Olympia: Deutschland, Deutschland über alles

Olympia ist ein Wettkampf der Nationen: Die Jugend der Welt kommt zusammen, um Sport zu machen statt Krieg zu führen. So ungefähr lautet die Grundidee. Deswegen ist es ein Ärgernis, wenn in der Berichterstattung der Sport zunehmend hinter nationaler Selbstbeweihräucherung verschwindet. Denn Kampf- und Kriegsrhetorik bestimmen längst das Geschehen.

Von Andreas Strippel

Genau wie bei den Welt- oder Europameisterschaften im Fußball ist auch bei Olympia die Nation Wettbewerbsgrundlage des sportlichen Wettkampfs. Nationalmannschaften messen sich und journalistische Parteinahme für die eigene Nation bleibt nicht aus. So lange dabei eine faire und informierte Berichterstattung stattfindet, ist das auch erträglich: Wer das partout nicht sehen und hören will, soll es eben lassen.

Denn dass das Konstrukt Nation auch bei positiver Betrachtung bestenfalls ambivalent ist, fiel auch den Olympia-Machern auf. In den sechziger Jahren änderte man deshalb den Olympischen Eid. Die Athleten nehmen seitdem „für den Ruhm des Sports und die Ehre unserer Mannschaft“, und nicht mehr „als ehrenwerte Kämpfer“ für „die Ehre unseres Vaterlandes“ teil. Allerdings scheint dieser Zivilisierungsprozess – eingeführt vom IOC als Versuch den Nationalismus bei den Olympischen Spielen einzudämmen – an den derzeitigen Berichterstattern völlig vorübergegangen zu sein.

Leiden für sein Land

Titel der Bildzeitung (Ausschnitt 30.07.2012)
Titel der Bildzeitung (Ausschnitt 30.07.2012)

Die Spiele fingen für die Jubelperser der Nation nicht gut an: Die Schwimmer verweigerten den Dienst am Vaterland. Keine Medaillen wollten sich einstellen. Die öffentlich-rechtliche Medienmannschaft sprach in einer Mischung aus persönlicher Enttäuschung und schulmeisterlicher Entrüstung mit den und über die Athleten. Wenn die gewünschten Ergebnisse nicht eintraten,  wurde nachgetreten. Kostprobe gefällig? Als die deutsche Starterin Jenny Mensing nicht die erhoffte Leistung brachte, legte Reporter Tom Bartels los: „Der Start, ich will nicht sagen erbärmlich, aber da liegt sie schon weit zurück“, polterte Bartels. Warum sagt er erbärmlich, wenn er es doch nicht sagen will? Es kam noch ärger: Nach ihrem Ausscheiden wurde die Schwimmerin auf peinlichste Weise vom Interviewer abgekanzelt.

Und so ging es weiter. Die aggressive Enttäuschung der TV-Journalisten fiel auch der Süddeutschen Zeitung auf. Sie sprach von „Trauerberichterstattung“. Jedoch verknüpften die Münchner die Mischung aus Genörgel, Unverschämtheiten und Untergangsstimmung, die sie dokumentierten, nicht mit dem neuen deutschen Leistungsnationalismus. Es ist eben nicht nur eine „aufgebauschte Fernseh-Dramaturgie“ der Herren und Damen am Mikrofon, wie die SZ meint, sondern demonstriert das Selbstverständnis dieser „Sportreporter“ als Zeremonienmeister der Nation. Dahinter will auch der Boulevard nicht zurückstehen und malt die nationale Schande an die Wand: „Über uns lachen sogar die Kasachen“, titelte die Bild, nachdem Deutschland tagelang gar nicht im Medaillenspiegel aufgetaucht war.

Deutsche Herrenreiter in Höchstform

Für die Reporter ging es um alles, um Deutschland. Deshalb ist das „Wir“ im Dauereinsatz um Gold, Silber oder Bronze, am liebsten aber um Gold. Sieger sein erlöst die Deutschen, erfüllt Sehnsüchte: Wir sind immer noch und schon wieder wer! So eingestimmt lechzte die Medienmeute nach Medaillen. Und tatsächlich war es dann so weit: Die deutschen Military- ähm Pardon, Vielseitigkeitsreiter erlösten das darbende Volk und ihre medialen Frontberichterstatter.

