Nazi-Rock vom Schulchor: Und alle singen mit

Zwei YouTube-Videos haben die Schulabschlussfeier eines Jahrgangs in Kirchberg im Hunsrück (Rheinland-Pfalz) gezeigt. Gefeiert und gesungen wird mit Eltern und Lehrern in der Stadthalle – so weit, so normal. Das dargebotene Liedgut allerdings stammt von niemand Geringerem als der rechtextremen Kultband „Sleipnir“.

Von Redaktion Publikative.org

Bei der Schulabschlussfeier in Kirchberg im Hunsrück singt der Chor in der Stadthalle – wo auch schon der Chor des Südwestdeutschen Rundfunks (SWR) auftrat – und das Publikum begeisterte. Wie bei solchen Feiern üblich wurden die aufgeführten Lieder, Reden und sonstige Programmeinlagen lange vorbereitet und einstudiert – mutmaßlich wohl auch mit Lehrerinnen und Lehrern der Schule – zumindest wäre dies üblich.

Die Darbietung gehört jedenfalls offensichtlich zum offiziellen Programm der Feier, die Ende Juni stattgefunden hat. Nach Auskunft der Stadtverwaltung war die Realschule Kirchberg am 21. Juni Mieterin der Halle – zur Aufführung kam dabei das Lied „Verlorene Träume“ der Band „Sleipnir“, wie Videos bei YouTube zeigen.

Die Band „Sleipnir“ gehört seit den 1990er Jahren zu den festen Größen der deutschen Rechtsrock-Szene. Mt Liedern wie „Eine Jugend rebelliert“, „Wir geben niemals auf“ oder „Wunderbare Jahre“ spielten sich die aus Nordrhein-Westfalen stammenden Musiker in die braunen Herzen der rechtsextremen Szene. Immer wieder traten sie auch auf großen Rechtsrockfestivals wie dem von der NPD organisierten „Rock für Deutschland“ oder dem „Fest der Völker“ auf. Die Band pflegt neben der NPD und den „Freien Kameradschaften“ auch gute Kontakte zum Neonazinetzwerk „Blood&Honour“. Auch auf den so genannten Schulhof-CDs der rechtsextremen Szene und der NPD, die an Schulen verteilt wurden, war Sleipnir mehrfach vertreten. Die Band ist somit seit über zwei Jahrzehnten in der Neonazi-Szene aktiv und aus dieser nicht wegzudenken.

Oft wird über eine drohende „Unterwanderung“ der demokratischen Mitte durch Neonazis gewarnt. In einigen Regionen sieht die Realität hingegen offenbar so aus, dass Neonazi-Propaganda mehrheitsfähig ist. Besonders die Rolle der Lehrer wird in diesem Zusammenhang noch eine große Rolle spielen. Ein nach eigenen Angaben Anwesender der Feier schildert deren Reaktion auf YouTube in den Kommentaren so: „die Lehrer wussten das teilweise… Viele sind einfach rausgegangen als wir angefangen haben zu singen…“.

In einem YouTube-Kanal, in dem das Schulvideo hochgeladen wurde, sind weitere zahlreiche Neonazi-Songs veröffentlicht – vor allem von Sleipnir. Da ein Video wohl aufgrund der zahlreichen negativen Kommentare von YouTube offenbar für den Zugriff von deutschen IP-Adressen gesperrt wurde, zeigen wir nun ein weiteres. Interessant ist auch, dass es vor der Sperrung des Videos noch zu einer Ergänzung der Videobeschreibung durch den Inhaber des Youtube-Kanals kam, der weiter den Verdacht erhärtet, dass Lehrer und Schulleitung das Lied zuvor genehmigten. Es scheint sich  seitens der Sängerinnen und Sänger jedenfalls in keiner Weise um „Unwissen“ oder ein „Versehen“ zu handeln – im Gegenteil: Man ist stolz auf seinen Gesang.

