Neue Nazis – Jenseits der NPD

Der NSU ist ein Echo aus der Vergangenheit, neue potentielle Terroristen könnten aus dem Umfeld der „Autonomen Nationalisten“ kommen. Das meinen die Fachjournalisten Staud und Radke in ihrem Buch neue Nazis. Eine überzeugende These?

Von Patrick Gensing

Im Sommer/Herbst 2012 erscheint gleich eine ganze Reihe von Büchern, die sich entweder ausschließlich mit dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ und/oder der extremen Rechten in Deutschland beschäftigen. Toralf Staud und Johannes Radke haben ihr Werk „Neue Nazis“ genannt – offenbar in Anlehnung an Stauds Buch „Moderne Nazis“, das bislang den besten Einstieg ins Thema bot – aber mittlerweile einige Jahre alt ist. Die Fachjournalisten nehmen sich in dem aktuellen Buch thematisch eine große Spannbreite vor – und zwar „Jenseits der NPD: Populisten, Autonome Nationalisten (AN) und der Terror von rechts“.

Besonders stark ist das Buch in vielen seiner Analysen; so beschreiben Staud und Radke anschaulich, wie die NPD zwischen AN auf der einen und Rechtspopulisten auf der anderen Seite langsam zerrieben wird. Auch die Rückblicke auf die Entstehung der braunen Bewegung sowie die Geschichte des Rechtsterrorismus in Deutschland sind äußerst erhellend und Voraussetzung, um das Phänomen NSU zu begreifen. Die Autoren schreiben treffend, die „Zwickauer Zelle“ sei kein Problem der Gegenwart, sondern vielmehr ein Echo aus der Vergangenheit, besonders aus den 1990er Jahren, als sich die extreme Rechte zur Bewegung entwickelte und dabei kaum auf Widerstand stieß.

Dementsprechend richten die Journalisten nicht ihr Hauptaugenmerk darauf, wie andere Fachkollegen, die Geschichte der NSU-Rechtsterroristen möglichst detailliert nachzuerzählen, sondern Staud und Radke breiten die Geschichte der extremen Rechten in Deutschland aus und betonen dabei die gesellschaftlichen Rahmenverhältnisse. Zudem spannen sie einen Bogen in die Gegenwart.

Auf den meisten Neonazi-Demos dominiert das Outfit der "Autonomen Nationalisten" (Foto: Patrick Gensing)
Auf den meisten Neonazi-Demos dominiert das Outfit der „Autonomen Nationalisten“ (Foto: Patrick Gensing)

Die Autonomen Nationalisten spielen in dem Buch die Hauptrolle, immer wieder weisen die Autoren auf die Dynamik dieser Aktionsform hin – und stellen die These auf, hier wachse die „nächste Generation von Rechtsterroristen“ heran – allerdings kann diese These nicht nachdrücklich belegt werden.  Weder sind die Rahmenbedingungen mit denen der 1990er Jahre zu vergleichen, noch lässt das offensive Agieren der jungen Neonazis erkennen, dass hier klandestine Strukturen vorbereitet würden – noch bestätigt  ein prominenter Aussteiger aus der Szene in einem Interview, dass terroristische Bestrebungen eine besondere Rolle spielten. Möglich ist indes, dass ein Einzelner mit Waffen loszieht, um möglichst viele Menschen zu töten. Dieses Potential schlummert allerdings auch in der antimuslimischen, rechtspopulistischen Internet-Sekte, der man bei der Radikalisierung praktisch zuschauen kann.

Hier liegt zudem eine analytische Schwäche des Buchs vor, die Kategorisierung der Rechtspopulisten als „Neue Nazis“ stimmt nicht. Auch wenn es personelle Überschneidungen zwischen NPD und Rechtspopulisten gab und gibt – ideologisch funktionieren diese Phänomene unterschiedlich, teilweise konträr. Dementsprechend herrschen auch heftige Grabenkämpfe in der extremen Rechten, welche von den Autoren auch angerissen werden. Verglichen mit den äußerst kenntnisreichen Kapiteln über den NS-Flügel fällt der überschaubare Abschnitt über den nicht-nationalsozialistischen Teil der extremen Rechten allerdings ab.

Überzeugend

Insgesamt wissen Staud und Radke den Leser aber zu beeindrucken, sie sind absolute Experten auf dem Gebiet der extremen Rechten, echte Kenner der Bewegung. Zudem, eine große Stärke des Buchs, sind sie hervorragende Erzähler, stellen auch komplexe Sachverhalte anschaulich und nachvollziehbar dar. Besonders erfrischend ist der Ansatz des Buchs, die Wurzeln des NSU historisch einzuordnen und sich nicht auf die „Zwickauer Zelle“ zu fokussieren, sondern stärker die Rahmenbedingungen zu thematisieren sowie aktuelle Entwicklungen aufzuzeigen. Somit: klare Kaufempfehlung.

Artikel von Johannes Radke bei Publikative.org.

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