Beschneidung der Vernunft

Im Sommerloch reiten die Thesen-Ritter immer gern ihre Attacken. Dieses Jahr geht es nun also um den Schutz von Vorhaut und Religion. Let’s face it: Mit dem Einmischen in die „Vorhautkriege“ (Alan Posener) tut man sich keinen Gefallen. Zugegebenermaßen einer der Gründe, warum publikative.org sich in den letzten Wochen aus dem Sommerlochthema schlechthin rausgehalten hat.

Von Andrej Reisin und Andreas Strippel

Beschneidungsbesteck im Jüdischen Museum in New York (Foto: istolethetv / flickr.com / CC BY 2.0)
Beschneidungsbesteck im Jüdischen Museum in New York (Foto: istolethetv / flickr.com / CC BY 2.0)

Das Kölner Landgericht hat über die Strafbarkeit von Beschneidungen nicht einwilligungsfähiger Jungen aus rein religiösen Gründen entschieden. Nachdem das Amtsgericht in erster Instanz die Beschneidung nicht als Körperverletzung wertete [Az. 528 Ds 30/11], kommt die zweite Instanz  zu einem anderen Ergebnis, bestätigt aber trotzdem den Freispruch aus der ersten Instanz, weil der Angeklagte sich in einem unvermeidbaren Verbotsirrtum befunden habe [Az. 151 Ns 169/11]. Damit hat das Gericht das Recht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes höher bewertet als das Recht auf freie Religionsausübung der Eltern, dabei aber keine Grundsatzentscheidung gefällt, zu der es auch gar nicht befugt ist.

Das Wichtigste vorweg: Es gibt im Hinblick auf die Abwägung der betroffenen Rechtsgüter keine eindeutige Antwort im Sinne von „richtig oder falsch“. Eben darin liegt die eigentliche  Herausforderung der Debatte – an der allerdings fast alle Teilnehmer/innen scheitern. Natürlich kann man nicht grundsätzlich meinen, „jahrtausendealte Traditionen von Millionen von Menschen“ (Sigmar Gabriel) wiegten höher als die körperliche Unversehrtheit von Kindern. Denn damit ließe sich nahezu alles rechtfertigen, was über eine solche Tradition verfügt. Zentrale Grundrechte wie dasjenige auf körperliche Unversehrtheit können nicht durch andere wie die Religionsfreiheit einfach ad absurdum geführt werden. Zu klären wäre allerdings in der Tat, was die Grenze ausmacht zur Versehrung, zur Körperverletzung oder gar „Verstümmelung“, wie viele Diskutanten meinen von sich geben zu müssen.

Was heißt „Unversehrtheit“?

Gerade am Beispiel der Impfung lässt sich das vermeintlich „klare“ Recht auf körperliche Unversehrtheit blendend in seine Einzelteile zerlegen: Natürlich handelt es sich dabei juristisch ebenfalls um eine „Körperverletzung“, die ebenso selbstverständlich nicht verfolgt wird, weil eine Einwilligung der Eltern vorliegt. Aber ist jede Imfpung „medizinisch notwendig“? Die Autoren dieser Zeilen würden dringend empfehlen, sich dabei an die Vorgaben der Ständigen Impfkommission zu halten, viele Eltern allerdings sehen das leider komplett anders und entscheiden je nach Krankheit, Lust und Laune sowie eigenen Überzeugungen. Und zwar zum Teil mit dramatischen Folgen, wenn Kinder auf „Masernparties“ bewusst dem Risiko einer schweren Infektionskrankheit ausgesetzt werden. Andere Eltern wiederum unterziehen ihre Kinder Operationen, deren Nutzen zum Beispiel im Bereich der Kieferorhtopädie auch mehr oder weniger ein rein ästhetischer sein kann. Mit allen Risiken, Schmerzen, Folgen und Nebenwirkungen.