Ergänzter Kommentar nach zahlreichen negativen Kommentaren…

Siehe auch: “Wunderbare Jahre”: Nazi sein als Lebensgefühl, Flop für Deutschland, “Blut muss fließen” – Undercover unter Nazis, Kommunalpolitik und extrem rechte Erlebniswelt

60 thoughts on “Nazi-Rock vom Schulchor: Und alle singen mit

  1. …und zum Thema: „wie gut darf Nazi-Musik sein?“ Lale Andersens Musik war zu gut:

    „Ende September 1942, nachdem der Erfolg des Liedes Lili Marleen der Reichskulturkammer und dem Propagandaministerium verdächtig geworden war, fiel auch Lale Andersen selbst bei den politischen Machthabern in Ungnade: Sie hatte die Teilnahme an einer Besichtigung des Warschauer Ghettos abgelehnt, und ihre Privatbriefe an Emigranten in der Schweiz waren bekannt geworden. Am 16. September wurde sie mit sofortiger Wirkung aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen, ihre Schallplattenaufnahmen durften nicht mehr im Rundfunk gesendet werden und sollten bis auf die „Urplatte“ von Lili Marleen aus dem Archiv entfernt werden.[4]

    Der Einweisung in ein Konzentrationslager (wegen „undeutschen Betragens“) kam glücklicherweise eine Falschmeldung der BBC über ihre angeblich bereits erfolgte Verhaftung zuvor. Dadurch zu heftigem Dementi genötigt, konnten die Nationalsozialisten diesen tatsächlich geplanten Schritt nicht mehr realisieren. Daraufhin wurde der Künstlerin „nur noch“ untersagt, das Lied je wieder zu singen. Im Mai 1943 wurde ihr Auftrittsverbot zwar teilweise gelockert; doch blieb es ihr strikt verboten, vor Soldaten zu singen oder sich in irgendeiner Weise mit ihrem Erfolgslied in Verbindung zu bringen. Stattdessen hatte sie sich laut Anordnung der Reichskulturkammer jederzeit für das Propagandaministerium bereitzuhalten, um für die Rundfunkpolitische Abteilung englische Schallplatten („Propagandajazz“) einzusingen. Sie zog sich auf eine Einladung hin auf die Insel Langeoog zurück und verblieb dort bis zur Übernahme der Insel durch die kanadische Armee.“
    (Wiki)

  2. @Patrick Gensing, Publikative.org,
    der beigefügte Artikel vom 2.12.2011 schweift zu sehr vom Thema ab. Dennoch frage ich mich, ob ihr Kollege Bands wie die ‚Onkelz‘ oder ‚Motörhead‘ als Fascho-Bands sieht oder warum er diese als Beispiel in seinem Artikel erwähnt.
    Aber bleiben wir beim Thema.
    Ich weiß, dass ‚Sleipnir‘ dieser Szene angehört und sagte lediglich, dass ich in den wenigen Liedern, die ich von dieser Band kenne, keine rechtsextremen Inhalte finden kann und nicht, dass die Band unbedarft erscheint. Mir egal, was die Leute der Abschlussklasse oder sonst wer denkt. Nur, warum macht man jedes mal bei diesem Thema ein solches Fass auf? Es wird sich unnütz aufgeregt, das bring nichts, außer Falten, und jeder meint mitreden zu müssen/können, weil man selbst alles besser weiß. Aber ich sag Ihnen mal was. Die Leute, die am lautesten „Nazis raus“ rufen, sind meist die größten Faschisten. Ich will das nicht verallgemeinern, denn es trifft sicher nicht auf alle zu, aber auf einige. Man wird von Leuten wie ‚Klaus‘ als ‚ungebildet‘ oder gar ‚astreiner Nazi‘ bezeichnet, weil man seine eigene Meinung kundtut und nicht die gleichen Ansichten teilt. Armes Deutschland.
    Ich für meinen Teil jedenfalls bin gegen Rassismus und Extremismus, egal, ob von rechts oder links, weil jedes Extrem gefährlich und dumm ist.
    Gruß

  3. @Katha:

    Nun ist es jedoch so, dass Rassismus, Antisemitismus, Chauvinismus, Homophobie und Sexismus sowie Nationalismus in der Mitte der Gesellschaft verbreitet sind, und von daher können vermeintlich „harmlose“ Texte einer extrem rechten Band den Einstieg in die Szene vermittels des Triggering des gesellschaftlich vorhandenen Potenzials ermöglichen.

