Der Brand, der nie gelöscht wurde

Als vor 20 Jahren in Rostock-Lichtenhagen das Haus brannte, in dem Vietnamesen wohnten, begann ein Krieg, der bis heute dauert. Es war nicht der Brand selbst, der ihn auslöste, sondern die Tatsache, dass er nie gelöscht wurde. Die Feuerwehr verschwand, die Polizei zog sich zurück in jenen Pogromnächten im August 1992. Zurück blieben der grölende Mob und die applaudierenden Nachbarn bei ihrer Hatz auf schutzlose Flüchtlinge und vietnamesische Arbeiter. Den Furor jener rassistischen Volksstimmung nutzte die Politik, um das Asylrecht einzuschränken.

Von Anetta Kahane

Hier kapitulierte nicht etwa der demokratische Rechtsstaat vor einigen Rechtsextremisten, nein schlimmer: Staat und Politik beteiligten sich an der Inszenierung des Pogroms, um nach dem Motto: „Unser Volk will diese Ausländer nicht“ die Verfassungsrechte einzuschränken.

"Anflüge" von Rassismus? Brennende Häuser, jubelnde Bürger - in Rostock wütete der rassistische Mob vor 20 Jahren über mehrere Tage.
„Anflüge“ von Rassismus? Brennende Häuser, jubelnde Bürger – in Rostock wütete der rassistische Mob vor 20 Jahren über mehrere Tage.

Kapitulieren ist etwas anderes. Es bedeutet das, was übrig bleibt, kampflos zu akzeptieren. Doch seit den Pogromen entstand in der Bundesrepublik Deutschland eine neue Realität: die sogenannten „Nation al Befreiten Zonen“, also Gebiete, Landstriche, Regionen, um nicht zu sagen ein Drittel des Territoriums dieses Landes, in denen People of Color ganz gleich ob sie Deutsche sind oder nicht, einem ständigen Druck ausgesetzt sind. Die Drohkulisse haben Nazis aufgebaut, in dem sie permanent Jagd machen auf Menschen, die sichtbaren Minderheiten angehören. Manchmal schlagen sie zu, manchmal lassen sie es sein – doch aufgehoben und sicher fühlen können sich die Wenigsten der Bedrohten. Eine Drohkulisse könnte man niederreißen, doch das haben Staat und Politik nicht gewollt. Aus diesem Grund gibt es im Osten des Landes noch immer weniger als 1% sichtbare Minoritäten und somit kann man sagen, dass dieser Teil des Landes weiß geblieben ist. Nicht nur „ausländerfrei“, sondern weiß. Bis heute ist es anstrengend, schwierig, mühsam bis unmöglich die lokalen Autoritäten davon zu überzeugen, dass dieser Zustand ein Problem ist, gegen das sie aktiv werden sollten. Es fehlt an politischem Wi llen, an Empathie und an der, für eine moderne westliche Demokratie, notwendigen Ethik.

Das ethnisch „rein“ gehaltene Ostdeutschland

Wenn nun die „Deutsche Stimme“, die Zeitung der NPD ihr Pressefest bei Pasewalk in Vorpommern begeht, dann hat das gute Gründe. Die Reaktion auf die Nazi-Präsenz in der Region bestand über viele Jahre aus aggressiver Ignoranz und fahrlässiger Toleranz. Bis auf wenige Ausnahmen blieb die NPD mit ihren Aktivitäten ungestört und ortsansässige Kameradschaften galten als harmlos. Besonders hier hatte sich das Erbe der Rostocker Pogrome festgebissen. Die Allianz von Volkes Stimmung und politischer Entleerung hat dazu geführt, dass der große Sieg von Rostock hier fortdauert. Ein Sieg, ein politischer Sieg, der noch erfolgreicher ist, als die Wahlergebnisse der NPD selbst: das ethnisch „rein“ gehaltene Ostdeutschland. Hier das Pressefest zu veranstalten ist eine Reaktion dieses Sieges, der durch die Abwesenheit einer klaren, demokratischen Ethik möglich wurde.

Der Unwille nach einer Ethik zu handeln, die die Nazi-Präsenz und ihre Folgen zur Abweichung einer Norm erklärt und nicht als Normalzustand, war sogar bisher größer als der Schaden, der dadurch für die Region entstanden ist. Nicht einmal wirtschaftliche Erwägungen konnten erreichen, in dieser Region wie in vielen anderen auch, die völkische und populistische Dunstglocke zum Verschwinden zu bringen, durch die sich Nazis gestützt fühlen und Terroristen wie die „Zwickauer Zelle“ unbehelligt blieben.

NPD-Wahlwerbung vor dem Sonnenblumenhaus in Rostock (Foto: Andrea Röpke)
Anti-EU-Populismus statt „Gas geben!“ NPD-Wahlwerbung vor dem Sonnenblumenhaus in Rostock (Foto: Andrea Röpke)

Wenn jetzt endlich das Pressefest zum Anlass wird, diese Haltung zu ändern, dann weil es allerhöchste Zeit wird. Bürgermeister, Vereine, Kirchen und politische Parteien machen sich nun endlich auf, den Rechtsextremist en, zusammen mit der Zivilgesellschaft im Rahmen der Kampagne „Kein Ort für Neonazis“, zu zeigen, dass sie nicht erwünscht sind. Das ist der Anfang eines Weges. Ein schwerer Anfang, denn Gesellschaft und Politik sind sich längst nicht so einig wie der Rechtsextremismus.

