Debakel „Deutschlandfahrt“ in Thüringen

Nach ihrem Landesparteitag im Mai 2012 bereitet sich die NPD in Thüringen auf die Wahlen in den nächsten zwei Jahren vor. Unterstützung erhoffte sie sich dabei von der Bundespartei mit dem „NPD-Flaggschiff“, das auf seiner „Deutschlandfahrt“ am Montag, d. 6.08.2012, im Freistaat ankam. Doch wie bereits auf den bisherigen Stationen geriet die geplante Kundgebung in der Landeshauptstadt Erfurt für die NPD anders als erhofft zu einem mehrstündigen Debakel.

von Kai Budler

Den knapp 15 „KameradInnen“ standen mehr als 300 Gegendemonstranten zur seite, Foto: Kai Budler.

Knapp 300 Gegendemonstranten warten auf dem Erfurter Domplatz mit Transparenten auf die Ankunft des „NPD-Flaggschiffs“, einem Lkw, der seit Mitte Juli 2012 durch die Republik fährt und seine Tour am kommenden Wochenende beim „Pressefest“ der „Deutschen Stimme“ bei Pasewalk beenden will. Für die Thüringer Landeshauptstadt hatte der NPD-Landesvorstand den sächsischen NPD-Landtagsabgeordneten Andreas Storr und den stellvertretenden Bundesvorsitzenden Udo Pastörs als Redner auf einem weiträumig abgesperrten Teil des Domplatzes angekündigt. Ursprünglich war die Ankunft für 11.00 Uhr angekündigt, doch der Tross lässt auf sich warten. Die Stimmung der Gegendemonstranten ist bei strahlendem Sonnenschein bestens: Sprechchöre wechseln sich mit Trillerpfeifenkonzerten und Reden ab. Bei den 15 NPD-Anhängern herrscht hinter der Polizeikette Ratlosigkeit: immer wieder zückt der Vorsitzende des Landesverbandes, Patrick Wieschke, nervös sein Handy, während der Spitzenkandidat für die Landtagswahl, Frank Schwerdt, den Stadtplan studiert. NPD-Vorstandsmitglieder und Kommunalpolitiker wie Monique Möller, Hendrik Heller und Jan Morgenroth warten ebenso auf dem Domplatz wie Tobias Kammler. Der 26-jährige Kreistagsabgeordnete aus dem Wartburgkreis soll bereits vorher einem NPD-Gegner heißen Kaffee ins Gesicht geschüttet haben.

Mit knapp zweistündiger Verspätung steuern schließlich die beiden NPD-Fahrzeuge mit Berliner Kennzeichen den Domplatz an. Wegen einer Sitzblockade in der Einfahrt setzen der Laster mit der Aufschrift „Raus aus dem Euro“ und der Kleinbus die Fahrt fort, stecken aber schon 100 Meter weiter fest. Vor ihnen hat sich eine weitere Blockade gebildet, auch hinter den Fahrzeugen nehmen Gegendemonstranten auf der Fahrbahn Platz. Daraufhin sollen Wieschke und Kammler einen Infostand der SPD angegriffen haben, meldet die „antifaschistische koordination erfurt“. Auf der Straße zwischen Domplatz und Landgericht geht derweilen nichts mehr für die „Deutschlandfahrt“, die nur durch eine Polizeikette von den NPD-Gegnern getrennt wird. Mit Pfeifkonzerten, Parolen, lauter Musik und „Haut ab“ Rufen zeigen sie, dass die NPD-Gäste in Erfurt nicht willkommen sind, vereinzelt fliegen Eier und Tomaten gegen den Lkw. Nach erhitzten Gesprächen mit der NPD beschließen Versammlungsbehörde und Polizei kurzerhand, dass die Kundgebung an Ort und Stelle stattfinden soll. Viel Zeit bleibt ohnehin nicht mehr, denn die Veranstaltung ist nur bis 14.00 Uhr angemeldet. Den Anfang machen Patrick Wieschke und Frank Schwerdt, doch ihre mit Lautsprechern verstärkten Reden versinken im ohrenbetäubenden Lärm der Demonstranten, unter den sich zeitweilig auch die lauten Hupen von Reisebussen am Domplatz mischen. Viele Demonstranten haben sich vorsorglich mit Ohrstöpseln ausgestattet. An der Situation ändert sich auch wenig, als der Leiter des NPD-Ordnungsdienstes, Andy Knape, vier weiter Lautsprecher auf dem Dach des Lasters montiert.

Klare Ansagen gegen den braunen Besuch, Foto: Kai Budler.

