Molau: „Meine Ideologie war im Kern nicht richtig“

Der ehemalige NPD- und PRO-Funktionär Molau ist ausgestiegen. Er sei erleichtert, betont er im Interview und berichtet über NS-Fetischisten in der NPD. Eine Überwachung der Partei sei überflüssig, meint Molau, da die Fakten auf den Tisch lägen. Zu seinem Ausstieg sagt er, er habe festgestellt, dass seine Anschauung im Kern nicht richtig war, denn Völker seien keine geschlossenen Systeme.

Patrick Gensing: Wie geht es Ihnen nach dem Schritt an die Öffentlichkeit?

Andreas Molau: Ich sitze zwischen allen Fronten. Die einen sagen „Verräter“, die anderen meinen, ich meine das sowieso nicht ernst. Eine merkwürdige Situation. Auf jeden Fall bin ich absolut erleichtert. Es ist wahrscheinlich kaum nachzuvollziehen, wie schwer es war, diesen Schritt zu gehen. Jeder, der Fehler einräumen muss, weiß, das ist nicht leicht. Und in meiner politischen Biografie gibt es so viele Dinge, bei denen ich jetzt sagen muss: Das war nicht richtig.

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Gensing: Hat Sie diese Aussicht, zwischen allen Stühlen zu sitzen, gebremst bei der Entscheidung, einen Schlussstrich zu ziehen?

In der Mitte: Andreas Molau, rechts DVU-Chef Faust
In der Mitte: Andreas Molau, rechts Ex-DVU-Chef Faust, heute NPD

Molau: Natürlich. Ich habe jetzt angefangen, meinen politischen Weg zu rekapitulieren. Und dabei habe ich festgestellt, dass es einen Moment gab, als ich „drin“ war. Nämlich als ich bei der „Jungen Freiheit“ aufgehört habe und schon in rechtsextremen Kreisen verkehrte. Da weiß man, es gibt kein „danach“.

Gensing:  Als Sie 2004 von der Waldorfschule zur NPD-Fraktion in Sachsen wechselten – war das eine Aufbruchstimmung in der rechten Bewegung?

Molau: Nein, das war ein anderes Motiv, nämlich Angst. Ich war nicht mehr bei der „Jungen Freiheit“, da gab es Streit um einen Beitrag zur Instrumentalisierung des Holocaust. Den habe ich zwar nicht geschrieben, aber ich wollte, dass der ins Blatt kommt. Bei der „JF“ – da gab es eine Aufbruchstimmung, da wollte eine Zeitung von rechts machen, Deutschland verändern. Ich war bei der „JF“ schon der radikalere Part – und Dieter Stein der gemäßigte.

Danach wusste ich: Zum Schuldienst kann ich nicht mehr als Referendar. Dann bin ich zu einem rechtsextremen Verlag gegangen, also noch tiefer reingerutscht. Das habe ich dann beendet – und einen Roman geschrieben. Dann bin ich zur Waldorfschule gegangen, was nur funktioniert hat, weil die so herrlich hinter dem Mond gelebt haben. Die hatten überhaupt keine Ahnung. Ich bin da einfach hingefahren, habe gesagt, ich habe Deutsch und Geschichte studiert und möchte Lehrer werden und finde Waldorfschulen toll. Da haben die mich vor eine 7. Klasse gestellt, um mich zu testen – und das hat gut geklappt. Da wurde ich dann eingeladen, habe nebenbei noch meine Waldorf-Ausbildung gemacht – und habe unterrichtet, später Abitur abgenommen.

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In all den Jahren haben meine Frau und ich immer darauf gewartet, dass die „JF“-Geschichte rauskommt. Das ging mehrere Jahre gut, aber mir war klar, weil die Waldorfschule wegen ihrer Geschichte selbst Probleme mit der Frage nach Rassismus Probleme hatte, wenn die Geschichte rauskommt, werde ich sofort „geschlachtet“. Als die NPD dann in Sachsen in den Landtag kam, da fragte Holger Apfel, ob ich die „Deutsche Stimme“ übernehmen will. Das erschien mir nach acht Jahren, in denen ich gut durchgekommen bin, als ein guter Zeitpunkt, weil nun auch die vermehrte Aufmerksamkeit für den Rechtsextremismus das Risiko erhöhte, dass ich auffliegen könnte. Klar: Wenn ich es nicht richtig gefunden hätte, hätte ich es auch nicht gemacht. Meine Intention war: Die NPD ist jetzt im Fokus der Öffentlichkeit, jetzt normalisieren die sich.

Gensing: Sie waren ohnehin schon Außenseiter in der rechtsextremen Szene. Wie reagiert diese nun auf Ihren Ausstieg?

