Die konformistische Revolte

Heute vor 20 Jahren begannen in Rostock-Lichtenhagen die rassistischen Angriffe auf Flüchtlinge. Die Polizei schaute dabei tagelang zu, die Politik instrumentalisierte das Pogrom, um das Grundrecht auf Asyl abzuschaffen. Wissenschaftler der Uni Rostock sprechen daher von einer konformistischen Revolte.

Von Stephan Geelhaar, Ulrike Marz, Thomas Prenzel, aus der Studie 20 Jahre Rostock-Lichtenhagen. Kontext, Dimensionen und Folgen der rassistischen Gewalt

In zweierlei Hinsicht ist erkennbar, dass sich die Angreiferinnen und Angreifer in Übereinstimmung mit national-staatlichen Interessen glaubten und die Revolte als konformistisch zu bezeichnen ist. Das fehlende Eingreifen von Polizei- und anderen Ordnungskräften in den ersten Tagen der Ausschreitungen hat zum ersten sicherlich mehr Menschen angelockt und diese enthemmter hinsichtlich ihrer Aggressionen werden lassen. Nicht zuletzt setzte die „ausgebliebene Eindeutigkeit“[41] des Staates auch ein Signal für zukünftige Ausschreitungen: dass gewalttätige Angriffe unsanktioniert bleiben.

Zweitens wurde die stets beschworene Notwendigkeit, aufgrund der steigenden Anzahl von Asylsuchenden in den 1990er Jahren und den Flüchtlingen aus Rumänien und dem bürgerkriegserschütterten Jugoslawien auf einen Asylkompromiss zu drängen, in den Medien immer wieder betont. Während die Regierung aus CDU/CSU und FDP sich einig über die ‚Notwendigkeit’ einer Grundgesetzänderung war, zögerte die SPD-Opposition bis Ende 1992 mit ihrer erforderlichen Zustimmung zur Verfassungsänderung. Gewiss nicht rational intendiert, wohl aber im Interesse derer, die sich für eine Asylgesetzänderung aussprachen, können die Ausschreitungen in Rostock und der Anschlag in Mölln im gleichen Jahr als finaler Zwang zur Änderung der Gesetzgebung nur vier Monate nach Lichtenhagen interpretiert werden. So versuchte der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern Bernd Seite (CDU), die Gewalt nachträglich zu erklären: „Die Vorfälle der vergangenen Tage machen deutlich, dass eine Ergänzung des Asylrechts dringend erforderlich ist, weil die Bevölkerung durch den ungebremsten Zustrom von Asylanten überfordert wird.“[42] Und „Mecklenburg-Vorpommerns CDU-Landeschef Günther Krause hofft nun nach dem Einlenken der SPD – und wohl auch unter dem Eindruck der Rostocker Ereignisse – ‚dass man schon in allernächster Zeit’ beim Asylrecht vorankomme“. [43]

Immer wieder wurde betont, dass es die steigende Anzahl von Flüchtlingen und ursächlich dafür die Asylgesetzgebung seien, die den Rassismus hervorbringen. Dieser Logik folgend müssen die Asylsuchenden in ihren ‚Heimatländern’ bleiben, damit der ‚Rechtsextremismus‘ zurückgedrängt und die Demokratie nicht gefährdet werde.[44]

Der blinde Fleck der ‚Randale’ Dass in den Berichterstattungen in den Monaten nach dem Pogrom beständig von „Krawallen“,45 „Straßenschlachten“46 oder „Randalen“47 gesprochen wurde, zeigt, wie ein Teil der Angreiferinnen und Angreifer systematisch aus der Diskussion um die Ursachen und Schuldigen herausgehalten werden sollte: Die aktiv oder passiv beteiligte Anwohnerschaft. Nach den Gewalttaten ergaben sich die Akteure in gegenseitigen Schuldzuweisungen. Weder die antiziganistischen Motive noch das autoritäre Sanktionsbedürfnis der Täterinnen und Täter gerieten in das Blickfeld der Auseinandersetzung, sondern die Ereignisse wurden täterentlastend aufbereitet.

