Eine deutsche Farce

Die Geschichte Dyrgalla/Fischer nimmt zunehmend absurde Züge an. Nun präsentiert sich der Rostocker Neonazi Michael Fischer als Aussteiger. Sein Beweis: Er sei aus der NPD ausgetreten. Damit wird einmal mehr deutlich: Die NPDler sind die Deppen der Nation, wer da mitmacht ist böse, wer sich distanziert, ist gut. Einstellungen interessieren nicht.

Von Patrick Gensing

Der Fall der Ruderin Nadja Drygalla entwickelt sich zur Farce. Da wären die Medien, die diese Geschichte viel zu hoch gehängt haben. Die Umtriebe des Rostocker Neonazis Michael Fischer interessieren sonst kaum jemanden, dabei würde es sich lohnen, genauer nach Mecklenburg-Vorpommern zu schauen – nicht nur zu Olympia-Zeiten, wenn es um das deutsche Ansehen in der Welt geht. Regelmäßig werden hier Menschen von Neonazis angegriffen. Die enge Verknüpfung von NPD, die im Landtag Steuergelder kassiert, und militanten Neonazis ist ein Thema, das es verdient hätte, kontinuierlich beleuchtet zu werden.

Laut Szenekennern ist auf diesem Bild Michael Fischer zu sehen.
Michael Fischer will kein Neonazis mehr sein.

Stattdessen werden in der größten deutschen Sonntagszeitung verpixelte Bilder aus dem Internet als möglicher Beweis dafür präsentiert, dass Drygalla selbst an rechtsextremen Aktionen beteiligt gewesen sein soll. Beobachter, die sich seit Jahren mit der Szene beschäftigen und dieses Bild längst kennen, schüttelten angesichts dieses Vorgehens den Kopf: Auf dem Foto kann nämlich keinesfalls Drygalla identifiziert werden, wahrscheinlicher ist, dass es sich um eine andere Frau aus der lokalen Neonazi-Szene handelt – aber auch dies lässt sich kaum nachvollziehen. Drygalla wurde auf Basis solcher dünnen Indizien beschuldigt, bei einer Neonazi-Aktion in Malchow dabei gewesen zu sein. Das ist schlicht unseriös – und kontraproduktiv.

Das Gerede von der „Sippenhaft“

Die NPD solidarisierte sich schnell mit Drygalla, die große Stunde der Partei schien  gekommen. Die Neonazis wollen sich immer wieder gerne als verfolgte Minderheit gerieren, als „die Juden von heute“. Dabei sind sie es selbst, die sich ausgrenzen, durch ihr rassistisches Weltbild, durch ihre Hetze und die Missachtung der Menschenrechte. Die aufgeregte mediale Berichterstattung wird von Tausenden Internet-Kommentaren begleitet, die nun über „Sippenhaft“ lamentieren. Die virtuelle Volksseele kocht, wenn der „rote Gesinnungsterror“ zuschlägt.

Fischer am Tag der Ehre am 8. Mai 2012 in Demmin (Foto: Hans Schlechtenberg)
Fischer am Tag der Ehre am 8. Mai 2012 in Demmin (Foto: Hans Schlechtenberg)

Doch Drygalla ist nicht in „Sippenhaft“ genommen worden, es gibt eine ganze Reihe Prominente, die rechtsradikale Verwandte (nicht Lebenspartner) haben – niemand käme auf die Idee, sie dafür verantwortlich zu machen. Die Verbindung mit einem führenden Neonazi aus Rostock, der dabei war, als eine Gedenkveranstaltung für ein NSU-Opfer gestört wurde, war nicht einfach ihre Privatsache, denn immerhin wurde sie zur Polizistin ausgebildet. Und wie würde eine Polizistin wohl reagieren, wenn sie bei Einsätzen gegen illegale Neonazi-Veranstaltungen möglicherweise gegen den eigenen Lebensgefährten oder dessen Freunde vorgehen müsste? Drygalla hat sich entschieden: gegen den Polizeidienst, für den Neonazi. Sie ist also eine Olympia-Teilnehmerin, die für die Polizei offenbar ein Sicherheitsrisiko darstellte, da sie sich eng mit einem Neonazi verbunden fühlt.

NPD: böse, alles andere: gut

Das Innenministerium in Schwerin steht auch nicht gut da: Die persönliche Verbindung von Drygalla zu einem führenden Neonazi und die Bedenken hinsichtlich ihrer Loyalität zu einen demokratischen Rechtsstaat waren hier bekannt, bei den zuständigen Sportfunktionären kam davon angeblich nichts an. Dabei soll Drygallas rechte Gesinnung im Ruderteam Gesprächsthema gewesen sein, berichten Kolleginnen nun. Dies bringt die Funktionäre weiter in Bedrängnis, denn die hatten Drygalla nach einem Gespräch in London einen Persilschein über eine demokratische Gesinnung ausgestellt. Dabei wurde geflissentlich übersehen, dass das Innenministerium zu der Einschätzung kam, Drygalla habe sehr wohl Kontakte ins rechtsextreme Milieu – aber wohl alles nur freundschaftlich und unpolitisch. Genau dieses unpolitische und diese Gleichgültigkeit ist die Stärke der Neonazis.