Als der entscheidende Reiter Gold entgegen ritt, erreichte die nationale Besoffenheit ihren medialen Tiefpunkt. Der Fernsehreporter schwätzte von vergangen Turnieren und angeblich zu Unrecht aberkannten Medaillen, steigerte sich immer weiter in einen nationalen Wutrausch hinein, an dessen Ende dann die Paraphrase des Führer-Weltkriegs-Eröffnungszitats explosiv aus ihm heraus brach: „Seit 2008 wird zurück geritten!“ Dass diese historische Entgleisung zu wenig mehr als einem kleinen Rüffel führte, spricht Bände über die Unkultur, die mittlerweile offenbar zur  nationalen Sportberichterstattung dazu gehört wie ein „innerer Reichsparteitag“.

Jetzt war der Krieg, waren die Spiele eröffnet. Erlöst waren die Deutschen, noch gelöster als ihre Kriegsberichterstatter in London. Deutschland hier, Deutschland da, Deutsche in Amerika. Gewinner wurden zu Statthaltern des nationalen Wohlbefindens, während die Verlierer als Leistungsverweigerer beschimpft wurden.

Wenn in einem Wettkampf kein Deutscher oder jemand mit deutschen Vorfahren aufzutreiben war, wurden akribisch deutsche Trainer im Ausland aufgeführt. Absurd wurde es beim Schwimmen: In einem Vorlauf über 100m Freistil ohne deutsche Beteiligung empfahl der Mann am Mikrophon die Daumen für einen Rumänen zu drücken, weil er den schönen deutschen Vornamen Norbert trägt. Ach ja, Usain Bolt hat einen deutschen Arzt. Es wird gar keinen Hehl mehr daraus gemacht, dass es um nationale Stimmungsmache geht. Die so genannten Sportjournalisten waren während der Leichtathletikwettkämpfe am 5. August so frei, sich und uns die Erlaubnis zu erteilen, unparteiisch zu sein zu dürfen, da gerade keine Deutschen teilnahmen.  Dabei ist es doch ein elementarer Reiz der Olympischen Spiele, Sportarten und Sportler zu sehen, die sonst kaum oder nie öffentlich stattfinden.

Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in London die pangermanischen Spiele stattfanden, zu denen auch ein paar andere Nationen Statisten entsandt hatten. Und wenn es sich nicht vermeiden ließ, in populären Sportarten wie der Leichtathletik auch Ausländer abzubilden, so wurde mit Sicherheit gemäkelt. Oftmals lief die Beurteilung von Athleten so: War er/sie extrovertiert wurde das Negativlabel Show aufgepappt (als ob Sport keine Unterhaltung sei), war er/sie introvertiert wurde es als Arroganz gewertet, agierten Athleten „normal“ wurde paternalistisch von netten Jungen oder Mädchen geschwafelt, wurde er/sie freundlich kommentiert, ist er/sie aus Deutschland. Und natürlich gilt: Alles Doper, außer Deutsche! Hier weicht die Erzählung vom Leistungsversager der Mär vom sauberen Athleten. Immerhin waren die pseudo-ethnologischen Expertisen über das genetische Leistungsvermögen bestimmter Nationen und/oder Hautfarben weniger aufdringlich als in früheren Jahren. Ja, ab und an war die Berichterstattung auch erträglich, hin und wieder sogar gut und fair.

Mehr als nur schlechter Journalismus

Fackellauf bei den Olympischen Spielen 1936
Ohne Pathos geht es nicht. Der Olympische Fackellauf, eine deutsche Erfindung. (Bundesarchiv Bild 146-1976-116-08A/ CC-BY-SA)

Wenn das Ganze nur ein Medienphänomen wäre, dann wäre alles nicht so dramatisch. Doch greift das nationale Fieber allenthalben um sich und alte nationale Rivalitäten und Ressentiments feiern – ganz ohne Ironie – fröhliche Urstände. Menschen, die sonst freundliche Zeitgenossen sind und Formen von Weltoffenheit zeigen, lassen sich vom medialen Kriegsgeheul anstecken und ergeben sich der nationalen Geiferei. Der Medaillen-Spiegel wird zur Fieberkurve der eigenen Erregtheit. Vernunftbegabte Menschen, die im Alltag vom nationalen Getöse angewidert sind, zeigen sich enttäuscht, dass Deutschland so schlecht abgeschnitten hat – und nicht über die Leistung von Sportlern, denen sie als Fans gern bei der Arbeit zusehen. Ein Blick in die Kommentarspalten von großen Sport- und Nachrichtenportalen bestätigt die Regression in die kollektive Identität „Deutscher“. Die Vorstellung von Patriotismus als positivem Selbstbild, ohne dabei auf andere herabzusehen, entlarvt sich dabei als Märchen: Denn die eigenen Nabelschau und die manische Suche nach dem Deutschen in der Welt wird zur Abwehr der bösen Anderen, die im Zweifel etwas Schlechtes im Schilde führen.