„Körper­liche Unversehrtheit“ ist daher ein weitaus umstritteneres Feld als die Beschneidungsgegner glauben machen wollen. Man kann nicht einfach so tun, als würden im juristischen und gesellschaftlichen Alltag permanent absolute Maßstäbe angelegt: Ob Eltern ihre Kinder impfen lassen oder eben jenes verweigern, ob sie diese vernachlässigen oder schlagen (trotz Verbot!), ob sie sie psychisch quälen oder religiös indoktrinieren – das elterliche Sorgerecht ist nach wie vor äußerst wetigehend und gestattet eine ganze Menge Dinge, bevor das Jugendamt auf der Matte steht.  Nicht selten ist es dann schon insofern zu spät, als dass die Kinder bereits massiven Schaden genommen haben – oder im Extremfall sogar tot sind.

Gläubige auf allen Seiten

Der  Eifer der hauptberuflich Kommentierenden macht daher mehr als nachdenklich: Von wenigen differenzierten Stimmen abgesehen (stellvertretend: Alan Posener, Floris Biskamp, Ivo Bozic, Deniz Yücel, Michael Wolfssohn) schaffen es Befürworter und Gegner des Urteils scheinbar spielend, sich mit Scheuklappen ins Getümmel zu stürzen: Entweder es werden nur die vermeintlich positiven gesundheitlichen Effekte der Beschneidung beschrieben oder nur ihre vermeintlich traumatisierenden Folgen. Man verweist eifrig nur auf Quellen, die die eigene Auffassung stützen – und ignoriert geflissentlich alles andere. Auch in Zeiten postmoderner Wahrheitsskepsis gilt aber zumindest im journalistischen Kontext nach wie vor der Leitsatz von CP Scott: „Comment is free, but facts are sacred“. In diesem Sinne:

Es gibt keine eindeutigen medizinischen Erkenntnisse über Vor- bzw. Nachteile der Vorhautbeschneidung bei kleinen Jungen. Befürworter verweisen gerne auf die vermeintlichen Gefahren einer unterlassenen Beschneidung wie Phimosen, Penis-Karzinome oder Gebärmutterhalskrebs der Frau – und verschweigen geflissentlich, dass diese bei einer überwältigenden Mehrheit der Männer (und Frauen) natürlich nicht auftreten.

Fakt ist, dass die Tradition der nicht-religiösen Beschneidung beispielsweise in den USA keineswegs aufgeklärt-fortschrittlichen medizinischen Idealen entsprang, sondern vielmehr der prohibitiven, lustfeindlichen Anti-Masturbationsbewegung des 19. Jahrhunderts, deren wohl prominentester Propagandist ein gewisser Dr. Kellogs war. Fakt ist auch, dass es derzeit – auch in angloamerikanischen Ländern – keine nationale Gesundheitsorganisation oder Behörde gibt, die die männliche Beschneidung grundsätzlich als Routine empfiehlt. Die WHO stellt zwar fest, dass das Ansteckungsrisiko (für die Männer wohlgemerkt!) mit HIV bei ungeschütztem Verkehr für  beschnittene Männern geringer sei, empfiehlt aber selbstredend trotzdem dringend die Benutzung von Kondomen.

Eine Milliarde schwer Traumatisierte?

Auf der anderen Seite erscheinen die Warnungen vor vermeintlich schwerwiegenden medizinischen und psychosozialen Folgen der Beschneidung vollkommen übertrieben – vor allem im Hinblick darauf, dass weltweit laut unterschiedlichen Schätzungen bis zu ein Drittel der männlichen Bevölkerung beschnitten sind. Ivo Bozic hat dazu bereits sehr treffend festgestellt: „Wenn man ein Drittel der männlichen Weltbevölkerung als „verstümmelt“ und „versehrt“ kategorisieren möchte, dann sollte man schon eine sehr, sehr gute Faktenlage vorweisen können.“ Genau diese existiert aber nicht.

