von „Autonomen Nationalisten“ in Dortmund

Freude hingegen dürfte den twitterten Nazis das Verkünden des „ins Wasser fallen“ des Antifacamp im Dortmunder Tremoniapark bereitet haben. Ein schöneres Trostpflaster hätte die Stadt den Autonomen Nationalisten wohl nicht machen können.

Nach dem Verfahren gegen Aktivisten des „Aktionsbüros Mittelrhein“ wegen des Verdachts auf Körperverletzungen und der Bildung einer kriminellen Vereinigung ist dies ein weiterer schwerer Schlag gegen die westdeutsche Kameradschaftsszene. Aus dem vorübergehenden Abschied über Twitter ist wohl ein dauerhaftes auf Nimmerwiedersehen geworden.

Siehe auch: Dortmund: Nach Razzien prüft die Polizei das Verbot der Nazi-Demo am 1. September, Innenminister verbietet „Kameradschaft Aachener Land“, DO/HAM/AC: NW Dortmund, KS Hamm und KAL verboten, “Sicherheit” nur für Nazi-Hools?, Neue Nazis – Jenseits der NPD, “Antifa-Camp könnte Nazis provozieren”, Dortmund: Naziangriff in der Meisternacht?Eine Nazi-Demo und der neue Kurs der PolizeiSind die Unsterblichen schon tot?, Bundesweite Razzien gegen Thiazi.net, Razzia gegen “Freundeskreis Rade” und “Pro NRW”

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