Früher, da hat man sich schon eigentlich als Nazi betitelt. Gerade hier oben in Mecklenburg-Vorpommern hat man sich schon als volkstreu bezeichnet, sprich: Man wollte für das Volk agieren und nicht beispielsweise für das Kapital. Man war schon Nazi, aber ich bin nirgendwo rumgerannt und habe meinen rechten Arm hochgerissen. Das was früher war, war mir kein Vorbild. Mein stärkstes Interesse war das Soziale, natürlich auf nationaler Ebene. Aber ich würde mich nicht als Nationalsozialist bezeichnen. (Michael Fischer am 06. August 2012 gegenüber der dpa)

Der Sport ist nicht unpolitisch – und immer wieder werden Ziele wie Integration und Werte wie Respekt betont. Doch wenn Sportler sich über Politik äußern, kommt oft wenig Sinnvolles heraus. Gleiches gilt übrigens auch für den umgekehrten Fall, ist aber weniger fatal. Drygallas Aussage, ihr Freund habe sich von rechtsradikalen Kreisen und Gedankengut verabschiedet, erscheint bestenfalls naiv. Sein Ausstieg ist eine Farce, er räumt offen ein, es gehe um die private Zukunft – nicht um politische Inhalte.

Die deutsche Öffentlichkeit wird damit zufrieden sein, jede Wette. Drygalla wird möglicherweise sogar zur Heldin, die ihren Freund aus dem braunen Sumpf gezogen habe. Die NPDler bleiben hingegen die „Deppen der Nation“; in Anlehnung an ein Kinderspiel könnte es heißen: Wer hat Angst vorm bösen Nazi? Alle! Und wenn er sein Parteibuch zurückgibt? Dann jubeln wir!

Siehe auch: Fischer ausgestiegen? Zweifel an Drygalla-Aussage

10 thoughts on “Eine deutsche Farce

  1. Mir wird schlecht:

    http://www.facebook.com/pages/Nadja-Drygalla-Wir-stehen-zu-Dir-Gegen-den-linken-Meinungsterror/143553069116405

    Und bei der dort benutzten Diktion, bleiben keine Fragen offen:

    „Diese Seite wird immer stärker von Linksextremisten unterwandert. Was wollen die hier auf einer PRO Drygalla-Seite? Uns Deutsche bekehren, dass wir ja weiter devot sein müssen und uns immernoch als die Schuldigen des WK2 erklären müssen??? Der WK2 ist schon seit 67 Jahren vorbei! “

    Wann haben sich deutsche Nazis und die NPD höchstselbst derart aufopfernd für einen Aussteiger und seine Freundin eingesetzt, statt gegen diese zu hetzen. Von den üblichen Morddrohungen mal ganz abgesehen.

    Und was heißt schon „aus der NPD ausgetreten“? Ist man deswegen kein Nazi mehr. Aus der NPD ausgetreten, das ist Horst Mahler auch und die NSU-Killer führt die NPD auch nicht als Mitglieder.

  2. …ich bin nirgendwo rumgerannt und habe meinen rechten Arm hochgerissen. Das was früher war, war mir kein Vorbild. Mein stärkstes Interesse war das Soziale, natürlich auf nationaler Ebene.

    So jemand kann doch keiner Fliege etwas zuleide tun, oder?

    Spulen wir ins Jahr 2008 zurück:

    EINBLICK – Da kann jeder was mit anfangen

    Freitag, 28. November 2008 9:05

    Für alle die, die ein paar Nachbarn nicht ganz so mögen! Auf dieser Weltnetzpräsenz sind mittlerweile einige Bilder zu finden, und vielleicht ist auch ein brauchbares Bild eurer Lieblinge dabei, oder ihr arbeitet einfach mit dieser Seite zusammen. Großer Vorteil hierbei ist, das dies alles Bilder von Demonstrationen etc. sind, womit das verwenden dieser Bilder aus rechtlicher Sicht einwandfrei ist. Was ihr letztenendes damit macht, ist einzig und alleine eure Sache. Moralisch verwerflich ist diese ganze Sache ohnehin nicht.

    Zu finden ist die Seite unter: http://www.antifahaha.blogspot.com/

    http://web.archive.org/web/20081203145256/http://www.nsrostock.de/?

  3. Ein sehr schöner Beitrag Herr Gensing. Welchen Prominenten kennen Sie denn sonst noch der „rechtsradikale“ Verwandte hat und nicht in „Sippenhaft“genommen wird? Nennen Sie doch einmal Beispiele, ich kenne keine.

    Sigmar Gabriel zum Beispiel. Weitere Beispiele, die nicht in der Öffentlichkeit bekannt sind, nenne ich nicht, um Leuten wie Ihnen keine Munition für gezielte Provokationen zu liefern. Und jetzt trollen Sie sich bitte wieder zu Ihren Kameraden bei Altermedia, Mr. Voß.

  4. Also wenn jemand sein NPD Parteibuch zurückgibt, ist es auf jeden Fall schon einmal ein guter Anfang.

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