Fleischgewordene geistig-moralische Wende

Guido Knopp geht 2013 in den Ruhestand. Endlich! Seit 35 Jahren versorgt er die Deutschen mit dem reaktionären Geschichtsbild, das sie wollen. Knopp hinterlässt einen Doku-Stil, der auf Jahre hinaus populäres Geschichtswissen beeinflussen wird, denn Guidos Helfer sind zahlreich und wollen ihrem Meister nacheifern – in Dünnsinn und Erfolg.

Von Andreas Strippel

Guido Knopp ist ein Historiker, seine Worte sind Gesetz. Wer ihn kennt, der weiß das, wer nicht, der weiß es jetzt. Er heißt Knopp, Dr. Guido Knopp. Mit diesen Worten beginnt das Lied von Rainald Grebe über den Chef-Historiker des Zweiten Deutschen Fernsehens. Damit ist eigentlich schon sehr viel über Knopps Erfolg erzählt. Wie kaum ein anderer hat er das Geschichtsbild der Deutschen in den letzten 35 Jahren geformt, er gehört zweifelsohne zu einem der Architekten der neuen deutschen Normalität. Und das wollte er immer sein.

Nationaler Meistererzähler

Guido Knopp (Foto: Richardfabi)

Knopps Geschichte ist immer deutsche Nationalgeschichte, eine Geschichte, die sowohl die Nation konstruiert als auch die Gegenwart mit der Vergangenheit aussöhnen will. Und das immer gern im Gewand des personalisierten Geschichtskrimis. Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur sind nur Zierrad für die Kolportage von der Nation. In seiner Sendung ZDF-History sitzt er da wie der Werbeonkel aus der 70er-Jahre-Waschmittelwerbung. Er faselt von den Detektiven der Geschichte, von Geheimnissen, aber nie von Verhältnissen, die Menschen gemacht haben. Und dem Werbe-Onkel gleich höre ich ihn immer zum Abschluss sagen: „Deutschland, da weiß man was man hat, guten Abend“. Er sagt es zwar nie, aber sein zufriedenes Grinsen kommuniziert es. Knopp ist die fleischgewordene geistig-moralische Wende, die Helmut Kohl Anfang der 80er Jahre versprochen hatte.

Da passt es, dass Knopp nochmal etwas Großes zum Abschluss plant. „Weltenbrand“ soll seine Reihe über die Jahre 1914 bis 1945 heißen, der Dreh ist, dieser Zeit mit ihren Zusammenhängen und Neuanfängen als zweiten 30-jährigen Krieg zu erzählen. Für den Plot, ohne ihn zu kennen, zeichnet sich wohl folgendes ab. In den Ersten Weltkrieg sind wir alle irgendwie rein geraten und wenn der Zweite eine direkte Folge des Ersten ist… Solche Türen öffnet das Geschwätz vom zweiten 30-jährigen Krieg.

Geschichtspornographie

Er sieht aus wie ein dunkler Frisör, doch er ist Historiker, singt Rainald Grebe. Ganze Legionen von Historikern sind neidisch auf ihn, vor allem wegen seines Erfolgs – darunter auch der Autor dieser Zeilen. Seinen Erfolg hätten alle anderen auch gern, aber ohne dabei so plump vorzugehen wie er. Aber irgendwie scheinen nur wenige gute Historiker Öffentlichkeit zu erreichen – und das muss nicht zwingend nur an der Öffentlichkeit liegen.

Knopps erfolgreiche Serien (und die dazugehörigen Bücher!) werden von Historikern gern als „unterhaltsame Geschichtspornographie“ eingestuft. Das Zeug verspricht laufend Erkenntnis, liefert aber keine. Seine Inszenierung von Zeitzeugen als wissende authentische Wesen, die aber gleichzeitig nicht den Makel der Mittäterschaft haben, ist so ein Beispiel. Wenn ein SS-Angehöriger in Hitlers Bunker verniedlicht als Telefonist bezeichnet wird, verschwindet die Mordbande, der Zeitzeuge vermarktet sich hinterher noch als „Hitlers-Telefonist“. Alle gewinnen, nur nicht die Erkenntnis.

Guido Knopp lässt das Geschichte-Erzählen demnächst sein. Aber seine Helfer werden weiter die Geschichte der Deutschen erzählen – und stolz dabei sein. Dass die historische Wahrheit auf der Stecke bleibt, ist wohl unvermeidlich. Denn bei Knopp und seinen Komparsen findet sich alles, was die deutsche Geschichtspolitik so unerträglich macht: das schwülstige lavieren, die Sucht, die Gegenwart mit der Vergangenheit auszusöhnen – und zwar ohne Rücksicht auf die realen Opfer.

