Sinnsuche in Tasmanien

In dem Film “The Hunter“ geht es vordergründig um die Jagd nach dem letzten lebenden Beutelwolf. Doch nicht zuletzt dank einer klugen Verwendung des symbolträchtigen Jagdmotivs findet auch eine bedeutsame Beschäftigung mit tiefgründigen Themen statt: Unter anderem wird der Gegensatz zwischen der Profitgier der Wirtschaft und dem Ethos der Umweltschutzbewegung beschrieben. Außerdem setzt sich der Film mit einer Schlüsselfrage emanzipatorischen Denkens auseinander: In welchem Umfang verfügt das Individuum über Handlungsspielräume, um etwa eigene Fehlentscheidungen korrigieren zu können? Die Jagd nach dem Beutelwolf steht also auch für die Suche des Menschen nach seiner eigenen Identität.

Von Stefan Kubon

Weil der Beutelwolf vor allem als eine Gefahr für die Schafzucht wahrgenommen wurde, erfolgte zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine Ausrottung durch die Bewohner Tasmaniens. Die alternative Bezeichnung des Wolfs als “Tasmanischer Tiger“ steht auch für die Dämonisierung eines vergleichsweise harmlosen Raubtiers. Das letzte Exemplar des Beutelwolfs starb 1936 in einem Zoo in Tasmanien. Doch bis heute kursieren Gerüchte, dass einige wenige Exemplare in der tasmanischen Wildnis überlebt haben. Basierend auf dieser Faktenlage erzählt der stimmungsvolle Film eine relativ zeitlose Geschichte über die Suche des Menschen nach Glück, Liebe, Macht und Selbstbestimmung. Die Abgründe, die bei dieser Suche ständig lauern, spielen in dem Film eine große Rolle.

Der Beutelwolf ist ausgestorben – doch die tasmanische Wildnis fasziniert noch immer (Foto: Stefan Kubon)
Der Beutelwolf ist ausgestorben – doch die tasmanische Wildnis fasziniert noch immer (Foto: Stefan Kubon)

Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Figur des Martin David (Willem Dafoe). Im Auftrag eines Waffenkonzerns soll David das letzte noch lebende Exemplar des Beutelwolfs in der tasmanischen Wildnis aufstöbern. Denn der Konzern möchte die DNS des Tasmanischen Tigers für die Entwicklung einer neuartigen biologischen Waffe nutzen. Um die Exklusivität der angestrebten Waffe zu gewährleisten, soll die Sicherung des Genmaterials mit der Tötung des letzten Beutelwolfs einhergehen.

Wo verläuft die Grenze zwischen Natur und Zivilisation?   

In Tasmanien angekommen, sucht David die Familie Armstrong in ihrem Haus auf, das als eine Art Vorposten der Zivilisation inmitten der Wildnis liegt. Hier quartiert sich David ein, um seine Vorstöße in die Wildnis bzw. seine Jagd auf den Beutelwolf planen zu können. Die Familie hat unlängst einen schweren Verlust erlitten: Der Vater der beiden Kinder gilt seit einigen Wochen als verschollen. Von einem Ausflug in die Wildnis ist er nicht mehr zurückgekehrt. Die Mutter ist durch den Verlust ihres Mannes stark traumatisiert, sie dämmert in einem depressiven Zustand vor sich hin. Die Kinder sind weitgehend sich selbst überlassen. Zunächst ignoriert David den desolaten Zustand der ihn umgebenden Menschen.

Der Familie gegenüber verschweigt David seine Tötungsabsicht hinsichtlich des Beutelwolfs. Er gibt vor, er sei Wissenschaftler einer Universität und betreibe Studien über den Tasmanischen Teufel (eine tatsächlich noch lebende Tierart, die zur Familie der Raubbeutler gehört). Das Brisante dabei: Die Familie ist ein Bestandteil der örtlichen Alternativ- und Umweltschutzbewegung, die mit der Forstwirtschaft bzw. den Holzfällern im Clinch liegt.

Identitätssuche zwischen Einsamkeit und sozialer Geborgenheit

Um den vermutlich letzten Tasmanischen Tiger zu finden, begibt sich David immer wieder für mehrere Tage in die Wildnis, wo er ein Leben in totaler sozialer Isolation führt. Während seiner Zeit im Haus der Armstrongs entwickelt sich hingegen ein sozialer Annäherungsprozess zwischen ihm und der Familie. Dabei erholen sich die Frau und die Kinder allmählich vom Verlust ihres Familienmitglieds. Unter dem Einfluss der Familie und ihres Umfelds gerät David zunehmend ins Grübeln hinsichtlich der Sinnhaftigkeit seines Geheimauftrags. Und auch bei seinen Ausflügen in die Wildnis scheinen ihn die Zweifel an der Richtigkeit seiner Jagdabsicht nicht mehr loszulassen.

