Utopien des Privaten

Die Generation der in den achtziger Jahren Geborenen ist in einem Klima der Skepsis gegenüber progressivem gesellschaftlichem Wandel herangewachsen. Angesichts der neuen Unübersichtlichkeit erscheint jeder Versuch, Gesellschaft im Ganzen zu ändern, als nicht dem modernen Zeitgeist entsprechend. Zum Vehikel politischer Aktivität wird daher zusehends das Private. Tobias Neef* über die Generation der Achtziger und das Ende der Utopien.

David Bebnowski beschreibt in seinem Blogartikel vom 3. April 2012 treffend die in den achtziger Jahren geborene Generation als eine postpolitische Generation, die im Klima der Utopielosigkeit aufgewachsen sei. Seine Ausführungen lassen sich indes noch durch eine weitere Erkenntnis ergänzen: Mit dem „Ende der Utopien“ bestellten die Achtziger zugleich das Feld für völlig neue Formen (post-)politischer Aktivität.

Menschen jener Generation, von der hier die Rede ist, sind in einem gesamtgesellschaftlichen Klima der Skepsis gegenüber der Umsetzbarkeit utopischer Ansprüche aufgewachsen. Denn das Klima des Jahrzehnts war nach den siebziger Jahren und ihren innergesellschaftlichen Konflikten geprägt von politischem Realismus. Als Kinder des Neoliberalismus wählen sie heute Formen politischer Aktivität, die dem neoliberalen Zeitgeist entsprechen, beispielsweise den politischen Konsum als Strategie, um über den Markt gesellschaftspolitische Ziele durchzudrücken.

Zunächst lohnt der Blick zurück: Was war mit dem utopischen Potenzial geschehen, das den sozialen Bewegungen der siebziger Jahre sowohl zugesprochen als auch vorgeworfen wurde? Der Zeitgeist der achtziger Jahre war von einer politischen Neuorientierung geprägt, die sich seit Ende der Siebziger angebahnt hatte. Diese politische Gezeitenwende war geprägt von einem neuen Konservatismus, der in der Ära Kohl mit einer neoliberalen Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik einherging. Hinzu stießen neue Formen politischer Aktivität und Wirkungsfelder. Der Politik wurde eine bescheidenere Rolle zugesprochen. Und damit verband sich auch eine Neubewertung der utopischen Potenziale politischen Handelns. Jürgen Habermas brachte diesen Wandel Mitte der achtziger Jahre als ein Dilemma progressiver Politik auf den Punkt: „Das reflexiv gewordene Sozialstaatsprojekt nimmt Abschied von der arbeitsgesellschaftlichen Utopie.“[1] Die „neue Unübersichtlichkeit“, so auch der Titel des Buches, bestand im Scheitern eines Projekts gesellschaftlichen Wandels, das sich aus arbeitsgesellschaftlichen Utopien speiste. Und eben diese Utopien, so Habermas, hatten nach dem Zweiten Weltkrieg den demokratischen Verfassungsstaat der westlichen Massendemokratien geprägt und dabei nicht nur Intellektuelle, sondern auch breite gesellschaftliche Schichten miteinbezogen. Das Scheitern der großen Erzählungen von Mündigkeit, Ausgleich und Gerechtigkeit, die auf reformerischem Wege erreicht werden sollten, hatte für Habermas also in den achtziger Jahren zu einer Krise des utopischen Potenzials an sich geführt.[2]

Man kann also sagen, dass die Generation der in den achtziger Jahren Geborenen in einem Klima der Skepsis gegenüber progressivem gesellschaftlichem Wandel herangewachsen ist. Angesichts der neuen Unübersichtlichkeit erscheint jeder Versuch, Gesellschaft im Ganzen zu ändern, als nicht dem modernen Zeitgeist entsprechend. Zum Vehikel politischer Aktivität wird daher zusehends das Private. Politischer Konsum ist eines der Kinder dieser Zeit und geht eben von der Annahme aus, dass das Einsetzen im privaten Umfeld für ein bewusstes Verhalten sukzessive gesamtgesellschaftliche Prozesse anstoßen kann. Mit anderen Worten: Der Raum, der als direkte Einflusssphäre der eigenen Handlung angesehen werden kann, wird angesichts der Unübersichtlichkeit gesellschaftlicher Komplexität zum primären Raum politischer Aktivität. Slavoj Žižek beschreibt diesen Versuch der Politik der kleinen Schritte als eine Art Placebopolitik:

 „What is really difficult for us to accept is that we are […] sometimes reduced to the purely passive role of an impotent observer who can only sit back and watch what his fate will be. To avoid such a situation, we […] engage in frenetic, obsessive activities – recycling paper, buying organic food, or whatever – just so that we can be sure that we are doing something. Making our contribution, like a soccer or baseball fan, who supports his team in front of a TV – screen at home shouting and jumping up from his seat in the superstitious belief that it will somehow influence the outcome.”[3]

In letzter Konsequenz bedeutet dieses Verhalten eine Verschiebung der Verantwortung für gesellschaftliche Verhältnisse: weg von den Institutionen gesellschaftlicher Macht, hin zum Individuum. Und das bedeutet zugleich, dass der Markt als Regulationsinstanz Akzeptanz findet, weil er ja von bewussten KonsumentInnen genutzt wird. Politischer Konsum erscheint somit als paradigmatische Aktionsweise der Kinder des Neoliberalismus. So wird jedoch zugleich die Verantwortung von dem Bereich der Produktion in den des Konsums verlagert: Wer Atomstrom konsumiert, soll sich nicht wundern, wenn der Ausstieg vertagt wird; wer keinen fair gehandelten Kaffee trinkt, soll sich nicht über die Verhältnisse in der Dritten Welt beschweren. Darüber hinaus sind bewusstem Konsum enge Grenzen gesetzt: Er ist zeitaufwändig und benötigt penible Kontrolle, wenn er nicht darin verharren soll, dass pro Kiste Bier ein Quadratmeter Regenwald geschützt wird.