Wenn man daher nicht ernsthaft behaupten will, die überwältigende Mehrheit der beschnittenen Männer sei (weitgehend ohne ihr Wissen) schwer traumatisiert, wird man nicht umhin kommen, entsprechende Berichte als das zu bewerten, was sie sind: Anekdoten und tragische Einzelfälle (genau wie umgekehrt die oben erwähnten Phimosen). Um Missverständnissen vorzubeugen: „Anekdotisch“ bedeutet in diesem Sinne nicht „ausgedacht“, sondern eben einzelfallbezogen. Es gibt auch tausende „anekdotische“ Berichte über die Wirksamkeit von Homöopathie – aber einen wissenschaftlich-empirischen Beweis gibt es eben nicht.

Diese Feststellung soll keinesfalls das individuelle Trauma von unter ihrer Beschneidung leidenden Männern negieren, aber Fakt ist nun einmal: Wissenschaftlich eindeutig nachweisbar waren negative Folgen im Hinblick auf Gesundheit und Sexualität in einer überzeugenenden Mehrheit klinischer und sonstiger Studien nicht. Natürlich gibt es bei bis zu einer Milliarde betroffener Männer weltweit auch viele, bei denen die Beschneidung schwere körperliche oder psychische Folgen hatte. Wären diese allerdings in einem statistisch so signifikanten Bereich wie die Gegner suggerieren, könnte man ruhigen Gewissens davon ausgehen, dass es bereits seit Jahrzehnten eine wesentlich stärkere Bewegung gegen diese Praxis gäbe.

Am deutschen Wesen soll der Judenbengel genesen

Jenseits der wenigen vernünftigen Stimmen öffnet sich jedoch ein Abgrund an Bigotterie und unverhohlenem Hass, den man bis vor wenigen Wochen kaum für möglich gehalten, wie Jörg Lau in seinem Blog bei ZEIT Online treffend kommentiert:

„Heute morgen im Deutschlandfunk hören zu müssen, wie wohlmeinende deutsche Ärzte gleich zwei Weltreligionen freundliche Angebote machen, sich endlich bitte, bitte auf das zivilisatorische Niveau des Kölner Landgerichts hinaufhieven zu lassen, das war dann doch sehr erhellend. Jüdische Teilnehmer verwahrten sich gegen die Unterstellung, sie seien traumatisiert. Es half nichts. Der deutsche Therapeut wußte es besser. Leserbriefschreibern und Kommentatoren quillt der gesunde Menschenverstand aus den Tasten, dass es keine, aber auch gar keine akzeptable Begründung für die “Verstümmelung” von Knaben durch Vorhautentfernung gebe.“

In ähnlicher Manier meint so mancher linker Blogger dieser Tage ca. einer Milliarde beschnittenen Männern mit paternalistischem Gönnergestus zugestehen zu müssen, dass sie „auch ein einigermaßen erfülltes Sexualleben genießen“ können. Sorry guys, aber mehr als dieses „einigermaßen“ ist nicht drin, denn der fehlende Rest bleibt offenbar psychoanalytisch ausgebildeten linken Akademikern in den lichten Höhen eines universitären Marburger Elfenbeinturms vorbehalten. Gott sei’s geklagt.

Wenn das Feuilleton die „Holocaust-Keule“ schwingt

Auf nahezu sämtlichen Kommentar-, Leserbrief- und Blog-Spalten und sonstigen Klowänden des Internets wimmelt es vor lauter selbsternannten „Humanisten“, „Kinderschützern“ und Hobbyjuristen mit den immer selben Phrasen: Von „Entsetzen“ ist da die Rede, von „verbieten“, von „barabarisch“ und „archaisch“, von „zivilisiert“ und „widerwärtig“. Natürlich darf auch der widerwärtig-selbstgerechte Verweise auf „gerade wir als Deutsche“ nicht fehlen. Und das alles soll ihnen ausgerechnet jetzt „zufällig“ einfallen? Gegenfrage: Wann ist zuletzt ein Kind jüdischer Eltern in Deutschland an den Folgen von Misshandlung und/oder Vernachlässigung gestorben? Vor oder nach der Ermordung von sechs Millionen Juden durch deutsche Welterlöser?