Politik mit Rassismus

Das Menetekel von Rostock, nachdem mit Rassismus erfolgreich Politik gemacht werden kann, hängt noch immer über dem Land. Dieser Anfang wird erst dann zu einem gangbaren Weg, wenn der Staat auch im ländlichen Raum zu seiner im Grundgesetz festgelegten Ethik findet. Und uns allen muss klar werden, dass Slogans wie „Bunt statt Braun“ nicht nur hohle Worte sind, sondern eine reale Möglichkeit für Menschen aller Hautfarben, sich frei in diesem Land bewegen zu können. Real, nicht abstrakt. Das bedeutet neben Ethik auch noch viel Arbeit.

Siehe auch: Rassismus, Mob und Flächenbrand, Als aus Schlagworten Brandsätze wurden

6 thoughts on “Der Brand, der nie gelöscht wurde

  1. Es wird leider wieder nicht Klartext gesprochen:

    Rostock-Lichtenhagen
    bis heute Hochburg der LINKE, vor der Wende SED-Hochburg
    Polizei in MV (und Feuerwehr): vor der Wende, nach der Wende nur verdiente Genossen.

    Die DDR-Bürger misstrauten Normabweichungen. Und die SED bereitete den Nährboden für Rassismus und Ausländerfeindlichkeit.
    Von wegen Antifa: Die DDR ignorierte ihre rechtsradikale Szene nicht nur viel zu lange – in Stasi-Familien gedieh der braune Sumpf besonders gut.

    Beispiel nsu

  2. „Nicht nur “ausländerfrei”, sondern weiß. Bis heute ist es anstrengend, schwierig, mühsam bis unmöglich die lokalen Autoritäten davon zu überzeugen, dass dieser Zustand ein Problem ist, gegen das sie aktiv werden sollten.“

    Absolut richtig! Die deutsch-weiße Volksgemeinschaft erzeugt zuverlässig Ausgrenzung und Fremdenhaß, wenn sie nicht aufgebrochen wird. Was aber tun, wenn rassistische Homogenitätsphantasien nicht freiwillig aufgegeben werden? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass hier durch praktisches Erleben von Vielfalt mehr zu bewirken ist als durch abstrakte Überzeugungsarbeit. In der Arbeit gegen Diskriminierung von Sinti und Roma z.B. verschwanden viele rassistische Vorurteile von ganz alleine , wo es Gelegenheit gab, reale Menschen kennenzulernen. Sprich: Man muß den in Homogenitätsvorstellungen verhaftete Menschen erstmal etwas zumuten, damit sie von alleine lernen können. Aktive Förderung von Vielfalt auch in Ostdeutschland bringt mehr als moralische Appelle.

  3. Liebe Anetta,

    deine Analyse ist mir zu global. Es gibt sie, die rassistische Dunstglocke, die Feigheit der Demokraten, den Unwillen, eine demokratische Ethik mit aller Konsequenz zu verfolgen. Aber all das gibt es nicht nur im Osten der Republik, sondern überall in Deutschland, vor allem außerhalb der großstädtischen Zentren. Und es gibt auch im Osten der Republik Menschen, die die Erosion der demokratischen Ethik nicht hinnehmen wollen, die nach Wegen suchen, die sich entgegenstellen, nicht erst und nicht zum ersten Mal anlässlich des NPD-Pressefests. Es stimmt ebensowenig, dass sich „People of Colour“ im ganzen Osten nur unter Angst bewegen können, wie es stimmt, dass sie sich im gesamten Westen völlig sicher fühlen können. Dass sich im Osten die Zahl „sichtbarer Minoritäten“ bei 1% bewegt, ist nicht eindeutig eine Folge der rassistischen Bedrohung, Faktoren wie die Verteilung von Asylbewerbern, fehlende Arbeitsmigration, ein von Arbeitslosen besetzter illegaler Arbeitsmarkt usw. spielen da auch eine Rolle. Der institutionelle Rassismus ist in Ost und West gleich, der individuelle hier wie da verbreitet, vielleicht ist im Osten die Schwelle niedriger, sich offen rassistisch zu geben. Lichtenhagen ist auch in Rostock nicht wirklich aufgearbeitet, aber es wäre unfair zu behaupten, es hätte sich seitdem nichts geändert. Es gibt einen sehr aktiven und akzeptierten vietnamesischen Verein, einen Migrantenrat, eine ganze Reihe von Vereinen und Initiativen, die sich um Demokratiebildung, Rassismusbekämpfung, Minderheitenschutz bemühen, das Rostocker Asylbewerberheim wird vom Ökohaus e.V. im schwierigen gesetzlichen Umfeld vorbildlich und menschlich geführt. Ich würde mir wünschen, dass sich aus der Initiative gegen das NPD-Pressefest eine langfristige zivilgesellschaftliche Bewegung in Vorpommern entwickelt, dass die Erinnerung an Lichtenhagen der Motivation, sich für Demokratie und gegen Rassismus einzusetzen, nicht nur in Rostock einen neuen Schub gibt. Dazu wäre es hilfreich, nicht nur den dumpfen Osten zu beschwören, den ich gut genug kenne, sondern auch denen Mut zu machen, die sich nicht erst gestern auf den Weg gemacht haben, so etwas wie demokratische Ethik durchzusetzen. „Mut gegen Rechts“ braucht auch Ermutigung.

  4. Liebe Anetta,
    ein zwar durchaus guter Beitrag, allerdings würde ich an deiner Stelle mal den youtube – Link austauschen. Du hast nämlich auf einen User verlinkt, welcher neben diesem Video auch Wehrmachtsbilder, NPD-Werbung und ähnliches hochgeladen hat. Es gibt den Beitrag auch von weniger bedenklichen Usern und man muss dem etwas bedenklichen „schlesienTV“, wie er/sie sich nennt, nicht noch ordentlich klicks verschaffen, weil auf sie/ihn verlinkt wird.

    Grüße

    der Yeti

    Anmerkung der Redaktion: Das Video hat Anetta nicht eingefügt. Danke für den Hinweis auf den User.

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