Rainald Grebe übernehmen Sie, bitte!

Er wohnt im deutschen Fernsehen, er wurde dort geboren.
In einer WG mit Adolf Hitler, und anderen Senioren.
Das ist Knopp, Doktor Guido Knopp
.

Siehe auch: “Geschichtspornografie” im ZDF: “Ein bisschen Nazi spielen”

6 thoughts on “Fleischgewordene geistig-moralische Wende

  1. Lieber Herr Strippel,

    wenn Sie sogar zugeben, daß Ihnen der Erfolgsneid die Feder führt, dann müssen wir uns über Ihre Zeilen ja nicht wundern.

    Tatsache jedoch ist, daß Guido Knopp versucht hat, Ursachen und Auswirkungen des 3. Reiches auf eine Art darzustellen, die nicht nur Historiker hinschauen läßt.
    Es geht doch um den Mann auf der Straße, DER muss es verstehen. Und das ist nötiger denn je!
    Die von Knopp erwarteten Reaktionen der „Fachleute“ auf seine „Simplifizierungen“ und „Dramatisierungen“ hat er immer kerzengerade durchgestanden.

    Auch hat Knopp anders als sein Lehrmeister, der Geschichtsrevisionist Werner Maser, eine völlig andere Haltung zum 3. Reich. Selbst die konservative WELT rückte Maser nämlich in die Nähe des verurteilten Holocaustleugners David Irving!
    Sich von seinem Mentor zu emanzipieren, das kann auch nicht jeder von sich behaupten.

    Und schließlich sind auch die „Fachleute“, sprich die Historiker selbst, nicht davor gefeit, mit spektakulären Fehleinschätzungen der „Neuen Rechten“ in die Hände zu spielen.
    Wenn zB HISTORIKER wie Wolfgang Wippermann mal eben von ihrem Forschungs-Elfenbeinturm herunter die Singularität des Holocaust in Zweifel ziehen.

    Damit liefern sie Geschichtsrevisionisten wie Schulze-Rhonhof („Der Krieg hatte viele Väter“) oder durchgeknallten Scheinkonservativen wie Frau Steinbach („Die Nationalsozialisten waren auch Sozialisten“) oder den „Bombencaust“-Marschierern in Dresden den intellektuellen Überbau nach. Und dann muss ich leider konstatieren:

    Dann lieber Knopp!

    Denn daß uns jemand die Funktionsweise der totalitaristischen Mechanismen darlegt, das scheint immer noch notwendig zu sein. Nicht zuletzt angesichts von

    – Horden von Wohlstandsbürgern, die angestiftet von (kultur)rassistischen Blogs durch Deutschland schwärmen und Jagd machen auf Restaurants mit „Halal“-Kennzeichnung

    – rechten Postillen, die grüne, sozialdemokratische oder sozialistische Positionen in die Nähe der Nationalsozialisten rücken („rotbraun“), um von ihrer eigenen Scharnierfunktion zwischen Bürgertum und Rechtsextremismus abzulenken

    – des überall anzutreffenden Alltagsrassismus aus der Mitte der Gesellschaft, der so weit geht, daß man sogar nach Art. 20 GG zum gewaltsamen Widerstand gegen die Bundesregierung aufruft aus Angst, in Deutschland würde die Scharia eingeführt.

    Natürlich kann man Knopp kritisieren. Das tue ich auch.

    Aber man darf ihn nicht demontieren. Denn das sagt mehr über den Demonteur aus als über Knopp.

  2. Ziemliche miese Kritik! Man muss Knopp nicht gut finden aber
    wenn man so scharf schiesst wie hier, dann sollte man das auch belegen
    und nicht einfach nur „labern“.

    Oder soll der Verweis auf Rainald Grebe diese Fubktion übernehmen
    (nach dem Motto: Wenn der Rainald sich über ihn lustig macht, dann muss ja was dran sein)?

    Sorry! Ungenügend!

  3. Die Kritik an den Produktionen von Herrn Knopp teile ich in weiten Teilen, aber hier fehlt offensichtlich das Wissen (oder der Wille), um die genannten Narrative und geschichtswissenschaftliche Debatten überhaupt ordentlich einordnen zu können.

    Die Jahre 1914-1945 als einen zweiten „Dreissigjährigen Krieg“ zu fassen ist keine Erfindung der ZDF Zeitgeschichtsredaktion sondern eine in den letzten Jahren in der Geschichtswissenschaft breit diskutierte These. Siehe z.B. Enzo Traverso – Der europäische Bürgerkrieg. Auch die These die eine direkte Linie vom 1. Weltkrieg zum Nationalsozialismus zieht, ist spätestens seit den 1960ern und Fritz Fischers Werk zur deutschen Kriegsschuld weithin verbreitet.

