Ein guter Tag für Christian Worch

Noch nie dürfte es eine quasi-ein-Mann-Partei zum Aufmacher im bundesdeutschen Leitmedium geschafft haben. Heute war es soweit: Sponline vermeldete mit mehrwöchiger Verspätung, dass der Alt-Neonazi Christian Worch die Partei „Die Rechte“ gegründet hat – und kürt diese Meldung, dem Sommerloch sei Dank, gleich zum Aufmacher.

Von Patrick Gensing

„Aufruhr in der rechtsextremen Szene“ – so leiten die drei Sponline-Autoren ihren Artikel ein, Hintergrund sei die Parteigründung von Christian Worch. Wo dieser Aufruhr genau zu beobachten ist, erfuhr der interessierte Leser leider nicht. Kein Wunder, die Partei wird in der Szene eher belächelt.

Dafür wusste Sponline zu berichten, Worch sei „ein Mann der Straße“ – und habe bislang nichts mit Parteien am Hut:

„Die Sache mit den Parteien sieht Worch inzwischen offenbar anders. Der Neonazi engagiert sich jetzt nämlich persönlich in einer solchen politischen Vereinigung. Mehr noch: Der 56-Jährige hat sie selbst gegründet und gleich noch den Bundesvorsitz übernommen.“

Dumm nur, dass Worch sich bereits seit geraumer Zeit für die DVU engagierte, besonders bei dem Kampf gegen die Übernahme der DVU durch die NPD tat sich Worch hervor. Dies ist nur ein Grund, weshalb der folgende Absatz ebenfalls wenig überzeugend wirkt:

Für die Sicherheitsbehörden kommt das neue Engagement des Rechtsextremisten nicht völlig überraschend. Im aktuellen Hamburger Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2011 werden die Aktivitäten des Neonazis im Umfeld enttäuschter DVU-Politiker bereits registriert. Damit verbinde „sich das Kalkül, den Torso der DVU im Falle eines Verbotes der NPD als politisches Auffangbecken zu nutzen und die Parteiführung übernehmen zu können“, heißt es dort.

Die Debatte um ein NPD-Verbot hat sich einmal mehr als bloßes Lippenbekenntnisse entpuppt – ein Verbot ist offenkundig, so lassen sich die Stimmen aus der Koalition zusammenfassen – nicht gewollt, man brauchte das Thema nur, um nach dem NSU-Desaster erst einmal wieder Handlungsfähigkeit vorzutäuschen. Kein Verbot, keine neue Struktur. So einfach geht das.

VS – war da was?

Obendrein ist es ein bemerkenswertes Phänomen, dass es derzeit eine Art Volkssport ist, sich über den Inlandsgeheimdienst Verfassungsschutz lustig zu machen, dessen Einschätzungen aber dennoch weiterhin als seriös verkauft werden. Führende NPD-Funktionär würden einen Teufel tun und nach einem (höchst unwahrscheinlichen) Verbot in die Partei von Christian Worch oder von Ex-DVU-Funktionären eintreten. Die Einschätzung des VS ist also auch hier mit Vorsicht zu genießen.

Dementsprechend ist die Stellungnahme von NPD-Pressesprecher Frank Franz durchaus als realistisch zu bewerten:

„Worch tingelt seit Jahren von einer Organisation zur nächsten. Wie lange diese neue Partei Bestand haben wird, bleibt abzuwarten.“ Dass der Neonazi Worch nun auch auf bürgerliche Konservative abziele, belege nur dessen Beliebigkeit.

Der wenig fundierte Sponline-Artikel zeigt indes seine Wirkung, viele andere Zeitungen legten nach. BILD.de vermeldet nun: „Rechte greifen mit zweiter Partei an!“ und fragt: „Was braut sich da am rechtsextremistischen Rand der Gesellschaft zusammen?„. Dann wird der SPD-Politiker Reichenbach zitiert, der zu bedenken gibt, eine neue Partei müsse erst einmal bekannt werden.

Christian Worch organisierte den Abmarsch der Neonazis mit. (F: Kai Budler)
Christian Worch bei einer Demo der Kameradschaftsszene Anfang Juni in Hamburg (F: Kai Budler)

Erst einmal bekannt werden? Diesen Schritt hat „Die Rechte“ nun vollzogen, ohne einen Wahlantritt, ohne öffentlich bekannten Vorstand, gegründet von einem berüchtigten und vorbestraften Alt-Neonazi, der angeblich auf bürgerlich machen will – und in der Szene zahlreiche Widersacher hat. Diesen Umständen zollte Sponline einige Stunden später dann auch Tribut und nun wurde der Mann, der eben noch die NPD „ersetzen“ wollte, plötzlich zum „Streithansel der Neonazi-Szene“ degradiert.

Vollkommen zutreffend heißt es im zweiten Sponline-Artikel zu der holzsplittergroßen Partei:

Kaum jemand könnte schlechter dafür geeignet sein, die politische Rechte zu integrieren und salonfähig zu machen, als der 56-jährige Worch. Ausgerechnet einer der extremsten Köpfe der deutschen Neonazi-Szene tritt als vermeintlicher Versöhner der zersplitterten Rechten an – mehr noch, als Türöffner bis weit in bürgerlich-konservative Wählerschichten hinein.

Im weiteren Verlauf werden weitere Argumente dafür aufgezählt, warum die Gründung der Rechten in Sachen Relevanz bestenfalls eine kurze Meldung in Fachmagazinen hergibt, wie es der blick nach rechts beispielhaft vorgemacht hat; Publikative.org verzichtete ganz auf eine Erwähnung. Denn bislang scheint Worchs Minikleinstpartei vor allem einen Zweck zu haben: Das Geltungsbedürfnis des Parteigründers zu befriedigen.

Worch dürfte heute Abend zufrieden mit sich, Sponline, BILD und der Welt sein. Sehr zufrieden.

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7 thoughts on “Ein guter Tag für Christian Worch

  1. Der Vorteil: Je mehr Trottelparteien sich am rechten Rand tummeln, desto weniger Wählerpotential hat jede. Und mit etwas Glück behindern die sich auch noch bei den Wahlkampfkostenerstattungen und hauen sich gegenseitig unter die magische Grenze. Mit NPD, REP, der Freiheit, den Pros und jetzt der Rechten ist ja genug Blödfug versammelt, meinetwegen sollen die auch noch ein paar weitere Parteien gründen.

  2. An der offiziellen Postanschrift der Rechten – Worchs Wohnung in Parchim – weist nicht mal ein Schild am Briefkasten auf seine „Partei“ hin.
    Macht der größte Parteigründer aller Zeiten beruflich eigentlich noch irgendwas anderes als Artikel auf seine „Partei“-Website zu stellen und wenn nicht wovon lebt er? Altnazi-Erbschaften?

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