Zugleich kann er als Begehrenserweckung von der Ökonomie gefördert werden. Was nach der neuen Logik der Produktvermarktung verkauft wird, ist nicht nur ein Produkt, sondern ein Begehren, die Befriedung von Gewissen, die Hoffnung darauf, einen kleinen Teil zu einer besseren Welt beizutragen. Und dieser Produktzusatz wird selbstverständlich vom Kunden, nicht vom Unternehmen bezahlt.

Utopien des Privaten (Foto: Matthias Voss)
Utopien des Privaten (Foto: Matthias Voss)

Im Rückblick auf die schon in den siebziger Jahren beginnende Individualisierung der Gesellschaft kann hiermit ein Kernbestandteil des Mentalitätswandels folgendermaßen skizziert werden: Was in den Siebzigern durch neue Lebensweisen als emanzipative Politisierung den Raum des Privaten aufbricht, erscheint ab den beginnenden Neunzigern zusehends als Privatisierung des Politischen und Skepsis gegenüber kollektivem, politischem Handeln.

Indes: Die Machtlosigkeit, die vielleicht als Gefühl die postpolitische Generation prägte, wird in diesen Tagen anscheinend wieder in Frage gestellt. Ein Grund dafür dürfte die Legitimationskrise der Politik der Sachzwänge sein, die ab den achtziger Jahren mehr und mehr ausgeübt wurde und den Rahmen für gesellschaftliche Reformen vorgab. Eine Politik der Expertise scheint nun hingegen eine wirtschaftliche Krise produziert zu haben, die in ihren Ausmaßen die der siebziger Jahre bei weitem übersteigt. Und so langsam, das zeigte sich in den vergangenen Monaten, scheint sich die Generation der mittlerweile 25- bis 30-Jährigen tatsächlich der Strategien zu besinnen, die von ihrer Elterngeneration einer auch schon damals technokratischen Politik entgegengestellt wurden – die Proteste der vergangenen 14 Monate zeugen davon.



[1] Jürgen Habermas (1985): Die neue Unübersichtlichkeit. Frankfurt am Main, S. 160

[2] Ebd.: 144-147

[3] Slavoj Žižek (2011): The Delusion of Green Capitalism. Vortrag vor dem Committee on Globalization and Social Change (CGSC). The Graduate Center, CUNY – Prohansky Auditorium, New York, 04.04.2011.

Siehe auch: 1980: Die vergessene Rebellion

6 thoughts on “Utopien des Privaten

  1. Ich finde meine (Jahrgang `86) Generation in diesem Artikel (leider) ziemlich treffend beschrieben. Nur dem letzten Abschnitt kann ich (auch leider) nicht zustimmen: Die Legitimationskrise der Autoritätenführt, soweit ich das sehen kann, zu keinen neuen Utopien, geschweige denn zu einer nüchternen Analyse der Verhältnisse. Im Gegenteil: Es herrscht, gemessen an den geradezu apokalyptischen Verhältnissen ein beachtliches Maß an Apathie und Vertrauen, dass in 10 Jahren noch alles mehr oder weniger so sein wird wie man es kennt – nur ein bisschen schlechter, weswegen man sich jetzt auf dem Markt hervortun muß (unbezahlte Praktika!!) will man später noch wettbewerbsfähig sein. Die wenigen Proteste die es gibt könnten dem System gegenüber nicht affirmativer sein und sind genauso inhaltsleer und ritualhaft wie Fairtrade-Kaffee. Ich bin Teil einer Generation die „Banken an die Leine“ und „Schluß mit der Spekulation“ für radikale Forderungen hält. Eine Generation deren erster Reflex es ist, die Rechte anderer zu beschneiden wenn etwas schief läuft (und sei es auch nur der Ackermann) anstatt sich die Gesellschaft als Ganzes anzusehen. Eine Generation deren neoliberale Geisteshaltung, sprich intellektuelle Verarmung, sich nicht nur in der breiten Mehrheit derjenigen zeigt, die nicht protestieren, sondern vor allem an den Forderungen derer, die sich für Rebellen halten.

  2. Ihr kotzt mich nur noch an.

    Ihr schreibt hier euch die Finger wund über vom Staat geförderte Leute und Taten und einer machtlosen Gruppe namens Nazis und über die Vergangenheit die eh keiner mehr ändern kann aber KEIN WORT zu Verbrechen dieses Staates in der Gegenwart!!!, seiner Angriffskriege (unter Rot-Grün) und Waffenvertickereien und Kriegsvorbereitungen gegen den Iran und Einmischung in die Angelegenheiten anderer Länder wie Syrien.

    Ihr seid ein widerliches doppelmoralisches Heuchlerpack.

    Ich hoffe das die Zeiten sich ändern und ihr widerlichen Schreiberlinge und Medienhuren zur Verantwortung gezogen werden und ich das noch erleben kann (und selbst beteiligen)

    Ihr Verbrecher!!!

    Wir haben Dich auch lieb, Sebastian! Deine Kommentare treiben uns immer wieder die Freudentränen in die Augen. Weiter so!

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