Molau: Ich habe mehrere Emails aus der NPD bekommen von Leuten, die schreiben: „Donnerwetter, das war mutig! Wir trauen uns das nicht, weil es kein Danach gibt.“ Natürlich gibt es auch die Beschimpfungen wie „Verräter!“. Spannender ist aber die Frage, kann man nach so einem Schritt eine Perspektive erwarten? Ich bin realistisch – und glaube, das wird sehr schwierig. Doch das hat mich eher angespornt; es gab einen Artikel über mich, in dem stand, ich würde immer in der Szene bleiben, weil mir wirtschaftlich gar nichts anderes übrig bleiben würde. Das war ein Punkt, an dem ich dachte: Es kann nicht sein, dass ich deshalb Dinge mache, die ich nicht für richtig halte.

Gensing: Sie waren tief „drin“ in der Szene, viele Aussteiger berichten von einem längeren Prozess, in dem sie sich distanziert haben. Wie war das bei Ihnen?

Molau: Wenn ich mich an Reden erinnere, die ich gehalten habe – das waren ambivalente Gefühle damals. Ich erinnere mich noch, wie ich bei einer Veranstaltung in Wattenscheid weggefahren bin und absolut unzufrieden mit mir war. Ich wusste, dass ich vor diesen Leuten Dinge von mir gegeben habe, mit denen ich mich politisch und menschlich nicht wohlfühle, aber man war wie ein Dienstleister, der von einem Auftritt zum nächsten geschickt wurde – und hinterher sagt man, dass hält man doch gar nicht aus. Das denken auch andere Leute in der NPD. Dann sagte man sich aber, es gebe keine andere Möglichkeit. Oder man redete sich ein, vielleicht lasse sich so eine Partei reformieren.

So war es auch nach der Rede von Udo Pastörs in Saarbrücken. Da fragt man sich: „Wo bin ich hier eigentlich? Wird der jetzt vom Staat bezahlt oder ist er einfach bescheuert?“ Die Wahrheit ist wohl, dass er das glaubt. Dann sagt man sich, es gebe keine andere Möglichkeit. Oder man redet sich ein, vielleicht lasse sich so eine Partei reformieren und das sei nur eine Stimme.

Gensing:  Das klingt so, als seien Sie getrieben worden – aber Sie waren eine Führungskraft.

Molau: So einfach will es mir auch nicht machen. Ich verlange auch nicht, dass man das alles versteht, ich verstehe es teilweise selber nicht. Selbstverständlich habe ich ein Weltbild, das geprägt ist von der Lektüre, die ich seit meinem 16. Lebensjahr gelesen habe, also beispielsweise Henning Eichberg. Auch die Texte der konservativen Revolution haben mich geprägt. Die Fragen von Nation, Identität, Nationalismus, Weltordnung, Ökologie. Ich will mich jetzt nicht als Unpolitischen darstellen, der gar nicht gewusst habe, was er da tut. Natürlich entspringen meine Schriften meiner politischen Anschauung. Doch ich habe nach und nach gemerkt, dass das im Kern nicht richtig ist.

Gensing:  Was meinen Sie konkret?

Molau war zuletzt bei PRO aktiv.

Molau: Nehmen wir die zentralen rechten Themen Kultur, Nationen und Völker – da hatte ich den Fokus darauf gelegt, es seien geschlossene Systeme. Ich habe nicht gemerkt, dass diese Systeme aber immer auch offen sind.

Gensing:  Kultur und Völker als offene Systeme – für die NPD eigentlich undenkbar. Haben Sie solche Ideen auch geäußert?

Molau: Zeitweise war ich Chefberater der NPD. Da habe ich Udo Voigt vorgeschlagen, dass sich die Partei mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzen solle. Die NPD könnte darstellen, dass sie wirklich modern ist. Ich schlug vor, wir veranstalten eine Pressekonferenz, auf der wir unsere Position zu den nationalsozialistischen Verbrechen klären.

Gensing:  Warum kommt die NPD nicht weg von dem NS-Bezug? Warum hat Voigt diesen Vorschlag nicht umgesetzt?

Molau: Weil der Nationalsozialismus Kern seiner Anschauung ist. Die Partei definiert sich darüber. Und das Gefühl im rechten Lager sieht so aus: Man identifiziert sich über das „3. Reich“, weil man das Gefühl hat, eine geschlagene Nation zu sein. Man habe keine Identität und die Deutschen dürften nicht stolz auf ihr Land sein. Daran schuld sind dieser Denkweise zufolge die bösen Alliierten. Da man angeblich nicht darüber reden darf, ergibt sich die Pflicht, die Geschichte reinzuwaschen, um sein Nationalgefühl zu rechtfertigen. Das hatte ich in meiner Studienzeit genauso empfunden, ich dachte, ich hätte die heilige Pflicht, für ein sauberes Geschichtsbild zu sorgen.

