Das Problem heißt Rassismus

Auch 20 Jahre nach den rassistischen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen fehlt es an Empathie gegenüber den Opfern. Mehr noch: Die Flüchtlinge wurden selbst für die Angriffe verantwortlich gemacht. An dieser „Täter-Opfer-Umkehr“ hat sich bis heute nichts geändert.

Von Patrick Gensing, zuerst veröffentlicht bei tagesschau.de

Das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen steht wie die Ausschreitungen von Hoyerswerda im Jahr 1991 exemplarisch für die rassistische Gewalt, die Anfang der 1990er Jahre in Deutschland tobte – und zwar längst nicht nur im Osten. Rechtsextreme und Anwohner belagerten beispielsweise im Mai 1992 in Mannheim-Schönau eine Flüchtlingsunterkunft. Der Unterschied zwischen Ost und West war aber zumeist, dass die Neonazis in den alten Bundesländern in der Nacht zuschlugen, sie warfen Brandsätze in Häuser, Kinder verbrannten in ihren Betten. Im Osten konnten die Rechtsextremen offener auftreten, im Mob überfielen sie Migranten, hetzten sie durch Städte, prügelten sie zu Tode. In ihrem Motiv waren die Angreifer im Osten und im Westen, die Gewalttäter wie die applaudierenden Zuschauer, aber vereint.

Das Problem heißt Rassismus - so das Motto einer Demonstration am 25. August in Rostock. Mehr dazu hier: http://lichtenhagen.net
Das Problem heißt Rassismus – so das Motto einer Demonstration am 25. August in Rostock. Mehr dazu hier: http://lichtenhagen.net

Veteranen der Neonazi-Szene berichten noch heute mit leuchtenden Augen über die Nachwendezeit, als sich die braunen Schlägerbanden zum Vollstrecker des “Volkswillens” aufschwangen. Sie fühlten sich legitimiert von Politikern, die in aggressiver Wortwahl gegen Flüchtlinge zu Felde zogen. Bekanntestes Beispiel für diese politische Verantwortungslosigkeit dürfte Edmund Stoiber gewesen sein, der vor einer “durchrassten Gesellschaft” sprach. Dem damaligen Bundesinnenminister Rudolf Seiters fiel bei einer Pressekonferenz während der Ausschreitungen in Lichtenhagen, bei denen der Mob Menschen verbrennen wollte, nichts Besseres ein, als über den angeblichen Missbrauch des Asylrechts zu klagen. Teile der Presse begleiteten die Kampagne für die Abschaffung des Grundrechts auf Asyl mit Horrorgeschichten über “Asylbetrüger” und apokalyptischen Begriffen wie “reißende Flüchtlingsströme” oder Parolen wie “Das Boot ist voll”. Aus Schlagworten wurden Brandsätze.

Alles Vergangenheit? An Interesse und Empathie gegenüber den Opfern und der damit legitimierten Gewalt in Rostock-Lichtenhagen fehle es bis heute, stellte eine Studie der Uni Rostock jüngst fest. Direkt nach dem Pogrom wurden die Flüchtlinge selbst für die Angriffe verantwortlich gemacht. Der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, Lothar Kupfer, schrieb an den damaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Deutschen Sinti und Roma, Romani Rose, im September 1992: “Häufig werden durch Angehörige dieser Volksgruppe Ladendiebstähle begangen. Bei dem Gedanken an unser großzügiges Asylrecht […] kann von der Bevölkerung eine Toleranz dieses Sozialverhaltens nicht mehr erwartet werden. Ich wäre Ihnen deshalb dankbar, wenn Sie dies Ihren Landsleuten nahe bringen könnten.” Das erinnert stark an die Opfer des NSU-Terrors, die zu vermeintlichen Kleinkriminellen abgestempelt wurden – und somit angeblich eine Mitschuld an den Verbrechen getragen hätten.

Mehr als 180 Menschen wurden nach inoffiziellen Zahlen seit 1990 in Deutschland von Rechtsextremen getötet – eine unfassbare Zahl. Kaum jemand kennt die Namen der Opfer. Bis heute kämpfen Initiativen beispielsweise darum, in Eberswalde eine Straße nach Amadeu Antonio zu benennen. Antonio wäre vor wenigen Tagen 50 Jahre alt geworden. Er wurde im November 1990 von einer Horde durch die Stadt gejagt und zu Tode geprügelt – weil er schwarz war. Die Amadeu-Antonio-Stiftung setzt sich für Opfer rechtsextremer Gewalt ein. In einer Broschüre fasste die Stiftung jüngst Erfahrungen von Opferverbänden und Beratungsstellen zusammen – übereinstimmend wird von einer “systematischen Täter-Opfer-Umkehr” nach rechtsextremen Gewalttaten berichtet.

Linktipp: Demonstration am 25. August 2012 in Rostock – Das Problem heißt Rassismus

Warum werden Angegriffene zu Mitschuldigen gemacht? Warum erkennen Ermittler in einer Mordserie an Migranten kein rassistisches Motiv? Warum wird den Opfern so wenig Empathie entgegengebracht? In Rostock-Lichtenhagen wurden weit verbreitete Vorurteile und Ressentiments gewalttätig ausgelebt. Rassismus und Ausländerfeindlichkeit beginnen aber nicht erst bei einem Überfall, die Gewalttat ist viel mehr das letzte Glied in einer langen Kette. Rechtsextreme werden in diesem Land sozialisiert; menschenfeindliche Einstellungen sind nicht angeboren, sondern werden an Kinder und Jugendliche weitergegeben. Die Sicherheitsbehörden benötigen nicht noch mehr Kompetenzen. Wir brauchen auch keine schärferen Gesetze. Das Problem heißt Rassismus, damals wie heute.

Siehe auch: Die konformistische Revolte

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