Die gewaltsame Vertreibung von Asylsuchenden durch einen Mob von jugendlichen Rechten und nicht nur Beifall klatschenden Nachbarinnen und Nachbarn wurde von der Presse zu erklären versucht, indem die vermuteten Motivationen sich weiterhin in der Logik der rassistischen und antiziganistischen Argumentation bewegten. Zunächst war vor allem die Anwohnerschaft bemüht, die Verantwortung an die Politik zu delegieren. Die Zustände seien der deutschen Bevölkerung von Seiten der Politik zu lange zugemutet worden:

„Aber wenn die Herren Politiker jetzt endlich aufwachen und jeder – ob in Bonn, Schwerin oder Rostock – endlich seine verdammten Pflichten entdeckt, die ihm die Wähler auferlegt haben, hat das alles vielleicht einen Sinn gehabt.“48

Wie Recht dieser Anwohner mit der funktionalen Deutung des Pogroms als Handlungsaufforderung behalten sollte, zeigt die schnelle Einigung, die Opposition und Regierung nur wenige Monate nach den Angriffen beim Asylrecht erzielen konnten. Zu glauben, dass die ZAST in einem stark bevölkerten Stadtteil zu keinen Problemen führe, sei ein schwerer Irrtum, oder, wie Michael Laasch in einem Kommentar der Ostsee-Zeitung schreibt, gar „instinktlos“49 gewesen. Ähnlich fragte die Ostsee-Zeitung Rostocks Oberbürgermeister Kilimann (SPD), ob es nicht eine „eklatante Fehlentscheidung“50 gewesen sei, die ZAST in Rostock-Lichtenhagen einzurichten. Ein Anwohner äußert sich wie folgt: „Die Krawalle sind keine schöne Sache. Anderseits finde ich es auch nicht in Ordnung, daß so viele Sinti und Roma mitten in ein dicht besiedeltes Neubaugebiet gesetzt wurden.“51 Als ein weiterer Grund, der mit der ‚Standortproblematik’ der ZAST verschränkt ist, wurde angeführt, es seien zu viele Flüchtlinge aufgenommen worden: Bereits einen Monat vor Lichtenhagen stellte der Innensenator fest:

„Für die Stadt und die Anwohner sei ‚die Belastbarkeitsgrenze erreicht’, so Magdanz. Der Senator appellierte an die Kreise in Mecklenburg-Vorpommern, verstärkt Asylbewerber aufzunehmen. Der Bundesregierung warf er vor, das Problem zu ignorieren.“52 Auch eine Jugendliche weiß um die eingeschränkte Bereitschaft der deutschen Anwohnerschaft, Flüchtlinge ‚aufzunehmen’: „Anja T. (13), Kühlungsborn: ‚Ich bin gegen Gewalt, aber die Politiker hätten doch längst merken müssen, dass es hier noch mal knallt. Für die Leute in Lichtenhagen habe ich Verständnis. Was wollen die ganzen Ausländer eigentlich bei uns?’“53

Demonstration am 25. August in Lichtenhagen - mehr dazu hier: http://lichtenhagen.net/
Demonstration am 25. August in Lichtenhagen – mehr dazu hier: http://lichtenhagen.net/

Der vielleicht dominanteste Erklärungsversuch ist wohl die Schuldzuweisung an die Asylsuchenden. Ihre Handlungen selbst seien es gewesen, das die Ausschreitungen provoziert habe: „Natürlich muss man auch die Ausländer nennen, vor allem die Sinti und Roma, die durch ihr Verhalten in den vergangenen Monaten die Nerven der Anwohner bis aufs äußerste reizten.“54 Dass dieser Journalist mit dieser Position nicht alleine ist, belegt ein Brief, den Innenminister Lothar Kupfer an Romani Rose, den damaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Deutschen Sinti und Roma, im September 1992 schrieb. Darin heißt es auszugsweise:

„Bei den hier eingereisten Sinti und Roma handelt es sich nach unserer Erfahrung jedoch im [sic!] eine in weiten Bereichen kaum anpassungsfähige Gruppe. Unsere Menschen erwarten aber von hier lebenden Ausländern zu Recht, daß diese die hier üblichen Normen des Zusammenlebens achten und sich entsprechend verhalten. […] Häufig werden durch Angehörige dieser Volksgruppe Ladendiebstähle begangen. Bei dem Gedanken an unser großzügiges Asylrecht … kann von der Bevölkerung eine Toleranz dieses Sozialverhaltens nicht mehr erwartet werden. Ich wäre Ihnen deshalb dankbar, wenn Sie dies Ihren Landsleuten nahe bringen könnten. Ein normgerechtes Verhalten der Ausländer kann nach meiner Auffassung helfen, vorhandene Vorbehalte abzubauen.“55