Gensing: Bei der NPD haben Sie dann die gezielten Provokationen unterstützt – beispielsweise bei der Fraktion in Schwerin.

Pastörs bei seiner Hetzrede in Saarbrücken im Jahr 2009 (Screenshot YouTube)

Molau: Dort hatte ich einen Antrag vorbereitet, mit dem wir provozieren wollten, um die Verbrechen der Roten Armee an den Vertriebenen zu skandalisieren. Ein FDP-Politiker entgegnete auf den Antrag, das sei in der Sache respektabel, aber die NPD sei unglaubwürdig, weil sie die Würde der Opfer teilt, denn bei dem Gedenken an die NS-Opfer verlasse sie den Raum. Eine sehr gute Rede war das. In der anschließenden Besprechung habe ich gesagt: Der Mann hat Recht. Doch in einer Fraktion, die sich dermaßen über den historischen Nationalsozialismus definiert, bis in die kleinste Verästelung, die kann das natürlich nicht sagen.

Der einzige vernünftige im Sinne von nicht-ideologisch verhärtet war Michael Andrejewski, der hat nicht diese klare völkische Grundausrichtung. Sonst sind alle in der Fraktion völkisch-ideologisch fundiert.

Gensing:  Das hätte man vorher wissen können.

Molau: Ja, das stimmt. Und es wurde nochmal in einer Fraktionssitzung deutlich, als ein Mitarbeiter mit den Nürnberger Rassegesetzen unter dem Arm gesagt hat: „Lieber Herr Molau, Du bist ein guter Typ und Du kannst viel, aber Du musst verstehen, dass Du wegen Deiner Herkunft nicht in Frage kommst.“ Da fragt man sich schon, in welchem Film man ist. Aber ich habe da gutes Geld verdient in der Fraktion – und mir war auch klar, was passieren würde, wenn ich einen Schlussstrich ziehen würde.

Gensing: Sie wurden danach in der Szene im NS-Jargon als „Achteljude“ bezeichnet. Ein Einzelfall?

Molau: Man spricht in NPD-Runden auch mal darüber, was man so liest. Und da sagte ich, mein Lieblingsautor sei Erich Kästner. Andere NPDler meinten dann, gut, dass dieses „Schwein“ im NS nicht publizieren durfte. Genauso bei jüdischen Musikern. In der internen Diskussion kann man dann schon sagen: „Leute, das kann doch nicht euer ernst sein!“

Überhöhte Heimat

Gensing: Auch bei den Nationalkonservativen, zu denen ich Sie zählen würde, ist oft die Rede von deutscher Identität, Heimat und Kultur. Warum wird das so wenig mit Leben erfüllt?

Molau: Weil sie zu weit von der Gesellschaft entfernt sind. Ich habe festgestellt, dass jeder Heimatverein, jeder Fußballverein, jede Freiwillige Feuerwehr, jedes Engagement an der Basis, dass da eben viel mehr für die Identität gemacht wird, als in diesen rechten Zirkeln, die das für sich in Anspruch genommen haben.

Gensing: Selbst fast jeder Großstadtmensch fährt mal aufs Land und geht in einem zünftigen Landgasthof essen, das ist kein religiöser Akt. Die Begriffe Heimat und Kultur werden doch vollkommen überhöht.

Casa Pound
Faschismus goes Popkultur: Das Casa Pound in Rom

Molau: Genau. Überhöhung und fehlender Realitätsbezug. Ich habe da im Casa Pound in Italien über Identitäten geredet, das war auch toll, aber es war eher eine intellektuelle Selbstbefriedigung.

Gensing: Auch mit Christian Worch haben Sie Wahlkampf gemacht – welche Chance geben Sie seiner Partei Die Rechte, die von einigen Medien hochgeschrieben jetzt wurde?

Molau: Keine. Was „Der Spiegel“ geschrieben hat, ist eine ziemliche Luftnummer. Worch ist ein ausgeprägter Individualist. Man kann offen mit ihm diskutieren, was sehr untypisch für diese Szene. Zudem deckt er messerscharf die Schwächen der Bewegung auf. Worch legt überall den Finger in die Wunde, er nimmt kein Blatt vor den Mund. Aber als moderate Partei? Das passt nicht, auch inhaltlich nicht.

Gensing: Haben Sie sich selbst überschätzt?

