Wer kennt Nadja Drygalla?

Die Ruderin Nadja Drygalla ist offenbar mit einem führenden Rostocker Nazi-Kader liiert. Es ist  daher einerseits nachvollziehbar, dass das deutsche Olympia-Team sich schlechte PR vom Halse halten will. Die Sportlerin ist dann auch dankenswerterweise „freiwillig“ aus dem olympischen Dorf abgereist. Das Verhalten der Verantwortlichen aber wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet.

Von Redaktion Publikative.org

Nadja Drygalla soll nach Angaben des Rostocker Blogs „Kombinat Fortschritt“ nicht mit irgendwem zusammen sein – sondern mit Michael Fischer, führender Kopf der „Nationalen Sozialisten Rostock“, regelmäßiger Autor bei „MUP Info“, des Internet-Portals des NPD-Landtagsabeordneten David Petereit und Direktkandidat für die NPD bei den Landtagswahlen 2011.

Zuletzt hatte Fischer für Schlagzeilen gesorgt, weil er an einem Angriff auf eine Gedenkveranstaltung für das Rostocker NSU-Opfer Mehmet Turgut beteiligt gewesen sein soll (Publikative.org berichtete). Dabei hatte eine etwa 16-köpfige Gruppe, die meisten von ihnen vermummt, die Kundgebungsteilnehmer angegriffen, anhand von Bildmaterial augenscheinlich unter maßgeblicher Beteiligung Fischers. Ein Zivilbeamter der Polizei wurde dabei mit einer Eisenstange verletzt.

Laut Szenekennern ist auf diesem Bild Michael Fischer zu sehen.
Laut Szenekennern ist auf diesem Bild Michael Fischer zu sehen.

Apropos Polizei: Im offiziellen Presse-Begleitheft zu den Olympischen Spielen in London des Deutschen Olympischen Sportbundes wird Drygalla als „Polizistin“ geführt. Tatsächlich verdankt sie einen gewissen Teil ihrer sportlichen Karriere der Polizei: Seit Beginn ihrer Ausbildung bei der Landespolizei Mecklenburg-Vorpommern im Jahre 2008 soll sie Mitglied der dortigen Sportfördergruppe gewesen sein.  Im selben Jahr war sie bereits bei den Junioren als Wettbewerbsteilnehmerin in Peking. Ein Sprecher des Innenministeriums von Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin bestätigte dies heute und gab an, Drygalla sei „im September 2011 auf eigenen Wunsch aus dem Amt ausgeschieden“. Mehr wollte man dazu nicht sagen.

Das Polizeijournal stellt Nadja Drygalla vor.
Das Polizeijournal stellt Nadja Drygalla vor.

Mittlerweile bestätigte das Ministerium allerdings, dass Drygalla „Kontakte zur offen agierenden rechtsextremistischen Szene“ unterhalten habe. Die ehemalige Polizeianwärterin hatte darüber sogar mit ihrer Behörde Gespräche geführt, die ihrem Austritt aus dem Dienst im September 2011 vorausgingen: „Nachdem im Jahr 2011 dem Innenministerium bekannt wurde, dass  auch Personen zum Bekanntenkreis von Nadja Drygalla gehören, die der offen agierenden rechtsextremistischen Szene zugehörig sind, wurden mit ihr intensive Personalgespräche geführt“, teilte das Ministerium am Freitag in einer Presseerklärung mit. Die Gespräche hätten dazu geführt, „dass Nadja Drygalla einen Antrag auf Entlassung stellte, welchem mit Wirkung vom 30.09.2011 stattgegeben wurde“, heißt es dort weiter.

„Kein Zweifel“

Michael Vesper, Chef der Mission der deutschen Olympia-Delegation, hatte hingegen bekundet: „Sie hat in dem Gespräch keinen Zweifel daran gelassen, dass sie voll und ganz hinter den Werten der Olympischen Charta steht.“ Die 23-jährige Rostockerin habe sich von der rechtsextremen Szene distanziert. Wichtig sei für ihn, „wie sie selber denkt und wie sie handelt. Da habe ich keine Zweifel daran, dass sie auf dem Boden nicht nur des Grundgesetzes, sondern der olympischen Werte steht“, erklärte Vesper. „Man würde einem Menschen unrecht tun, wenn man ihn durch einen anderen Menschen aus seinem persönlichen Umfeld diffamieren würde.“

Noch deutlicher wurde der Präsident des Deutschen Ruderverbandes (DRV), Siegfried Kaidel: Er  erklärte in einer Stellungnahme, hier werde der Ruf einer Person beschädigt, ohne mit ihr gesprochen zu haben. Es sei „schade, dass aufgrund von Mutmaßungen der Sport dermaßen in den Hintergrund rückt“. Laut Kaidel wolle man „im August ein weiteres Gespräch mit Nadja Drygalla führen. Danach werden wir gemeinsam die weitere Vorgehensweise besprechen und natürlich auch kommunizieren“, so Kaidel.