Nach dröhnendem Rechtsrock aus der Konserve dankt Wieschke erst einmal den „vielen Interessierten“ für ihr Kommen, das Verhältnis 15 zu 300 straft ihn jedoch Lügen. Auch die Reden von Andreas Storr und Udo Pastörs gehen im Lärm unter und als sich der Erfurter Frank Schwerdt auch noch weigert, die

Abfahrt richtung Gera, Foto: Kai Budler.

zeitlich überzogene Kundgebung zu beenden, kassiert die Polizei das Mikrofon – beim anschließenden Handgemenge wird Storr gegen einen Beamten handgreiflich. Pastörs, der die Bundesrepublik als „Judenrepublik“ und türkische Männer als „Samenkanonen“ bezeichnet hat, beklagt angesichts der lautstarken Proteste „das ist eure Demokratie“. Doch die überschrittene Zeit ist nicht das einzige Problem der „Deutschlandfahrt“, die um 16.00 Uhr im rund 80km entfernten Gera erwartet wird. Durch die Sitzblockaden können die Fahrzeuge weder vor noch zurück. Erst rund eine Stunde später haben sich die NPD-Gegner von der Straße erhoben, so dass der Kleinbus und der Lkw um 15.30 Uhr den Domplatz Richtung Gera verlassen können. Auch hier stieß die NPD auf Widerstand. Knapp 150 Blockierer verhindern, dass die Kundgebung auf dem Marktplatz stattfinden kann. In strömendem Regen wird die zweite Station der „Deutschlandfahrt“ für die NPD in Thüringen zum Wasserschlag.

 

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Siehe auch: So lustig feiert die NPD!, Ein Flaggschiff geht unter

4 thoughts on “Debakel „Deutschlandfahrt“ in Thüringen

  1. Heute waren die gerade hier in Berlin-Tegel gewesen. Total skuriles Szenario. Auf der einen Seite der Fußgängerzone die Npdler, auf der anderen Seite – getrennt durch eine große Straße – die Gegendemo. Die Gegendemo bestach durch laute Musik alla Rage Against the Machine, Deichkind, Downset, die NPD-Veranstaltung bestach durch negativ, schlechtgelaunt, dreinschauende Protagonisten und mit einem Redner (Apfel), der es doch tatsächlich schaffte, seine gesamte Rede in einer Tonlage zu halten und dabei zu klingen, als ob man einem Kleinkind gerade das Spielzeug weggenommen habe. Dazwischen wuselten dann die Tegler hin und her, gingen Einkaufen, schauten mal kurz hin, dann zogen sie weiter, dazwischen standen gelangweilt Polizisten und taten ihrer Dinge. Rhetorisch war die Rede schlecht. Keine Emotionen, nichts Positives, nur Destruktives, Langweiliges, Biederliches, Ättzendes in Mono. Für mich ganz klar Antiwerbung, wie man sie besser nicht hätte machen können.

    Aber auch bei der Gegendemo hätte man geschickter aggieren sollen. Anstatt zu versuchen, die NPDler mit radikaler Musik zu übertönen (was eh nicht funktionieren konnte, da die zu weit weg waren), hätte man lieber lustige Musik in normaler Lautstärke spielen sollen (Sowas wie Monty Python, Toy Dolls, Pogues oder ähnliches), für Getränke oder Kaffee oder Kuchen sorgen sollen (kostenlos) und dann freundlich zu informieren, was und wer denn da drüben gerade abgeht. Sozusagen eine lustige, fröhliche Plauderstunde mit tollen Infos. Damit erreicht man mehr als wenn man krampfhaft versucht, gegen etwas anzugehen, was durch die Polizeipräsenz eh abgehen wird. So wussten einfach zu viele nichts, was da überhaupt abging. War allen ein wenig zu freakisch.
    Das Publikum war durchschnittlich 40+, kam von Arbeit oder von den Wochenendeinkäufen und waren mit dieser Gesamtsituation komplett überfordert. Meinereiner kam auch gerade aus der U-Bahn und dachte sich „Wattn hia los?“ Warum geht man darauf nicht ein und sorgt für gute Laune. Die Braunies können das nicht, dafür sind sie zu negativistisch.

    Wir standen da bei dem NPD-Dinges da und lachten uns kaputt, wie rhetorisch schlecht das Ganze aufgebraut war und es wahrscheinlich nur Leuten gefallen kann, die damit vorher schon konform gingen. Wahrscheinlich wird keiner die Redeinhalte verfolgt haben, da man nach 5 Minuten weggedöst wäre.
    Ok, einem Polizisten nebenuns hat die Rede gefallen – warum auch immer*hüstel* Der war wohl schon vorher leicht „rechts“.
    Gut, ich könnte jetzt das Känguru zitieren aber ich lass das mal gerade.
    Würde mal sagen, für die braunen Jungs war das da nichts gewesen. Die Szenerie war so unwirklich, dass ich mal denke, dass die da wenig Freunde gefungen haben ausser halt jene (wie dem Polizisten), die auf sowas eh schon abfahren.

    Mit freundlichen Grüßen
    Olli

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