Molau: Das stimmt auf jeden Fall. Weniger in dem Sinne, dass ich nicht bei der NPD oder PRO hätte wirken können. Bei der NPD habe ich die Auseinandersetzung um den Parteivorsitz gar nicht gesucht, weil es ein Witz gewesen wäre, wenn ich gesagt hätte, ich will eine deutsche FPÖ – und gleichzeitig werde ich in der Partei als „Achteljude“ bezeichnet. Das verstehe ich auch nicht bei NPD-Chef Holger Apfel. Wie kann er sagen, er will eine moderne NPD – und gleichzeitig ist sein größter Verbündeter Udo Pastörs? Das ist total irrwitzig. Überschätzt habe ich mich, weil ich gedacht habe, auf diesem Weg seien Dinge zu ändern, die so aber nicht zu verändern sind.

Gensing: Der öffentliche Druck gegen Neonazis – wie schweißt der die Szene zusammen? Und wie könnte ein Ausgang aus der Szene aussehen?

Molau: Ich würde mir wünschen, dass man in der notwendigen Kritik an inakzeptablen Meinungen wie die von Pastörs, dass es dabei eine Unterscheidung gibt zwischen der Ideologie und dem Menschen, der dahinter steht. Ich hatte bei Anzi-Nazi-Demonstrationen, bei denen ich im Kessel stand, das Gefühl, es geschieht ein Unrecht. Und das überlagert das Gefühl, ich mache hier vielleicht etwas Falsches. Man fragt sich nicht, wen habe ich ausgegrenzt, sondern man sieht: Ich werde ausgegrenzt. Was ich mir wünschen würde, wäre eine stärkere inhaltliche Auseinandersetzung.

2010 noch einig auf dem NPD-Podium: Thorsten Heise, Thomas Wulff und Holger Apfel (Foto: Kai Budler)
2010 noch einig auf dem NPD-Podium: Thorsten Heise, Thomas Wulff und Holger Apfel (Foto: Kai Budler)

Ein großer Teil von denen, die da mitmarschieren, die wissen, dass das nicht in Ordnung ist. Doch in dem ich etwas mystifiziere, wenn ich einem Holger Apfel einfach das Mikrofon abdrehe, hat das für viele den Impuls, dem wird Unrecht getan. Heute denke ich: wie dämlich. Wenn man mit jemandem wie Holger Apfel, der argumentativ auf so schwachen Füßen steht, wenn man den nicht in einem Gespräch auf den Kern seines Denkens bringen kann, dann ist das ein mangelhafter Umgang mit dem Phänomen.

Gensing: Wie geht es weiter, wie sieht Ihre Zukunft aus? Referent, Lehrer, Journalist, Talkshow-Gast?

Molau: Ich möchte kein „Ausstiegsevent“ sein. Ein Schlussstrich ist nur der Beginn eines Prozesses – und Vertrauen kommt nicht ad hoc. Ich bin Lehrer gewesen, ich bin Publizist – natürlich möchte ich mit 44 Jahren weiterleben. Das kann letztendlich nur als Lehrer oder Publizist sein. Es wäre falsch, meine Erfahrungen einfach zu begraben, ich will sie einbringen.

„NPD muss nicht überwacht werden“

Gensing: Das Bild, das in den Fachmedien von der NPD gezeichnet wird, ist das realistisch? Liegen die relevanten Informationen auf dem Tisch?

Andreas Molau hat sich von der extremen Rechten verabschiedet. (Foto: Stefan Laurin)

Molau: Es gibt sehr kenntnisreiche Berichte über diese Szene. Die wesentlichen Elemente der Ideologie sind öffentlich. So eine Partei muss nicht geheimdienstlich ausgespäht wird. Alles was Udo Pastörs oder Holger Apfel sagen, ist bekannt. Das kann ich nur ergänzen um einzelne Geschichten. So wollte ich einen Diskussionsbeitrag in der „Deutschen Stimme“ um eine Position erweitern, wonach Ausländer, die sich integrieren wollen, in Ordnung seien. Apfel bekam einen Tobsuchtsanfall. Er will keine moderne Partei, für ihn sind alle Ausländer unerwünscht.

Es gibt natürlich auch Leute bei der NPD, die das anders sehen als Apfel oder Pastörs, aber die müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie diese Positionen mittragen – so wie ich es getan habe.

Kommentar: Gib Ex-Nazis eine Chance!

32 thoughts on “Molau: „Meine Ideologie war im Kern nicht richtig“

  1. Klugscheißer immer und überall!
    Seid doch froh wenn sich ein armes Licht wie Molau Sauerstoff verschafft.
    Ich wünsch ihm alles gute!
    Großfressen/Bessermenschen habe ich satt in allen „Revolutionen“ – (nachgelesen!). Waren leider doch weit überwiegend „Ficker,Hinrichter,
    Frauenverachter,Kriminelle,Schlaumeier“.
    Fangt mal an euch zu benehmen.
    Antifa beginnt und endet nur im menschlichen Umgang.

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