Warum Fischers Ausstieg bislang keiner ist

Michael Fischer, Lebensgefährte der Ruderin Nadja Drygalla, droht laut Medienberichten eine Anklage wegen besonders schweren Landfriedensbruchs. Hintergrund ist der Angriff auf eine Gedenkveranstaltung für ein NSU-Opfer in Rostock im Februar 2012. Fischer hatte sich zuletzt als vermeintlicher Aussteiger der Öffentlichkeit präsentiert – Publikative.org zeigt, warum Fischers Ausstieg bislang keiner ist.

Von Patrick Gensing und Felix M. Steiner

Was ist ein Ausstieg? Und wann ist dieser glaubwürdig? Wie lange dauert so ein Prozess? Und können Neonazis das ohne professionelle Hilfe schaffen? Viele Fragen, auf die es im Fall Fischer kaum plausible Antworten gibt. Fischer ist nicht ausgestiegen, sondern er hat sich zurückgezogen aus der vordersten Front. Von seinen Kameraden hat er sich  nicht distanziert. Im Interview mit der dpa sagte er: „Ich bin aus der Partei ausgetreten und hatte auch so keinen großartigen Kontakt mehr zu Leuten, die damit zu tun hatten.“

Laut Szenekennern ist auf diesem Bild Michael Fischer zu sehen.
Februar 2012, Angriff auf eine Gedenkveranstaltung für ein NSU-Opfer. Nun will Michael Fischer „ausgestiegen“ sein – von Kameraden und Ideologie distanziert er sich aber nicht.

Was bedeutet „keinen großartigen Kontakt mehr“? Schaut man sich auf Facebook in Fischers Umgebung um, wird deutlich, dass er weiterhin Kontakte in die Neonazi-Szene pflegt. Zu seinen Freunden gehört beispielsweise eine bekannte Neonazistin aus Westmecklenburg, mit der er im Juni noch ein Fotoshooting veranstaltete. Die Fotos stellte Jennifer W., die regelmäßig an Aufmärschen teilnimmt, auf ihre Facebook-Seite – dort kommentierte Fischer Ende Juni, er habe das Treffen „in vollen Zügen genossen“, Jennifer W. entgegnete, sie ebenfalls, worauf „Aussteiger“ Fischer der Neonazistin versprach: „Jederzeit gerne wieder.“

Der Drygalla-Freund lässt sich auf den Freundeslisten anderer bekannter Neonazis finden – nicht nur aus dem Nordosten, sondern beispielsweise auch aus Berlin. Dies deutet auf eine überregionale Vernetzung hin – die bis heute offenkundig nicht gekappt wurde.

Keine Anfeindungen aus der Szene

Für die NPD im Landtag: David Petereit. Hier mit Eisenstange in Rostock. (Quelle: Linkslang)
Für die NPD im Landtag: David Petereit. Hier mit Eisenstange in Rostock. (Quelle: Linkslang)

Das NPD-Portal „MUPinfo„, bei dem Fischer noch am 16. Juni – also Wochen nach seinem Parteiaustritt – einen Artikel veröffentlicht hatte, interpretierte den vermeintlichen Ausstieg des Drygalla-Freunds ebenfalls lediglich als taktischen Rückzug. So hieß es auf dem Portal des NPD-Landtagsabgeordneten David Petereit, Fischer werde „nun erst einmal beide Hände voll zu tun haben, seine persönlichen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, beruflich den Anschluß zu finden und seinen Rückzug öffentlich glaubhaft zu machen. Ein Kameradenschwein oder Verräter ist Fischer deshalb noch lange nicht.“ Sorgen, dass Fischer sich mit seinem Insiderwissen an staatliche Stellen, Journalisten oder antifaschistische Gruppen wenden könnte, so wie Aussteiger es oft tun, scheint hier niemand zu haben.