Olympia wird zur Inszenierung der Nation, weil das Ereignis sowohl das Gemeinschaftsgefühl bedient, als auch die individuelle Leistungsethik. Die mediale Inszenierung ist notwendig, um das Fest als nationales Ereignis zu verwirklichen, an dem alle teilnehmen können. Dabei entsteht eine klebrige Melange aus völkischer Tradition und modernem Leistungswahn. Das Sportfest mutiert bzw. kehrt zurück zum Nationalfest, das den Menschen auf dem Staatsgebiet der Bundesrepublik Deutschland versichert, dass sie eine Gemeinschaft sind – was sie ohne diesen ganzen Klimbim eben nicht wären. Wer nun meint, das sei „in anderen Ländern aber auch nicht besser“, ist schon auf halbem Wege zur Erkenntis, was das Problem an Nationalismus sein könnte.

Siehe auch: Von Hetzjagd kann keine Rede seinDie Entdeckung der NazisBreaking News: Auch Nazis halten zu “Schland”

18 thoughts on “Olympia: Deutschland, Deutschland über alles

  1. @Herrmann

    Mensch, Herrmann… hast` du ein Glück, dass deine englischen und französischen Freunde keine „Sun“- oder „Le Parisien“-Leser sind und „uns Deutschen“ vorbehaltlos und belustigt bei unseren Debatten über die Schulter schauen.

  2. @ Mothra: Was ich sehe ist kein Vaterlandshochverrat sondern Paranoia. Sei es EM, WM oder Olympia auf dieser Website wird einfach hinter jeder dieser Veranstaltungen das 4. Reich vermutet und das ist einfach quatsch.

    Das die eigenen Nation unterstüzt wird ist beim Sport völlig normal, im Vereinssport der eigenen Verein und auf nationaler Ebene ist das nunmal Deutschland. Wenn sie das als Machtphantasien interpretieren leidet wohl die ganze Welt darunter. Haben sie gesehen wie die BBC Kommentatoren im positiven Sinne ausgerastet sind als Mo Ferrah die 5000 Meter gewonnen hat ? Ähnliches wird wohl in Ghana abgelaufen sein als die Gold Medaillie im Marathon fest stand.

    Und Deutschland Mittelmachts“phantasien“ zu unterstellen doch leicht naiv. Die 4. größte Volkswirtschaft der Welt bringt per so großen Einfluss mit sich. Mit Phantasie hat das nichts zu tun. Ob es gut oder schlecht ist für die Welt lässt sich sicher diskutieren.

    Anm.d.Red.:
    Mal im Ernst „Thomas“: Das ist jetzt Ihr ingesamt vierter Kommentar hier (jedenfalls unter diesem Avatar) – und ausnahmslos alle davon kritisieren das, was Sie für „Paranoia“ halten. Unsere Artikel scheinen Ihnen „nicht ganz Ernst zu nehmen“, „Bullshit“, „falsch“, „einfach nur schlecht“ usw. Es stellt sich ernsthaft die Frage, warum Sie dann so einen Gefallen daran finden, hier zu lesen und zu kommentieren? Weil Sie dann ab und an ihr nationals Mütchen an uns kühlen können?

    Die Kritik an Patriotismus, Nationalstolz, kollektiver Identität und Nationalismus, Ausschluss und Xenophobie ist so alt wie die Nation selbst, ob Ihnen das nun passt oder nicht. Wenn Sie sich damit partout nicht beschäftigen wollen, dann lassen Sie es halt. Aber dieses Schattenboxen, bei dem Sie uns andauernd Dinge unterstellen, die da gar nicht stehen, nur damit Sie das, was Sie selbst in die Texte hineinlesen („auf dieser Website wird einfach hinter jeder dieser Veranstaltungen das 4. Reich vermutet“), anschließend zu „Bullshit“ erklären können, das können Sie sich zukünftig auch einfach sparen, ja?