    Polemik hin oder her, das hier ist mir dann doch zu platt und unlustig.

  4. Zitat von M. Eichert:

    „Denn daß uns jemand die Funktionsweise der totalitaristischen Mechanismen darlegt, das scheint immer noch notwendig zu sein.“

    Genau das hat Guido Knopp aber nie angestrebt, geschweige denn auch umgesetzt. Bei den Geschichtsdokus aus dem Hause Knopp handelt es sich ausschließlich um eine rein personalisierte Geschichtsauffassung, die im Gewand einer zu unterhaltenden und erlebnisorientierten Reise in die Vergangenheit daherkommt. Damit verkommt selbst – und das ist das wirklich obszöne – der Holocaust zu einem „spannenden Geschichtsevent“, dem sich irgendwelche ominösen „Detektive der Geschichte“ auf die Spuren begeben.

    Mit der personalisierten Geschichtsauffassung hinken die knoppschen Produktionen rund 60 Jahre hinter den methodologischen Diskusren der deutschen Geschichtswissenschaft zurück. Seit den 1960er Jahren vollzog sich auch in Deutschland eine allmähliche Abkehr von einer rein personalisierten Geschichtsdarstellung, die auf der Auffassung beruhte, dass „Geschichte ausschließlich von großen Männern gemacht werde“. Leider sind Knopps Dokus dieser überholten Auffassung nach wie vor zutiefst verhaftet.

    Mit dieser Art der Geschichtsdarstellung lassen sich nun mal keine Mechanismen, Strukturen oder Mentalitäten offenlegen, die uns die Vergangenheit wirklich auf breiter Basis erklären und näher bringen.

    Neben diesen methodologischen Mängeln wirft ihm die Historikerzunft deshalb einen Ausverkauf der Geschichte vor. Ein starker Vorwurf, der aber nicht von der Hand zu weisen ist.

    Zudem fokussiert sich Knopp in seinen Nazi-Dokus ausschließlich auf die Nazielite und die obere Führungsriege bei Militär, den Sicherheitsdiensten und der Verwaltung. Damit entlastet Knopp die breite Bevölkerung völlig zu Unrecht von ihrer Mitverstrickung in den Nationalsozialismus und stilisiert sie zu Opfern von Hitler und Co. Er leistet damit der reaktionären und wehleidigen Schutzbehauptung der 1950 und 1960er Jahre den Verschub, wonach die damalige deutsche Bevölkerung weder den Krieg noch die Entrechtung der Juden mitgetragen, geschweige denn etwas vom Massenmord an den Juden gewusst haben will. Mit seiner Fokussierung auf die Nazielite konstruiert Knopp ein „wir“ und „sie“, das historisch unhaltbar ist. Es verwundert daher nicht, wenn man sich heute in Deutschland zunehmend als Hitlers Opfer sich – die zweite Obszönität, die dem „Geschichtspapst“ anzulasten ist.

    Es gebe noch weitere ernsthafte Kritikpunkte, aber das sollte reichen.

  5. schöner Zufall

    habe am 29.Juli dies hier geschrieben
    http://tinyurl.com/cqoylzb

    und am 30.7. Aschaffenburger Inis angeschrieben,
    mit der Bitte um Recherchehilfe
    bezüglich der Personen und Inhalte der

    Aschaffenburger Gespräche
    http://de.wikipedia.org/wiki/Aschaffenburger_Gespr%C3%A4che

    denn mir war so, als hätte ich mal irgendwo mitbekommen,
    daß es da in der Vergangenheit „Gespräche“ gab, die vorsichtig ausgedrückt, recht fragwürdig waren

    http://www.youtube.com/results?search_query=Aschaffenburger+Gespr%C3%A4che

    08.09.2008
    „In der Geschichte der Stadt immer festgeschrieben“
    Abschied: Abschluss der „Aschaffenburger Gespräche“ – Guido Knopp trägt sich ins Goldene Buch der Stadt ein
    http://www.main-netz.de/nachrichten/region/aschaffenburg/aschaffenburg-stadt/stadt/art11846,502027?veranst=1243807200

    Geschichtskultur in Deutschland: Die Aschaffenburger Gespräche
    Siegfried Quandt
    http://www.amazon.de/Geschichtskultur-Deutschland-Die-Aschaffenburger-Gespr%C3%A4che/dp/3430176662

  6. Ein wenig informativer Artikel, dafür aber inhaltsreiche Kommentare. Insbesondere solidarisch bin ich mit dem „neuen Leser“ (der Beitrag vom 3.8.2012 um 13:56)!

Comments are closed.