Aufgrund seiner mittlerweile vertraulichen Beziehung zu den Armstrongs erfährt  David, dass auch das vermisste Familienmitglied auf der Suche nach dem seltenen Tier war. Durch die Kinder erhält er schließlich die entscheidenden Informationen, um dem Tasmanischen Tiger tatsächlich auf die Spur zu kommen. Indes zweifelt der Waffenkonzern immer mehr an der Zuverlässigkeit Davids. Ein besonders skrupelloser Agent des Konzerns mischt sich in das Geschehen ein, um sicherzustellen, dass der Geheimauftrag wirklich erfüllt wird. Die Ereignisse überschlagen sich … Obgleich auf der Zielgeraden der Handlung sehr viel Tragisches geschieht, überrascht der Plot ganz zum Schluss noch mit einer versöhnlichen Wendung.

Kein Film für Bud-Spencer-Fans

Nur gegen Ende gewinnt “The Hunter“ in Sachen Action an Fahrt. Es handelt sich vor allem um einen bedächtigen Film. Auf eine plakative Vermittlung der vielschichtigen Thematik wird weitgehend verzichtet. Die Figuren sind nicht immer ganz klar gezeichnet. Dies trifft nicht zuletzt auf die Hauptfigur des Martin David zu. Was wirklich im Kopf der sich wandelnden Hauptfigur vor sich geht, bleibt in erheblichem Umfang der Phantasie des Zuschauers überlassen. Dieser vielfach bewährte Kunstgriff zahlt sich auch in diesem Film aus. So kann man relativ beliebig seine eigenen Wünsche, Vorstellung und Ideale mit der charakterlichen Entwicklung Davids verknüpfen.

Der packende Film vermittelt ein realistisches Bild der tasmanischen Wildnis. Weltfremde Naturromantiker werden an dem Film keine große Freude haben. Denn die urtümliche Landschaft erscheint keineswegs als paradiesischer Ort. Richtigerweise wird die Wildnis vor allem als ein Ort der Gefahr (Unwetter, Steinschläge, Schlangen usw.) dargestellt – was auch der bedrohlichen Handlung des Films bestens entspricht. Und trotzdem: Es gibt auch viele Aufnahmen zu bestaunen, die eindrucksvoll die Schönheit der tasmanischen Wildnis bezeugen. Dass diese Wildnis schon allein wegen ihrer Schönheit schützenswert ist, sollte nach dem Betrachten des Films eigentlich klar sein.

Großartiger Film mit informativen Extras

Der äußerst sehenswerte Film ist seit Kurzem auf DVD erhältlich. Auch die Extras der DVD sind der Rede wert. In kompakt gehaltenen Beiträgen werden interessante Hintergrundinformationen mitgeteilt. Man erfährt etwa, dass der Film auf einer Romanvorlage von Julia Leigh basiert. Zudem werden die spannenden Charaktere der Figuren des Films recht genau beleuchtet. Aufschlussreiche Interviews mit dem Regisseur und den Schauspielern kommen hinzu. Man sieht Aufnahmen vom Dreh, der zumindest zum Teil in der Wildnis Tasmaniens stattfand – mitunter unter recht rauen Bedingungen.

Ferner wird die tasmanische Wildnis als schützenswerter Naturraum vorgestellt. Zu guter Letzt erfolgt ein Bericht über die tatsächliche Geschichte des Tasmanischen Tigers. Es kommen auch Leute zu Wort, deren Aussagen den Mythos nähren, dass der Beutelwolf vielleicht doch überlebt haben könnte. Letztlich bleibt aber die traurige Gewissheit, dass diese Tierart ausgestorben ist. Doch die Sinn- und Glückssuche des Menschen geht (vorerst) weiter …

“The Hunter“. Regie: Daniel Nettheim. Mit Willem Dafoe, Sam Neill, Frances O´Connor u. a. Australien 2011, 97 Minuten.

One thought on “Sinnsuche in Tasmanien

  1. Naja, also so ganz kann ich die Begeisterung des Rezensenten nicht teilen. Die Story wirkt mitunter schon arg konstruiert und die Charaktere bleiben über weite Strecken eindimensional und klischeehaft. Hier die Hippie-Kommune-Umweltschützer, dort die grobschlächtigen Holzfäller. Sie alle bilden die Kulisse für den (natürlich)einsamen, innerlich zerissenen Helden auf der Suche nach sich selbst. Irgendwie bleibt der Film über weite Strecken genauso öde, wie die grau-nasse, vor sich hintröpfelnde, tasmanische Wildnis. Da (Achtung Spoilerwarnung!)wirkt selbst der letzte Beutelwolf fast erleichtert, als ihn dann endlich der Schuss des Protagonisten trifft.

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