In diesem Zitat versammeln sich verschiedene aus der Rassismusforschung bekannte Vorstellungen: Besonders der Autoritäre kann Unangepasstheit und die Verletzung von Normen nicht hinnehmen. Die Verletzung dieser Normen setzt ein Sanktionsbedürfnis frei, das den Entzug der Toleranz zur Folge hat und bis zum Pogrom führen kann. Zentral ist jedoch, dass hier nicht von Individuen gesprochen wird, die für sich geltende Normen und Gesetze verletzen können, sondern es wird von den „Sinti und Roma“ als Kollektiv, als Entität gesprochen. Herr Rose möge daher seinen Einfluss auf dieses Kollektiv geltend machen und die Flüchtlinge über die Gepflogenheiten des Gastlandes aufklären. Es liegt dieser Logik folgend in der Verantwortung der „Sinti und Roma“ selbst, ob sie Opfer antiziganistischer Anfeindungen werden oder nicht. Nicht die psychische Disposition des Vorurteilsvollen ist, dieser Argumentation folgend, das Problem, sondern die Objekte des Hasses selbst. Gewalt wird durch das Fehlverhalten der Asylsuchenden verstehend erklärt und damit gleichsam legitimiert.

NPD-Wahlwerbung vor dem Sonnenblumenhaus in Rostock (Foto: Andrea Röpke)
Konformistische Rebellen: NPD-Wahlwerbung vor dem Sonnenblumenhaus in Rostock (Foto: Andrea Röpke)

Den Höhepunkt der Schuldzuweisung an die Betroffenen formulierte jedoch der Ausländerbeauftragte Winfried Rusch, wenn er die ‚Sinti und Roma’ allgemein für den Hass auf Ausländerinnen und Ausländer verantwortlich macht. „Die Krawalle führt er vor allem auf die Zigeuner zurück, die sich in keiner Weise wie Gäste verhielten. Rusch bestätigte, daß immer mehr Sinti und Roma Asylanträge stellen. ‚Je mehr der Menschen dieser Bevölkerungsgruppe kamen, um so mehr gingen die Einwohner auf Distanz zu allen Ausländern.’“56

Die als ‚Zigeuner’ Etikettierten wurden in den Wochen vor Lichtenhagen als Fremdgruppe in den Medien aufgebaut. Immer wieder wurde der ‚unbegrenzte Asylzustrom’ thematisiert. „Rostock und die Landgemeinden sind mit der Flut von Asylbewerbern überfordert“, hieß es etwa in der Ostsee-Zeitung.57 Verantwortlich dafür sei die vermeintliche Unfähigkeit der Politik, Entscheidungen zu treffen: „Lichtenhagen erlebt die Ohnmacht der Politiker gegenüber Asylproblem“.58 In den Lokalzeitungen wurde Raum geschaffen, die Roma als ‚schmutzig’, ‚kriminell’, ‘asozial’ und als das Sozialsystem ausbeutend darzustellen. Vielfach hatten sich die lokalen Medien zum Sprachrohr der Bevölkerung gemacht, wenn sie antiziganistische O-Töne in Berichten unkommentiert oder die Androhung zu Ausschreitungen abdruckten bzw. selbst antiziganistische Inhalte in den Berichten, Kommentaren und Reportagen reproduzierten.

Der Antiziganismus der Bevölkerung hat das Pogrom entfacht. Die antiziganistische Dimension trat jedoch in seinem Verlauf hinter einen generellen Rassismus zurück, wie der Angriff auf die Unterkunft von Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter zeigt. Einig waren sich die Angreifenden vor allem in der Form des Pogroms als konformistischer Revolte: Gemeinsam griffen sie stellvertretend einen schutzlosen Feind an, um den Staat, der von den Autoritären nicht angegriffen werden kann, zu zwingen, die wahrgenommene Ordnungslosigkeit wiederherzustellen. Dass rechte Gewalt auch die Anwesenheit von Staat und Ordnung fordert, beschreibt Lenk wie folgt:

„Die Revolte von rechts, die einem Kinderkreuzzug gleicht, fordert mit gewaltsamen Mitteln massiv Autorität ein: sie wird eingeklagt, weil sie das verspricht, was man verzweifelt sucht: Eindeutigkeit, Entschiedenheit, Reduktion der komplex gewordenen Gesellschaft.“59

Die Angreiferinnern und Angreifer erreichten schließlich ihr Ziel: Die ZAST wurde geräumt, die ‚Ausländer’ waren weg, das Asylgesetz wurde geändert und die Ordnung schien wieder hergestellt zu sein. Ob sich Opposition und Regierung auf den ‚Asylkompromiss’ auch ohne Rostock-Lichtenhagen sowie die zahlreichen Angriffe auf Unterkünfte von Asylsuchenden und Migrantinnen und Migranten in diesen Monaten so schnell hätten einigen können, bleibt offen. Im Anschluss an Lichtenhagen ergaben sich die politischen Verantwortlichen in gegenseitigen Schuldzuweisungen.