Lesetipp: Umgang mit Aussteigern: “Dead man walking”

Warum auch? Andere Aussteiger berichteten, sie wollten wieder etwas gut machen – und vor den Neonazis warnen. Daher entschlossen sie sich, aus der Szene zu erzählen. Fischer bereut jedoch wenig. Gegenüber der dpa antwortete er auf die Frage, ob er seine Taten bereue: „Wenn man insbesondere die Folgen für andere Menschen beobachtet, auf jeden Fall, hundertprozentig. Die Folgen für mich habe ich bewusst in Kauf genommen. Daher würde ich nicht sagen, dass ich das bereue.“ Ob er mit anderen Menschen seine Freundin Nadja Drygalla meinte oder Personen, die von Neonazis bedroht oder angegriffen wurden, wird nicht eindeutig klar. Aus dem Kontext des Interviews lässt sich aber ableiten, dass er wohl vor allem Drygalla meinte.

„Würde mich nicht als Nationalsozialist bezeichnen“

Auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Ideologie, Voraussetzung für einen glaubhaften Ausstieg, sucht man bei Fischer vergebens. „Früher, da hat man sich eigentlich als Nazi betitelt“, erzählte er der dpa – mit „man“ dürfte er selbst gemeint sein. Und nochmal: „Man war schon Nazi, aber ich bin nirgendwo rumgerannt und habe meinen rechten Arm hochgerissen. Das was früher war, war mir kein Vorbild. Mein stärkstes Interesse war das Soziale, natürlich auf nationaler Ebene. Aber ich würde mich nicht als Nationalsozialist bezeichnen.“ Eine Distanzierung ist auch das nicht, im Gegenteil.

Michael Fischer am 1. Mai auf einer Neonazi-Demo (Foto: Hans Schlechtenberg)
Michael Fischer am 1. Mai auf einer Neonazi-Demo (Foto: Hans Schlechtenberg)

Der schwierigste Teil einer Distanzierung – und auch deren Kern – ist aber die Auseinandersetzung mit der eigenen rechtsextremen Ideologie: eine Reflexion der eigenen Weltanschauung, die über Jahre Basis des politischen und oft privaten Handelns war. Genau hier setzt auch die Definition der Aussteigerhilfe „Exit“ an, die einen Ausstieg erst dann als erfolgreich ansieht, „wenn die den bisherigen Handlungen zugrunde liegende und richtungsweisende Ideologie überwunden ist“.

„Zukunft nicht verbauen“

Fischer setzt sich mit der rechtsextremen Ideologie offenkundig nicht auseinander, er benennt das Motiv für seinen Rückzug offen: „Deshalb habe ich mich entschieden, aus der Partei auszutreten und meine Aktivitäten einzustellen. Ich wollte mir und anderen Leuten die Zukunft nicht verbauen.“ Der Rassismus und Antisemitismus in der Szene, die Gewaltbereitschaft, die NS-Glorifizierung – nichts davon scheint Fischer gestört zu haben, es geht nur um seine und Drygallas Zukunft.

Der Umgang mit echten und vermeintlichen Aussteigern ist für die Gesellschaft eine Gratwanderung, denn es muss einen Weg zurückgeben, aus der Szene in die offene Gesellschaft. Ex-Neonazis dürfen nicht isoliert werden, wenn sie sich glaubhaft von Ex-Kameraden und Ideologie distanzieren. Die Öffentlichkeit muss sich von vermeintlichen Aussteigern aber nicht für dumm verkaufen lassen.

Was macht Fischer bei einer Anklage?

Spannend wird es, wie sich Fischer bei einem möglichen Gerichtsverfahren wegen des Angriffs im Februar 2012 verhalten wird – dann wird sich zeigen, wie ernst er seinen „Ausstieg“ meint; sollte er dann gegen die Kameraden aussagen, um die eigene „Zukunft nicht zu verbauen“, wird sicherlich auch der verständnisvolle Ton in der Neonazi-Szene  verschwinden.