Wenig glaubwürdig

Im Lichte der neuesten Mitteilung des Innenministeriums erscheint dies alles allerdings wenig glaubhaft. Wenn man  sich Vespers und Kaidels Aussagen durchliest, fragt man sich, warum Drygalla dann überhaupt abgereist ist? Ist es wirklich glaubwürdig, dass jemand offenbar seit Jahren eine Liebesbeziehung zu einem führenden Nazi-Kader unterhält und keinerlei gemeinsame Werte mit diesem Menschen teilt? Was für eine Beziehung sollte das sein?

Umgekehrt: Wenn Drygalla sich „eindeutig“ von der rechtsextremen Szene distanziert, warum saß sie dann nicht gemeinsam mit Vesper auf dem Podium, wehrte sich gegen die Vorwürfe und „Sippenhaft“? Weiterhin stellt sich die Frage, wie plausibel es ist, dass weder der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), noch der Deutsche Ruder-Verband, noch Drygallas Heimatverein, der Olympische Ruderclub Rostock nichts von Drygallas problematischer Beziehung gewusst haben? Mit Verlaub: Dafür ist eine Stadt wie Rostock einfach zu klein. Zudem soll auch Fischer ein ehemaliger Ruderer sein, Drygalla und er sich sogar beim Rudern kennengelernt haben.

Zukünftig wohl ohne Nadja Drygalla: Ruder-Achter der Frauen bei den Olympischen Spielen (Foto: Ben Rodford / flickr.com / CC BY-NC 2.0)
Zukünftig wohl ohne Nadja Drygalla: Ruder-Achter der Frauen bei den Olympischen Spielen (Foto: Ben Rodford / flickr.com / CC BY-NC 2.0)

Vespers Antwort auf die Frage, wie er empfinde, dass der Neofaschismus in Deutschland dem Leistungssport derart nahe komme, lautete: „Die These möchte ich mit aller Entschiedenheit zurückweisen. Es gibt nicht den geringsten Hinweis in diese Richtung, im Gegenteil. Da können Sie in unsere Präambel gucken und uns an unseren Aktionen messen. Wir lehnen das ab.“

Das mag sein, wirkt im Hinblick auf den Fall Drygalla aber seltsam verschwurbelt und ausweichend. Fakt ist: Die Beziehung Drygallas war lange bekannt, in MVP eine Art offenes Geheimnis. Entweder waren den Verantwortlichen ihre sportlichen Leistungen wichtiger oder sie wollten sie nicht in Sippenhaft nehmen. Dafür spricht, dass Drygallas Freund Fischer laut seinem Facebook-Profil selbst nach London mitgereist war.

Schwer vorstellbar

Die Indizien sprechen insgesamt eine andere Sprache: Drygalla hat den Polizeidienst quittiert, möglicherweise, weil ihr die Beziehung zu Fischer wichtiger war. Nun ist sie zugunsten dieser Beziehung aus dem olympischen Dorf abgereist. Am Ende könnte sie zugunsten dieser Beziehung ihre sportliche Karriere opern (müssen). Und das alles, obwohl sie mit den von Fischer seit Jahen führend und aggressiv vorgetragenen politischen Parolen und dessen Engagement für die Nazi-Szene nicht das Geringste zu tun hat? Auch wenn Liebe vielleicht blind macht: Das alles ist schwer vorstellbar.

