Bad Nenndorf: Neonazi-Angriff vor „Marsch der Ehre“

Im kleinen Kurort Bad Nenndorf könnte es am 4. August sehr eng werden, wenn die rechtsextreme Szene im siebten Jahr in Folge ihren „Trauermarsch“ veranstalten will, der jetzt „Marsch der Ehre“ heißt. Neben den Neonazis werden zu Protesten mehrere Tausend Personen erwartet, zum Ärger der Ewiggestrigen, die offenkundig auf eine Strategie der Einschüchterung setzen.

Von Kai Budler und Benjamin Mayer

Waren anfangs noch etwa 100 Neonazis durch die 10.000 Einwohner zählende Kleinstadt marschiert, gelang es dem selbsternannten „Gedenkbündnis“ die Teilnehmerzahl jährlich fast zu verdoppeln: im Jahr 2010 beteiligten sich knapp 1.000 Neonazis an dem geschichtsrevisionistischen Event. Ihr Ziel ist das 1930 eröffnete Wincklerbad in der Mitte des Kurortes. Das Gebäude war zwischen 1945 und 1947 vom britischen Geheimdienst als Internierungslager für meist ranghohe NS-Funktionäre genutzt worden, in dem es auch zu Misshandlungen und Folter gekommen war. Nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe veranlasste die britische Regierung die Schließung, das Personal musste sich vor Gericht verantworten.

Teilnehmer des Neonazi-aufmarsches 2011. Foto: Kai Budler.

Mittlerweile gehört der Aufmarsch in Bad Nenndorf zu den bundesweit wichtigsten rechtsextremen Demonstrationen und bedient vor allem eine revisionistische Täter-Opfer-Umkehr. Dass der Geschichtsrevisionismus auch beim diesjährigen „Marsch der Ehre“ im Vordergrund steht, zeigt die Liste der angekündigten Redner. Unter ihnen befindet sich der 77-jährige Holocaustleugner Rigolf Hennig aus Verden, bei dem die Publikation „Stimme des Reichs“ bestellt werden kann. Zu deren Stammschreibern gehört die rechtskräftig verurteilte Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck-Wetzel, die ebenfalls als Rednerin angekündigt ist.

Ursula Haverbeck-Wetzel in Bad Nenndorf 2011. Foto: Kai Budler.
Ursula Haverbeck-Wetzel in Bad Nenndorf 2011. Foto: Kai Budler.

Haverbeck ist die ehemalige Vorsitzende des 2008 verbotenen Vereins „Collegium Humanum“. Unter anderem hatte sie der ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, gedroht: „Machen Sie so weiter wie bisher, dann könnte sich ein neues Pogrom ereignen, das entsetzlich würde.“

Bleiben Neonazis aus dem Rheinland dem „Trauermarsch“ fern?

Ein anderer Stammgast wird in diesem Jahr in Bad Nenndorf fehlen, denn der Düsseldorfer Sven Skoda sitzt in Haft und muss sich demnächst mit weiteren Neonazis vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft Koblenz wirft ihnen die Mitgliedschaft bzw. Unterstützung einer kriminellen Vereinigung vor, gemeint ist das „Aktionsbüro Mittelrhein“ mit Hauptquartier im rheinland-pfälzischen Bad Neuenahr.

Damit könnte die Teilnehmerzahl in Bad Nenndorf einen empfindlichen Rückschlag erleiden, denn im vergangenen Jahr stellten die Neonazis mit dem Aufdruck „Rheinland“ auf den weißen T-Shirts die mit Abstand größte Gruppe. Auch Thomas Wulff vom selbsternannten „Ehrenkomitee 8. Mai“ fürchtet offenbar rückläufige Zahlen und lässt vorab verlauten, es komme „nicht in erster Linie auf die Zahl der Teilnehmer an“. Für die Durchführung vor Ort sind seinen Angaben zufolge der Neonazi Marcus Winter und dessen Umfeld zuständig, Anmelder des Aufmarschs ist wie schon in den vergangenen zwei Jahren Matthias Schultz von der NPD aus Verden. Auch Dieter Riefling, einer der führenden Neonazis aus Niedersachsen, reist nach Bad Nenndorf und meldete einen anschließenden Aufmarsch im nahe gelegenen Hannover an. Ob der Aufmarsch genehmigt wird, steht derzeit noch aus. Bisher wurde lediglich eine stationäre Kundgebung erlaubt.

Protest und Einschüchterungsversuche

Neonazisymbole an der Haustür der zweiten Vorsitzenden des Bündnisses. Quelle: „Bad Nenndorf ist bunt“.

Für die Initiative „Kein Naziaufmarsch in Bad Nenndorf“ ist Rieflings Anmeldung ein Zeichen für die Verunsicherung der extrem rechten Szene. „Offensichtlich ist man sich bei ihnen unsicher, ob sie ihren geplanten Aufmarsch in Bad Nenndorf angesichts von so viel Widerstand und den von uns angekündigten Massenblockaden wirklich durchführen können“, heißt es in einer Mitteilung der Initiative, die auf ihrer „Aktivierungskonferenz“ vor vier Monaten mit der Mobilisierung gegen den Neonaziaufmarsch begonnen hatte. Den Aufruf zu den Massenblockaden haben bislang knapp 100 Gruppen und Initiativen unterzeichnet. Das Bündnis „NS Verherrlichung stoppen“ ruft für 10.00 Uhr zu einer Demonstration auf, das örtliche Bündnis „Bad Nenndorf ist bunt“ erwartet am Vormittag zu seiner Demonstration etwa 2.000 Personen.

Während des rechtsextremen Aufmarschs setzt das Bündnis auf ein im vergangenen Jahr erprobte Konzept: Mit lauter Musik, Tanz und Verkleidungen hatten die Anwohner den vermeintlichen Trauercharakter der Neonazis ad absurdum geführt.

Bereits im Vorfeld kam es in Bad Nenndorf zu rechtsextremen Aktivitäten. Zunächst hatten unbekannte Täter eine rechtsextreme Parole an eine Mauer in der Stadt gesprüht. Nur wenig später, in der Nacht auf Montag, kam es dann zu einem Anschlag auf das Haus der zweiten Vorsitzenden des Bündnisses „Bad Nenndorf ist bunt“.

Mutmaßlich rechtsextreme Täter hatten einen massiven Stein in das Schlafzimmerfenster der Frau geworfen. Nur durch Zufall wurde niemand verletzt. Der Absender ist deutlich zu erkennen: Neben dem eingeworfenen Fenster beschmierten Neonazis die Eingangstür. In der Nacht des Anschlags wurden mehrfach ortsbekannte Neonazis in der Nähe des Tatortes beobachtet. Der Staatsschutz ermittelt.

Durch den Steinwurf zerstörtes Fenster. Quelle: Bad Nenndorf ist bunt.

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