    Es gibt viele interessante Analysen, die das Thema näher beleuchten: FES-Studien „Vom Rand zur Mitte“ und „Die Mitte in der Krise“: http://library.fes.de/pdf-files/do/04088a.pdf bzw. http://library.fes.de/pdf-files/do/07504-20120321.pdf . Hier die Website des IKG der Universität Bielefeld, auf der beschrieben steht, was unter gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu verstehen ist: http://www.uni-bielefeld.de/ikg/gmf/einfuehrung.html . Und hier noch der aktuelle „Thüringen-Monitor“: http://www.bagkr.de/wp-content/uploads/thueringenmonitor-2011.pdf

  4. Oh je, irgendwie frage ich mich, wieviele unwissende Personen es in der Schule gibt. Wahrscheinlich viele. Überprüfen die Verantwortlichen nicht, was ihre Schüler da verzapfen? Merkwürdig.

    Es geht sicherlich nicht um den Liedtext. Aber es geht um die Band ansich. Da wäre es ratsam gewesen, was anderes zu wählen. Somit wird eine Naziband gesellschaftlich akzeptiert, wenn sie bei sowas gecovert wird. Somit werden dann auch Naziinhalte gesellschaftlich verankert. Das muss man echt nicht haben.

    Hätte man ja gleich mit Braunhemden auftreten können. Die Reihen dicht geschlossen, eine eventuelle Flagge voran, dann aus dem Saal marschiert…am besten noch mit Trommeln und Fakeln. Wäre doch auch „nur“ eine tolle Show gewesen…

    Naja, wie meinte die Katzenberger mal so treffend: „Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“

    Hier war es echt leicht farcig.*g*

    Mit freundlichen Grüßen
    Olli

  5. Oh je, schon wieder der Versuch ein völlig unpolitische Lied zu skandalisieren.

    Ist doch zum Thema EM/ Lied „Mexico“ schon schief gegangen, als der publikative-autor noch nicht mal wußte von welchem Album das Lied war….und ihm hunderte Kommentatoren darlegten, wie falsch er lag.

    Laßts doch einfach

  6. 1. Wird hier jetzt auch Rechten ein Forum geboten?
    2. Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen, und gehört als solches behandelt. Aus erzieherischen Gründen einfach den für den Vorfall verantwortlichen Schülerinnen und Schülern das Abi aberkennen und sie es ggf. wiederholen lassen, aber erst wenn diese sich glaubwürdig distanziert haben.

  7. Das war doch eine Schulklasse in Westdeutschland, dort gibt es doch sicher auch Kinder mit Migrationshintergrund. Wie müssen sich diese und ihre Eltern gefühlt haben, als sie von dieser Liedwahl erfahren haben, ganz sicher nicht willkommen in ihrer Heimat?

  8. Ist schon etwas her, aber beim lesen der Kommentare stieß mir doch etwas, präziser die Beiträge von hans und die Antwort von Mojo auf. Ich mach mir dann mal Luft:

    Mojo, obwohl ich Deine Haltung in weiten Teilen nachvollziehen kann, möchte ich deinem Satz „[…]deshalb muss über solche vorfälle berichtet werden und nicht erst wieder, wenn nazis wieder leute auf der straße tot prügeln.“ ein kleines Update verpassen: Wir haben nicht nur die vergangenen NSU Morde und das Auftreten Ihrer öffentlichen Unterstützer zu registrieren, sondern auch dem Umstand rechnung zu tragen, dass sich die Übergriffe durch Nazis in der jüngsten Vergangenheit häufen. Bremen, Rostock, Dittmarschen, Kiel, Göttingen, Lübeck, Itzehoe, Hamburg und viele weitere Übergriffe von denen wir sicher nicht alle bemerken finden in einem Setting statt in dem Rassismus und Nationalismus offensiv hoffähig gemacht werden. Wir haben also auf jeden Akzeptierten Vorfall dieser Art unser genaues Auge zu werfen und die Publikative macht hier zum Glück einen guten Job. Die Zeichen stehen meiner unmaßgeblichen Meinung nach nicht gut und, Hans, das muss gesagt werden: Im günstigsten Falle könnte man dir zugute halten: du irrst dich, vermutlich gewaltig.

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