Umgang mit Aussteigern: „Dead man walking“

In den vergangenen Monaten und Jahren sind immer wieder Kader aus der extremen Rechten ausgestiegen. Zuletzt war es der Neonazi Axel Reitz, der gegangen ist oder wurde. Das Beispiel Reitz zeigt beispielhaft, wie krass Neonazis mit ihren ehemaligen Kameraden umspringen.

Von Patrick Gensing

„Im Englischen gibt es einen sehr schönen Ausdruck für Ratten wie Reitz: „DEAD MAN WALKING.““ – so und ähnlich rufen Neonazis im Netz regelrecht zur Jagd auf ihren bisherigen Kameraden Axel Reitz auf. Er sei in seiner Heimatstadt an einem bestimmten Ort gesehen worden, berichtet ein bekanntes Neonazi-Portal, zudem sei Reitz HIV-positiv – so greifen die Neonazis in die unterste Schublade, um gegen Reitz zu hetzen.

Christian Worch und Axel Reitz (F. K. Budler)
Christian Worch und Axel Reitz (F. K. Budler)

Der neue Shootingstar der deutschen Leitmedien, Christian Worch, verniedlicht diese Verbalattacken als „Niveau der Klatschpresse“ und gießt noch Öl ins Feuer, da er betont:

Aus der Anklageschrift ergibt sich eindeutig, daß Axel Reitz einige seiner (vormaligen) Kameraden belastet hat. Man nennt so etwas Denunziation. Du kannst auch gern das alte deutsche Wort Verrat benutzen. Das ist ein erwiesener Fakt.

Der Umgang mit Reitz ist kein Einzelfall, sondern typisch für eine Bewegung, in der die „Kameradschaft“ als oberstes Gebot gilt – was  mit der Realität angesichts von Grabenkämpfen, persönlichen Streitereien und verletzten Eitelkeiten zumeist wenig kompatibel ist. Diese Überhöhung der Kameradschaft erzeugt angesichts der realen Verhältnissen eine massive Spannung, die sich nach Ausstiegen entlädt – die Ex-Kameraden müssen als Sündenböcke für die eigenen Unzulänglichkeiten und Gemeinheiten der Szene herhalten.

„Echte Kameradschaft gibt es nicht“

Dabei ist es oft genau der gelebte Widerspruch zwischen glorifizierter Kameradschaft und tatsächlichen Verhältnissen, die extrem Rechte zum Ausstieg leiten.

Frank Försterling als Anti-Antifa-Fotograf auf einer NPD-Demo im Jahr 2005

Der Ex-NPDler Frank Försterling berichtete im Interview mit dem Autor, mit der stets propagierten “Kameradschaft” sei es in der Szene nicht weit her gewesen: “Echte Kameradschaft” habe es nicht gegeben. Eine Erfahrung, über die auch andere Aussteiger übereinstimmend berichten. Försterling beschreibt dies so: “Kameraden sind Leute, mit denen man politisch was macht. Aber nur auf Freunde kann man sich immer verlassen.”

Auch die Brutalität spielt oft eine Rolle für den Ausstieg. Oliver Podjaski, ehemals Sänger der Band „Hauptkampflinie“, erklärte, gestört habe ihn schon zu aktiven Zeiten die Gewaltbereitschaft großer Teile der Szene wie auch die Profilierungssucht einzelner Akteure.

Für P. war der 1. Mai 2008 in Hamburg ein Wendepunkt. “Damals gab es ja diese massiven Übergriffe von meinen Ex-Kameraden. Fünfzehn gingen da auf einen Demonstranten los. Das hat mich echt geschockt.” Ihm sei klar geworden, “wie wenig wir politisch wirklich als Alternative zu dem Bestehenden anbieten. Nämlich gar nichts”.

Döner und McDonalds

Zum Ausstieg hätten auch für Försterling vor allem die allmähliche Auseinandersetzung mit den Inhalten des Neonazismus geführt – und die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Neonazis:

“Für die ehe­ma­li­gen “Ka­me­ra­den” bin ich wahr­schein­lich so­wie­so ein Ver­rä­ter, ob­wohl die Masse der Rechts­ra­di­ka­len ihr ei­ge­nen Prin­zi­pi­en täg­lich bre­chen. Sie gehen zu McDo­nalds, oder essen Döner, haben teil­wei­se sogar freund­schaft­li­chen Kon­takt zu so­ge­nann­ten Aus­län­dern, doch auf der NPD-De­mo mar­schie­ren sie gegen Über­frem­dung und da­heim hören sie Land­ser.”

Der Ex-Neonazi Felix Benneckenstein ging einen anderen Weg: Er arbeitete seine Vergangenheit  durch eine Aussteigerinitiative auf, die er gründete. Durch Gespräche mit anderen Aussteigern und die Begleitung könne er selbst viel verarbeiten, berichtete er dem Netz gegen Nazis. Auch Parallelen habe er entdeckt: Die meisten Aussteiger versuchten den Ausstieg erst ohne Hilfe. „Man stellt sich das selbst viel leichter vor und kann erst einmal nicht übersehen, wie weit dieser Ausstieg geht“. Zuerst entferne man sich einfach nur von der Ideologie. Doch der Ausstieg bedeute auch ein Bruch mit den eigenen Netzwerken und persönlichen Beziehungen.

Kameradschaft wird glorifiziert – und hat mit der Realität in der Szene nur wenig zu tun, berichten Aussteiger.

Die vermeintliche Kameradschaft schlägt dann schnell in Hass um, auch um andere „Kameraden“ vor einem Ausstieg zu warnen. Ein Dortmunder „Autonomer Nationalist“ musste nach seinem Abschied aus der Szene die Stadt verlassen, wo Reitz sich aufhält ist unbekannt. Bemerkenswert ist aber, dass sich mit Reitz und Molau keine jungen ANs abwenden, sondern altgediente Kader der Bewegung verschwinden – aus welchen Gründen auch immer – die seit Jahren als Führungsfiguren aufgetreten sind.

Siehe auch: Molau aus rechter Bewegung ausgestiegen

7 thoughts on “Umgang mit Aussteigern: „Dead man walking“

  1. „Sie gehen zu McDo­nalds, oder essen Döner, haben teil­wei­se sogar freund­schaft­li­chen Kon­takt zu so­ge­nann­ten Aus­län­dern, doch auf der NPD-De­mo mar­schie­ren sie gegen Über­frem­dung und da­heim hören sie Land­ser“

    Der Hass machts möglich! :-)

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