Aber bitte, meint Christian Althoff im Westfalen-Blatt unter der Überschrift „Falsch verstandene Toleranz„, wer wird denn gleich die „Holocaust-Keule“ herausholen? Und gibt die Antwort auf das schöne Neonazi-Bonmot gleich selbst: „einzelne jüdische Funktionäre“ sind es gewesen, die offenbar dafür gesorgt haben, dass der „Kinderschutzbund zu einer Zeit schweigt, in der sein Wort wichtig wäre“. Aber noch ist das Abendland nicht verloren, denn: „So einfach lassen sich Religionsfreiheit und Kinderverstümmelung nun mal nicht unter einen Hut bringen.“ Dazu sekundiert Heide Oestreich in der TAZ: „Die Religionsfreiheit wiegt viel – aber keinesfalls mehr als das Recht, ein vollständiger Mensch zu bleiben.“ Damit dürfte der intellektuelle Offenbarungseid kurz bevorstehen, denn offenbar sind nach Oestreichs Meinung Milliarden männliche Juden, Muslime und säkular beschnittene Männer keine „vollständigen Menschen“.

Pornographie und Hass

Wer jetzt immer noch nicht sieht, welchen kulturellen und rassisitischen Ressentiments in dieser sogenannten „Debatte“ die Flutschleusen geöffnet werden, sollte sich zum Beispiel mal mit dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde zu Kiel, Walter Joshua Pannbacker, unterhalten. Dieser berichtet gegenüber publikative.org von hunderten von Hass-Emails und Briefen, die sich vom Vorwurf der „Kindesmisshandlung“ schnell zu unterschweilligen Drohungen a la „man habe das alles nicht gewusst, sonst …“ steigerten. Der Höhepunkt bildete laut Pannbacker ein getippter Brief, in dem angekündigt wurde, man werde die Juden demnächst erneut „holocaustieren“.

Für Pannbacker stellt die „pornographische und pathologische“ Debatte einen „Tiefpunkt“ dar: „Es scheint in Deutschland kein wichtigeres Probelm zu geben, als kleinen jüdischen und muslimischen Jungen auf den Penis zu schauen – und sich darüber selbstgerecht zu empören. Dass wir einen verwirrten Brief oder Drohanruf im Monat erhalten, werte ich als ’normal'“, berichtet Pannbacker aus dem Alltag seiner langjährigen Gemeindearbeit, „aber ein solches Ausmaß des Ressentiments hätte ich mir vorher nicht vorstellen können“. Er habe das Gefühl, sich gegenüber der Mehrheitsgesellschaft permanent existentiell rechtfertigen zu müssen: „Es ist so massiv, dass ich wirklich den Eindruck habe, wir brauchen momentan jeden Fürsprecher. Wenn ich auch nur einen Debattenteilnehmer halbwegs davon überzeugen kann, dass möglicherweise nicht alle seine Vorurteile stimmen, habe ich schon etwas erreicht.“ Er sei in dieser Hinsicht „bescheiden“ geworden.

PS

Worum es „uns“ in dieser Debatte geht, wenn man uns denn unbedingt eine inhatliche Positionierung jenseits der Kritik abverlangt, hat Jörg Lau dankenswerterweise bereits aufgeschrieben: Worum es (mir) in der Beschneidungsdebatte geht.

14 thoughts on “Beschneidung der Vernunft

  1. Zitat: „Der Eifer der hauptberuflich Kommentierenden macht daher mehr als nachdenklich: Von wenigen differenzierten Stimmen abgesehen […] schaffen es Befürworter und Gegner des Urteils scheinbar spielend, sich mit Scheuklappen ins Getümmel zu stürzen“ Nur der eigene Text ist richtig gut, nicht wahr, Jungs?! Wer rhetorisch abrüsten will, dem bleibt nichts anderes als gut zu begründen. Leider ist dies leichter gesagt als getan. Euer Artikel ist ein weiterer Beleg dafür. Wenigstens könntet Ihr doch bitte den Schimpf an konkrete Personen adressieren und wenn dies nicht möglich ist, auf die Denunziation verzichten.

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