    Da Sie offenbar nicht Willens oder in der Lage sind, die Texte überhaupt zu lesen, geschweige denn zu verstehen, sind Ihre Kommentare nämlich leider „nicht ganz Ernst zu nehmen“ – um im Bild zu bleiben. 😉

    MfG
    Redaktion, publikative.org

  3. Was ich bei diesen Spielen sehr bemerkenswert fand ist, dass zwar einerseits eine extrem hohe Erwartungshaltung an die Athleten hochgehalten wurde aber andererseits es doch recht offensichtlich war, wie „Geiz ist geil“ sich hierzulande breitgemacht hat.
    Wer so krass im Breiten-, Schulsport spart, so gar nichts in seine Jugend investieren möchte. Wenn man Wunder denkt, wer man ist, weil man sich in vergangenen Erfolgen sonnt und denkt, dass dies so anhalten wird, der muss sich nicht wundern, wenn in der Spitze es nicht so funktioniert, wie man es gerne sehen möchte. Was dann auch typisch deutsch ist, ist das Verhalten, wenn was schief geht.
    Da wagt es eine Britta Steffen doch tatsächlich, sich nach ihrem Ausscheiden, nicht in Demut zu versinken und erklärt durchaus mit einem ironischen Unterton, dass sie sich auf das Zusehen der Finals freue. Boah war da die Hölle los. Wie kann die Frau es wagen, so zu reagieren. An die mediale Wand mit ihr. Bei den Schwimmern hatte ich echt den Eindruck als ob die am besten die mediale Todesstrafe verdient hätten bei den Resultaten. Als ob die ein Staatsverbrechen begangen haben.
    Dass aber überall Schwimmhallen geschlossen werden, Schulschwimmunterricht eingespart wird, es kaum Talentförderung wie -sichtung gibt und unsere Athleten hinter der internationalen Spitze in Trainingsmethodik, Trainngszeiten usw. systembedingt zurückfallen, wird mal nicht gesehen. Dafür waren die Ergebnisse durchaus akzeptabel. Sicherlich kann man das nicht sehen, wenn man sich nur an den Medaillenspiegel ergötzt.

    Einerseits jammert man über Parallelgesellschaften, der bösen ungebildeten, undisziplinierten Jugend, die keine Werte mehr hat und alle kriminell sind. Andererseits investiert man aber nichts in sie, gibt ihr keine Perpektiven, Motivationen, Werte, Möglichkeiten. Sport könnte das u.a.. Siehe die Vorbildwirkung von Phelps und co. für die Jugend der jeweiligen Länder. Da wird investiert, da wird motiviert es den Stars nachzuahmen. Es zahlt sich sogar aus. Der Nachwuchs ist da. In sovielen Sportarten. Hierzulande wird lieber draufgedroschen, Pseudowerte aufrechterhalten und alles zu Tode gespart. Aber Weltklasse eingefordert.
    In den Medien kommen ja auch nur die üblichen Verdächtigen vor. Fußball, Fußball, Fußball, Fußball, Formel 1, Fußball, Fußball, Fußball, Poker, Poker, Formel 1 vielleicht noch ein wenig Handball, Basketball oder Eishockey. Wo soll man denn da ein Interesse für etwas entwickeln, was man nicht zu sehen bekommt.
    Bei so einer Haltung ist man dann halt nicht mehr weltspitze. Anspruch und Wahrheit liegen da weit auseinander. „Deutschland, Deutschland unter alles“ bzw. nur noch Mittelklasse. Schadet vielleicht auch nicht, da man mal vom hohen Ross des Pseudoperfektionismus mal runterkommt. Demut und Bodenständigkeit wie Bescheidenheit sollten mal wieder Trend werden.

    Übrigens, wo liegt eigentlich die EU im Medaillenspiegel. Ziemlich weit vorne oder? Vielleicht dann doch ein Plus für Europa.

    Die Eurosportleute waren da noch die bessere Ausnahme. Wenig nationales Rumgeschwurbel, klare Feststellungen der Leistungen, emotionale aber objektivere Berichterstattung, fachlich gut. Der Blickwinkel war größer. Nicht so selbstherrlich auf sich selbst bezogen wie bei ARD und ZDF. Auch wurde da nicht immer sich dem Medaillenzählen hingegeben wie bei den Öffentlichen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Olli

  4. Für solche Artikel liebe ich publikative.org! Vielen Dank Andreas, für diesen schönen zusammenfassenden Artikel, weiter so! Mit besten Grüßen.

  5. Vielleicht solltet ihr die Kommentare mal ein wenig Ernst nehmen.
    Es gibt nun wirklich wichtigeres über das diese Seite berichten könnte. Dieser Beitrag entspricht nicht der Realität, ist aufgebauscht und versucht Zusammenhänge darzustellen, die nicht exisitieren. Ergo: überflüssig. (Meine Meinung)

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