Von Hetzjagd kann keine Rede sein

Die Medien sind ausnahmsweise nicht die Hauptverantwortlichen für den schalen Beigeschmack, den die „Drygalla-Affäre“ mittlerweile wohl bei fast allen Beteiligten hinterlassen hat – egal, ob man nun glaubt, die Ruderin sei in die rechtsextreme Szene verstrickt oder nicht. Die explosionsartige Dynamik verdankt die Geschichte dem Verhalten der Sportfunktionäre, das man bestenfalls stümperhaft, schlimmstenfalls verantwortungslos nennen muss.

Von Andrej Reisin, in länger Form zuerst erschienen auf dem ZAPP-Blog

Am Mittwoch berichtete das NDR-Medienmagazin ZAPP über die Rolle der Medien in der „Drygalla-Affäre“:

Auf der Olympiabahn nachts um halb zwei

Zur Erinnerung: Es war der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), der via Deutscher Presseagentur (dpa) und Sportinformationsdienst (SID) in der Nacht von Donnerstag auf Freitag um 01:30 Uhr morgens mitteilen ließ, die Ruderin Nadja Drygalla habe „am Donnerstag das Olympische Dorf in London verlassen.“ Denn „die Mannschaftsleitung der deutschen Olympiamannschaft“ habe „Erkenntnisse zum privaten Umfeld der Rudererin“ erhalten, die zu Gesprächen mit der 23 Jahre alten Rostockerin geführt hätten. Sie habe dann „von sich aus erklärt, dass sie das Olympische Dorf verlassen werde.“ Und weiter: „ Die Mannschaftsleitung begrüßt diesen Schritt“, so der Chef de Mission, Michael Vesper.

Fischer am Tag der Ehre am 8. Mai 2012 in Demmin (Foto: Hans Schlechtenberg)
Fischer am Tag der Ehre am 8. Mai 2012 in Demmin (Foto: Hans Schlechtenberg)

Zu diesem Zeitpunkt hatte kein einziges Qualitätsmedium in Deutschland auch nur eine Zeile oder eine Minute zu Nadja Drygallas Privatleben geschrieben oder gesendet. Was es gab, war ein Blog-Beitrag von „Kombinat Fortschritt“, der Bilder von Drygalla neben Bildern von Frauen in Neonazi-Outfit auf einer Facebook-Seite eines Rostocker Fotografen zeigte. „Kombinat Fortschritt“ benannte diesen Fotografen als den stadtbekannten Rostocker Neonazi Michael Fischer und machte darauf aufmerksam, dass die Ruderin offenbar kein Problem damit hatte, ihr Bild in einem solchen Kontext verbreitet zu sehen.

Teilt Drygalla die Ansichten ihres Freundes? Billigte sie dessen Publikationen und Aktionen? Wie viel Interesse darf die Öffentlichkeit, die den Spitzensport über Steuergelder maßgeblich mitfinanziert, am Privatleben einer Sportlerin haben, die Deutschland beim immerhin größten Sportereignis der Welt vertreten soll? Schließlich finanzieren auch die Angehörigen der NSU-Opfer und andere Menschen, die bei Neonazis buchstäblich auf der Abschussliste stehen, diesen Staat. Sie haben sehr wohl ein Recht darauf zu erfahren, wer sie da in London vertritt und wessen Ansichten dort geteilt werden.

Verantwortung liegt bei Drygalla und den Funktionären

Die Beantwortung dieser Fragen hätte Gegenstand journalistischer Recherche und Berichterstattung sein dürfen, können und müssen. Doch Michael Vesper und der DOSB griffen dieser in einer panikartigen Reaktion vor und verkündeten mitten in der Nacht die Abreise Drygallas. Gleichzeitig bekundete Vesper am nächsten Morgen, Drygalla habe sich „von der rechtsextremen Szene distanziert. Man würde einem Menschen Unrecht tun, wenn man ihn durch einen anderen Menschen aus seinem persönlichen Umfeld diffamieren würde.” Der Präsident des Deutschen Ruderverbandes (DRV), Siegfried Kaidel erklärte sogar, „der Ruf einer Person“ werde „beschädigt, ohne mit ihr gesprochen zu haben.“

Bleibt die Frage: Von wem eigentlich? Noch nicht einmal die Rostocker Blogger vom „Kombinat Fortschritt“ hatten Drygalla selbst der Zugehörigkeit zur rechtsextremen Szene bezichtigt. Wenn die Verbände aber nichts wussten und Drygalla sich von all dem distanziert, mit dem sie angeblich ohnehin nie was zu tun hatte, warum ließ man sie dann ins offene Messer laufen? Hans Sennewald, Vorsitzender des Landesruderverbandes Mecklenburg-Vorpommern und Drygallas Heimatverein, der Olympische Ruderclub Rostock, sind nun darum bemüht, die Ruderin als Opfer einer Medienkampagne hinzustellen: „Sie ist am Boden zerstört“, sagte Sennewald wenige Tage nach deren Abreise der dpa. Ihm tue „die Ruderin leid“, sie sei in „Sippenhaft für die Überzeugungen ihres Freundes“ genommen worden. Er sei „entsetzt über den Umgang in der Öffentlichkeit mit ihr.“