Interessant ist indes auch die geradezu hysterische öffentliche Reaktion. Offenbar war es einmal mehr „unvorstellbar“, dass Neonazis  nicht nur „am Rand“ der Gesellschaft vor sich hin hetzen, sondern „mitten“ unter uns sind – sogar als Begleiter von deutschen Sportlerinnen, die Deutschland im Ausland repräsentieren sollen. Und wenn dem deutschen Ansehen Schaden droht, so wie in diesem Fall, läuten schnell alle Alarmglocken. Oder warum hat bislang niemand interessiert, dass die Ruderin offenkundig mit einem bekannten Neonazi-Kader zusammen ist? Die Neonazi-Szene war da sensibler: Die angebliche Beziehung zwischen Fischer und einer Polizistin wurde dort bereits 2010 höchst kontrovers diskutiert.

Siehe auch: NPDler führt offenbar Attacke auf Gedenken für NSU-Opfer an, NPD-Anhänger verlieren die Nerven, “Kanaken zerhacken”, Neonazi Petereit im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern,Neonazi-”Passanten” greifen Anti-NPD-Aktivisten an

28 thoughts on “Wer kennt Nadja Drygalla?

  1. @ stephan

    Warum sollte es einen auch nicht daran erinnern, es sind die gleichen Zeterer. Wie hier über die Frau D. berichtet und blasiert in der Spalte debattiert wird ist schon jenseits von gut und böse. Jetzt kommen die Ehefrauen von Nazis auch ins Fadenkreuz, irgendeine Pille-Palle wird künstlich aufgebauscht … Das ist eine junge Frau, eine Hochleistungssportlerin, die hat gar keine Zeit diesen ganzen Nazi-Scheiß durchzuziehen, also, wie böswillig und ignorant bitte muss man sein, daraus so eine Story zu machen? Könnt ihr euch nicht Opfer in eurer Größe suchen? Und dieses scheußliche Herumphilosophastern über anderer Leute Privatleben! Irgendwie scheint sich dieser Anti-Rechts-Kurs in eine ziemliche Kontrollfreak-Show zu verwandeln, in dem Gestalten mit höchst fragwürdigem Charakter und mit lautem Gebrüll nach Aufmerksamkeit suchen.

    Wenn ihr hier mit der Stasi verglichen werdet findet euch damit ab, in eurer Welt könnt ihr euch gern schieben, daß alle, die euch nicht in allem zustimmen Nazis sind, dahingehend merkt ihr eh nichts mehr, aber die Ähnlichkeiten zwischen euch und Stasi-Gesinnungsschnüfflern mit Hornbrillen sind schon frappierend. Das geilste ist, ihr arbeitet noch nichtmal für den Staat. Absurd 😀

    Gensing bekommt ja wenigstens noch müheloses Einkommen und stinkendes Geld in seinen Parker gestopft, aber daß die Underground-Antifas für lau Infos recherchieren und an irgendwelche plutokratischen Offiziellen vom Olympia-Popanz senden, ist schon ein starkes Ding, so stramm standen die Doitschen seit 33 nicht mehr für die „Wahrheit“ ein. Und Gensing, wenn Sie ehrlich sind, so ’ne kleine Wanze beim Apfel platzieren würden Sie doch auch gern, oder?

    lG
    kohl

    hasen.

  2. Was mich am meisten ärgert ist:
    Auf der einen (ideellen) Seite wollen wir demokratisch, weltoffen und multikulturell sein, auf der anderen (realen) Seite sind wir spießig, sektiererisch, kleinkariert. Wenn seit Monaten gegen Griechen und Spanier Volksverhetzung in allen Medien betrieben wird, dann ist das normal. Dazu kommt, dass die NPD eine „ganz normale Partei“ ist, Demokratie geht nur miteinander. Während hier über einen einzelnen Menschen gehetzt wird, der mit seinen zwei Rückziehern mehr Charakter bewiesen hat als die meisten Abgeordneten haben, zerbröselt der Rest an Freiheit unter dem Diktat der internationalen Finanzoligarchie.

  3. Man seid ihr Seelenlos, ich schäme mich für euch,
    armseelig…

    Anm.d.Red.:
    Um es mit Torsun Burkhardt zu sagen: „Wir bleiben oft lange auf, trinken viel und schämen uns für uns alle!“

  4. Denken kann ich was ich will.
    Beurteilt werde ich nach dem, was ich tue.
    Verurteilt werde ich nach dem, was strafbar ist.
    Mit wem ich Umgang habe, geht keinen etwas an.

    Anm.d.Red.:
    Herrlich, diese Gedankenfreiheits-Poesie für Nationalsozialisten. Haben Sie schon mal über eine nationale Lyrik-Seite im Weltnetz nachgedacht?

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