Impressionen aus Rostock-Lichtenhagen.
Impressionen aus Rostock-Lichtenhagen.

Noch immer hat eine reflektierte Auseinandersetzung nicht stattgefunden, die den Blick auch auf die Anwohnerschaft und ihre Beteiligung richten muss. Stattdessen war man bemüht, die ‚Randale’ einer gesellschaftlich kleinen Gruppe von ‚rechten Extremisten’ zuzuschieben, die in den kommenden Jahren durch Förderprogramme in den neuen Bundesländern hofiert wurden.60 An Interesse und Empathie gegenüber den Opfern des antiziganistischen Ressentiments und der damit legitimierten Gewalt in Rostock-Lichtenhagen fehlt es bis heute.

41 Lenk, Jugendlicher Rechtsextremismus, S. 93.
42 Koslik, Rechtsstaat fehlte in entscheidender Stunde.
43 O.A.: Rostocker Randale haben Politiker aufgeschreckt. Gewalt verurteilt / Verantwortliche gesucht /
Gegenseitige Schuldzuweisungen. Norddeutsche Neuste Nachrichten vom 26. August 1992, S. 3.
44 Vgl. DISS, SchlagZeilen, S. 77.
45 Krawalle: Bürger und Politiker uneins.
46 I.SP.: Stundenlange Schlacht vor dem Asylbewerberheim. Einwohner erwarten von Politikern schnellstens
Entscheidungen. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe für die Hansestadt Rostock, vom 24. August 1992, S. 9.
47 Rostocker Randale haben Politiker aufgeschreckt.
48 Treder, Achim: Niemand will jetzt den schwarzen Peter haben. Weil Polizisten ausgewechselt wurden, war
Feuerwehr ohne Schutz. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe für die Hansestadt Rostock, vom 26. August 1992, S. 9.
49 Laasch, Michael: Instinktlos. Randale gegen Asylbewerber. Ostsee-Zeitung vom 24. August 1992, S. 2.
50 Spiller, Ingelinde: „Wir haben an Kupfer geschrieben.« OZ-Exklusiv-Interview mit Rostocks Oberbürgermeister
Klaus Kilimann (SPD). Ostsee-Zeitung vom 26. August 1992, S. 3.
51 O.A.: Reaktionen auf Krawalle. Ostsee-Zeitung vom 27. August 1992, S. 3.
52 O.A.: Zentrale Aufnahmestelle überbelegt. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe für die Hansestadt Rostock, vom 24. Juli
1992, S. 11.
53 Reaktionen auf die Krawalle.
54 Laasch, Instinktlos.
55 Lothar Kupfer an Romani Rose. Brief vom 10. September 1992 (unveröffentlicht).
56 Provozierter Unwillen.
57 O.A.: Magdanz: Stadt verwaltet Notstand. Zentrale Aufnahmestelle für Asylanten täglich neu im
Belagerungszustand. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe für die Hansestadt Rostock, vom 25. Juni 1992, S. 11.
58 Lichtenhagen erlebt Ohnmacht der Politiker.
59 Lenk (1995), Jugendlicher Rechtsextremismus, S. 92.
60 Das wichtigste dieser Modellprogramme war das 1992 ins Leben gerufene Aktionsprogramm gegen Aggression
und Gewalt (AgAG), das besonders rechte Gewalttäterinnen und -täter in Maßnahmen und Projekte der Jugendhilfe
einbinden sollte. Vgl. dazu Pleiger, Doris: Sieben Jahre AgAG in Rostock – Resümee zum Aktionsprogramm gegen
Aggression und Gewalt, aus Sicht der wissenschaftlichen Begleitung und Beratung. O.O. 1999, http://www.soziale-
Praxis.de/fileadmin/content_isp/pdf/agag_resumee_rostock.pdf vom 16.02.2012.

7 thoughts on “Die konformistische Revolte

  1. Wie jeder Nicht-Sozialwissenschaftler aus Lebenserfahrung weiß: Wir alle haben einen Einfluss darauf, ob man uns mag oder nicht. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, gegen ihne bestehende Vorurteile durch sein Verhalten entweder zu bestätigen oder zu widerlegen.

  2. @ Anonymous

    Stimmt. Du hast gerade wieder mein Vorurteil gegen Deutsche bestätigt.

    Muss jetzt los, paar Kartoffeln klatschen.

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