Das wirkliche Ensetzen aber überkommt einen angesichts des Verhaltens der Funktionäre: Erst wollten sie offenbar Stillschweigen über Drygallas möglicherweise problematisches privates Umfeld bewahren, dann warfen sie sie beim geringsten Anzeichen öffentlicher Berichterstattung den Medien zum Fraß vor – und nun stellen sie sich schützend vor sie und zeigen mit dem Finger auf die böse Presse. Mit Verlaub: Weniger inhaltliche Auseinandersetzung und mehr Heuchelei geht nicht. Darin liegt der eigentliche Skandal der „Drygalla-Affäre“.

Siehe auch: Warum Fischers Ausstieg bislang keiner istEine deutsche FarceFischer ausgestiegen? Zweifel an Drygalla-AussageWer kennt Nadja Drygalla?NPDler führt offenbar Attacke auf Gedenken für NSU-Opfer an,

5 thoughts on “Von Hetzjagd kann keine Rede sein

  1. Rejsin formuliert so schön, man hätte Drygalla „ins offene Messer laufen lassen“.
    Um in Rejsins Bild zu bleiben: Verantwortlich sind doch zuerst einmal die Leute, die mit „offenen Messern“ dastehen, nicht Leute, die den Betreffenden „laufen lassen“ (vielleicht ungeschickt vor den offenen Messern zu schützen versuchen).
    Dieser Entlastungsversuch geht schon sprachlich daneben. (Zeugt aber von einer hochentwickelten Kultur des Für-nichts-verantwortlich-Seins.)

  2. Ich hatte vor einigen Tagen auch einen Beitrag (freilich bei der Konkurrenz von ER) verfasst und teile die Auffassung des Autors nicht wirklich. Zum einen bleibt die Frage offen, ob die Verteidigung Drygallas tatsächlich so ungeschickt gewesen war. Bisher ist noch nicht einmal klar, was ihr im Gespräch gesagt worden ist. Ich persönlich gehe davon aus, dass man ihr zur Abreise geraten hat: 1) Waren die Wettbewerbe zu diesem Zeitpunkt ohnehin gelaufen. 2) Ist diese Maßnahme durchaus auch als „aus der Schußbahn springen“ zu interpretieren. Die Frage ist in dem Zusammenhang nicht, ob die Aktion erfolgreich gewesen ist (hierzu fehlt auch der Vergleichspunkt) sondern ob sie zum Zeitpunkt ihrer Planung und Umsetzung die erfolgsversprechende gewesen ist.

    Selbst wenn man dem Autoren folgen möchte, bleibt immer noch die Frage bestehen warum die Journalisten schuldlos sein sollen. Diese verfügen in aller über eine Hochschulausbildung und somit (hoffentlich) über die intellktuelle Fähigkeit die Auswirkungen ihres Handelns einschätzen zu können. Wenn man Berichte über jemanden bringt und die Person im Zusammenhang mit Extremismen jedweder Art setzt, ist bereits vorprogrammiert das die Angelegenheit verdammt dreckig für den- oder diejenige wird. Insofern obliegt es auch dem Journalisten zu überprüfen ob und inwiefern tatsächlich Verstrickungen gegeben sind oder offensiv auf Grenzen der Informationslage hinzuweisen (nämlich das nicht einfach Rückschlüsse aus der Gesinnung des Partners gezogen werden können und keine Hinweise auf eine Verstrickung Drygallas vorliegen). Meines Erachtens wurde beides vernachlässigt. Unter anderem deshalb, weil aus der Partnerschaft Rückschlüsse gezogen worden sind, die auf Annahmen beruhen die so nicht nachzuweisen sind. (Beispielsweise, dass eine Partnerschaft von Personen mit politisch völlig anders gelagerten Einstellungen nicht möglich wären => Setzt erstens vorraus, dass für BEIDE die politischen Ansichten des anderen auf partnerschaftlicher Ebene relevant sind UND das Differenzen auf dieser Ebene auf mittelfristige Sicht eine Beziehung unmöglich machen.)

    Ich denke, dass „die Presse“ hier nicht schuldlos ist und ihrer Verantwortung nur zum Teil nachkam. Wobei der Autor freilich recht hat, wenn er darauf hinweist, dass die einseitigen Schuldzuweisungen Unsinn wären. Das ändert aber nichts daran, dass der Kern der Medien-Kritik durchaus haltbar ist…

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