Siehe auch: Eine deutsche FarceFischer ausgestiegen? Zweifel an Drygalla-AussageNPDler führt offenbar Attacke auf Gedenken für NSU-Opfer an


17 thoughts on “Warum Fischers Ausstieg bislang keiner ist

  1. die schwierigkeiten im umgang bleiben erhalten, weil meines erachtens weiterhin ein wirkliches konzept innerhalb der linken zu „strafe“ fehlt, dafür aber eben eine stammtischnahe strafmoral. was das austeigerInnen thema angeht, müsste man momentan vielmehr auf die erfahrungen aus der praxis schauen. hier ist unter anderem exit-gefragt, sowie alle die entweder erfolgreich ausgestiegen sind oder eben anderweitig mit dem thema vertraut sind. auf cicero online war dazu in den letzten tagen ein außerordentlich interessanter beitrag. nach wie vor würde mich interessieren, wie austeigerInnen das thema bewerten! grundsätzlich bleibe ich dabei, dass die aufgabe darin bestehen muss, für einem ausstieg zu ermuntern – und da kann das signal eben nicht gesellschaftlichen ausschluss beinhalten.

  2. Tja, die Gedanken sind frei. Selbst der Inquisition haben Lippenbekenntnisse gereicht. Gesing will mehr. Wie will er das schaffen? Es wird immer auf Mutmaßungen und Unterstellungen herauslaufen, nie auf Wissen. Und was tun wenn man ein Lippenbekenntis mutmaßt? Was tun mit „Gedankenverbrechern“? Umerziehen? Einsperren? Umbringen?

    Man sollte schon konsequent zu Ende denken bevor man einen Weg beschreitet. Daran ist der Kommunismus schon gescheitert und auch Gensing & Co. werden scheitern.

    Durch Übertreibung schadet man einer Sache oft mehr als durch Nachlässigkeit.

  3. Da schreibt Herr Fischer, nach seinem angeblichen Ausstieg aus der Nazi und Rassistenszene, seinen kleinen Bericht über sein neues multikulturelles Engagement: „Ich erfreue mich der Völkerverständigung. Sitze neben Schwarzen und Pakis in der Bahn und helfe Schweizern im Hotel“ (Zitat aus der Süddeutschen Zeitung). Und verfällt gleich wieder in seine rassistischen Vokabeln. Wikipedia Englang zu dem Begriff, der in der Naziszene seit den 70ern Karriere macht als „Paki-Bashing“, gemeint ist das Zusammenschlagen von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe: „The abbreviation Paki acquired offensive connotations in the 1960s when used by British tabloids to refer to subjects of former colony states in a derogatory and racist manner. In modern British usage „Paki“ is typically used in a derogatory way as a label for all South Asians, including Indians, Afghans and Bangladeshis. To a lesser extent, the term has been applied as a racial slur towards Arabs and other Middle Eastern-looking groups who may resemble South Asians. During the 60’s many emigrants were also dubbed as „black“ to further segregrate them from the white community. Some would say such a division still exists in parts of England.“
    Worüber wird hier eigentlich diskutiert. Wer solche Begriffe nutzt und sich so artikuliert hat keinen Ausstieg hinter sich, sondern noch vor sich. Und das wird schwer bei so viel Ignoranz in der Öffentlichkeit. Es zeigt sich einmal mehr, dass ausgestiegen nur der ist, der seine ganze Geschichte in der Naziszene und alle Kontakte öffentlich macht. Nur der gilt als Verräter und kann nicht zurück. Zum VS gehen ist in Teilen der Naziszene ja eher ein weit verbreiteter Tauschhandel, der sogar von einigen führenden Kadern begrüßt wird. Es bleibt eine Aufgabe von politischen Initiativen, JournalistInnen. Der Staat zeigt ein mal mehr, dass es nur um herunterspielen geht. Warum? Weil Frau Drygalla Bei der Polizei war. Schade, wenn selbst große Medien nicht den Mumm haben mal klar die Dinge zu benennen. Es ist Drygallas Privatsache wer ihr Freund ist, da kann und darf sie frei wählen. Wenn sie aber die BRD bei den olympischen Spielen vertritt, dann darf die Mannschaft auch frei wählen. Und da kann die sich aus gutem Grund entscheiden, Nein danke. Wer seinen geliebten Rassisten mit zu den Spielen bringen will, die bleibt lieber zu Hause. Was sollen denn unsere Nachbarn über uns denken. Die Deutschen Meister im Üben von Toleranz-wenn es um Nazis und Rassisten geht.

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